Allen Autorinnen und Autoren, weit über den deutschsprachigen Horizont hinaus, ist gemeinsam die Anerkennung Marguerites als eigenständige und selbstbewusste Denkerin und Theologin, die ihre Lehre konsequent bis in den Tod vertritt. Ihre starke Haltung gegenüber den Hierarchien ihrer Zeit, vor allem dem Bündnis von Kirche und Staat, wie es sich im Inquisitionsprozess darstellt, lässt sie als eine herausragende Frauengestalt im Gegenüber der von Männern diktierten Ordnung erscheinen. In der Regel wird sie als standhafte Frau interpretiert, die sich von den Männern ihrer Zeit nicht zum Schweigen bringen ließ. Ihr Leben und Sterben wird darum oft schablonenhaft dargestellt und durch den heute oft verklärenden oder verzerrenden Blick auf das Mittelalter verstellt. Umso interessanter ist eine Analyse ihres Werkes, das uns als einzig sichere und authentische Quelle ihren Motiven näher bringt. Ihre mystische Lehre, welche die Seele wieder zurückführt zu ihrem Ursprung in Gott und dabei alle Äußerlichkeiten, Strukturen und Bindungen hinter sich lässt und für nichtig erklärt, ist in einer sorgfältigen lateinischen Edition von Paul Verdeyen von 1986 im Corpus Christianorum enthalten und in viele neue Sprachen übersetzt und erläutert worden. Die Grundlagen für eine konsequente Erforschung des Mirouer sind somit gegeben. Immer noch unzureichend beantwortet ist die Frage nach Grund und Ursache für die mystische Lehre, die Marguerite auch mit den anderen Mystikerinnen ihrer Zeit verbindet. Im 13. Jahrhundert erfuhr die Mystik eine schlagartige Verbreitung in allen Gebieten des damaligen Deutschen Reiches, besonders aber entlang des unteren Rheins. Was allgemein als religiöser Aufbruch angesehen wird, kann aber durchaus als ein Ausbruch aus den Zwängen einer Gesellschaft gesehen werden, die sich gerade erst zu Lebzeiten Marguerites, also im Übergang vom Hoch- ins Spätmittelalter, ausformte.
Inhaltsverzeichnis
- Einleitung und These
- Marguerite, ihre Zeit, ihre Person und ihr Werk „Mirouer“
- Die Zeit des religiösen Aufbruchs
- Rekonstruktion der Biographie Marguerites
- Der Spiegel der einfachen Seelen
- Aufbruch als Ausbruch
- Marguerite als intellektuelle Theologin
- Kenntnis von anderen Theologen
- Wertschätzung für die Erkenntniskraft
- Aversion gegen Gelehrsamkeit und Wissenschaft
- Verbindung zu und Einfluss auf Meister Eckhart
- Zusammenfassung und Ausblick
Zielsetzung und Themenschwerpunkte
Diese Arbeit untersucht Marguerite Poretes mystisches Werk „Mirouer“ und dessen Bedeutung als Reaktion intellektueller Frauen auf den Bildungsausschluss im 13. Jahrhundert. Die Arbeit beleuchtet den religiösen Aufbruch im Spätmittelalter und untersucht, ob dieser als ein Ausbruch aus den Zwängen einer Gesellschaft interpretiert werden kann, die Frauen in ihrer Bildung und geistigen Entfaltung einschränkte.
- Die Bedeutung von Marguerite Poretes „Mirouer“ als Zeugnis weiblicher Mystik im Spätmittelalter
- Die Analyse von Marguerite Poretes Leben und Werk im Kontext der gesellschaftlichen und religiösen Veränderungen des 13. Jahrhunderts
- Die Untersuchung der Rolle von Bildungsausschluss und Unterdrückung in der Entstehung weiblicher Mystik
- Die Analyse der Parallelen und Unterschiede zwischen Marguerite Poretes Lehre und der anderer Mystikerinnen und Mystiker ihrer Zeit
- Die Frage nach dem Einfluss weiblicher Mystik auf die Entwicklung der religiösen Landschaft im Spätmittelalter
Zusammenfassung der Kapitel
Die Einleitung stellt die These der Arbeit vor, dass Marguerite Poretes „Mirouer“ als ein Ausdruck der Reaktion intellektueller Frauen auf den Bildungsausschluss im 13. Jahrhundert interpretiert werden kann. Das zweite Kapitel beleuchtet die Zeit des religiösen Aufbruchs im Spätmittelalter, rekonstruiert Marguerite Poretes Biographie und analysiert ihr Werk „Mirouer“. Das dritte Kapitel untersucht Marguerite Poretes Rolle als intellektuelle Theologin, ihre Aversion gegenüber Gelehrsamkeit und Wissenschaft sowie ihre Verbindung zu Meister Eckhart. Die Arbeit betrachtet die mystische Lehre von Marguerite Poretes im Kontext der gesellschaftlichen und religiösen Bedingungen ihrer Zeit und analysiert ihre Bedeutung für die Entwicklung weiblicher Mystik.
Schlüsselwörter
Die Arbeit konzentriert sich auf die Themen weiblicher Mystik, Bildungsausschluss, religiöser Aufbruch, Spätmittelalter, Marguerite Porete, „Mirouer“, Meister Eckhart, und die Rolle der Frau im mittelalterlichen Gesellschaft.
Häufig gestellte Fragen
Wer war Marguerite Porete und warum ist sie bedeutend?
Marguerite Porete war eine eigenständige Denkerin und Mystikerin des 13. Jahrhunderts, die ihre Lehre trotz des Inquisitionsprozesses bis in den Tod vertrat.
Was ist das Hauptthema ihres Werkes „Mirouer“?
Das Werk „Spiegel der einfachen Seelen“ beschreibt eine mystische Lehre, die die Seele zurück zu ihrem Ursprung in Gott führt und dabei alle äußeren kirchlichen Strukturen hinter sich lässt.
Warum wird ihr Wirken als „Ausbruch“ bezeichnet?
Die Arbeit vertritt die These, dass der religiöse Aufbruch im Mittelalter für Frauen wie Marguerite ein Ausbruch aus den Zwängen einer Gesellschaft war, die sie von Bildung und geistiger Entfaltung ausschloss.
Welche Verbindung besteht zwischen Marguerite Porete und Meister Eckhart?
Die Arbeit untersucht den möglichen Einfluss von Poretes mystischer Lehre auf Meister Eckhart und analysiert Parallelen in ihrem Denken.
Wie wird Marguerite Porete in der Forschung heute gesehen?
Sie wird als herausragende Frauengestalt interpretiert, die sich der von Männern diktierten Ordnung widersetzte und als intellektuelle Theologin ernst zu nehmen ist.
- Arbeit zitieren
- Ralf Gührer (Autor:in), 2010, Aufbruch als Ausbruch, München, GRIN Verlag, https://www.grin.com/document/173326