"Gilgi - eine von uns?" - Die Darstellung der Neuen Frau in Keuns gleichnamigen Roman


Hausarbeit, 2009
19 Seiten, Note: 1,0

Leseprobe

Inhaltsverzeichnis

Einleitung

1. „City Girls" - Groftstadtleben in der Weimarer Republik
1.1. Das Angestelltendasein - soziale Hintergrunde
1.2. Sport und Mode in der Weimarer Republik
1.3. Rationalisierung der Gefuhle

2. Die Neue Frau
2.1. Politische Anteilnahme und sexuelle Selbstbestimmung
2.2. Das auRere Erscheinungsbild der Neuen Frau
2.3. Der „status nascendi" der Neuen Frau

3. Gigi - eine von uns?
3.1. Die Diskussion im Vorwarts
3.2. Der Inhalt des Romans
3.3. Gilgi - eine Neue Frau?

Zusammenfassung

Literaturverzeichnis

Einleitung

Naturlich ist man verliebt - hier und da - das nimmt man nicht weiter ernst, gibt Wichtigeres. Manner! Was das schon ist.[1]

Diese Aussage kommt von Gilgi, der Protagonistin in Irmgard Keuns erstem Roman ,,Gilgi - eine von uns“. Der Roman wurde 1931, also mitten in der Jetzten Phase" der Weimarer Republik und kurz vor der Machtergreifung der Nationalsozialisten, veroffentlicht.

Gilgis Bemerkung enthalt eine Reihe von Auffassungen, die fur viele Menschen in der Weimarer Republik kennzeichnend waren und trifft somit exakt den Nerv der Zeit. Zum einen wird damit die ,,Neue Sachlichkeit" angesprochen, mit der sowohl eine Literaturepoche[2] als auch die damalige Lebenseinstellung bezeichnet wird und seit jeher als der allgemein gultige, programmatische Aspekt der Weimarer Republik gilt. Zum anderen wird hier auch die Ansicht der Frau gegenuber Beziehungen mit Mannern deutlich. Der Ton der AuRerung wirkt sehr kalt, Liebe wird als Nebenbeschaftigung dargestellt, es scheint, als mochte man lieber allein und selbststandig sein. Dieser Konsens ist nicht weiter verwunderlich, wenn man bedenkt, dass die Bemerkung von einem ,,City Girl" gemacht wird. Nicht nur die Ansichten dieser ,,Neuen Frau", sondern auch die ,,Neue Frau" als solche sind ebenfalls maRgebliche Erscheinungen der Weimarer Republik.

Die vorliegende Hausarbeit macht zum einen deutlich, was der Begriff des ,,City Girls" bzw. der der ,,Neuen Frau" beinhaltet, ohne diese Begriffe naturlich ganzlich definieren zu konnen. AnschlieRend wird Keuns Protagonistin unter eben diesem Aspekt naher betrachtet. Die Hausarbeit knupft mit Blick auf die damalige Rezeption des Romans - es wurde offentlich diskutiert, ob Gilgi wirklich „eine von uns“ sei - an diese Frage an und stellt schlieRlich heraus, dass sie trotz einiger Gegenargumente zu den ,,Neuen Frauen" gehort und demzufolge als „eine von uns“ bezeichnet werden kann.

1. „City Girls" - GroRstadtieben in der Weimarer Republik

1.1. Das Angestelltendasein - soziale Hintergrunde

Mit dem Ausdruck des „City Girls" werden unmittelbar Wendungen wie GroRstadt und „Neue Frau" als Oberbegriff des „Girls“ assoziiert. In der Weimarer Republik kam es zu einem „GroRstadteboom“[3], viele junge Angestellte zog es - auch wegen der dortigen besseren Moglichkeiten, Arbeit zu finden - in die GroRstadt. Weibliche Angestellte waren in der Zeit der Weimarer Republik ein „Massenphanomen“ [4]: Im Jahr 1925 arbeiteten beispielsweise 11,5 Millionen Frauen, also mehr als ein Drittel[5] der damaligen berufstatigen Bevolkerung.[6] Der GroRteil[7] der weiblichen Angestellten war junger als 30 Jahre alt, nahezu jede[8] war ledig.[9] Es waren also zumeist junge Frauen, die dem Angestelltenberuf nachgingen - die meisten allerdings nur so lange, bis sie einen Ernahrer fanden. Bei den uber 25-jahrigen, dem damaligen durchschnittlichen Heiratsalter, sank die Anzahl der Beschaftigten sprunghaft.[10] Der Beruf wurde demnach groRtenteils als Durchgangsstadium zur Ehe angesehen.

Diese Ansicht ruhrte nicht zuletzt von den Ideologien, die das neue Massenmedium des Films verbreitete. In der Weimarer Republik wurden zahlreiche neue Lichtspielhauser gebaut, nahezu jeder ging ins Kino. Die Angestellten wollten darin eine Abwechslung von ihrem tristen Arbeitsalltag erfahren. Die meisten Filme der Weimarer Republik, so wie ,,Seine Sekretarin", versprachen ein Happy End, in dem die junge Angestellte den eigenen Chef heiratet und der somit ein Aufstieg in gehobenere Kreise eroffnet wird. Diese EheschlieRung konnte entweder - so die filmische Darstellungsweise - durch Tuchtigkeit oder erotische Ausstrahlung der Angestellten erreicht werden.[11]

Die Realitat der Weimarer Republik war jedoch eine andere - Aufstiegschancen gab es fur weibliche Angestellte kaum. Im Gegensatz zu ihren mannlichen Kollegen war es ihnen selten vergonnt, eine Lehre oder Fachausbildung zu absolvieren.[12] Das Wissen der Eltern, dass ihre Tochter den Beruf nur fur eine befristete Zeitspanne wahlten, um ihn spater fur den Ehemann wieder aufzugeben, veranlasste sie dazu, eher die Sohne ausbilden zu lassen.[13] Gleichwohl setzten sich emanzipierte Frauen, im speziellen die Frauenbewegung, fur das Erwerbs- und Bildungsrecht der Frauen ein.

Dass viele Frauen zur damaligen Zeit diese Aufstiegsideologien fur bare Munze nahmen und sich zudem wunschten, einen solchen „Aufstieg“ zu erfahren, nimmt nicht wunder: Angestellte verdienten wenig und waren uberdies doppelt belastet. Die schlecht bezahlte Angestellte konnte sich keine eigene Wohnung leisten und musste bei ihren Eltern leben, bei denen sie oft einen Anteil ihres Lohns abgeben musste. Die hauslichen Verhaltnisse waren belastend - den Frauen wurde nicht genugend Privatsphare zugestanden, die meisten mussten sich ein Zimmer, die Halfte sogar das Bett mit einem Familienmitglied teilen.[14] Des Weiteren hatten sie, nach ihrem harten Achtstundentag, im Haushalt zu helfen und die mannlichen Familienangehorigen zu bedienen.[15] Uberdies waren sie unter standiger Beobachtung ihrer Eltern, die groRtenteils noch traditionellen Rollenmustern nachhingen. Somit kam es auch nicht minder zu Konflikten innerhalb der Familie. Dass sich Frauen in einer solchen Situation wunschten, ihre Familie zu verlassen und einen sozialen Aufstieg durch Heirat zu erfahren -wie durch Filme vermittelt -, ist nachvollziehbar.[16]

1.2. Sport und Mode in der Weimarer Republik

Im Angestelltenverhaltnis war eine Pramisse von besonderer Bedeutung: jugendlich auszusehen. Ein attraktives AuReres und anstandiges Benehmen war ein Werbemittel des Geschafts, und gerade fur weibliche Beschaftigte im Dienstleistungssektor, also in Warenhausern, maRgeblich. Die damit verbundenen sozialen Attribute wie gesellschaftliches Ansehen, der Kontakt zu besseren Kreisen und die saubere Arbeit veranlassten Frauen ebenfalls, den Angestelltenberuf zu ergreifen.[17]

Das gute Aussehen war gleichwohl keine Naturgabe, sondern das Ergebnis harter Anstrengungen[18]: es konnte mit Sport erreicht werden. Die Epoche der Weimarer Republik war eine Zeit der Sportbewegung.[19] Dadurch lockerten sich auch die Kleidervorschriften[20] - mussten Frauen vormals samtliche Korperteile tugendhaft bedecken, so legte man nun eher auf Bequem- und ZweckmaRigkeit denn auf Anstand Wert.[21] Diese Mode griff ebenfalls auf den Alltag uber: Hosen hielten Einzug in die Tageskleidung von Frauen.[22] Tagsuber kleideten sich Frauen androgyn, mit Hemd und Krawatte, deren Vorbild der mannliche Anzug darstellte.[23] Abends allerdings legten Frauen viel Wert auf Weiblichkeit und kleideten sich glamouros - ganz die Dame.[24] Durch die Vereinfachung der Schnitte nahten viele Frauen auRerdem selbst.[25]

1.3. Rationalisierung der Gefuhle

Die in der Arbeitswelt viel gewichtete Rationalisierung griff auch auf den Haushalt und das Sexualleben uber.[26] Frauen, die einer Beschaftigung nachgingen und zusatzlich den Haushalt fuhrten, waren in standiger Hast und Eile. Demzufolge musste alles nach strengem Zeitplan organisiert sein - der Bubikopf als auReres Erkennungsmerkmal der Neuen Frau kam dem zugute, denn er war praktisch und sparte Zeit.[27]

[...]


[1] Keun, Irmgard: Gilgi - eine von uns. Berlin 2003, S. 93.

[2] Gemeint ist hier naturlich die Literatur der Neuen Sachlichkeit, die Bucher umfasst, die in der Weimarer Republik entstanden sind. [Anmerkung der Verfasserin.]

[3] Frevert, Ute: Frauen-Geschichte. Zwischen burgerlicher Verbesserung und Neuer Weiblichkeit. Frankfurt am Main 1986, S. 171.

[4] Koch, Annette: Die weiblichen Angestellten in der Weimarer Republik. In: Fraulein vom Amt. Hrsg. v. Helmut Gold und Annette Koch. Munchen 1993, S. 167.

[5] Grossmann, Atina: Eine „neue Frau" im Deutschland der Weimarer Republik? In: Fraulein vom Amt. Hrsg. v. Helmut Gold und Annette Koch. Munchen 1993, S. 136. Arbeitende Frauen machten in der Weimarer Republik genau 35,8 % der berufstatigen Bevolkerung aus.

[6] Ebd.

[7] Koch, Annette, S. 166. 80 % aller weiblichen Angestellten waren junger als 30 Jahre alt.

[8] Ebd. Es waren 93 % aller weiblichen Angestellten ledig.

[9] Ebd.

[10] Ebd.

[11] Frevert, S. 177.

[12] Frevert, Ute: Kunstseidener Glanz. Weibliche Angestellte. In: Neue Frauen. Die zwanziger Jahre. Hrsg. v. Kristine von Soden / Maruta Schmidt. Berlin 1988, S. 27.

[13] Ebd.

[14] Koch, Annette, S. 170.

[15] Frevert, S. 178.

[16] Ebd.

[17] Frevert, S. 176.

[18] Lorisika, Irene: Frauendarstellungen bei Irmgard Keun und Anna Seghers. Frankfurt am Main 1985, S. 127.

[19] Die Kultur der Weimarer Republik. Hrsg. v. Jost Hermand und Frank Trommler. Munchen 1978, S. 75.

[20] Berger, Ursel: Eleganz und Sportlichkeit. Die „sportubende Frau" als Ideal der spaten Weimarer Republik. In: Glamour! Das Girl wird feine Dame - Frauendarstellungen in der spaten Weimarer Republik. Hrsg. v. Verena Dollenmaier und Ursel Berger. Berlin 2008, S. 50.

[21] Koch, Christiane: Sachlich, sportlich, sinnlich. In: Neue Frauen. Die Zwanziger Jahre. Hrsg. v. Kristine von Soden und Maruta Schmidt. Berlin 1988, S. 18.

[22] Ebd.

[23] Ebd., S. 17.

[24] Dollenmaier, Verena: Glamour! Das Girl wird feine Dame - Frauendarstellungen in der spaten Weimarer Republik. In: Glamour! Das Girl wird feine Dame - Frauendarstellungen in der spaten Weimarer Republik. Hrsg. v. Verena Dollenmaier und Ursel Berger. Berlin 2008, S. 12.

[25] Koch, Christiane, S. 16.

[26] Grossmann, S. 140.

[27] Ebd., S. 155.

Ende der Leseprobe aus 19 Seiten

Details

Titel
"Gilgi - eine von uns?" - Die Darstellung der Neuen Frau in Keuns gleichnamigen Roman
Hochschule
Humboldt-Universität zu Berlin  (Deutsche Literatur)
Veranstaltung
City Girls
Note
1,0
Autor
Jahr
2009
Seiten
19
Katalognummer
V173531
ISBN (eBook)
9783640937158
ISBN (Buch)
9783640937332
Dateigröße
471 KB
Sprache
Deutsch
Schlagworte
Keun, Gilgi, Neue Sachlichkeit, Weimarer Republik, Neue Frau, City Girl
Arbeit zitieren
Bachelor of Arts Julia Hans (Autor), 2009, "Gilgi - eine von uns?" - Die Darstellung der Neuen Frau in Keuns gleichnamigen Roman, München, GRIN Verlag, https://www.grin.com/document/173531

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