„Wer Freunde haben will, der muss sich selbst Freund sein.“
Ein einleuchtender und nahezu von jedem mit Zustimmung bedachter Satz. So oder so ähnlich sehen Erkenntnisse von großen Denkern aus, wenn sie durch den Volksmund auf ihren wesentlichen Inhalt reduziert und über Generationen hinweg tradiert werden. Dabei ist nichts Schlechtes, bis darauf, dass der Autor eines solchen Gedankens meist nicht mehr mit demselben in Verbindung gebracht wird. Den obigen Satz würden sicherlich eine Reihe von Menschen als eigene Grundüberzeugung deuten, nur wenige würden ihn mit der Nikomachischen Ethik (NE) des Aristoteles in Verbindung bringen. Was unter anderem daran liegen mag, dass es einfacher ist, solch einen prägnanten Satz zu behalten, als sich mit dem mächtigen Gedankengebäude des Philosophen auseinanderzusetzen. Die Fülle seines Denkens, seine Präzision in der Begriffsfindung und seine argumentative Kunstfertigkeit machen es dem Interpreten seiner Arbeiten nicht gerade leicht. Dennoch soll hier versucht werden, sofern das im begrenzten Rahmen einer Hausarbeit möglich ist, sich in angemessener Weise einem zentralen Thema seiner Hauptethik anzunehmen – Dem Selbstverhältnis und der Selbstliebe.
Inhaltsverzeichnis
I. Einleitung
II. philia – Der antike Freundschaftsbegriff
III. Die Nikomachische Ethik
III.I. Die Seelenteile
III.II. Freundschaft in der Nikomachischen Ethik
IV. Die Selbstliebe
IV.I. Das Selbstverhältnis
IV.II. Gute Selbstliebe
IV.III. Schlechte Selbstliebe
V. Egoismus oder Altruismus – Eine gerechtfertigte Debatte?
VI. Fazit
Zielsetzung & Themen
Diese Arbeit untersucht das Verhältnis von Selbstliebe und Freundschaft innerhalb der Nikomachischen Ethik des Aristoteles. Dabei steht die zentrale Forschungsfrage im Fokus, wie die aristotelische Konzeption eines "Verhaltens-zu-sich" (Selbstverhältnis) mit der Freundschaft sowie dem Gesamtkonzept der Tugendhaftigkeit verknüpft ist und ob dieses Ideal des guten Lebens eine logische Einheit bildet.
- Analyse des antiken Freundschaftsbegriffs (philia)
- Untersuchung der aristotelischen Seelenteile als Fundament des Selbstverhältnisses
- Differenzierung zwischen guter und schlechter Selbstliebe
- Beurteilung der strukturellen Isomorphie von Selbst- und Freundschaftsbeziehung
- Kritische Auseinandersetzung mit der Debatte um Egoismus versus Altruismus im tugendhaften Handeln
Auszug aus dem Buch
IV.I. Das Selbstverhältnis
Im vierten Kapitel des neunten Buches der NE geht Aristoteles der verbreiteten Annahme nach, dass sich das Verhalten zum Freunde aus dem Verhalten zu sich selbst erklären lässt. Zunächst zählt er fünf Merkmale auf, die sich im Verhalten zum guten Freund zeigen können: (1) In der guten Freundschaft wünscht der eine dem anderen Gutes um dessentwillen. (2) Ebenso wünscht er diesem das Leben, was Aristoteles mit der fürsorglichen Liebe der Mutter zu ihrem Kinde vergleicht. (3) Außerdem teilen die guten Freunde ihr Leben, sie bilden im Vollzug desselben eine Einheit. (4) Sie entscheiden sich aufgrund ihrer Tugendhaftigkeit für dieselben Sachen. (5) Schließlich teilen sie auch Leid, wie Freud miteinander. Hier ist erkennbar, dass im aristotelischen Ideal der Charakterfreundschaft zwei Individuen zu einer Einheit, man könnte sagen einem Lebensbund, zusammengehen.
Im Weiteren beschreibt Aristoteles das Selbstverhältnis des guten Menschen und spricht diesem eine dem Freundschaftsverhältnis ähnliche Struktur zu: (1´) Der tugendhafte Mensch wünscht sich selbst das Gute, da er durch gutes Handeln auch sich selbst, sprich seinem rationalen Teil, etwas Gutes tut. (2´) Der gute Mensch wünscht sich am Leben und am meisten wünscht er dies um seines eigentlichen Teils willen. (3´) Zudem wünscht sich der Tugendhafte in dauernder Gemeinschaft mit sich selbst zu sein. Er ist sich sein eigener Gefährte. (4´) Im Leben entscheidet er sich für einheitliche Ziele, die nicht divergieren. (5´) Und auch Schmerz und Freude empfindet er zunächst mit sich selbst. Er ist ganz in sich ruhend, sodass er stets dasselbe angenehm und dasselbe unangenehm findet, nicht mal dieses, dann wieder jenes. Diese Einheitsstruktur, die schon bei der Betrachtung der Freundschaftsmerkmale auffiel, findet in der Beschreibung des idealen Selbstverhältnisses ihre reinste Ausformung. Der gute Mensch ist eins mit sich selbst, ja er vereinigt sogar in optimistischer Weise die Zeiten in sich: „Das Vergangene ist ihm erfreuliches Gedenken, die Zukunft gute und somit angenehme Erwartung, und in seinem Geiste ist reicher Stoff für nachdenkliche Betrachtung.“
Zusammenfassung der Kapitel
I. Einleitung: Die Einleitung führt in die Relevanz der Nikomachischen Ethik ein und umreißt die Untersuchung von Selbstverhältnis und Selbstliebe als zentrale Themen innerhalb der Freundschaftsbücher.
II. philia – Der antike Freundschaftsbegriff: Dieses Kapitel erörtert die historische Entwicklung der philia von einem kosmologischen Prinzip zu einer soziopolitischen Bindungskraft in der Polis.
III. Die Nikomachische Ethik: Hier werden die Kerngedanken der aristotelischen Ethik vorgestellt, insbesondere die Rolle des obersten Gutes (eudaimonia) und der Tugend.
III.I. Die Seelenteile: Dieser Abschnitt analysiert die Unterteilung der Seele in rationale und irrationale Anteile als notwendige Voraussetzung für die aristotelische Ethik.
III.II. Freundschaft in der Nikomachischen Ethik: Das Kapitel differenziert die drei Freundschaftsarten (Nutz-, Lust- und Charakterfreundschaft) und definiert das Wesen der vollkommenen Freundschaft.
IV. Die Selbstliebe: Hier wird der theoretische Rahmen für die philautia gesteckt und deren intersubjektive Einbettung in das aristotelische Denken aufgezeigt.
IV.I. Das Selbstverhältnis: Es wird untersucht, wie Aristoteles das Selbstverhältnis des Guten strukturell mit dem Ideal der Charakterfreundschaft parallelisiert.
IV.II. Gute Selbstliebe: Dieses Kapitel erläutert die positive Form der Selbstliebe, die in einer tugendhaften Ausrichtung auf den rationalen Seelenteil besteht.
IV.III. Schlechte Selbstliebe: Hier wird das Fehlverhalten des Minderwertigen analysiert, dessen innere Zerrissenheit eine echte Selbstliebe verhindert.
V. Egoismus oder Altruismus – Eine gerechtfertigte Debatte?: Der Abschnitt kritisiert die moderne Debatte um Egoismus und Altruismus als begriffliche Fehlinterpretation des aristotelischen Ideals.
VI. Fazit: Das Fazit fasst die Ergebnisse zusammen und bestätigt, dass die Harmonie der Seelenteile das Fundament für sowohl ein gelingendes Selbstverhältnis als auch eine glückliche Lebensführung bildet.
Schlüsselwörter
Aristoteles, Nikomachische Ethik, Freundschaft, philia, Selbstliebe, philautia, Eudaimonia, Tugend, Seelenteile, rational, Charakter, Selbstverhältnis, ethische Tugend, moral competition, eunoia
Häufig gestellte Fragen
Worum geht es in dieser Arbeit grundsätzlich?
Die Arbeit untersucht, wie Aristoteles in der Nikomachischen Ethik das Selbstverhältnis und die Selbstliebe definiert und in welcher Beziehung diese Konzepte zur philosophischen Lehre von der Freundschaft stehen.
Welches sind die zentralen Themenfelder?
Zu den zentralen Themen zählen die Unterscheidung der Seelenteile, die verschiedenen Arten der Freundschaft, das Konzept der Tugend und die differenzierte Betrachtung von guter und schlechter Selbstliebe.
Was ist das primäre Ziel der Untersuchung?
Das Ziel ist es, aufzuzeigen, wie die aristotelische Vorstellung eines harmonischen Selbstverhältnisses logisch mit der Freundschaftsbewertung und dem Ziel eines gelungenen Lebens (eudaimonia) verknüpft ist.
Welche wissenschaftliche Methode wird verwendet?
Der Autor nutzt eine philologisch-philosophische Interpretation der Nikomachischen Ethik, ergänzt durch eine Auseinandersetzung mit einschlägiger Sekundärliteratur zur Einordnung der aristotelischen Begriffe.
Was wird im Hauptteil der Arbeit behandelt?
Der Hauptteil befasst sich mit der Analyse der Freundschaftsbücher VIII und IX, der Rolle der Seelenteile für das Handeln und der Unterscheidung zwischen der positiven Selbstliebe des Tugendhaften und der negativen Selbstliebe des Minderwertigen.
Welche Schlüsselwörter charakterisieren die Arbeit?
Die Arbeit ist insbesondere durch Begriffe wie philia (Freundschaft), philautia (Selbstliebe), eudaimonia (Glückseligkeit) und die Lehre der Seelenteile geprägt.
Warum unterscheidet Aristoteles zwischen "guter" und "schlechter" Selbstliebe?
Die Unterscheidung dient dazu, den Unterschied zwischen einem Handeln gemäß der Vernunft (gut) und einem Handeln, das sich von triebhaften Affekten leiten lässt (schlecht), zu verdeutlichen und so das Ideal des tugendhaften Menschen zu konturieren.
Welche Rolle spielt der Freund als "anderes Selbst"?
Der Begriff "anderes Selbst" (allos autos) beschreibt die strukturelle Isomorphie zwischen der Beziehung zu sich selbst und der Beziehung zu einem Charakterfreund, wobei beide eine gleiche tugendhafte Grundhaltung voraussetzen.
- Citation du texte
- Wenzel Seibold (Auteur), 2008, Selbstverhältnis und Selbstliebe in den Freundschaftsbüchern der Nikomachischen Ethik des Aristoteles, Munich, GRIN Verlag, https://www.grin.com/document/173709