Die Individualisierung der "alten" Medien


Hausarbeit (Hauptseminar), 2007

23 Seiten, Note: 1,3


Leseprobe

Gliederung

1 Einführung

2 Massenkommunikation

3 Öffentlichkeit

4 Veränderungen der Struktur massenmedialer Kommunikationen

5 Auswirkungen der Umstrukturierung massenmedialer Kommunikationen
5.1 Standardisierung vs. Individualisierung
5.2 Synchronisierung vs. Asynchronisierung
5.3 Räumliche Integration vs. Überwindung der Räume
5.4 Auflösung der Unterscheidung von Sender und Empfänger

6 Fazit

Literatur

„Interaktivität“ ist das Schlagwort, mit dem die „neuen“ Medien sich von den „alten“ Medien unterscheiden wollen. Die klassische Kritik an den alten Medien, die keine Rückmeldung und keine Einbeziehung des Rezipienten in die Kommunikation erlauben, sondern selbigen zum passiven Konsumenten vorgeformter Inhalte machen, sollte in den neuen Medien korrigiert werden. Hier solltejeder Empfänger gleichzeitig zum Sender werden können, was - durch die Möglichkeiten des Eingriffs und der Aufhebung der alten Unterscheidung zwischen Sender und Empfänger - einer Demokratisierung des Mediums gleichkäme.

Blogs1, Youtube und MySpace sind nur eine kleine Auswahl von Plattformen, über die im Internet jeder, zumindest theoretisch, zum Sender an ein unbegrenztes, disperses Publikum werden kann. Dies kann per Text oder in auditiver und audio-visueller Form, zum Beispiel durch das Veröffentlichen eines Videos geschehen. Der geneigte Empfänger hat zudem die Möglichkeit des Abonnements neuer Text-, Bild- und Wortbeiträge. Fraglich bleibt nur, ob man bei der Anzahl der tatsächlichen Empfänger eines derartigen Angebots (aktuell teilen sich mehrere Millionen regelmäßiger Sendungen dieser Art das verfügbare Publikum) überhaupt von „Massenkommunikation“ reden kann, da die wenigsten dieser Publikationen von mehr als einigen tausend Rezipienten zur Kenntnis genommen wird.

Neuerdings haben auch die alten Medien, insbesondere die Rundfunkanstalten, den Trend zur Individualisierung der Inhalte aufgegriffen und entwickeln sowohl die technische Infrastruktur als auch neue Angebote, die ihre Kommunikationen individuell gestaltbar machen und die Grenze zwischen alten und neuen Medien zu verwischen suchen.

Eine derartige Umgestaltung der Massenmedien wird schwerlich ohne Folgen für ihre gesell­schaftlichen Funktionen vonstatten gehen. Daher soll im Rahmen dieser Arbeit gefragt werden, in welchem Umfang Funktionen der Massenmedien verloren gingen, wenn diese sich auf interaktive Angebote umprogrammierten, und welche Konsequenzen dies für die Gesell­schaft und ihre Funktionssysteme mit sich brächte.

Zuerst stellt sich dann die Frage, welche Funktionen und Leistungen „Massenkommunikation“ für die Gesellschaft erbringt. Danach werde ich die aktuellen Trends und Visionen, sowohl der alten als auch der neuen Medien, kurz beleuchten, um dann zu diskutieren, wie es vor dem Hintergrund der neuen Medien mit ihren Möglichkeiten um die Funktionen der alten Medien bestellt ist.

2. Massenkommunikation

„Was wir über unsere Gesellschaft, ja über die Welt, in der wir leben, wissen, wissen wir durch die Massenmedien.“ (Luhmann 2004, S. 9)

Die Massenmedien, hier soll der Fokus vor allem auf das Fernsehen gesetzt werden, erfüllen eine wichtige Funktion innerhalb der Gesellschaft. Indem sie Kommunikationen gesell­schaftsweit verbreiten und somit allgemein zugänglich machen, versorgen sie die Öffentlich­keit mit Themen und erzeugen eine Art von „Hintergrundrealität“, die jedermann als Bezugs­rahmen für Kommunikationen im Alltag zur Verfügung steht.

„Indem sie durch die Präsentation ihrer Themen eine Vorauswahl dessen treffen, was in der Gesellschaft erinnert und kommuniziert wird, erzeugen Massenmedien eine Art 'Kollektivbe­wußtsein', welches dafür sorgt, daß sich zwischen den Rezipienten [...] eine Vorverständigung über die wichtigsten Ereignisse in der Welt einspielt“. (Wehner 1997, S. 101)

Wehner sagt damit aus, dass sich der Rezipient einer Nachricht der Tatsache bewusst ist, dass nicht nur er diese Nachricht aufgenommen hat, sondern eine prinzipiell unbegrenzte Anzahl anderer Rezipienten ebenso. Das bedeutet, dass das Thema dieser Nachricht aktuell kommuni­zierbar ist - ein Wissen, auf das er in einer Interaktion zurückgreifen kann.

Wird in den Medien beispielsweise über die Steuerreform diskutiert, kann Ego in einer Inter­aktion dieses Thema gefahrlos anschneiden, da er davon ausgehen kann, dass Alter ebenso von diesem Thema gehört hat und etwas dazu sagen kann. Die Wahrscheinlichkeit einer An­nahme der Kommunikation ist also im Vergleich zu einem in den Medien keine Erwähnung findenden Thema größer. Ego wird daher eher aktuell gesetzte Themen als Kommunikations­inhalte verwenden als Themen, von denen er weiß, dass sie medial keine Erwähnung finden, er also davon ausgehen muss, dass diese lediglich ihn (und evtl. wenige andere) interessieren.

Zudem liefern die Medien nach Esposito bereits vorgefertigte Meinungen zu den Themen, auf die man sich gefahrlos beziehen kann „ohne eine eigene individuelle Perspektive offenlegen zu müssen, und das macht es möglich, sich in einer öffentlichen Kommunikation zu engagieren, ohne die eigene Idiosynkrasie und die Idiosynkrasie der anderen aufzugeben (oder auch nur zu tangieren).“ (Esposito, S. 236)

Einerseits leisten die Medien durch ihre Themenselektion eine Vorauswahl kommunizierbarer Themen innerhalb einer Gesellschaft und leisten somit einen Beitrag zur Kontingenzreduktion, andererseits stellen sie ein verallgemeinertes Gedächtnis zur Verfügung, dessen gesellschaftliche Funktion darin besteht „daß man bei jeder Kommunikation bestimmte Realitätsannahmen als bekannt voraussetzen kann, ohne sie eigens in die Kommunikation einführen oder begründen zu müssen.“ (Luhmann 2004, S.121)

Gleichzeitig wird es dem Individuum ermöglicht, sich von dieser Hintergrundrealität abzuheben, also eigene Meinungen und Vorlieben zu äußern. Die Kommunikationen der Massenmedien geben dabei den Rahmen vor, innerhalb dessen das Individuum sich von der Masse abheben kann, ohne Gefahr zu laufen als Sonderling zu gelten und somit evtl. an den Rand der Gesellschaft zu geraten.

Die Medien versorgen nicht nur mit dem Wissen um aktuelle Themen, sie geben auch Rollen­bilder vor und liefern damit Orientierung für die eigene Standortbestimmung innerhalb der Gesellschaft. Sie ermöglichen es dem Individuum, in aller Abgeschiedenheit und Ruhe beob­achten zu können wie andere beobachten, welche Unterscheidungen sie treffen und welche Schlüsse sie aus ihren Beobachtungen ziehen. Durch dieses Beobachten zweiter Ordnung wird es möglich, sich an den Beobachtungen anderer zu orientieren, ein Gespür zu entwi­ckeln, wie und was die anderen wahrnehmen. Dies ermöglicht einerseits eine größere Sicher­heit im Umgang mit anderen und andererseits kritische Reflexion und Ausbildung einer Persönlichkeit, die sich als different zu den anderen begreift, ohne sich deshalb als außenstehend zu beschreiben.

Wehner fasst ergänzend zusammen:„'Ein-Weg-Kommunikation' ist eine wichtige Vorausset­zung für die Ausbildung höherer kommunikativer Freiheitsgrade in der Behandlung relevanter gesellschaftlicher Ereignisse - und zwar, wie zuletzt Luhmann (1996) ausführt, sowohl für den Sender [...] als auch für den Rezipienten, der aufgrund der strukturell garantierten Wider­spruchsmöglichkeit die Themen der Medien in der Kommunikation mit anderen zum Gegen­stand persönlicher Meinungsbildung machen kann.“ (Wehner 1997, S. 106)

Die Medien strukturieren und begrenzen die Auswahl an möglichen Kommunikationen, ermöglichen damit jedoch gleichzeitig eine höhere Erfolgswahrscheinlichkeit für Kommunikation, indem sie Themen definieren, die als bekannt und relevant vorausgesetzt werden können und sich damit für Kommunikationen anbieten. Innerhalb dieser Kommunikationen können die Themen dann mit eigenen Meinungen, Ansichten und Prognosen gefüllt werden, ohne dass die Kommunikation Gefahr läuft, auf generelle Ablehnung zu stoßen.

3. Öffentlichkeit

Eine weitere, wenn nicht die gesellschaftliche Hauptfunktion der Massenmedien besteht in der Repräsentation von Öffentlichkeit. Diese wiederum dient als Reflexionsmedium für alle gesellschaftlichen Teilsysteme, indem sie die andere Seite ihrer Grenzen beschreibt, ohne dabei in Richtung auf bestimmte Partnersysteme spezifisch bestimmbar zu sein. Um dies leisten zu können, muss Öffentlichkeit in der Form von Realitätskonstruktionen repräsentiert werden, an denen alle Teilsysteme, ebenso wie alle Mitglieder einer Gesellschaft, teilnehmen können, ohne sich dadurch zu verpflichten, in einer bestimmten Weise darauf zu reagieren oder damitumzugehen. (vgl. Luhmann2004, S. 188)

Wenn Öffentlichkeit repräsentiert wird, muss sie gleichzeitig stattfinden - es kann schließlich nicht der kommunikationsfreie Raum repräsentiert werden. Öffentlichkeit findet auf verschie­denen Ebenen statt, wobei jede Ebene eine Funktion erfüllt und auf die anderen Ebenen zu­rückwirkt.

Die einfachste Ebene der Öffentlichkeit stellen die 'einfachen Interaktionssysteme' dar. Wann immer zwei oder mehr Menschen aufeinander treffen und anfangen, miteinander zu interagieren, stellen sie ein solches Interaktionssystem her. Dies geht vom „Gruß im Vorbeigehen“ über das gemeinsame Mittagessen mit Kollegen oder Freunden bis hin zu Freund- und Partnerschaften mit ständig wiederkehrenden Kommunikationen.

Diese einfachen Interaktionssysteme haben episodischen Charakter, folgen selten einem Thema und beeinflussen die öffentliche Meinung kaum. So ist es vor allem deswegen, weil die unzähligen parallel und hintereinander ablaufenden Interaktionen nicht - oder wenn, mit einer sehr geringen Spannweite - miteinander vernetzt sind, und daher wenig aufeinander einwirken können. (vgl. Gerhards /Neidhardt, S. 50f)

Die nächste Ebene von Öffentlichkeit ist Versammlungsöffentlichkeit - oder auch öffentliche Veranstaltung - die bereits strukturierter als die einfachen Interaktionssysteme ist. Auch sie basiert auf Anwesenheit, jedoch ist diese schon nicht mehr weitestgehend zufällig, sondern muss organisiert werden, indem ein Ort und ein Zeitpunkt der Versammlung festgelegt werden. Versammlungsöffentlichkeiten sind ferner thematisch zentriert: Die Teilnahme wird über Themen strukturiert. Indem das Thema vorher bekannt gegeben wird, entscheiden die potentiellen Teilnehmer, ob das Thema für sie von Interesse ist, und somit eine Teilnahme lohnt oder nicht. Durch die thematische Festlegung dieses Öffentlichkeitssystems steigen die Chancen der Synthetisierung von Meinungen und damit der Herstellung einer öffentlichen Meinung. Gleichzeitig führt sie, in Kombination mit räumlicher und zeitlicher Fixierung, dazu, dass die Menge des erreichbaren Publikums einen sehr engen Rahmen nicht überschreiten wird. (vgl. Gerhards/Neidhardt, S. 53)

Erst auf der dritten Ebene, der massenmedial hergestellten Öffentlichkeit, entfällt das Kriterium der Anwesenheit als Bedingung für die Partizipation. Die Massenmedien stellen eine abstrakte Öffentlichkeit her, da nicht mehr klar ist, wer Teil davon ist und wer nicht, da keine direkte Rückmeldung vom Rezipienten zum Sender mehr möglich ist.

Dadurch steigt der Kreis der potentiellen Mitglieder bei gleichzeitiger Beschränkung der Möglichkeit zur Mitgestaltung immens. Letztere beschränkt sich auf das Hineintragen der verbreiteten Meinungen und Inhalte in die anwesenheitsgebundenen Formen von Öffentlich­keit um sich dort mit ihnen auseinander zu setzen.

Die Medien selbst sind dabei auf den Input aus den anderen Öffentlichkeitsebenen angewiesen, deren Themen und Meinungen erst durch die mediale Verbreitung einer großen Öffentlichkeit zugänglich werden. Selektionskriterien der Massenmedien, welche Themen zur Verbreitung geeignet sind, sind dabei beispielsweise Neuigkeitswert, Überraschungspotential und Skandalträchtigkeit eines Themas sowie die Wahrscheinlichkeit einer Krise, da diese Faktoren sich als aufmerksamkeitssteigernd erwiesen haben. Zudem werden Meinungen und Themen oft an Personen (besonders Prominente) oder allgemeine Werte gebunden, was die Annahme- und Zustimmungsbereitschaft bei den Rezipienten erhöht. Dabei gestalten die Massenmedien ihre Kommunikationen möglichst voraussetzungsfrei, das heißt, sie richten sich an einem Laienpublikum aus, damit sie vonjedem verstanden werden können.

[...]


1 „Blog“ ist die Bezeichnung für ein Online-Tagebuch („Weblog“). Dieses istjedoch nicht auf typische Tagebuchinhalte beschränkt, sondern bedientje nach Besitzer die unterschiedlichsten Themenfelder.

Ende der Leseprobe aus 23 Seiten

Details

Titel
Die Individualisierung der "alten" Medien
Hochschule
Universität Bielefeld  (Fakultät für Soziologie)
Veranstaltung
Interaktivität neuer Medien
Note
1,3
Autor
Jahr
2007
Seiten
23
Katalognummer
V173616
ISBN (eBook)
9783640938599
ISBN (Buch)
9783640938766
Dateigröße
449 KB
Sprache
Deutsch
Schlagworte
Medien, Interaktivität, Massenkommunikation, Öffentlichkeit, Luhmann, Synchronisierung
Arbeit zitieren
Marian Bosse (Autor), 2007, Die Individualisierung der "alten" Medien, München, GRIN Verlag, https://www.grin.com/document/173616

Kommentare

  • Simon Busch am 17.11.2011

    spannend! Wie wärs wenn ihr die Texte erstmal ordentlich formatiert bevor sie zum Verkauf angeboten werden?

  • Gast am 18.11.2011

    Hallo Herr Busch, der Text ist ordentlich formatiert. Mit einem Klick auf das Cover neben dem Titel können Sie im eBook blättern. Der Textauszug muss wird in Kürze repariert. Viele Grüße, Antje Bärmann (GRIN Verlag)

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