Fedor Tjutčevs "Silentium!" - Eine Analyse des Welt- und Menschenbildes


Hausarbeit, 2011
12 Seiten, Note: 1,0

Leseprobe

Inhaltsverzeichnis

0 EINLEITUNG

1 DAS WELTBILD.
1.1 Allgemeiner Weltzustand
1.2 Räumliche und zeitliche Orientierung

2 DAS MENSCHENBILD
2.1 Figurenkonzeption
2.2 Figurencharakterisierung.
2.3 Figurenperspektivierung
2.3.1 Kommunikation
2.3.2 Beziehung zu Raum und Zeit
2.3.3 Perspektivierung durch lyrische Haltung

3 SYNTHESE

4 LITERATURVERZEICHNIS

0 Einleitung

„Jede feste Gestalt, jeder eindeutige Gedanke, jedes ausgesprochene Wort kam ihnen als tot und verlogen vor.“1 Bereits in diesem Ausspruch von Kirill Pigarev wird das Wissen um das Spannungsverhältnis zwischen Gedanken und Worten deutlich. In der Lyrik der russischen Romantik war das Misstrauen gegenüber der Sprache ein wichtiges lyrisches Motiv und zugleich insbesondere bei den Symbolisten ein zentraler Bestandteil.

Diese Thematik findet sich auch in Fedor Tjutčevs Gedicht Silentium! als ein bedeutender Schwerpunkt wieder. Keineswegs vermag in Silentium! ein anderer Vers als „Der ausgesprochene Gedanke ist Lüge“ (II, 4) die Problematik in stilistischer und inhaltlicher Form prägnanter festzuhalten. Diesem Vers erfuhr auch künftig noch eine tragende Rolle, denn er entwickelte sich zum Leitspruch der russischen Symbolisten und könnte zudem auch den Titel von Tjutčevs Lebenswerk schmücken.

Deshalb wirft sich die Frage auf, inwiefern in Silentium! die Problematik der Sprachskepsis und -kritik verarbeitet wurde und wie sich diese auf das Welt- und Menschenwelt auswirkt. Eine Analyse, die sich am Interpretationsschema von Prof. Dr. Birgit Harreß orientieren wird, soll darüber Aufschluss geben.

Im ersten Kapitel gilt es, kritisch zu untersuchen, wie sich der allgemeine Weltzustand und darüber hinaus die Beziehung zwischen Weltordnung und Weltbewohnern gestaltet. Anschließend soll diese Erkenntnis in eine räumliche und zeitliche Konkretisierung eingeordnet werden.

Im zweiten Teil wird unter anderem herauszustellen sein, wie sich die existentielle sowie soziale Verfassung des lyrischen Ichs in die Figurenkonzeption eingliedern. Ein weiteres Ziel besteht darin, zu analysieren, ob und inwieweit das lyrische Ich beispielsweise hinsichtlich körperlicher oder sexueller Gestaltung als lyrische Figur charakterisiert werden kann. Interessant erscheint zudem, eine Figurenperspektivierung unter den Aspekten der Kommunikation, Beziehung zu Raum und Zeit sowie Perspektivierung der lyrischen Haltung vorzunehmen.

In der Gesamtheit soll die Analyse des Welt- und Menschenbildes in Tjutčevs Silentium! einen differenzierten Standpunkt zur Thematik ermöglichen und exemplarisch darstellen, welche enorme Bedeutung diesem Gedicht innerhalb der philosophischen Naturlyrik, der Betrachtung von Sprachskepsis und -kritik, der Epoche der Romantik, der Symbolistenbewegung sowie der gesamten russischen Lyrik widerfährt.

1 Das Weltbild

Die vorherrschende Weltordnung in Tjutčevs Gedicht Silentium! soll im Folgenden analysiert werden. Dabei wird insbesondere auf die Beziehung beziehungsweise den Antagonismus zwischen Chaos und Kosmos einzugehen sein. Des Weiteren gilt es auch das Weltbild in einem räumlichen und zeitlichen Rahmen zu konkretisieren und dessen Besonderheiten in den Gesamtkontext einzuordnen.

1.1 Allgemeiner Weltzustand

Die gründliche Analyse offenbart, dass es sich beim Weltbild um eine Polarität zwischen Chaos und Kosmos handelt. Besonders deutlich wird dieses konzentrierte Spannungsverhältnis an vielen Gegensatzpaaren wie beispielsweise „Tag[ ]“ (III, 5) und „Nacht“ (I, 5) oder „Empfangendes und Schöpferisches“2.

Dieser Zustand des Dualismus ermöglicht zudem eine Kollision. Kennzeichnend dafür ist das Reiben des lyrischen Ichs an den beherrschenden Verhältnissen der Welt. In diesem Zusammenhang wird deutlich, dass das Chaos in der Natur beruht. Das Warten auf den Schöpfer steht im Mittelpunkt, um dadurch den Weg ins Leben zu ebnen. Hingegen findet der Kosmos seinen Ursprung im Wort. Durch dieses erfährt die materielle Vielfalt den Weg ins Diesseits und kann somit zur Schöpfung gelangen. Die zentrale Aufgabe des Menschen besteht darin, dass Chaos und Kosmos im Inneren erfahrbar und begreifbar werden zu lassen. Dieser Weg findet eine enorme Wirkung auf die Menschen. Einzig diese Form kann die Gegensätze und zugleich den Menschen als Ganzes vereinigen.3

Insbesondere in der Romantik, zu dessen Vertretern auch Tjutčev zählt, wird die menschliche Seele als ein Mikrokosmos betrachtet. Dieser Mikrokosmos ist wiederum in einem Makrokosmos platziert, denn auch die menschliche Seele ist wie das Weltall unendlich und nahezu unerforscht. Weiterhin zeigt Silentium! auch den Gegensatz zwischen vergänglichen Taten des Menschen und dem Ewigkeitscharakter der Natur auf; somit also auch das Verhältnis von Materie und Geist4. Die Motive des stillen Einkehr und der geistigen Einsamkeit wie zum Beispiel „[s]chweig, verbirg und halte [dich] geheim“ (I, 1) oder „[v]erstehe nur in dir selbst zu leben“ (III, 1) verdeutlichen, dass der Mensch einzig so zu höherer Erkenntnis gelangen kann.

Daran schließt auch die zentrale Idee des Gedichtes an. Es handelt sich um den pantheistischen Monismus. Demnach sei Gott mit Kosmos und Natur vereinigt und somit auch im Inneren des Menschen anzutreffen. Allerdings offenbart die pantheistische Verbundenheit zwischen Mensch und Natur auch die Kurzlebigkeit des Zustandes, da Harmonie und Zwietracht zugleich existieren.5

1.1 Räumliche und zeitliche Konkretisierung

Inhaltlich lassen sich im Gedicht Silentium! (1831) keine genaueren Hinweise auf eine zeitliche Konkretisierung feststellen. Allerdings ist eine literaturgeschichtliche Einordnung in die Epoche des späten Idealismus möglich, welcher von einem neuen Materialismus abgelöst wird. Im Mittelpunkt steht ein allein vom Bewusstsein gesteuerter Mensch, dessen Intention es ist, „alles zu erklären [und somit] das Mysterium des Seins zu erfahren“6. Räumlich gesehen, ist das Geschehen unverkennbar in der Natur beheimatet. Deutlich wird diese Tatsache unter anderem an der „Tiefe der Seele“ (I, 3), die mit der „Nacht“ (I, 5) gleichgesetzt wird. Diese unendliche Tiefe der Seele offenbart „eine ganze Welt [g]eheimnisvoll-wunderbarer Gedanken“ (III, 2-3). Einzig in dieser kann der Mensch sein ganzes Sein entfalten sowie die „Schönheit [des Lebens, der] Liebe und geistige[n] Nahrung“7 erfahren. Weiterhin könnten die „Gefühle und Träume“ (I, 2) die Sterne in der nächtlichen Umgebung symbolisieren. Insbesondere die Nachtlandschaft ermöglicht es, „die tiefen Geheimnisse des Seins zu erkennen“8.

Allerdings stehen die Innen- und Außenwelt in einem oppositionellen Verhältnis.

Die Innenwelt vermittelt die Vorstellung einer natürlichen Ordnung, welche mit der nächtlichen Natur im Einklang steht. Das lyrische Ich fordert mittels einer Personifikation dazu auf, die „Gefühle und Träume […] [a]uf und niedergehen [zu lassen] wie Sterne in der Nacht“ (I, 2-5) und verdeutlicht damit, dass dieser Vorgang auch in der Tiefe der menschlichen Seele wiederzufinden ist.9

Dahingegen wird die Innenwelt durch „Lärm von außen“ (III, 4) und „Strahlen des Lichts“ (III, 5), demnach einer schrillen und grellen Außenwelt bedroht. Die Erfassung der menschlichen Innenwelt wird durch diese negativen Vorgänge erheblich erschwert. Weiterhin steht die Existenz des Tages für den Bereich des Alltäglichen im Leben.

[...]


1 Hauser, Arnold: Sozialgeschichte der Kunst und Literatur. München: C. H. Beck Verl. 1990, S. 703.

2 Harreß, Birgit: Fedor Tjutčev. Silentium! In: Zelinsky, Bodo (Hrsg.): Die russische Lyrik. Köln, Weimar; Wien: Böhlau Verl. 2002, S. 110.

3 Vgl. ebd.

4 Vgl. Waegemans, Emmanuel (Hrsg.): Geschichte der russischen Literatur. Von Peter dem Großen bis zur Gegenwart. Konstanz: UVK Universitätsverlag Konstanz 1998, S. 111.

5 Vgl. Waegemans, Emmanuel 1998, S. 110.

6 Harreß, Birgit 2002, S. 112.

7 Ebd.

8 Kasack, Wolfgang (Hrsg.): Hauptwerke der russischen Literatur. Einzeldarstellungen und Interpretationen. München: Kindler Verl. 1997, S. 270.

9 Vgl. Harreß, Birgit 2002 S. 112.

Ende der Leseprobe aus 12 Seiten

Details

Titel
Fedor Tjutčevs "Silentium!" - Eine Analyse des Welt- und Menschenbildes
Hochschule
Universität Leipzig  (Institut für Slavistik)
Veranstaltung
Russische Literatur
Note
1,0
Autor
Jahr
2011
Seiten
12
Katalognummer
V173441
ISBN (eBook)
9783640936465
ISBN (Buch)
9783640936762
Dateigröße
1092 KB
Sprache
Deutsch
Schlagworte
Fedor Tjutčev, Silentium!, Menschenbild, Weltbild, Allgemeiner Weltzustand, Räumliche Orientierung, Zeitliche Orientierung, Figurenkonzeption, Figurencharakterisierung, Figurenperspektivierung, Russland, Russische Lyrik, Symbolismus, Russische Symbolisten, Interpretation, Kommunikation, Beziehung zu Raum und Zeit, Perspektivierung durch lyrische Haltung, Russische Romantik, Sprachskepsis, Sprachkritik, Kirill Pigarev, Chaos, Kosmos, Polarität, lyrisches Ich, Innenwelt, Außenwelt, Lichtmetaphorik, existenzielle Verfassung, soziale Verfassung, lyrisches Subjekt, Antagonismus, Appellcharakter, "Der ausgesprochene Gedanke ist Lüge", Pantheismus, Selbstreflexion, philosophische Naturlyrik
Arbeit zitieren
Christian Roos (Autor), 2011, Fedor Tjutčevs "Silentium!" - Eine Analyse des Welt- und Menschenbildes, München, GRIN Verlag, https://www.grin.com/document/173441

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