Interkulturalität im Film am Beispiel von Fatih Akins "Gegen die Wand"


Essay, 2010

6 Seiten, Note: 2,0


Leseprobe

Wenn man über die heutige Gesellschaft spricht, ist die Erwähnung des Phänomens der Globalisierung, die durch Migrationsbewegungen geprägt wird, nicht zu vermeiden. Die zeitgenössische deutsche Literatur ist stark von diesen Prozessen beeinflusst und reagiert darauf durch die Entwicklung neuer interkultureller Ähybrider“ Literaturformen, deren Problematik die Aufmerksamkeit der Literaturwissenschaft gewonnen hat.

Jedoch ist es nicht nur Literatur, die auf die Prozesse der Migration und Verflechtung der Kulturen reagiert. Seit einigen Jahren kann man auch von ähnlichen Prozessen innerhalb der Kinematographie Deutschlands sprechen. So wie literarische Texte erscheinen, die von Autoren mit Migrationshintergrund verfasst werden, werden auch Filme von Regisseuren gedreht, die ursprünglich nicht aus Deutschland stammen. Es stellt sich also die Frage, ob man neben einer interkulturellen Literatur auch von interkulturellem Film sprechen kann. Wenn das der Fall ist, welcher Film kann dann als interkulturell bezeichnet werden und welcher nicht? Was sind Kennzeichen eines solchen Filmes? Ist es einfach die Thematik, die den Film interkulturell macht, oder ist es die filmische Erz1 etabliert. Ein prominentes Beispiel ist der Film von Fatih Akin Gegen die Wand (2004), der seinem Regisseur großen Erfolg eingebracht hat. Im Folgenden werde ich die Besonderheiten des filmischen Erzählens am Beispiel des Films Gegen die Wand betrachten. Ich werde versuchen festzustellen, ob der Film aufgrund seiner Erzählweise als Interkulturell bezeichnet werden kann.1

Zur Beantwortung dieser Fragestellung sind erzähltheoretische Ansätze besonders hilfreich, die sich neben literarischen Texten auch auf andere Formen des Erzählens, wie Lyrik, Drama, Malerei und Film anwenden lassen. In diesem Fall handelt es sich also um audiovisuelle Erzählungen, die Äreale oder erfundene Ereignisse mittels Bild-Ton-Kombinationen dar[stellen]“2, und die durch unterschiedliche Medien wie hat sich als eigenes ÄGenre des deutschen Films“

Internet, Mobiltelefon, Kino und Fernsehen geprägt werden. Solche Medien stellen heutzutage eine Konkurrenz zu den traditionellen Formen des Erzählens dar und sind die Äam stärksten genutzte und vermutlich einflussreichste Form des Erzählens überhaupt“3. Wenn man sich also mit interkulturellen Fragen beschäftigt, können deshalb die Medien nicht unberücksichtigt bleiben.

Das audiovisuelle Erzählen hat viele gemeinsame Züge mit dem schriftsprachlichen Erzählen, so wie mit dem theatralen Erzählen. Ähnlich den Romanen können Filme zwischen Zeiten, Perspektiven und Schauplätzen wechseln. So wie Aufführungen im Theater Äsprechen sie den Zuschauer unmittelbar und in einem zeitlich fest vorgegebenen Ablauf an“4. Viele Kategorien der Erzähltextanalyse können demnach auch auf den Film übertragen werden (natürlich mit gewissen Modifikationen). Ein besonderer Zug des audiovisuellen Erzählens besteht jedoch in seinen Äkonkreten Mitteln der erzählerischen Darstellung“5.

Gegen die Wand erzählt in klassischer Erzählweise (auktoriale Erzählsituation, vermittelt durch eine weitestgehend neutrale Kamera)6 die Geschichte des 40- jährigen Cahit und der 18-jährigen Sibel, deutsch-türkischen Protagonisten, die mit ihren massiven Identitätskonflikten dargestellt werden. Die beiden sind in Äeine[r] marginale[n] Position, sie sind lebenshungrig, aber gleichzeitig auch selbstdestruktiv. [...] Sie oszillieren zwischen Selbstzerstörung und Selbstfindung und befinden sich damit in einer liminalen Phase“7 ; beide haben Selbsmordversuche hinter sich. Die Liebesgeschichte von Cahit und Sibel lässt sich nur über ihre Konfrontation mit ihrem interkulturellen Hintergrund erzählen. Sibel leidet unter der strengen Ordnung ihrer Familie, ein Äspezifisches psychologisches Problem für junge Migranten[, die] im ‚Sprung‘ zwischen erster, zweiter und dritter Generation liegt“8, und Cahit ist ein Alkoholiker, der innerlich längst tot ist. Obwohl er türkische Wurzeln hat, spricht er von Äscheiß Kanaken“ und antwortet auf die Frage, warum sein Türkisch so schlecht ist, dass er es Äweggeworfen“ hat; Cahit kann deshalb eher als ÄAnti-Türke“ bezeichnet werden. Während sich Sibel Äin performativer Weise kulturelle Zuschreibungen strategisch aneignet, [...] lässt die Figur Cahit kaum Ansätze der Verortung zu“9.

Betrachten wir zunächst die Eröffnungsszene. Was kann der Zuschauer mittels der Kamera zu Beginn des Werkes visuell und was kann er auditiv wahrnehmen? Am Anfang des Filmes, noch während der Titel ÄGegen die Wand“ in großen Buchstaben erscheint, beginnt die Off-Stimme, d.h. eine Quelle außerhalb des Bildes, das Lied auf Türkisch zu singen. Diese Technik der Überblendung der Tonspur verwendet Fatih Akin an vielen Stellen im Film. Danach ist Instrumentalmusik zu hören, deren Quelle man nun auf dem Bildschirm visuell wahrnehmen kann, und zwar ist es das Ensemble des Roma-Musikers Selim Sesler zusammen mit der Solistin Idil Üner. Sie stehen auf roten orientalischen Teppichen vor der Kulisse Istanbuls - eine Einstellung, die sehr einer Postkarte ähnelt, was ein deutliches Fiktionssignal ist. Es wird die Ballade ÄSaniye‘m“ vorgesungen, die von einer unerwiderten Liebe erzählt. Dadurch wird, was später auf der Handlungsebene stattfinden wird, an dieser Stelle bereits kommentiert. Der Auftritt des Ensembles ist mit dem griechischen Trauerspiel und dessen Chor vergleichbar, und gliedert den Film in fünf Hauptsequenzen oder -akte, die mit dem Geschehensablauf korrelieren. Was die Zeitlichkeit im Film angeht, unterscheiden sich die Erzählzeit und die erzählte Zeit insgesamt stark. So erstrecken sich die Chorauftritte vom frühen morgen bis in die Abenddämmerung, was aus den Lichtverhältnissen klar wird. Die erzählte Zeit hingegen erstreckt sich über etwa sechs Jahre.10

Im ersten Akt zeigt der Chor den Plot der Narration auf: Es werden die beiden deutsch-türkischen Hauptprotagonisten vorgesellt. Der erste, Cahit, ist ein Alkoholoker, der mit seinem Auto gegen die Wand fährt und später in eine Alkoholiker, der innerlich längst tot ist.

[...]


1 Hendrik Blumentrath: Transkulturalität. Türkisch-deutsche Konstellationen in Literatur und Film. Münster, 2007. S. 86.

2 Silke Lahn, Jan Christoph Meister: Einführung in die Erzähltextanalyse. Stuttgart, 2008. S. 263.

3 Ebd., S. 263.

4 Ebd., S. 264.

5 Ebd., S. 265.

6 Vgl. Matthias Knopp: ÄIdentität zwischen den Kulturen: Gegen die Wand“. In: Kontext Film. Beiträge zu Film und Literatur. Hg. v. Michael Braun und Werner Kamp. Berlin, 2006. S. 59-77. Hier S. 61.

7 Maha El Hissi: ÄTransnationaler Grenzverkehr in Fatih Akins ‚Gegen die Wand‘ und ‚Auf der anderen Seite‘“. In: Von der nationalen zur internationalen Literatur. Transkulturelle deutschsprachige Literatur und Kultur im Zeitalter globaler Migration. Hg. v. Helmut Schmitz. Wien, 2009. S. 169-186. Hier S. 173.

8 Matthias Knopp: ÄIdentität zwischen den Kulturen: Gegen die Wand“. In: Kontext Film. Beiträge zu Film und Literatur. Hg. v. Michael Braun und Werner Kamp. Berlin, 2006. S. 59-77. Hier S. 61.

9 Hendrik Blumentrath: Transkulturalität. Türkisch-deutsche Konstellationen in Literatur und Film. Münster, 2007. S. 115.

10 Vgl. Matthias Knopp: ÄIdentität zwischen den Kulturen: Gegen die Wand“. In: Kontext Film. Beiträge zu Film und Literatur. Hg. v. Michael Braun und Werner Kamp. Berlin, 2006. S. 59-77. Hier S. 63-65.

Ende der Leseprobe aus 6 Seiten

Details

Titel
Interkulturalität im Film am Beispiel von Fatih Akins "Gegen die Wand"
Hochschule
Albert-Ludwigs-Universität Freiburg
Note
2,0
Autor
Jahr
2010
Seiten
6
Katalognummer
V173436
ISBN (eBook)
9783640936182
Dateigröße
467 KB
Sprache
Deutsch
Schlagworte
Interkulturalität, Interkulturalität und Film, Fatih Akin, Gegen die Wand
Arbeit zitieren
Ievgeniia Bogomolova (Karashchuk) (Autor), 2010, Interkulturalität im Film am Beispiel von Fatih Akins "Gegen die Wand", München, GRIN Verlag, https://www.grin.com/document/173436

Kommentare

  • Noch keine Kommentare.
Im eBook lesen
Titel: Interkulturalität im Film am Beispiel von Fatih Akins "Gegen die Wand"



Ihre Arbeit hochladen

Ihre Hausarbeit / Abschlussarbeit:

- Publikation als eBook und Buch
- Hohes Honorar auf die Verkäufe
- Für Sie komplett kostenlos – mit ISBN
- Es dauert nur 5 Minuten
- Jede Arbeit findet Leser

Kostenlos Autor werden