Den Problemkreis, den Helmut Schmidt als erster westlicher Staatsmann öffentlich am 27.
Oktober 1977 vor dem International Institute for Strategic Studies in London artikulierte, sollte
die Geschichte des Ost-West-Konflikts in den kommenden Jahren entscheidend prägen. Die
Disparitäten im Bereich der nuklearen Mittelstreckenpotentiale in Europa entwickelten sich zur
zentralen sicherheitspolitischen Fragestellung innerhalb des nordatlantischen Bündnisses und die
Besorgnis, die Helmut Schmidt hier zur Sprache brachte, fand ihren Niederschlag im
sogenannten NATO-Doppelbeschluss, den die Außen- und Verteidigungsminister der NATO
am 12. Dezember 1979 fassten.
Vorliegende Arbeit wird sich mit den Gründen der Beschlussfassung auseinandersetzen und
dabei die verschiedenen sicherheitspolitischen Aspekte betrachten, auf die Bundeskanzler
Schmidt im einführenden Zitat verwies: Die beiden ersten Teile der Arbeit werden sich mit zum
Verständnis unerlässlichen Grundlagen der Thematik befassen; dort sollen zuerst die
sicherheitspolitischen Konzeptionen der beiden Blöcke erläutert werden, um dann im dritten
Kapitel auf den rüstungskontrollpolitischen Kontext einzugehen, der erst die sogenannte
Grauzonenproblematik entstehen lassen konnte, der sich diese Arbeit widmet. Dabei soll stets die
Frage im Vordergrund stehen, wie die sogenannten TNF2 im Verhältnis von
Sicherheitsperzeption und Rüstungskontrolle positioniert sind.
Im daran anschließenden Hauptteil der Arbeit soll auf die eigentliche Entwicklung der
Mittelstreckenrüstung auf dem europäischen Schauplatz eingegangen werden, die zur prekären Lage zu Ende der siebziger Jahre und zum Modernisierungsbeschluss der NATO führte. Die
politische Brisanz der Thematik nährt sich dabei vor allem aus der rüstungspolitischen Realität,
weshalb sich die Frage nach den zugrundeliegenden Daten stellt. Eine Vielzahl von Publikation
liefert dabei teilweise bedenklich voneinander abweichende Daten3. [...]
2 TNF = Theater Nuclear Forces: Nuklearwaffen auf und für den europäischen Schauplatz; später in INF
umbenannt: Intermediate Nuclear Forces
3 Vgl. zur Datenproblematik: Martin, James J.: Die nuklearen Kräfteverhältnisse in Europa 1970 – 1980, in: Uwe
Nerlich (Hg.): Sowjetische Macht und westliche Verhandlungspolitik im Wandel militärischer
Kräfteverhältnisse, Baden-Baden, 1982, S. 135 – 187, hier: S. 157.
Inhaltsverzeichnis
- Einleitung
- Militärstrategie und sicherheitspolitische Konzeptionen der beiden Blöcke
- NATO - Massive Vergeltung und Flexible Reaktion
- Warschauer Pakt - Vorwärtsverteidigung und Doktrin der verbundenen Waffen
- Die Frage nach Parität
- Rüstungskontrolle und Grauzonenwaffen
- Die Mittelstreckenproblematik in Europa
- Die Entwicklung der eurostrategischen Rüstung
- Folgen und Bedrohungsszenarien
- Der NATO-Doppelbeschluss
- Fazit
Zielsetzung und Themenschwerpunkte
Ziel der vorliegenden Arbeit ist die Analyse der Hintergründe des NATO-Doppelbeschlusses von 1979. Im Fokus steht dabei die Frage, wie die Disparitäten im Bereich der nuklearen Mittelstreckenpotentiale in Europa die sicherheitspolitische Situation innerhalb des nordatlantischen Bündnisses beeinflussten und zum Beschluss führten.
- Sicherheitspolitische Konzeptionen der NATO und des Warschauer Pakts
- Rüstungskontrolle und die Entstehung der Grauzonenproblematik
- Die Entwicklung der eurostrategischen Rüstung in den 1970er Jahren
- Bedrohungsszenarien und Folgen der Mittelstreckenproblematik
- Die Rolle des NATO-Doppelbeschlusses in der Geschichte des Ost-West-Konflikts
Zusammenfassung der Kapitel
Die Einleitung stellt die Problematik der Mittelstreckenpotentiale in Europa vor und erläutert die Relevanz des Themas. Die beiden ersten Kapitel befassen sich mit den sicherheitspolitischen Konzeptionen der NATO und des Warschauer Pakts. Dabei werden die Strategien der „massiven Vergeltung“ und „flexiblen Reaktion“ (NATO) sowie die „Vorwärtsverteidigung“ und „Doktrin der verbundenen Waffen“ (Warschauer Pakt) analysiert. Das dritte Kapitel geht auf den rüstungskontrollpolitischen Kontext ein, der die Entstehung der Grauzonenproblematik ermöglichte. Im vierten Kapitel werden die Entwicklung der eurostrategischen Rüstung und die daraus resultierenden Bedrohungsszenarien dargestellt.
Schlüsselwörter
Die Arbeit befasst sich mit der Geschichte des Ost-West-Konflikts, insbesondere mit der Mittelstreckenproblematik in Europa. Dabei stehen die NATO, der Warschauer Pakt, Nuklearwaffen, Rüstungskontrolle, Sicherheitspolitik, Abschreckung, Parität und der NATO-Doppelbeschluss im Vordergrund.
Häufig gestellte Fragen
Was war der NATO-Doppelbeschluss von 1979?
Ein Beschluss der NATO, der einerseits die Stationierung neuer nuklearer Mittelstreckenraketen in Europa vorsah und andererseits der Sowjetunion Verhandlungen zur Rüstungskontrolle anbot.
Was ist die "Grauzonenproblematik"?
Sie bezeichnete die Lücke in der Rüstungskontrolle für Waffen, die weder unter die strategischen (SALT) noch unter die konventionellen Abkommen fielen, insbesondere nukleare Mittelstreckenraketen.
Welche Rolle spielte Helmut Schmidt beim Doppelbeschluss?
Bundeskanzler Helmut Schmidt artikulierte als erster öffentlich die Besorgnis über das sowjetische Übergewicht bei Mittelstreckenwaffen (SS-20) und drängte auf eine westliche Reaktion.
Was bedeutet TNF und INF?
TNF steht für "Theater Nuclear Forces" (Nuklearwaffen für den europäischen Schauplatz), später umbenannt in INF ("Intermediate Nuclear Forces").
Was war die Strategie der "Flexiblen Reaktion" der NATO?
Eine Militärstrategie, die vorsah, auf einen Angriff angemessen und abgestuft zu reagieren, anstatt sofort mit massiver nuklearer Vergeltung zu antworten.
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- Daniel Brombacher (Author), 2003, Die Mittelstreckenproblematik in Europa - Die Frage nach den Hintergründen des NATO-Doppelbeschlusses, Munich, GRIN Verlag, https://www.grin.com/document/17343