Auswirkungen des Ethnotourismus auf die Imazighen am Beispiel der Oase Timia


Hausarbeit, 2011
28 Seiten, Note: 5.0 Schweizer Notensystem

Leseprobe

Inhaltsverzeichnis

Abstract

1 Einleitung

2 Begriffsklärungen zum special interest tourism
2.1.1 Special interest tourism
2.1.2 Ethnotourismus
2.1.3 Kulturtourismus
2.1.4 Indigener (Kultur) Tourismus
2.2 Nordafrikanische Ethnien
2.2.1 Imazighen / Berber
2.2.2 Tuareg

3 Ethnotourismus bei den Imazighen
3.1 Inszenierung der Berber und Tuaregkultur als Vermarktungsvorteil
3.2 Ethnotourismus aufgezeigt am Fallbeispiel Timia in der Republik Niger
3.2.1 Ablauf einer Tagestour nach Timia
3.2.2 Tourismusakteure in Timia
3.3 Vor und Nachteile des Ethnotourismus bei den Berbern / Imazighen
3.3.1 Ökonomische Auswirkungen
3.3.2 Soziale und politische Auswirkungen
3.3.3 Kulturelle Auswirkungen
3.3.4 Auswirkungen auf die Region

4 Fazit

5 Literaturliste

6 Anhang
6.1 Verbreitung der Berber (Imazighen) in Nordafrika

Abstract

Die Imazighen (Berber) setzten sich aus verschiedenen Gruppen aus dem nördlichen Afrika zusammen. Eine Untergruppe sind die Tuareg, welche sich selbst als Kel Tamaschek oder als Kel Tagelmust oder je nach dem auch mit ihrem Herkunftsort wie z.B. die Kel Timia bezeichnen. Die Tuareg leben in der Saharawüste und am Rand der Sahelzone, sind somit Bürger der Republik Niger und Mali.

Der Ethnotourismus ist eine neue Art des Reisens, welche seit 1980 bekannt ist und stetig ausgebaut wird. Diese neue Tourismusform stellt die persönliche Begegnung mit einer fremden Kultur in den Mittelpunkt und will sich damit vom Massentourismus abheben. Seit den 1980er Jahren findet der Ethnotourismus auch bei den Imazighen statt. Von europäischen Reiseagenturen werden die Imazighen gezielt für die Werbung eingesetzt, da sie bei den potentiellen Reisekunden eine positive Assoziation, mit der Wüste und 1001 Nacht, auslösen. Auch die Kel Timia (Tuareg-Stamm) in Timia in der Republik Niger sind vom Ethnotourismus betroffen. Die Touristen besuchen das Dorf meistens auf Tagestouren in die Region Timia und kommen mit den verschiedensten Gewerben und Menschen zusammen. Vereinzelt werden auch längere Reisen nach Timia organisiert, hierbei haben die Ethnotouristen vermehrt die Möglichkeiten einer persönlichen Begegnung mit den Menschen und der Kultur der Kel Timia.

Bezüglich des Ethnotourismus gibt es schon seit Beginn Kritiker, welche die Auswirkungen des Ethnotourismus auf die Bevölkerung und deren Region in Frage stellen. Der Ethnotourismus hat bei den Imazighen, speziell bei den Kel Timia, Auswirkungen auf die Kultur, ihr Sozialleben, ihre Politik, die Wirtschaftstätigkeiten und auf ihre Region. Zusammengefasst ist anzumerken, dass diese Auswirkungen heute noch keinen gravierenden Einfluss für die Regionalbevölkerung haben. Wenn der Ethnotourismus in den nächsten Jahren jedoch stark zunimmt, könnten sich einige dieser Aspekte negativ auf die Kultur und die Umgebung der Kel Timia (und andere ethnotouristische Gebiete der Imazighen) auswirken. Heute profitieren einige Kel Timia vom Ethnotourismus in ihrem Dorf und sind auf ihn, als Einnahmequelle, angewiesen.

1 Einleitung

Als 1980 die Nachfrage nach speziellen Reisen, welche sich vom Massentourismus abheben stieg, kam der Ethnotourismus auf. Diese neue Form des Reisens verbindet Erholung, den Wissensdrang nach Neuem und den Kontakt zu den „ursprünglichen Menschen“. Der Aufenthalt bei einer fremden ethnischen Gruppe über kurze Zeitdauer steht hierbei im Mittelpunkt. Diese neue Reiseform hat heute auch Nordafrika erreicht und umfasst in dieser Region vor allem die Imazighen.

Die Imazighen gelten als Publikumsmagnet der Reisebranche. Europäischen Reiseagenturen werben mit der nordafrikanischen Ethnie für ihre Reiseziele. Sie beschreiben die Imazighen als gastfreundliches, zurückhaltendes, stolzes und naturverbundenes Volk, welches mit ihrer Tradition sehr nahe verbunden ist und einfach lebt. Dies im Gegensatz zu den arabischen Bewohnern Nordafrikas.

Diese Beschreibungen ziehen die europäischen Touristen an, denn die Imazighen gelten schon seit den Forschungsreisen im 19. und 20. Jahrhundert als sehr zuvorkommendes und freundliches Volk. Hinzu kommt der Wüstenmythos, welcher den Reiz für die der Touristen noch verstärkt.

Die folgende Arbeit befasst sich genau mit dem Phänomen des Ethnotourismus bei den Imazighen speziell, bei den Kel Timia (Tuareg-Ethnie) in Timia in der Republik Niger. Hinzu kommen einige ergänzende Aspekte aus dem Ethnotourismus aus Südmarokko.

Es stellen sich hierzu verschiedene Frage:

1. Wie wird der Ethnotourismus bei den Imazighen (Berbern) in der Republik Niger und in Südmarokko durchgeführt?
2. Welche Rolle übernehmen die Imazighen (Berbern) im Ethnotourismus und wie profitieren sie davon?
3. Wie wird das positive Bild der Imazighen (Berbern) für die Vermarktung von Reisen von europäischen Reiseagenturen verwendet?
4. Welche Auswirkungen hat der Ethnotourismus bei den Imazighen (Berbern) auf ihre Umwelt und ihr ökonomisches, kulturelles, soziales und politisches Leben?

Durch die Beantwortung dieser Fragen soll ein Überblick über die Auswirkungen des “Ethnotourismus“ geschaffen werden. Vorerst werden jedoch einige Begriffsklärungen vorgenommen, denn neben dem Begriff “Ethnotourismus“ existieren auch Begriffe wie “Indigener Kulturtourismus“ oder “Kulturtourismus“, welche dem Ethnotourismus sehr ähnlich sind. Weiter wird „die“ Ethnie der Imazighen genauer beschrieben und in einem späteren Teil wird der Ethnotourismus an dem Fallbeispiel der Kel Timia in Timia in der Republik Niger genauer erläutert und mit einigen Ergänzungen des Ethnotourismus aus Südmarokko ergänzt werden, um dann die Auswirkungen des Ethnotourimus auf die Region und ihre Bevölkerung aufzeigen zu können.

2 Begriffsklärungen zum special interest tourism

Im Bereich des Tourismus[1] gibt es verschiedenste Dienstleistungsformen. Neben dem bekannten “Erholungstourismus“ (Ferien um sich entspannen zu können, wie z.B. Badeferien am Strand) kam in den 1980er Jahren eine neue Form des Tourismus immer mehr auf. Diese Form ist als “special interest tourism“ bekannt. Das Aufkommen einer neuen Tourismusart ist auf soziodemografische und soziokulturelle Veränderungen der Gesellschaft in den letzten 30 Jahren zurückzuführen (Hall & Weiler 1992:1). Eine weitere Veränderung des Tourismus ist, dass die Kunden in ihren Ferien etwas erleben und aktiv sein wollen. Das Interesse, sich in die Sonne zu legen und nichts zu machen ist nach wie vor vorhanden, doch die Nachfrage nach einer “Auszeit“, in welcher die Touristen aktiv sein können, wurde und wird immer grösser. Die Tourismusindustrie näherte sich mit dem Angebot des special interest tourism dieser Nachfrage an (ebd.: 1).

In der unten stehenden Grafik ist die Aufgliederung des Tourismus zu sehen. Hierbei wird die neue Reiseform – der special interst tourism – gut sichtbar.

2.1.1 Special interest tourism

Der special interest tourism wird von READ wie folgt definiert:

„Special interest travel is travel for people who are going somewhere because they have a particular interest that can be pursued in a particular region or at a particular destination. It is the hub around which the total travel experience is planned and developed.” (Read 1980: 195)

Die aktive Teilnahme an der kulturellen und physischen Umwelt der Reisedestination ist, wie auch das Interesse an einem bestimmten Sachverhalt, ein Schlüsselelement des special interest tourism (Hall & Weiler 1992: 5).

Dies wird durch folgendes Zitat verdeutlicht:

„Special interest tourist, meanwhile, is specialized tourism involving group or individual tours by people who wish to develop certain interests and visit sites and places connected with a specific subject. Generally speaking, the people concerned exercise the same profession or have a common hobby.” (Hall & Weiler 1992:5)

Aus der Begebenheit, dass die Touristen Reisen unternehmen, welche für sie von bestimmten Interessen sind, findet nicht nur der Besuch eines Ortes statt, sondern ein aktives Teilnehmen, Lernen und Erfahren des Ortes und dessen Einwohnern (ebd.: 5).

Der special interest tourism kann in urbanen oder ländlichen Umgebungen in der Natur stattfinden. Je nachdem in welchem Bereich sich der special interest tourism abspielt, können verschiedene Untergruppen gebildet werden (vgl. Abbildung 1).

Der Ethnotourismus als Teilbereich des ländlichen Tourismus wird im weiteren Verlauf dieser Arbeit im Mittelpunkt stehen. Um Verständnisprobleme zu verhindern, wird vorerst eine Begriffsklärung gemacht, denn nebst dem Begriff Ethnotourismus gibt es weitere Begriffe, welche dem Ethnotourismus sehr ähnlich sind. Dies sind der “Kulturtourismus“ und der “Indigene (Kultur-) Tourismus“.

2.1.2 Ethnotourismus

Der Ethnotourismus ist als Teilbereich des special interest tourism zu sehen. Diese spezielle touristische Reiseform wird wie folgt definiert:

„Eine Reiseform, deren Ziel der Aufenthalt in einer »fremden ethnischen Gruppierung, speziell einer politisch und ökonomisch marginalen - oft tribalen – Gruppe ist«, wird Ethnotourismus genannt.“ (Kievelitz 1989: 29)

Der Ethnotourismus soll somit den Touristen aktiv und teilnehmend die fremde Kultur näher bringen. Es werden gewisse Einblicke in den Alltag der besuchten Gesellschaft und deren Kultur vermittelt (Friedl 2001: 51). Es ist jedoch auf einer ethnotouristischen Reise nicht möglich, eine Kultur vollständig kennen zu lernen.

Folgende Punkte beschreiben die typischen Merkmale des Ethnotourismus:

- Authentizität (echt oder auch gespielt) (Trupp/Trupp 2009: 14-18). Die Exotik und die Einzigartigkeit der Menschen inklusive der kulturellen Praktiken stehen im Mittelpunkt, egal ob diese vor den Touristen inszeniert werden oder nicht (Wood 1984:360-362).
- Direkte Erfahrung mit der Gastkultur und der Umgebung. Dies durch Besuche von indigenen Dörfern, Teilnahme und Beobachtung von Bräuchen, Zeremonien, Ritualen, Tänzen und anderen traditionellen Aktivitäten (Harron/Weiler 1992: 83).
- Face – to – Face Kontakt mit den Menschen steht im Mittelpunkt (ebd.: 84).
- Kulturelle Vermarktung: „Ethnic tourism should be defined by its direct focus on people living out a cultural identity whose uniqueness is being marketed for tourists.” (Wood 1984: 361)
- Machtungleichheit zwischen den indigenen Völkern, den Touristen und den Reiseagenturen (Mittelpersonen), da die kulturelle Vermarktung oftmals nicht von den indigenen Gesellschaften, sondern von externen Reiseagenturen übernommen wird (Trupp/Trupp 2009: 10).

Die genannten Punkte sind für den Ethnotourismus typisch und charakterisieren ihn als spezielle Form des Tourismus. Ethnotouristen besuchen indigene Völker und ihre Umgebung jedoch nicht alle aus demselben Grund. Es gibt verschiedenste Motive um eine ethnotouristische Reise zu machen. KOHL spricht vom “Rousseaukomplex“. Dieser meint den ursprünglichen Menschen zu finden, und zwar so, wie er beschaffen war, bevor die Gesellschaft und die Geschichte ihn verändert haben (Kohl 1986: 176).

2.1.3 Kulturtourismus

Der Begriff des Kulturtourismus wurde laut BECKER (1993:7) 1980 das erste Mal verwendet. Eine erste Definition aus dem deutschen Raum von BECKER lautet wie folgt:

„Der Kulturtourismus nutzt Bauten, Relikte und Bräuche in der Landschaft, in Orten und Gebäuden, um dem Besucher die Kultur-, Sozial- und Wirtschaftsentwicklung des jeweiligen Gebietes durch Pauschalangebote, Führungen und Besichtigungsmöglichkeiten und spezifisches Informationsmaterial nahezubringen. Auch kulturelle Veranstaltungen dienen häufig dem Kulturtourismus.“ (Becker 1992: 21)

LINDSTÄDT fasst nach seiner Forschung auf dem Gebiet des Kulturtourismus seine Ergebnisse zusammen. Sie ergänzt die obenstehende Definition so, dass sie den Begriff “Kultur“ sehr weit definiert und über den klassischen Kulturbereich hinaus zutrifft. Sie weist darauf hin, dass eine Verbindung von kulturellem Interesse, dem Wunsch nach Bildung wie auch Elemente von erlebnisreichen oder touristischen Aktivitäten entsteht (Lindstädt 1994: 13).

Zusammenfassend ist zu sagen, dass im Laufe der Jahre der Erlebnisaspekt innerhalb des Kulturtourismus an Bedeutung zugenommen hat. Folgende Merkmale sind für den Kulturtourismus charakteristisch (Becker/Steinecke/Höcklin 1997):

- Interesse der Touristen an Kultur (mit unterschiedlich ausgeprägter Intensität)
- Teilnahme an Kulturveranstaltungen (Festspiele, Kulturevents, Brauchtumsveranstaltungen)
- Zentrale Rolle einer fachlich fundierten Informationsvermittlung (durch qualifizierte Personen, spezielle Printmedien bzw. neue Medien)

Der Kulturtourismus befasst sich mit ausgewählten kulturellen Aspekten einer Gesellschaft. Die Kultur wird über einen indirekten Weg entdeckt und es wird oftmals nicht spezifisch auf eine einzelne indigene Minderheit eingegangen (Harron & Weiler 1992: 84). Der Kulturtourismus geht auf die physischen Artefakte und Sinneswahrnehmung einer gesamten Region ein. Im Vergleich zum Ethnotourismus fehlt oftmals der direkte Kontakt zu den Menschen (Trupp&Trupp 2009: 11). Der Ethnotourismus kann als Spezialisierung des Kulturtourismus verstanden werden. Im Gegensatz zum Kulturtourismus findet beim Ethnotourismus eine direkte Erfahrung durch die persönliche Teilnahme statt. Diese Reiseform wirkt somit intimer und authentischer. Ausserdem werden beim Ethnotourismus im Vergleich zum Kulturtourismus einzelne indigene Ethnien betrachtet und nicht die Kultur einer bestimmten Stadt, Region oder sogar Nation (Harron & Weiler 1992: 84).

2.1.4 Indigener (Kultur-) Tourismus

Um den Begriff indigener Tourismus (indigenous tourism) definieren zu können, muss vorerst der Begriff der indigenen Gruppierungen (indigenous groups) geklärt werden. BUTLER und HINCH definieren sie wie folgt:

„Indigenous groups are described as being distinct in terms of their culture and identity relative to dominant groups in society.“ (Bulter&Hinch 2007: 5)

BUTLER und HINCH definieren demnach, den indigenen Tourismus wie folgt:

„Indigenous tourism refers to tourism activities in which indigenous people are directly involved either through control and / or having their culture serve as the essence of the attraction.” (Butler&Hinch 2007: 5)

Weiter sagen BUTLER und HINCH (2007: 3), dass durch den indigenen Tourismus die Interaktion zwischen der indigenen und der nicht-indigenen Bevölkerung hergestellt wird und somit die Sicht auf die Problematiken der indigenen Bevölkerungen unserer Welt gefördert wird. Durch den Massentourismus finden jedoch auch im indigenen Tourismus, sowie im Ethnotourismus, massgebliche Veränderungen statt (Smith 2009: 101). Die Motive für indigenen Tourismus sind zusammengefasst dieselben wie die Motive des Ethnotourismus. Authentizität steht im Mittelpunkt dieser Reiseform, welche auch zu dem special interest tourism gehört.

In der Definition des indigenen (Kultur-) Tourismus wird erwähnt, dass die Vermarktung, wie auch die Reiseleitung und Projektgestaltung, in der Hand der indigenen Bevölkerung liegt (Smith 2009: 101). SMITH (2009: 101f.) erwähnt den Unterschied zwischen dem Ethnotourismus und dem indigenen Tourismus. Sie beschreibt den indigenen Tourismus als Reiseart, welche in den jeweiligen Heimatgebieten der indigenen (oft tribalen Gruppierungen in postkolonialen Staaten) Bevölkerung, stattfindet. Der Ethnotourismus hingegen würde auch im Heimatland der jeweiligen Touristen stattfinden. Beim indigenen Tourismus wird die Lebensart und die Traditionen von Gesellschaften, welche oft in abgeschiedenen Gebieten leben, in den Mittelpunkt gestellt. Beim Ethnotourismus hingegen kommt auch die Entdeckung der Kunst und Kultur von einheimischen, ethnischen Minderheiten, Immigranten und Diasporagesellschaften hinzu.

Somit kann der indigene (Kultur-) Tourismus als Spezialisierung des Ethnotourismus gesehen werden. Der Ethnotourismus stellt nicht nur Gesellschaften ausserhalb des eigenen Heimatlandes, sondern auch ethnische Minderheiten innerhalb der eigenen Landesgrenzen in den Mittelpunkt. Hierbei wird der Zusammenhang zum Kulturtourismus sichtbar.

Für den weiteren Verlauf der Arbeit wird der Begriff Ethnotourismus verwendet. Dies aus dem Grund, da in der verwendeten Literatur von Ethnotourismus gesprochen wird. Es ist jedoch wichtig, dass man sich vor allem den Unterschied zum Kulturtourismus bewusst ist.

2.2 Nordafrikanische Ethnien

2.2.1 Imazighen / Berber

Der Begriff “Berber“ ist eine Sammelbezeichnung für mehrere Ethnien, welche in Nordafrika, der Sahararegion und in der Sahelzone leben. Der Name “Berber“ ist eine Fremdbezeichnung, welche durch die Römer und Griechen begründet und von den arabischen Eroberern übernommen wurde. Er ist vom Begriff “Barbari“, was „ungesittete, kulturlose Menschen meint, abgeleitet. Sie selbst nennen sich Imazighen (stammt aus der Berbersprache tamazight und bedeutet „freier Mann“ (Singular: Amazigh. Plural: Imazighen)). Die Imazighen werden heute auf eine Gesamtbevölkerungszahl von ca. 20 Millionen geschätzt, eine genaue Angabe ist jedoch nicht möglich (Hart 1995: 48). Die Imazighen bestehen aus verschiedenen Gruppierungen. Der Begriff fasst alle Ethnien zusammen, welche einen Dialekt der Berbersprache (Tamazight = weibliche Form von Amazight) sprechen. Diese Sprachgruppe stammen aus der hamitosemitischen Sprachfamilie. Aus diesem Grund sind die Imazighen eine sehr heterogene Gesellschaft (ebd.: 48f.).

Heute leben die grössten Gruppierungen der Imazighen in Marokko und in Algerien. Auch in Mali, dem Niger und in Libyen leben grössere Gruppierungen. Kleinere Imazighen-Gesellschaften sind in Tunesien, Mauretanien und Burkino-Faso zu finden (Siehe Anhang 1: Karte: Verbreitung der Berber). Die Imazighen sind jedoch in allen aufgezählten Staaten Minderheiten und das Tamazight ist in keiner Nation Landessprache. Heute befindet sich in Marokko der grösste Anteil an Berbern, ca. 40% der gesamten Einwohnerzahl Marokkos sind Imazighen (Cabezas López 2005: 210f.).

Die Imazighen gelten als die ersten Bewohner Nordafrikas. Sie wurden im 7. Jahrhundert bei der arabischen Invasion verdrängt. Da die arabische Kultur und ihre Religion (Islam) sehr dominant waren, ging dies mit der Zeit auf die Imazighen-Kultur über und sie übernahmen z.B. die Religion – den Islam (Hart 1995: 49).

Ursprünglich waren die Imazighen, zum Teil auch heute noch, Bauern und bis auf die Untergruppe der Tuareg, sesshaft. Seit 1970 geht die Zahl der Bauern jedoch zurück und viele arbeiten als Industrieangestellte, Künstler oder Händler in Marokko oder sogar in Europa (ebd.: 49).

2.2.2 Tuareg

Die Tuareg gehören zu den Imazighen, somit zu den Berbern. Die Tuareg leben in der Saharawüste und deren Randzone wie auch im westlichen Teil der Sahelzone. Somit sind die Tuareg grösstenteils Bürger von Mali und dem Niger (im Niger sind ca. 8% der Bevölkerung Tuareg). Da die Tuareg auf sehr grossem Gebiet verteilt leben, kann ihre Bevölkerungszahl nur geschätzt werden. Heute schätzt man, dass in den genannten Gebieten ca. 1 – 2 Millionen Angehörige der Tuareg leben (Clark 2005: 1218).

Der Begriff “Tuareg“, ist wie der Begriff “Berber“, eine Fremdbezeichnung. Es gibt keine einheitliche Erklärung, woher der Begriff abstammt. Folgende zwei Hypothesen werden angenommen (Friedl 2009: 400f.):

1. Der Begriff ist aus dem arabischen Wort „terek“ abgeleitet, welches „(von Gott) verlassen“ meint. Dies soll ausdrücken, dass nach Ansicht der Araber die Tuareg aufgrund ihrer mangelhaften Religiosität in die Wüste verbannt worden seien. Die Araber meinen damit die im 7. Jahrhundert aufgrund der arabischen Invasion stattgefundene Abwanderung der Tuareg in die südlichen Wüstengebiete. Sie gehören somit nicht zu der Gemeinschaft der muslimischen Gläubigen. Ausserdem würden sie die islamischen Regeln nicht sorgfältig befolgen.

2. Die Tuareg entstammen der Region Targa und Tuareg ist somit eine Ableitung dieser Region und gilt für die Bewohner dieses Gebiets. Dieser Begriff sei auf alle ausgeweitet worden, welche diesem Volk entsprachen.

Diese beiden Hypothesen zeigen, dass der Begriff Tuareg eine Fremdzuschreibung ist. Die Tuareg selbst nennen sich je nach Gebiet Kel Tagelmust (verschleierte Menschen – dies hängt damit zusammen, dass sich die Männer bei den Tuareg verschleiern) oder Kel Tamaschek (Menschen welche Tamaschek, die Sprache der Tuareg, sprechen) (Rasmussen 1995: 366).

Die Tuareg (so werde ich sie im weiteren Verlauf der Arbeit nennen) leben noch heute in ihren Stammesgebieten. Früher führten sie ein nomadisches Leben. Heute sind sie grösstenteils Halbnomaden. Ein Teil der Gesellschaft ist jedoch in die städtischen Gebiete abgewandert, dies aufgrund von Dürre und soziopolitischem Druck (ebd.: 366ff.).

Die Tuareg sind innerhalb der Imazighen eine Spezialgruppe. Dies weil sie nicht, wie die anderen Imazighen-Stämme, patrilinear organisiert sind, sondern matrilinear. Durch den Einfluss des Islams hat sich dies verändert. Heute sind die Tuareg meistens bilateral organisiert (ebd.: 367).

3 Ethnotourismus bei den Imazighen

In diesem Abschnitt soll in einem ersten Teil aufgezeigt werden, wie die Imazighen und Tuareg aus der Republik Niger und Südmarokko vermarktet werden und wie die Inszenierung der Berber- und Tuaregkultur der Werbung für ethnotouristische Reisen behilflich ist.

Anhand des ethnotouristischen Fallbeispieles aus der Region Timia in der Republik Niger soll in einem zweiten Teil dargestellt werden, wie der Wüstentourismus in dieser Gegend durchgeführt wird, inwiefern die Regionalbevölkerung (Tuareg: Kel Timia) von dieser Reiseform profitiert und integriert ist.

In einem dritten Teil sollen die Vor- und Nachteile, welche durch den Wüstentourismus für die Region und die Bevölkerung entstehen, genauer betrachtet werden.

3.1 Inszenierung der Berber- und Tuaregkultur als Vermarktungsvorteil

Um in nordafrikanischen Ländern Reisen verkaufen zu können, wird oftmals die Kultur der Imazighen oder jene der Tuareg in den Mittelpunkt der Vermarktung gestellt. Da die Touristen vor allem in Marokko die Möglichkeit haben, an sehr vielen Orten Imazighen zu begegnen, wird auch explizit mit diesen geworben. Bei der Reisewerbung wird vorerst die Verbindung zum europäischen Bild des Orients hergestellt (1001 Nacht,…). Dies wird dann mit einem oberflächlichen, aber sympathischen Menschenbild verknüpft. Die Imazighen (und auch die Tuareg) sind, wie der Abbildung 3 zu entnehmen ist, bei den europäischen Touristen mit einem sehr positiven Bild behaftet (Bartha 2003: 35). Diese positiven Einstellungen gegenüber dieser Ethnie stammen schon von Forschungsreisen aus dem 19. und 20. Jahrhundert (Popp 2000: 52). Hingegen besteht ein eher negatives Bild gegenüber den Arabern, deshalb sind diese und der Begriff „arabische Welt“ auch selten in Reisewerbungen zu finden.

[...]


[1] Definition nach WTO (World Tourism Organisation): “activities of persons travelling to and staying in places outside their usual environment for less than one year, for leisure, business or other purposes not related to remuneration from within the place visited” (WTO 2003a).

Ende der Leseprobe aus 28 Seiten

Details

Titel
Auswirkungen des Ethnotourismus auf die Imazighen am Beispiel der Oase Timia
Hochschule
Universität Luzern
Note
5.0 Schweizer Notensystem
Autor
Jahr
2011
Seiten
28
Katalognummer
V173192
ISBN (eBook)
9783640938926
ISBN (Buch)
9783640939039
Dateigröße
5600 KB
Sprache
Deutsch
Schlagworte
Ethnotourismus, Berber, Marokko, Niger, Tourismus
Arbeit zitieren
Lisa Imhof (Autor), 2011, Auswirkungen des Ethnotourismus auf die Imazighen am Beispiel der Oase Timia, München, GRIN Verlag, https://www.grin.com/document/173192

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