Politik als Show?

Wahlkampf in Unterhaltungsmedien: von der "heute show" bis zur "TV total Bundestagswahl"


Seminararbeit, 2010

18 Seiten, Note: 1,3


Leseprobe

Inhaltsverzeichnis

1 EINLEITUNG

2 POLITAINMENT
2.1 FUNKTIONEN VON POLITAINMENT
2.2 ENTWICKLUNG
2.3 AKTUELLE BEISPIELE
2.4 CHANCEN UND RISIKEN

3 DIE „HEUTE-SHOW“
3.1 VORBILD AMERIKA
3.2 DAS SENDEKONZEPT
3.3 POLITAINMENT-FUNKTIONEN
3.4 PUBLIKUMSREAKTIONEN

4 DIE „TV TOTAL BUNDESTAGSWAHL 2009“
4.1 KONZEPT DER SHOW
4.2 WAHLERGEBNIS 2009
4.3 POLITAINMENT-FUNKTIONEN
4.4 PUBLIKUMSREAKTIONEN

5 FAZIT

6 LITERATURVERZEICHNIS

1 Einleitung

Unterhaltung ist in der Medienlandschaft des 21. Jahrhunderts ein nicht mehr weg- zudenkender Faktor. Rund drei Viertel der Fernseh-Sendezeit im deutschen Fernsehen besteht inzwischen aus unterhaltenden Produktionen (vgl. Haller 1996 zitiert nach Brosda / Schicha 2002a: 8). Der Trend zur ÄSpaßkultur“ betrifft dabei nicht allein von Haus aus unterhaltsam angelegte Formate, sondern hält auch Einzug in solche, deren eigentliches Sendekonzept grundsätzlich weniger mit Unterhaltung als viel mehr mit Information zu tun hat. Die Rolle der Unterhaltung im Kampf um Aufmerksamkeit ist man sich nun schon seit mehreren Jahren auch im Bereich der Politikvermittlung bewusst. Moderatoren von Polit-Talks werden zu Alleinunterhaltern und in TV- Magazinen werden politische Inhalte amüsant aufbereitet und präsentiert, um den Zu- schauer im heimischen Wohnzimmer am Bildschirm zu halten. Politische Information und politische Unterhaltungen kommen sich immer näher (vgl. Brosda / Schicha 2002a: 7).

Im Folgenden wird die Rolle des sogenannten Politainment in den deutschen Medien - wobei der Fokus auf dem Medium Fernsehen liegt - betrachtet. Nach einem Überblick darüber, wobei es sich bei Politainment konkret handelt und wo seine Ursprünge liegen, sollen aktuelle Beispiele von Fernsehauftritten deutscher Politiker veranschaulichen, dass sowohl Medien als auch politische Akteure Politainment vermehrt für ihre Zwecke benutzen. Daraus folgen Chance, aber auch Risiken. Im zweiten und dritten Teil der Arbeit liegt der Fokus dann auf den beiden Politainment-Formaten, die im Wahlkampf 2009 eine entscheidende Rolle gespielt haben: Stefan Raabs ÄTV total Bundestags- wahl“ bot Politikern ein Forum, während die im ZDF ausgestrahlte Äheute-show“ gegen die allgemeine Politikverdrossenheit im Land vorging. Es wird ein Blick darauf ge- worfen, wie die Sendungen aufgebaut sind, welche Funktionen von Politainment beiden Formaten jeweils zugeordnet werden können und wie die Konzepte der Shows vom Publikum aufgenommen wurden.

Grundlage der Arbeit sind dabei Werke von Wissenschaftlern, die sich ausgiebig mit dem Thema der Vermittlung politischer Inhalte in Unterhaltungsformaten auseinandergesetzt haben. Allen voran die Medienwissenschaftler Andreas Dörner mit seiner Monografie ÄPolitainment. Politik in der medialen Erlebnisgesellschaft“ sowie Christian Schicha und Carsten Brosda, deren Sammelband ÄPolitikvermittlung in Unterhaltungsformaten. Medieninszenierung zwischen Popularität und Populismus“ Politainment von den verschiedensten Seiten betrachtet

2 Politainment

Wie einleitend erwähnt, lässt sich in der Berichterstattung der Medien seit geraumer Zeit ein Trend der Verwischung der Grenzen zwischen Informations- und Unter- haltungsformaten feststellen (vgl. Brosda / Schicha 2002a: 13). ÄIn Anlehnung an den mittlerweile gebräuchlichen Begriff des ‚Infotainment‘" (Dörner 2001: 31) entwickelte sich der des Politainment. Dieser verweist darauf, dass sich in den 1990er Jahren die Bereiche Politik und Entertainment stark angenährt beziehungsweise vermischt haben. Politische und unterhaltende Kommunikation haben eine Verbindung herausgebildet, die man vorher nicht kannte (vgl. ebd.: 31). Diese neue Form der Politikvermittlung reagiert auf die Veränderungen in der Politikrezeption sowie der zunehmenden Be- deutung unterhaltsamer Elemente in den Medien (vgl. Brosda / Schicha 2002a: 18). Politische Akteure nutzen politikfremde Genres, um sich für die (Jung-)Wählerschaft zu öffnen (vgl. Brosda / Schicha 2002b: 161). Dabei entsteht eine symbiotische Beziehung zwischen Politikern und Medienmachern, wie in folgender Definition von Andreas Dörner deutlich wird:

„Politainment bezeichnet das Zusammenspiel von Politik und Unterhaltungskultur, das sich - teilweise nach amerikanischem Vorbild - in den 90er Jahren herausgebildet hat. Politiker suchen bei unsicher geworden Wählermärkten den Kontakt zum Publikum im Unterhaltungsformat, während Unterhaltungsmacher politische Themen und Settings zur Steigerung von Marktanteilen nutzen.“ (Dörner 2001: 2)

Generell lassen sich trotz dieser Wechselbeziehung zwei Ebenen des Politainment unterscheiden. Zum einen die unterhaltende Politik, zum anderen die politische Unter- haltung.

Unterhaltende Politik beschreibt die Medienszenarien, in denen Äpolitische Akteure auf Instrumente und Stilmittel der Unterhaltungskultur zurückgreifen, um ihre jeweiligen Ziele zu realisieren“ (Dörner 2001: 31). Sinn und Zweck der unterhaltenden Politik ist also, politische Macht zu erwerben, zu halten oder auszubauen (vgl. ebd.: 32).

Die Ebene der politischen Unterhaltung geht vorwiegend vonseiten der Medienmacher aus.

„Die Unterhaltungsindustrie verwendet gezielt politische Figuren, Themen und Geschehnisse als Material zur Konstruktion ihrer fiktionalen Bildwelten, um so ihre Produkte interessant und attraktiv zu gestalten.“ (Dörner 2001: 32)

Dabei geht es nicht um politische Zielsetzungen, sondern allein darum, dem Markt und den Wünschen des Publikums gerecht zu werden. Es ist zweitrangig, ob die Quote mithilfe von Showgrößen oder Politprominenz erzielt wird, solange sich der gewünschte Erfolg einstellt (vgl. ebd.: 32).

2.1 Funktionen von Politainment

Neben dem Machterwerb aufseiten von Medien und Politikern gibt es noch weitere Funktionen, die Politainment bezüglich seiner Rezipienten erfüllt.

In Zeiten, in denen nur die wenigsten Bürger aktiv an den oftmals komplexen Abläufen des politischen Systems beteiligt sind, trägt Politainment dazu bei, Politik für alle Personen ohne Zugangsbeschränkung verständlich und sichtbar zu machen. Den abstrakten Prozessen wird mit seiner Hilfe Gestalt verliehen (vgl. Dörner 2001: 33). Zum anderen Äzieht Politainment knapp gewordene Aufmerksamkeiten auf sich und stellt Themen in den öffentlichen Raum“ (ebd.: 33). Da meistens bestimmte Ereignisse und Probleme im Fokus der Berichterstattung stehen, entsteht Raum für Anschluss- kommunikation. Diese kann sowohl öffentlich in den Medien als auch in den eigenen vier Wänden stattfinden (vgl. ebd.: 33).

Eine weitere Funktion, die dem Politainment zukommt, ist die Möglichkeit der Konstruktion politischer Vorstellungs- und Deutungsmuster. ÄSie definieren […], was die politische Welt konstruiert“ und Ägeben vor, wie man sich adäquat als politischer Akteur verhält“ (Dörner 2002: 49), ob man also beispielsweise wählen geht oder nicht.

Neben der Lancierung und Popularisierung politischer Sinnfiguren und Werte zeigt Politainment dem Medienrezipienten außerdem konkrete Modelle für politisches Handeln auf wie zum Beispiel das Rollenmodell des engagierten Bürgers in Vorabendserien. Da diese Identifikationsangebote in einer entspannten, unterhaltsamen Atmosphäre aufgenommen werden, können sie leicht in den Horizont der eigenen Alltagswelt übergehen (vgl. Dörner 2001: 33 f.).

Zuletzt verfügt Politainment über die Funktion, durch ästhetische Bilder und Klänge einen emotionalen Zugang zur politischen Welt zu schaffen, der beim Rezipienten ein Wohlbefinden erzeugt. Gerade diese erzeugten Emotionen tragen zur steigenden Be- deutung des Politainment bei (vgl. ebd.: 34). Die emotionalen Ansprachemuster wurden gerade durch die Darstellungsmöglichkeiten des Mediums Fernsehen weiter ausgebaut und tragen zum steigenden Stellenwert des Politainment bei (vgl. Brosda 2002: 128).

2.2 Entwicklung

Der vielfältigen Funktionen des Politainment ist man sich in den Vereinigten Staaten - wo diese Form der Politikvermittlung seinen Ursprung findet - schon lange bewusst.

Entertainment ist in der amerikanischen Kultur seit jeher ein wichtiger Faktor und somit wurde auch von der Politik erwartet, dass sie einen gewissen Unterhaltungswert aufweist. Politische Inhalte waren von jeher auch Teil fiktionaler Serien. Beispielsweise in der ÄCosby Show“, die sich mit dem sozialen Aufstieg und der Integration schwarzer Bürger in den USA beschäftigte (vgl. Dörner 2002: 46 ff.).

Ein neues Ausmaß des von politischen Akteuren vorangetriebenen Politainment fand zu Beginn der 1990er Jahre statt. Vorreiter war Bill Clinton in seinem Wahlkampf gegen Amtsinhaber George Bush im Jahr 1992. Clinton setzte gezielt auf die Unterhaltun]gsmedien und nutzte Formate, die seinen Wählern wohlvertraut waren (vgl. ebd.: 56). So war er beispielsweise Gast in der Late-Night-Show von Larry King und gab bei MTV seine Saxofon-Künste zum Besten (vgl. Nolte 2005: 132).

In Deutschland wandelte Gerhard Schröder 1998 auf den Spuren Clintons und führte einen den Massenmedien angepassten Wahlkampf. Statt nur in Informations- und Nachrichtensendungen aufzutreten, nutzte Schröder seine Medienkompetenz für eine Schauspieleinlage bei der Daily-Soap „Gute Zeiten, schlechte Zeiten“ oder einen Besuch bei der ZDF-Show ÄWetten, dass …?!“ (vgl. Nolte 2005: 131 f.).

2.3 Aktuelle Beispiele

Seit Schröder es seinen politischen Mitstreitern vorgemacht hat, lassen sich immer häufiger Auftritte von Politikern in Unterhaltungsformaten - gerade in der heißen Phase des Wahlkampfes - beobachten und Politainment hat sich zu einem allgegenwärtigen Phänomen entwickelt.

Für großes Aufsehen sorgte 2002 der kurze Aufenthalt des FDP-Politikers Guido Westerwelle im Big-Brother-Container. Nachdem Westerwelle in einem gläsernen Wagen zum Container gefahren wurde, verbrachte er einige Stunden mit den Bewohnern des Reality-Formats. Bei den folgenden Gesprächen ging es dann weniger um den Austausch politischer Meinungen als um private Sachverhalte. Die anschließende Kritik war für Westerwelle weitestgehend negativ, sein Auftritt in dem fragwürdigen Format war umstritten (vgl. Brosda / Schicha 2002b: 162 f.).

Fast schon zum Standard im Medien-Lebenslauf eines Politikers zählen Auftritte bei Harald Schmidts Late-Night-Show in der ARD beziehungsweise ehemals bei Sat.1 oder Johannes B. Kerner im ZDF. Immer öfter werden Politiker eingeladen, Äum über Privates und Gesellschaftliches zu plaudern“ und sich Äals Mensch zum Anfassen […]

zu präsentieren“ (Vogt 2002: 141). Im Wahlkampf 2009 nahmen der SPD-Politiker Frank-Walter Steinmeier und dessen Frau Elke Büdenbender auf den Talk-Sesseln von Johannes B. Kerner Platz. Neben seinen politischen Ambitionen redete Steinmeier mit Kerner über den Musikgeschmack seiner Tochter und seine Lust am Heimwerken. Die Reaktionen darauf waren eher schwach: Spiegel-Online titulierte die beiden an- schließend aufgrund des wenig aufregenden Auftritts als Ädie Anti-Obamas“ (Burmester 2009).

Ein seit Jahren genutztes Forum für Politiker bietet - wie schon erwähnt - ÄWetten, dass …?!“. Bei einer kleinen Plauderrunde auf der Couch von Thomas Gottschalk suchen immer mehr politische Akteure nach der Zustimmung des Publikums. Jüngstes Beispiel hierfür ist Verteidigungsminister Karl-Theodor zu Guttenberg, der am Wochenende nach der Bundestagswahl 2009 mit seiner Ehefrau Stephanie zu Gast in der beliebten Wett-Show war und „mit Dauerlächeln“ (Bruckner, 2009) vom Kennen- lernen seiner Gattin erzählte.

2.4 Chancen und Risiken

Wie sich mit diesen Beispielen für Politainment zeigt, erkennen immer mehr politische Akteure die Chancen, die diese neue Art der Politikvermittlung bietet. Ein bedeutender Vorteil ist das Erreichen der Wähler, die sich grundsätzlich eher wenig für Politik interessieren. In Zeiten der Politikverdrossenheit - die gerade auch bei Jugendlichen und jungen Erwachsenen stark verbreitet ist (vgl. Schicha 2002: 63) - Äsind […] die Politiker gefordert, die potenziellen Wähler im Kontext ihrer Lebenswelt zu erreichen“ (Brosda / Schicha 2002a: 18). Gerade die unpolitischen Wechselwähler sind zeitgleich auch unterhaltungsorientierte Mediennutzer (vgl. Schulz 1997: 196 und Holtz-Bacha 1999: 17 zitiert nach Vogt 2002: 140).

„Unterhaltsam aufbereitete Beiträge ziehen eher die Aufmerksamkeit des Publikums auf sich. Aufmerksamkeit wiederum zählt zu den knappsten Ressourcen in der Mediengesellschaft. Eine unterhaltsame Berichterstattung über Politik führt also dazu, dass politische Themen in der Öffentlichkeit stärker wahrgenommen werden.“ (Rager / Rinsdorf 2002: 233)

Medienpräsenz - gerade auch bei Politikern - wird immer mehr zum zentralen Faktor. Nicht nur, um die Aufmerksamkeit der Bevölkerung zu erhaschen, sondern auch, um gesellschaftliche Anerkennung zu erlangen (vgl. Geisler / Tenscher 2002: 171). Da viele Unterhaltungsformate wie beispielsweise ÄWetten, dass …?!“ zur Primetime aus-gestrahlt werden, ist Politikern die Aufmerksamkeit der breiten Masse garantiert.

[...]

Ende der Leseprobe aus 18 Seiten

Details

Titel
Politik als Show?
Untertitel
Wahlkampf in Unterhaltungsmedien: von der "heute show" bis zur "TV total Bundestagswahl"
Hochschule
Universität Passau
Note
1,3
Autor
Jahr
2010
Seiten
18
Katalognummer
V173427
ISBN (eBook)
9783640936113
ISBN (Buch)
9783640936106
Dateigröße
653 KB
Sprache
Deutsch
Schlagworte
Medien, Kommunikation, Wahlkampf, Politik, TV total, heute show, Fernsehen, Unterhaltung
Arbeit zitieren
Annabelle Seibt (Autor), 2010, Politik als Show?, München, GRIN Verlag, https://www.grin.com/document/173427

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