Die Nationalisierung Europas - Zu Stand und Zukunft der europäischen Identität


Hausarbeit (Hauptseminar), 2011
23 Seiten, Note: 1,0

Leseprobe

Inhaltsverzeichnis

1. Einleitung

2. Annäherungen und Definitionen: Kollektive Identität, Kollektive Erinnerung und Nationalisierung

3. Eine Europäische Kultur?
3.1. „Die Sprache lädt zur Vereinigung ein“ - Nation Europa und die Sprache "
3.2. Historischer Diskurs und Imagination von Europa"
3.3. Europäische Kultur, Europäische Werte"

4. Wir sind wir - die gegenseitige Anerkennung als Nation

5. Das Konstitutive Außerhalb

6. Fazit und Ausblick

7. Literaturverzeichnis

1. Einleitung

Seit Beginn der Neuzeit gab es in Europa zwei einander bedingende histori- sche Entwicklungen: das langsame Aufkommen des Phänomens Nation und die sukzessive Realisierung von Nationalstaaten, die nach dem Fall der UdSSR eine jüngste Welle erfuhr, einerseits, und das Aufkommen europäischer „Friedenspläne“ und Pläne für eine europäische Vereinigung andererseits. Spätestens seit dem 19. Jahrhundert stellen Nation und Europa dabei schwer miteinander vereinbare Ge- gensätze dar.1 Zwar kann in der Europäischen Integration ein Anfang der lange postulierten „Überwindung des Nationalen“ gesehen werden,2 aber angesichts der Anwendung nationalstaatlicher Symbole wie Flagge, Hymne, Festtag und Motto steht Skepsis im Raum, ob der politische Körper eines integrierten Europas für alle Zeiten etwas wesensmäßig anderes sein wird, als es die Nationalstaaten spätestens in den letzten beiden Jahrhunderten in Europa geworden sind.

Diese Arbeit geht daher der Frage nach, ob man die aktuelle Form der kollek- tiven europäischen Identität als Nation bezeichnen kann und welche Perspektiven sich für das Nation-Sein von Europa zeichnen lassen. Die Europäer, so postuliere ich, sind zur Zeit noch nicht als Nation zu verstehen - diese Nation ist allerdings im Werden begriffen. Dieser These gilt es im Laufe der Arbeit nachzugehen.

Um über ein politisch so wirkmächtiges Phänomen wie Nation diskutieren zu können, ist es unerlässlich, Begrifflichkeiten zu klären. Nation soll hier in Anleh- nung an ANDERSON verstanden werden als „(…) vorgestellte politische Gemein- schaft - vorgestellt als begrenzt und souverän.“3 Diese Definition ist nicht empi- risch, sondern normativ zu verstehen: eine Nation ist also nicht zwangsläufig schon ein souveräner Staat. Das Streben nach gleichen Grenzen für Nation und Staat ist für mich in Anlehnung an GELLNER Nationalismus,(...) a political principle, which holds that the political and the national unit should be congruent.“4

Die konstruktivistische Nationalismusforschung hat zwei Bedingungen for- muliert, die obligatorisch sind, damit eine Gruppe eine Nation sein kann: erstens die Angehörigkeit zu einer gemeinsamen Kultur, von GELLNER definiert als „(...) a system of ideas and signs and associations and ways of behaving and communicating.“Zweitens ist unerlässlich, dass sich die Mitglieder einer Gruppe gegenseitig als Angehörige der gleichen Nation sehen oder begreifen. „(...) nations are the artefacts of men‘s convictions and loyalities and solidarities.“5

In einer Betrachtung der etwaigen Nation Europa gilt es also zu untersuchen, ob die Angehörigen der EU-Staaten einer gemeinsamen Kultur angehören und ob sie sich gegenseitig als Nation verstehen. Die theoretische, aber auch die empiri- sche Beschäftigung mit dem Phänomen Identität hat indes gezeigt, dass es zur Bil- dung einer Identität immer ein „konstitutiv[es] Außerhalb“6 braucht, dass Identität also nur durch Alterität entstehen kann.7 Es ist daher auch zu untersuchen, was ein solches konstitutives Außerhalb für die europäische Identität ist oder perspektivisch sein könnte - denn ohne ein solches wird es eine europäische Nation nicht geben.

Nach einem Kapitel mit Definitionen und Annäherungen an zentrale Begriff- lichkeiten (Kap.2 ) will ich untersuchen, welche kulturellen Gemeinsamkeiten zur Imagination einer europäischen Identität taugen und welche Relevanz sie besitzen (Kap. 3). Anschließend werde ich mich v.a. anhand von Daten von Eurostat mit der Frage der gegenseitigen Anerkennung als Nation beschäftigen (Kap. 4). Daran knüpft an die Diskussion des konstitutiven Außerhalb „der Europäer“. Hier sollen auch mögliche Differenzbildungsprozesse benannt werden (Kap. 5), abschließend Schlüsse aus der Untersuchung zu ziehen und einen Ausblick zu wagen (Kap. 6).

2. Annäherungen und Definitionen: Kollektive Identität, Kollektive Erinnerung und Nationalisierung

ERIKSON hat 1973 eine bis heute anerkannte Definition von individueller Identität gegeben: „Das Gefühl der Ich-Identität ist (…) das angesammelte Ver- trauen darauf, dass der Einheitlichkeit und Kontinuität, die man in den Augen anderer hat, eine Fähigkeit entspricht, eine innere Einheitlichkeit und Kontinui- tät aufrechtzuerhalten.“8 Deutlich werden hier die imaginierten Charakteristika von Identität, nämlich Einheitlichkeit und Kontinuität. Die anthropologische For- schung betont, dass es ein menschliches Grundbedürfnis sei, Kollektiven anzugehören.9 Kollektive Identitäten versorgen dabei diese Kollektive „(…) mit Kontinuität, mit Frieden innerhalb des Kollektivs, indem Aggressivität nach Außen gelenkt wird, sie schützt bis zu einem gewissen Grad vor auseinander- driftenden Interssen und Dynamiken, sie integriert bis zu einem gewissen Grad Diversität zu einer Einheit, Identität legitimiert und stellt nicht zuletzt ein poli- tisches Machtinstrument dar.“10 Dieses Machtinstrument dient eben auch zur Legitimation von Machtausübung, somit zur Konstituierung von Herrschaft.

Auch das kollektive Gedächtnis ist ein Legitimationsinstrument: es legitimiert „(…) gesellschaftliche Institutionen und symbolische Sinnwelten, indem es die Gewissheit liefert, diese seien schon immer so gewesen oder seinerzeit aus gutem Grund entstanden.“11 Es geht aber auch darum, „(…) die Kohärenz von Gruppen und Gesellschaften im Angesicht all der Herausforderungen, denen sie sich im Lauf der Zeit gegenüber sehen, herzustellen.“12 Legitimität soll somit durch Historiziät erzeugt werden.

In der Forschung hat es seit dem Konstruktivismus einen Paradigmen- wechsel vom Essentialismus hin zu einer hybriden Betrachtung von Identitäten gegeben. Diese konstruktivistische Betrachtung will nicht „die Betonung der ,Wurzeln‘ europäischer Identität (…)“ in den Vordergrund stellen, betrachtet „(…) das Sein einer Identität, wie es die essentialistische Konzeption annimmt, [vielmehr nur im] Sinne einer verbalen (diskursiven) und bildlichen Repräsenta- tion, nicht aber im Sinne einer objektiven Wahrheit.“13 Ich will mich in meiner Betrachtung dieser Perspektive anschließen und also nicht ergründen, was tat- sächliche kulturelle Gemeinsamkeiten „der Europäer“ sind, wer sich wirklich von ihnen unterscheidet, sondern betrachten, was als kulturelle Basis oder wer als „die Anderen“imaginiert werden kann. Als Nationalisierung verstehe ich den Pro- zess der zunehmenden Selbstidentifikation eines solchen entstehenden imaginier- ten Kollektivs als Nation.

3. Eine Europäische Kultur?

Die Herausbildung eines europäischen Kollektivs und der Diskurs darum sind ungefähr seit Beginn der Frühen Neuzeit zu beobachten.14 Die Diskurse um Europa als politische oder kulturelle Einheit waren dabei auch stets nach der Suche kultureller Gemeinsamkeiten geprägt. Ich will daher in diesem Kapitel historisch diskutierte Aspekte der kulturellen Verwandtschaft „der Europäer“ in ihrer Relevanz für die heutige Imagination einer Nation Europa diskutieren.

3.1. „Die Sprache lädt zur Vereinigung ein“ - Nation Europa und die Sprache

Während in der Neuzeit das Lateinische und zunehmend das Französische als Lingua Franca15 fungierten, ist heute bekanntlich das Englische die dominieren- de Sprache im internationalen Verkehr. Die Europäische Union bezieht sich in Ihrer Bildsprache teilweise indes auf das Lateinische: So ist das Emblem des Rates der Europäischen Union mit dem Wort Consilium unterschrieben. 16 Tatsächlich aber kann das Lateinische nicht als alleinige oder partielle Wurzel aller Sprachen, die in der EU gesprochen werden, angesehen werden. Die Gelehrtendiskurse in der Frü- hen Neuzeit stellten teilweise das Keltische als die Ursprache heraus, der alle euro- päischen Sprachen entstammten. Dies gilt allerdings nicht für das Griechische, Al- banische, Ungarische, Finnische, Baskische und Bretonische.17

Die Suche nach einer solchen Sprache, der alle gesprochenen Sprachen eines imaginierten Kulturraums entstammen, ist, so zeigt SCHMALE, typisch für Identitätsdiskurse.18 Auch wenn das Englische als internationale Verkehrssprache einen hohen Rang hat, so ist doch nicht zu beobachten, dass es Diskurse um die Einführung einer einheitlichen europäischen Sprache gibt - auch Esperanto als Kunstsprache wird auf absehbare Zeit nicht eine verbindende Rolle einnehmen können. SCHMALE beschreibt Erfahrungen aus Universitätsseminaren, in denen is- raelische Studenten Unverständnis dafür aufbrachten, „dass es den Europäern so schwer fiele, sich auf eine gemeinsame Sprache zu einigen, sei es das Englische, sei es Esperanto.“19 Diese Verwunderung ist vor dem Hintergrund der geplanten Wei- terentwicklung des Neuhebräischen als offizielle Sprache Israels nachvollziehbar. Aber tatsächlich ist nicht ein unlösbarer Konflikt zu erkennen; eine wie auch immer geartete Diskussion um eine einheitliche europäische Sprache wird nicht geführt. Dies kann als Indiz gegen eine Nationalisierung Europas gesehen werden.

3.2. Historischer Diskurs und Imagination von Europa

In seinem berühmten Vortrag Qu ’ est-ce qu ’ une nation? am 11. März 1882 an der Pariser Universität betonte Ernest RENAN die Bedeutung der Geschichte für die Entstehung von Nationen. Er betonte aber auch, dass weniger eine Summe histori- scher Fakten, als eher eine Summe von in eine Richtung gedeuteten Erinnerungen für die Erschaffung von Nationen wichtig sei. „Das Vergessen - ich möchte fast sa- gen: der historische Irrtum - spielt bei der Erschaffung einer Nation eine wesentli- che Rolle, und daher ist der Fortschritt der historischen Wissenschaften oft eine Ge- fahr für die Nation.“20 Jüngst zeigte BEREK in einer interdisziplinär angelegten, konstruktivistischen Theorie des Kollektiven Gedächtnisses, dass „jeder kollektive Zusammenhalt (…) auch auf Erinnern-Können [basiert].“21 Anders herum bedarf ein solches „Erinnern-Können“ aber auch intersubjektiver Kommunikation. Damit eine historische Erfahrung im Gedächtnis des Einzelnen bleibt - und dieses Ge- dächtnis ist Basis für jedes Kollektive Gedächtnis - muss sie medial ausgedrückt werden und Teil des medialen Diskurses werden.22 Erinnerungen bedürfen „(…) der Entäußerung in einem Zeichensystem zum Zweck der Mitteilung an andere Menschen: sie bedürfen der Objektivation.“23 Aber nicht nur der mediale Austausch, sondern auch die eigene Kommunikation mit anderen ist für das Gedächtnis wichtig.24 Ähnlich wie RENAN betonte jüngst SELBIN, dass es nicht um die aufkläre- rische Trennung von Fakten und Fiktion geht, sondern um die Synthese dessen, um die Vermischung von Fakten und Fiktion zu einer legitimierenden oder belehren- den Geschichte. 25 Es ist im Folgenden also zu prüfen, in wie fern es zu einer euro- päischen Geschichtsdeutung kommt, ob es mediale Diskurse einer europäische Ge- schichte gibt und in wie fern Subjekte mit konkurrierenden historischen Narrativen in Berührung kommen.

[...]


1 Vgl. SCHMALE, Wolfgang: Geschichte und Zukunft der Europäischen Identität (= Schriftenreihe der BpB, Bd. 1048), Bonn 2010, S. 56.

2 So bspw. der österreichische politische Schriftsteller Karl Anton Rohan, der in den 1920er Jahren von der „Überwindung der Nationen“ sprach. Zitiert nach MÜLLER, Guido: Europäische Gesellschaftsbeziehungen nach dem Ersten Weltkrieg. Das Deutsch-Franz ö sische Studienkomitee und der Europäische Kulturbund, München 2005, S. 345.

3 ANDERSON, Benedict: Die Erfindung der Nation. Zur Karriere eines folgenreichen Konzepts, Frankfurt / New York 21996, S. 15.

4 GELLNER, Ernest: Nations and Nationalism, Ithaca (N.Y.) 21987, S. 1 (Betonung von mir).

5 Für beide Zitate siehe: GELLNER: Nations, S. 7.

6 MOUFFE, Chantal: Ü ber das Politische. Wider die kosmopolitische Illusion, Bonn 2010, S. 23.

7 Vgl. bspw. KAINA, Victoria: Wir in Europa. Kollektive Identität und Demokratie in der Europäischen Union, Wiesbaden 2009 , S. 122; Vgl. auch: SCHMALE: Geschichte, S. 15.

8 Erik ERIKSON 1973, zitiert nach: TRÖNDLE, Pamela: Europäische Identität als Patchwork. Zur Neusch ö p- fung eines europäischen Selbstverständnisses, in: BÜCHERGILDE GUTENBERG (Hrsg.): Sehnsucht nach Sinn. Wertvorstellungen junger Menschen im vereinten Europa, Frankfurt a.M. / Wien / Zürich 2002, S. 145 - 168, hier: S. 152.

9 Vgl. SCHMALE: Geschichte, S. 37.

10 ebd.

11 BEREK, Mathias: Kollektives Gedächtnis und die gesellschaftliche Konstruktion der Wirklichkeit. Eine Theo- rie der Erinnerungskulturen (= Kultur- und sozialwissenschaftliche Studien, Bd. 2), Wiesbaden 2009, S. 190.

12 ebd., S. 191.

13 Für beide Zitate s. SCHMALE: Geschichte, S. 39f., Betonungen im Original.

14 Vgl. SCHMALE: Geschichte, S. 48f.

15 Ich verstehe Lingua Franca als Sprache, die der Kommunikation Angehöriger verschiedener Muttersprachen dient im Rang einer oder der dominaten Verkehrssprache steht.

16 Vgl. RAT DER EUROPÄISCHEN UNION: Startseite, <http://www.consilium.europa.eu/showpage.aspx?lang=de>, 27.3.2011.

17 Vgl. SCHMALE: Geschichte, S. 91.

18 Vgl. ebd. , S. 101.

19 SCHMALE: Geschichte, S. 12.

20 RENAN, Ernest: Was ist eine Nation? Übers. v. Henning RITTER, Hamburg 1996, S. 45.

21 BEREK: Gedächtnis, S. 192.

22 Vgl. ebd., S. 189.

23 ebd., S. 187, Betonungen im Original.

24 Vgl. ebd., S. 189.

25 Vgl. SELBIN, Eric: Ger ü cht und Revolution. Von der Macht des Weitererzählens, Darmstadt 2010, S. 13.

Ende der Leseprobe aus 23 Seiten

Details

Titel
Die Nationalisierung Europas - Zu Stand und Zukunft der europäischen Identität
Hochschule
Friedrich-Schiller-Universität Jena  (Institut für Politikwissenschaft)
Veranstaltung
Hauptseminar Nation und Nationalismus
Note
1,0
Autor
Jahr
2011
Seiten
23
Katalognummer
V173459
ISBN (eBook)
9783640936526
ISBN (Buch)
9783640936816
Dateigröße
646 KB
Sprache
Deutsch
Schlagworte
Nation, Europa, Europäische Identität, EU, Europäische Union, Nationalismus, Anderson, Kollektive Identität
Arbeit zitieren
Philipp Ebert (Autor), 2011, Die Nationalisierung Europas - Zu Stand und Zukunft der europäischen Identität, München, GRIN Verlag, https://www.grin.com/document/173459

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