Die Vorstellung, dass ein Mensch einen Artgenossen tötet und verspeist, übt sowohl Schrecken, als auch große Faszination aus, denn das Thema der Anthropophagie2 zieht sich wie ein roter Faden durch die Geschichte der Menschheit. Bereits Homer erzählte von einem Kyklopen, der sich manchen Weggefährten des Odysseus einver-leibte. Herodot berichtete von einem indischen Stamm, bei dem die Leichen der El-tern aufgegessen wurden. Monster- und Fabelwesen waren ein fester Bestandteil in der antiken, mittelalterlichen und frühneuzeitlichen Welt. Hundsköpfige, Schattenfüß-ler, Einäugige und Kopflose „überlebten“ bis ins 19. Jahrhundert in den noch unbe-kannten Teilen Afrikas. In der frühen Neuzeit folgten etliche Berichte von Konquis-tadoren, Reisenden, Forschern und Missionaren die sich angeblich bei Kannibalen, oder in deren Nähe aufgehalten haben sollen. Dennoch, Menschenfresser vermutete man nicht nur am anderen Ende der Welt. Den Vorwurf der Anthropophagie gab es auch in Europa und traf vor allem Randgruppen wie Juden, politische Gegner, Ketzer und angebliche Hexen.
Inhaltsverzeichnis
1. Einleitung
2. Zur Gattung der Reiseberichte
3. Hans Stadens „Warhaftige Historia“
3.1. Geschichtlicher Rahmen
3.2. Biographie von Hans Staden
3.3. Die Entstehung der „Warhaftigen Historia“
3.4. Forschungsüberblick Hans Staden
4. Glaubwürdigkeit & Authentizität der „Warhaftigen Historia“
4.1. Der Mythos des Kannibalismus im Überblick
4.2. Die Verbreitung von älteren Reiseberichten und Hans Stadens Zugang zu diesen Werken
4.3. Die Widmung an Philipp den Großmütigen und den noch jungen Protestantismus
4.4. Die Rolle von Dr. Johannes Dryander
4.5. Die Schlussrede von Hans Staden
5. Fazit
6. Quellen- und Literaturverzeichnis, Internetquellen
Zielsetzung & Themen
Die vorliegende Arbeit untersucht die Authentizität und Glaubwürdigkeit von Hans Stadens „Warhaftiger Historia“. Ziel ist es zu analysieren, ob es sich um einen wahren Augenzeugenbericht über kannibalistische Rituale handelt oder ob das Werk als gezielt konstruierter Bestseller unter Ausnutzung europäischer Stereotype und Sensationen zu verstehen ist.
- Die Gattung der frühneuzeitlichen Reiseberichte und ihre Beglaubigungsstrategien.
- Die Genese und Rezeptionsgeschichte der „Warhaftigen Historia“.
- Der europäische Mythos des Kannibalismus von der Antike bis zur Kolonialzeit.
- Die Rolle der Intertextualität sowie der Einfluss von Dr. Johannes Dryander.
- Die Bedeutung von Staden als Vertreter des frühen Protestantismus im Kontext der Widmung.
Auszug aus dem Buch
4.1.Der Mythos des Kannibalismus im Überblick
Menschenknochen aus der Urzeit die Schnittspuren aufweisen, oder Knochen die zwischen den Abfällen einer Siedlung liegen, werden in der Archäologie oft als Fragmente der Menschenfresserei gedeutet. Bereits in der Antike finden sich zahlreiche Beschreibungen von Völkern, die aus rituellen oder alltäglichen Gründen ihre Mitmenschen verspeist haben wollen. Im 5. Jahrhundert v. Chr. spricht erstmals Herodot über „Androphagi“. Er meinte diese Menschenfresser seien im äußersten Norden der europäischen Halbinsel aufzufinden. Weiters gibt es eine große Auswahl an Darstellungen von Anthropophagie in der Mythologie. Beispielsweise beschreibt Homer in „Odyssee“ den einäugigen Kyklopen Polyphem, der sich „den großen Wanst […] mit dem Fraße von Menschenfleisch“ vollstopft.
Ebenso gibt es eine Vielzahl an Berichten von Eroberern, Reisenden, Forschern, Missionaren und Ethnologen die sich angeblich bei Kannibalen, oder in deren Nähe, aufgehalten haben sollen. Bereits Reisende des Mittelalters, allen voran Marco Polo (1254-1324), berichteten von Hundsköpfigen, Einäugigen, Kopflosen, Schattenfüßlern und Menschenfressern.
Mitten in Europa nahm im Hochmittelalter die Anzahl der vermeintlichen Kannibalen drastisch zu. Randgruppen wie Juden, Verschwörer, politische Gegner, Ketzer, oder vermeintliche Hexen hatten eines gemeinsam: Sie waren eine Bedrohung für die Gemeinde. Man unterstellte ihnen nicht nur Kannibalismus, sondern wie den wilden Barbaren auch Inzest und Promiskuität. Vorwürfe gegen diese gesellschaftlichen Randgruppen bedurften keiner realen Grundlage. Die Inquisition und Folter von Minderheiten und vermeintlichen Hexen diente den Menschen als Katalysator für Seuchen und schlechte Ernten.
Zusammenfassung der Kapitel
1. Einleitung: Die Einleitung führt in die historische Faszination sowie den Schrecken des Kannibalismus-Themas ein und formuliert die zentrale Forschungsfrage hinsichtlich der Authentizität von Stadens Bericht.
2. Zur Gattung der Reiseberichte: Dieses Kapitel erläutert die Merkmale authentischer Reiseberichte der frühen Neuzeit und stellt die gängigen Beglaubigungsstrategien vor.
3. Hans Stadens „Warhaftige Historia“: Dieser Abschnitt bietet den biographischen und historischen Rahmen, beleuchtet die Entstehung des Werks und gibt einen Überblick über bisherige Forschungsmeinungen.
4. Glaubwürdigkeit & Authentizität der „Warhaftigen Historia“: Das Hauptkapitel analysiert kritisch den Kannibalismus-Mythos, die Abhängigkeit von älteren Quellen, die politische Funktion der Widmung sowie die maßgebliche Rolle des Korrektors Dr. Johannes Dryander.
5. Fazit: Das Fazit fasst zusammen, dass es sich bei dem Kannibalismus in Reiseberichten vermutlich um einen konstruierten Mythos handelt und bewertet Stadens Werk als geschickt vermarkteten Bestseller.
6. Quellen- und Literaturverzeichnis, Internetquellen: Listet die verwendeten Quellen und die Sekundärliteratur zur Arbeit auf.
Schlüsselwörter
Hans Staden, Warhaftige Historia, Kannibalismus, Reisebericht, Anthropophagie, Frühe Neuzeit, Kolonialismus, Authentizität, Dr. Johannes Dryander, Amerigo Vespucci, Philipp der Großmütige, Protestantismus, Volksbuch, Forschungsgeschichte, Mythos.
Häufig gestellte Fragen
Worum geht es in dieser wissenschaftlichen Arbeit grundsätzlich?
Die Arbeit untersucht die historische Authentizität des bekannten Reiseberichts „Warhaftige Historia“ von Hans Staden und hinterfragt die Berichte über Kannibalismus in der Neuen Welt.
Welche thematischen Schwerpunkte setzt die Autorin?
Neben der Entstehungsgeschichte des Buches stehen vor allem die literarischen Beglaubigungsstrategien, die Rolle des Kannibalismus-Mythos als koloniales Instrument sowie der Einfluss von Dr. Johannes Dryander im Zentrum.
Was ist das primäre Ziel oder die Forschungsfrage?
Es soll geklärt werden, ob Hans Staden einen realen Augenzeugenbericht verfasst hat oder ob die Schilderungen als bewusst fiktionalisierte Konstrukte zur Steigerung der Leserschaft und kommerziellen Vermarktung dienen.
Welche wissenschaftliche Methode wird verwendet?
Die Autorin nutzt eine literatur- und kulturwissenschaftliche Analyse, indem sie Stadens Text mit älteren Reiseberichten vergleicht und die Rolle von Stereotypen sowie publizistischen Absichten untersucht.
Was wird im Hauptteil der Arbeit behandelt?
Der Hauptteil befasst sich mit dem historischen Kontext, den Beglaubigungsstrategien (wie der Widmung und dem Gottesbezug), der starken Intertextualität zu Werken von Vespucci und Martyr sowie dem Einfluss des "Ghostwriters" Dryander.
Welche Schlüsselwörter charakterisieren die Arbeit?
Zentrale Begriffe sind Hans Staden, Warhaftige Historia, Kannibalismus, Anthropophagie, Authentizität und koloniale Expansion.
Welche Rolle spielt Dr. Johannes Dryander konkret?
Dryander fungierte nicht nur als Korrektor und Vorwort-Schreiber, sondern wird im Text auch als möglicher "Ghostwriter" und Initiator betrachtet, der medizinische Fachkenntnisse und eine professionelle Erzählstruktur in das Werk einbrachte.
Wie bewertet die Arbeit die Glaubwürdigkeit von Hans Staden am Ende?
Die Arbeit kommt zu dem Schluss, dass Staden zwar möglicherweise eigene Ängste erlebte, der Bericht jedoch stark durch Mythen und die Absicht geprägt war, einen Bestseller zu schaffen, weshalb er kritisch hinterfragt werden muss.
- Citation du texte
- Marina Ehrngruber (Auteur), 2011, Zwischen Kannibalismus und Kommerz, Munich, GRIN Verlag, https://www.grin.com/document/173164