Der ideale Kaiser - Nach Kaiser Julians Schrift "Misopogon"


Seminararbeit, 1982
17 Seiten, Note: 2,0

Leseprobe

Inhaltsverzeichnis

1. Einführung und Hintergründe
1.1 Das Leben des Julian (331 bis 363)
1.2 Julian in Antiochia und seine Schrift „Misopogon“

2. Der ideale Kaiser
2.1 Tugendhaftigkeit
2.2 Bildung
2.3 Selbstkritik und Offenheit
2.4 Milde und Nachsicht
2.5 Gerechtigkeit und Fürsorge
2.6 Religion

3. Literatur
3.1 Primärliteratur/Übersetzungen
3.2 Sekundärliteratur

1. Einführung und Hintergründe

1. 1 Das Leben des Julian (331 bis 363)

Flavius Claudius Julianus wurde im Jahr 331 in Konstantinopel geboren. Sein Vater Julius Constantius war ein Stiefbruder Konstantins des Großen, der politisch jedoch total im Abseits stand. Julians Mutter war Basilina, ebenfalls vornehmer Abstammung, die sich zum Christentum bekannte. Basilina starb kurz nach der Geburt Julians.[1]

Als im Jahr 337 nach Konstantins Tod, dessen drei Söhne sich zunächst die Herrschaft teilten, kam es in Konstantinopel zu blutigen Auseinandersetzungen. Julians Vater und viele andere Verwandte wurden getötet. Durch günstige Umstände blieben bloß Julian selbst und sein Stiefbruder Gallus verschont.

Julian wurde nun einer christlichen Obhut, dem Bischof Eusebius in Nikomedia, anvertraut und im Wesentlichen durch den skytischen Eunuch Mardonios erzogen. Um sie von aufrührerischen Aufständen fernzuhalten, wurden Julian und Gallus im Jahr 345 auf Befehl des misstrauischen Constantius II. auf die kaiserliche Domäne Macellum gebracht. Die christliche Bildung wurde intensiviert. Als Gallus im Jahr 351 Cäsar wurde, konnte auch Julian die Domäne verlassen und hielt sich hauptsächlich in den Städten Pergamon und Ephesos auf und ließ sich von verschiedenen neuplatonischen Lehrern unterrichten. Dabei lernte er den heidnischen Lehrer Maximos kennen, der später entscheidenden Einfluss auf Julian hatte. Seit dieser Zeit bekannte sich Julian zu einem neuplatonisch aufgefassten Sonnengott, musste allerdings nach außen hin Christ bleiben. Dies trug ihm den Beinamen „Apostata“ - der Abtrünnige - von christlicher Seite ein.

Nach der Ermordung des Gallus im Jahr 354 durch Constantius befehligte dieser Julian an den Hof nach Mailand zurück. Ein Jahr später erhielt er die Erlaubnis für einen Studienauf-enthalt in Athen. Doch schon bald musste er zurückkehren und wurde 355 zum Cäsar proklamiert. Zugleich wurde er mit Helena, der Schwester des Constantius, vermählt.

Julian zog in die Provinz Gallien, um gegen die eingefallenen Germanen zu kämpfen und es gelang ihm die alten Grenzen wiederherzustellen. Julian erwies sich als hervorragender Truppenführer und Organisator. Constantius stand diesen Erfolgen des Julian mit gemischten Gefühlen gegenüber, da er um Einbußen seiner kaiserlichen Macht fürchtete. Als Constantius im Jahr 360 von Julian für den Perserfeldzug die besten Kontingente forderte, wurde Julian von seinen Truppen zum Augustus ausgerufen. Am 3. November 361 starb Constantius auf dem Heerzug gegen Julian, ohne dass es zu Kampfhandlungen gekommen war. Kurz vor seinem Tode hatte er Julian trotz der Feindseligkeiten zu seinem Nachfolger bestimmt. Am 11. Dezember 361 zog Julian feierlich als Kaiser in Konstanti-nopel ein. Im Juni 362 machte Julian mit seinem Heer Station in Antiochia zwecks Pla-nung des Perserfeldzuges und zog im März 363 weiter nach Osten. Am 26. Juni 363 wurde Julian im Kampfe von einem Speer tödlich verletzt.

1. 2 Julian in Antiochia und seine Schrift „Misopogon“

Wie erwähnt hielt sich Julian von Juni 362 bis März 363 in Antiochia auf[2]. Doch von einer kaiserlichen Hochachtung war dort kaum etwas zu spüren. Stattdessen schütteten die Antiochener bitteren Hohn und Spott über ihn aus[3].

Dies ist auf mehrere Ursachen zurückzuführen. So setzte er gleich zu Beginn seines Auf-enthaltes die Preise für Lebensmittel herunter, was dazu führte, dass die Waren in der Stadt verschwanden[4]. „Dazu wurde er auch persönlich wegen seines unkaiserlichen Auftretens abgelehnt.“[5] Hervorstechendes Merkmal war sein Bart und sein in jeglicher Hinsicht ungepflegtes Aussehen, wodurch er den Antiochenern eine komische Figur abgab[6]. Vor allem seine ganz andere Lebensweise stieß dort auf Unverständnis. Julian hasste die Schwelgerei und das luxuriöse Leben und war höchst selten in Zirkus und Theater anzutreffen, worin gerade die Antiochener ihre Hauptbeschäftigung sahen[7]. Auch mit seiner Kultur- und Religionspolitik stieß er auf Ablehnung, „bei den Christen machte er sich mit seinem Paganismus verhaßt, bei den Nichtchristen bloß noch lächerlich“[8].

So kam es dann im Januar 363 zu seiner Schrift „Misopogon“ - der Barthasser[9], einer Schrift, in der er sich selbst und die Antiochener ironisiert. Es ist eine bittere Satire, die in aller Deutlichkeit das schlechte Verhältnis zu den Antiochenern aufzeigt[10]. Er wirft ihnen ihren Spott und ihre Undankbarkeit vor, erklärt und verteidigt sein eigenes Verhalten und beschließt vor lauter Zorn die Stadt zu verlassen[11].

Der Misopogon ist Schmäh- und Verteidigungsrede zugleich. Julians Absicht ist es, durch diese Rede die Antiochener bloß zu stellen und darzulegen, dass ihr Hass auf ihn völlig grundlos ist. Zum anderen aber bringt er immer wieder Aspekte zu seiner Verteidigung. Er hebt den Gegensatz zwischen ihnen und ihm besonders hervor. Er hält ihnen zu­gute, dass ihr Stadtgründer, Antiochus, maßlos verweichlicht und immer verliebt gewesen sei[12], er hingegen rühmt sich als einen „einfach erzogenen frommen Hellenen“[13]. So wie die Antiochener sich schlecht ändern könnten oder wollten, so könne er sich aufgrund seiner einfachen Erziehung auch nicht mehr ändern, zu sehr hätte er schon alles verinnerlicht. Schuld gibt er hierbei seinem Erzieher[14], der allerdings nicht voraus-sehen konnte, dass er einmal Herrscher werden würde. Die Kelten hingegen hätten gleiche Sitten wie er gehabt[15], von ihnen hätte er nie hören müssen: „Durch die Entfernung der Bühne, der Schauspieler und der Tänzer hast du unsere Stadt ruiniert. So haben wir nichts Gutes von dir, als die drückende Strenge“[16]. Im Gegen-teil bei den Galliern habe sich folgendes zugetragen: „Wie aber die Tänzer im Theater ihre Kunst preisgaben, liefen sie davon, weil sie ihnen wie Rasende vorkamen“[17].

Man merkt, wie viel unterschwellige Satire hier mitschwingt. Aber sie kommt noch wesentlich offener vor. Julian würde sich durchaus bereitwillig Stricke aus seinem Bart flechten lassen, „wenn ihr nur meine Haare ausreißen könntet und eure ungeübten und zärtlichen Hände keinen Schaden nehmen würden“[18].

Julian zerlegt den Antiochenern einen Vorwurf nach dem anderen, wobei er andere über sich reden lässt oder über sich selbst herzieht. Scheint der Aufbau des Misopogon auf den ersten Blick wirr und unsystematisch, so kommt hier doch Julians schriftstellerisches Talent und seine rhetorische Bildung zum Tragen, wenn es ziemlich am Ende des Misopogon heißt: „Ist eurer Stadtgemeinde oder Privatleuten jemals ein Unrecht von mir widerfahren, für das ihr euch keine offene Genugtuung nehmen konntet ... Was ist also der Grund eurer Unzufriedenheit und eures Hasses gegen mich ... ist es dann nicht ein Räthsel, wie die Sachen jetzt stehen... daß ihr hellenischer Abkunft und ich zwar von trakischer Abkunft, doch meiner Bildung nach Hellene sei und glaubte demnach, daß wir einander sehr liebgewinnen werden“[19].

Dennoch wird der Misopogon bei den zum Leben ganz anders eingestellten Antiochenern seine beabsichtigte Wirkung nicht erreicht haben: „Die Antiochener werden sich beim Lesen dieser Schrift unter großer Heiterkeit seines Entschlusses gefreut haben“[20]. Sollte der Misopogon seine Wirkung nicht erzielt haben, so bietet uns Julian hier wichtige Einblicke in sein Verhältnis zu den Antiochenern. Wir erfahren detaillierte Angaben seines Aufenthaltes und einige biographische Angaben.

Es werden im Misopogon Unterschiede zu anderen Herrschern aus antiker Zeit aufgezeigt. Der Misopogon erlaubt uns sogar in groben Zügen zu skizzieren, wie Julian sich als idealen Kaiser sieht. Aufgrund der vielen Ironie und der Verteidigungshaltung im Misopogon muss man dies jedoch mehr indirekt erarbeiten. Dies ist eine Grundproblematik für die gesamte vorliegende Arbeit. So bringt Julian beispielsweise für seinen einfachen, Luxus verscheuenden Lebenswandel immer wieder seine Erziehung als Entschuldigung ins Spiel. Wenn er diesen Lebenswandel aber so verinnerlicht hat, dass er sich damit identifiziert und ihn relativ kritiklos hinnimmt, so kann doch mit Recht behauptet werden, dass er diesen als idealen Lebenswandel ansieht.

2. Der ideale Kaiser

2.1 Tugendhaftigkeit

„Jedes Laster hätte ihm die leichtfertige Stadt gerne verziehen, aber seine Tugendhaftigkeit weckte Abneigung und Spott“[21]. Seine im Misopogon herausgestellte Tugendhaftigkeit bezieht sich hauptsächlich auf sein Aussehen und seinen Lebenswandel. In der physischen wie in der psychischen Beherrschung des Körpers sieht Julian Tugendhaftigkeit. Da er von Natur aus kein schönes Gesicht besitze, habe er sich aus Unzufriedenheit darüber einen Bart wachsen lassen und ließe darin sogar noch Läuse herumlaufen[22]. Sein Bart erinnerten die Leute an einen Ziegenbart, er aber betrachte ihn als Philosophenbart, wie ihn auch sein Vorbild Marc Aurel getragen habe. In der Tat scheint Julian wenig Wert auf sein äußeres Erscheinungsbild gelegt zu haben: er habe ein struppiges Haar, ließe sich selten die Haare scheren und die Nägel schneiden und habe vom Schreiben ganz schwarze Finger[23], während er hingegen, wenn er sich herausputzen würde, als blühender Knabe erscheinen könnte[24].

Aber nicht genug seinen Körper verwildern zu lassen, er führe auch noch die „beschwerlichste Lebensart“[25]. So gestatte er sich nicht, „stark zu essen oder gierig zu trinken“[26], was ihm schon sein Bart nicht erlaube; dies im Gegensatz zur Gefräßigkeit der Antiochener, die deshalb ihr Kinn recht sauber und glatt machen ließen[27]. Er nehme bloß eine „weit nicht zur Sättigung hinreichende Nahrung“[28] zu sich, meist noch Hülsenfrüchte[29] und doch habe er sich in seinem Leben nur ein einziges Mal zufälligerweise erbrechen müssen[30].

[...]


[1] Dieses Kapitel basiert auf folgender Literatur: Brockhaus Enzyklopädie, Bd. 9, S. 553f; Geffcken/

Ziebarth, Friedrich Lübkers Reallexikon des klassischen Altertums, S. 509; Goessler, Kaiser Julian,

Der Abtrünnige, Die Briefe; Der kleine Pauly – Lexikon der Antike, Bd. 2, S. 1515f.; Kroh, Lexikon der

antiken Autoren, S. 352f.; Lexikon der Alten Welt, S. 1441f.; Lexikon für Theologie und Kirche, Bd. 5,

S. 1195f.; Paulys Realencyclopädie der classischen Altertumswissenschaften, 19. Halbband, S. 52f.

[2] Vgl. Paulys Realencyclopädie der classischen Altertumswissenschaften, 19. Halbband, S. 55.

[3] Vgl. Paulys Realencyclopädie der classischen Altertumswissenschaften, 19. Halbband, S. 57.

[4] Vgl. Paulys Realencyclopädie der classischen Altertumswissenschaften, 19. Halbband, S. 56.

[5] Goessler, Kaiser Julian, S. 18.

[6] Vgl. Lietzmann, Geschichte der alten Kirche, Bd. 3, S. 286.

[7] Vgl. Lietzmann, Geschichte der alten Kirche, Bd. 3, S. 286.

[8] Goessler, Kaiser Julian, S. 18.

[9] Vgl. Pfaff, Bartfeind [dt. Übersetzung des Misopogon], S. 73.

[10] Vgl. Goessler, Kaiser Julian, S. 18.

[11] Vgl. Lietzmann, Geschichte der alten Kirche, Bd. 3, S. 287.

[12] Vgl. Julian, Misopogon 347Bf. - Im Folgenden werden Entlehnungen und Zitate aus Julians Werk

Misopogon immer wie vorstehend gekennzeichnet. Die Zitierweise orientiert sich dabei an der Ein-

teilung nach Nummern und Buchstaben der griechisch-englischen Ausgabe von Wright; der deut-

sche Text ist jeweils in der ursprünglichen Orthographie der Übersetzung von Pfaff entnommen.

[13] Geffcken, Der Ausgang des Griechisch-Römischen Heidentums, S. 137.

[14] Vgl. Julian, Misopogon 351Cf.

[15] Vgl. Julian, Misopogon 360C.

[16] Julian, Misopogon 344A.

[17] Julian, Misopogon 360B.

[18] Julian, Misopogon 366C.

[19] Julian, Misopogon 366Cf.

[20] Lietzmann, Geschichte der alten Kirche, Bd. 3, S. 287.

[21] Lietzmann, Geschichte der alten Kirche, Bd. 3, S. 286.

[22] Vgl. Julian, Misopogon 338B.

[23] Vgl. Julian, Misopogon 339B.

[24] Vgl. Julian, Misopogon 349C.

[25] Julian, Misopogon 339C.

[26] Julian, Misopogon 338C.

[27] Vgl. Julian, Misopogon 339A.

[28] Julian, Misopogon 340B.

[29] Vgl. Julian, Misopogon 350C.

[30] Vgl. Julian, Misopogon 340C.

Ende der Leseprobe aus 17 Seiten

Details

Titel
Der ideale Kaiser - Nach Kaiser Julians Schrift "Misopogon"
Hochschule
Eberhard-Karls-Universität Tübingen  (Historisches Seminar. Abteilung für alte Geschichte)
Veranstaltung
Kaiser und städtische Bevölkerung im 4. Jahrhundert nach Christus
Note
2,0
Autor
Jahr
1982
Seiten
17
Katalognummer
V173329
ISBN (eBook)
9783640934683
ISBN (Buch)
9783640934751
Dateigröße
455 KB
Sprache
Deutsch
Schlagworte
Kaiser Julian (331-363), Julian Apostata, Antiochia, Misopogon, Barthasser, Bartfeind, Antiochische Rede, Spottrede, Satire, Kaiserliche Tugenden, Herrschaftsideal, Kaiserideal
Arbeit zitieren
Dr., M.A. Roland Engelhart (Autor), 1982, Der ideale Kaiser - Nach Kaiser Julians Schrift "Misopogon", München, GRIN Verlag, https://www.grin.com/document/173329

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