In der „Body Art“ gehen Künstlerinnen häufig an die Grenzen körperlicher Belastbarkeit. Gina Pane war eine der radikalsten Künstlerinnen dieser Bewegung. Am 24. Mai 1939 in Biarritz geboren und aufgewachsen in Turin, studiert sie 1960 bis 1965 in Paris an der Ecole des Beaux-Arts. Dort agiert sie in ihrer späteren Laufbahn von 1975 bis 1990 als Lehrbeauftragte und gibt von 1978 bis 1979 auf Bitte von Pontus Hultén einen Workshop im nationalen Zentrum für Kunst und Kultur Georges-Pomidou, der sich ganz und gar der Performance widmet. Außerdem war sie eine der Hauptvertreterinnen der Body Art Bewegung „Art corporel“. Arbeitete sie zu Anfang ihrer künstlerischen Laufbahn noch mit formalistischer und minimalistischer Malerei und Bildhauerei merkte sie bald, „dass dieser Aspekt, die abstrakte Fragestellung, das Konzept, ein Derivat einer alten Idee war.“ Ab 1970 konzentrierte sich Pane daher ausschließlich auf ihren Körper als Material. Dieser spielt eine zentrale Rolle als vermittelndes Element zwischen der Künstlerin und ihrem Publikum. Im Folgenden werde ich mich mit den Performances „La Lait Chaud“ und „Psyche“ auseinandersetzen, um der Frage nachzugehen, inwiefern die Zeichenhaftigkeit des Schnittes in die Haut dazu verhilft, das Bild der Frau unter neuen Gesichtspunkten zu betrachten. Zunächst wird analysiert, inwiefern die Inszenierung von Schmerz in der Kunst dazu beitragen kann, die normativen Denk- und Handlungsmuster zu durchbrechen. Im Anschluss wird darauf eingegangen, inwiefern der Körper als Material zu diesen Transformationsprozessen beitragen kann, indem auf das Verhältnis zwischen Körper und Leib eingegangen wird. Hierbei rückt die Haut als größtes Sinnesorgan und Schauplatz in den Vordergrund. Darauf aufbauend soll erklärt werden, inwiefern der Schnitt in die Haut Pane dazu befähigt, den Körper von seiner Stigmatisierung zu befreien. Dafür ist entscheidend, dass Pane im Akt der Selbstverletzung als aktives Subjekt auftritt und ihren Körper somit von der Degradierung zum erotischen Objekt löst. Im weiteren Verlauf wird auf die Beziehung zwischen Individuum und Gesellschaft, Pane und dem Zuschauenden eingegangen. Dafür wird vordergründig der von Pierre Bourdieu geprägten Begriff des „Habitus“ herangezogen. Zum Schluss werden der Schnitt ins Gesicht und die damit einhergehende Demaskierung in der Performance „Psyché“ beleuchtet.
- Citation du texte
- Hannah Reith (Auteur), 2022, Unter die Haut. Gina Pane und das Tabu der Unantastbarkeit, Munich, GRIN Verlag, https://www.grin.com/document/1737118