Das Altinger Konzept. Entwicklung der Hauptschule zu einem anspruchsvollen und schülergerechten Lern- und Lebensraum


Hausarbeit, 2009

17 Seiten, Note: 1,0


Leseprobe

Inhaltsverzeichnis

1. Die Hauptschule in der Krise

2. Das Altinger Konzept
2.1. Grundgedanken und Ziele
2.2 Rahmenbedingungen
2.2.1. Veränderte Zeit- und Lernstrukturen
2.2.2. Klassenlehrerprinzip
2.3. Atmosphärische Veränderungen
2.3.1. Rituale
2.3.2. Gestaltung der Lernumgebung
2.4 Demokratische Mitbestimmung
2.5. Lernformen
2.5.1. Kurs
2.5.2. Lektion
2.5.3. Spiel/Übung
2.5.4. Projekt

3. Das Altinger Konzept als Orientierung im Reformstreben der Hauptschule

4. Literaturverzeichnis

1. Die Hauptschule in der Krise

Die deutsche Hauptschule als einer der Pfeiler des dreigliedrigen Schulsystems in Deutschland steckt in einer Krise: In den Medien und der öffentlichen Wahrnehmung wird sie zur Restschule stigmatisiert, die die Verlierer des Bildungssystems auffangen muss. Viele Hauptschüler empfinden ihre Schullaufbahn als eine Sackgasse und blicken negativ auf die eigene Zukunft. Die Rufe nach der Abschaffung der Hauptschulen, teilweise sogar durch dort unterrichtende Lehrer, werden zusehends lauter, während gleichzeitig in vielen Bundesländern durch verschiedenste Reformen die Situation an der Hauptschule und für die Hauptschüler verbessert werden soll.[1]

Während deutschlandweit in der Politik nach Lösungen gesucht wird, hat man in Altingen, in der Gemeinde Ammerbuch am ländlichen Großraum Stuttgart vielleicht eine Antwort gefunden: Dort, in der Grund- und Hauptschule Altingen, werden 189 Schüler von 19 Lehrern unter dem Rektor Ulrich Scheufele nach einem besonderen pädagogischen Konzept betreut: dem sogenannten Altinger Konzept, welches ich im Weiteren genauer erläutern werde.[2]

2. Das Altinger Konzept

2.1. Grundgedanken und Ziele

Das Altinger Konzept wurde in den achtziger Jahren zunächst in der Eduard-Möricke-Schule in Kirchheim/Teck-Ötlingen entwickelt und schließlich an der Grund- und Hauptschule Altingen auf Schulebene umgesetzt und weiterentwickelt. Dabei ist der Name „Konzept“ anstelle von „Modell“ ganz bewusst gewählt worden: ein Modell ist festgelegter, während ein Konzept Raum für Veränderung und ständige Weiterentwicklung lässt.

Das Altinger Konzept hat zum Ziel, Schule wieder menschlicher und kindgerechter zu machen: sie soll sich weg von Verwaltungsbürokratie wieder hin zur Pädagogik entwickeln.

Die Schule soll eine gerechte Gemeinschaft sein, mit demokratischen Strukturen. Nur wenn Kinder Demokratie im Alltag, in der Schule erleben, können sie so als Erwachsene mündige Mitglieder einer Demokratie sein. Um Kindern Werte wie Toleranz, Fürsorge und Verantwortungsbewusstsein überzeugend zu vermitteln, müssen sie mit ihnen gelebt werden, müssen sie in ihrem Alltag auch vorkommen. Dies ist außerdem von großer Bedeutung, da die Familien zusehends an Erziehungskraft verlieren, Erziehungsaufgaben werden nicht mehr wahrgenommen. Dadurch sind die Schulen noch mehr in der Pflicht, ihren eigenen Erziehungsauftrag wahrzunehmen und Defizite auszugleichen, die häufig durch mangelnde persönliche Bindungen und Bezugspersonen entstehen. Die Kinder müssen sich in der Schule ernst- und angenommen fühlen.

Gleichzeitig soll es den Kindern ermöglicht werden, sich ganzheitlich zu entwickeln. Gerade in der heutigen Gesellschaft, in der die häuslichen Lebensbedingungen für viele Kinder schwierig sind, in der die Freizeitgestaltung oft vom Fernseher oder PC bestimmt ist, in der sie immer weniger direkte, unmittelbare Erfahrungen machen, muss Schule darauf antworten werden. Sie muss den Kindern Raum geben, um die fehlenden notwendigen Erfahrungen zu machen. Raum, in dem sich die Persönlichkeit weiterentwickeln kann, die Kinder neues erleben, an ihre Grenzen gehen und dadurch neues Selbstwertgefühl gewinnen und sehen was sie leisten können – was gerade für Hauptschüler, die sich häufig als Versager abgestempelt sehen, von großer Bedeutung ist.

Das Altinger Konzept, so Scheufele, gründet sich auf der Vorstellung von einer „konkreten Utopie“, einem inneren Bild von einer besseren Welt. Ohne solch ein Bild, ein Ziel, wie Schule aussehen könnte und sollte, wäre keine Veränderung möglich.[3]

2.2 Rahmenbedingungen

Neue pädagogische Konzepte stellen Schulen vor veränderte, ganz neue Anforderungen. Um diesen gerecht zu werden, müssen Rahmenbedingungen geändert, Organisations- und Zeitstrukturen neu überdacht werden. Hierbei werden schließlich inhaltliche und organisatorische Spielräume innerhalb der bestehenden Regeln, wie dem Schulgesetz und dem Lehrplan, ganz neu entdeckt und ausgenützt.[4]

2.2.1. Veränderte Zeit- und Lernstrukturen

Schulkinder fühlen sich häufig unter Druck gesetzt, empfinden die Schule mit ihren Anforderungen als stressfördernd. In Altingen ist man der Meinung, dass dies unter anderem durch den festgelegten Rhythmus im Schulalltag bedingt ist: der Schulalltag wird vom 45-Minuten-Takt bestimmt, sämtliche Vorhaben müssen in einem bestimmten, festen Zeitrahmen bewältigt werden. Wenn nun dieser festgelegte Tages- und Lernrhythmus mit dem jeweiligen individuellen Rhythmus eines Kindes nicht übereinstimmt, so führt das zu Stress im Schulalltag. Jedes Kind lernt nach seinem individuellen Tempo. Damit nun der Lehrer möglichst allen Schülern seiner Klasse mit ihren unterschiedlichen Lernvoraussetzungen gerecht werden kann, muss er die zeitlichen Abläufe innerhalb der Klasse selbst, gemeinsam mit den Kindern, gestalten können. Daher wurde in Altingen zunächst der 45-Minuten-Takt, abgeschafft, einhergehend mit einer teilweisen Abschaffung des Klingelzeichens, das nun nicht mehr Anfang und Ende jeder Schulstunde signalisiert, sondern nur noch zu Beginn und Ende eines Schultages, sowie zu den großen Pausen. Lehrer und Schüler können so gemeinsam entscheiden, wie lange sie sich einem Thema widmen möchten und werden nicht von einem Klingelzeichen von einer Sache weg- zu einer anderen hin gezwungen. Durch diese flexiblere Art der Planung kann der Lehrer besser auf die Interessen und Bedürfnisse seiner selbst und der Schüler, sowie des Lehrplans eingehen.

Gleichzeitig benötigen Kinder aber auch einen festen Rahmen, eine Struktur, auf die sie sich verlassen können. Wie ist dies mit der oben ausgeführten flexiblen Zeiteinteilung zu verbinden? Die Altinger Antwort ist der Lernplan, der den herkömmlichen Stundenplan ersetzt. Dieser gibt auf der einen Seite einen festen äußeren Rahmen, mit bestimmten immer wiederkehrenden Eckpunkten, wie dem gemeinsamen Essen oder der allmorgendlichen gemeinschaftlichen Einstimmen in den Vormittag, lässt aber auf der anderen Seite genügend Gestaltungs- und Handlungsspielraum zu, um die Ausgestaltung des Tages wieder den Lehrern und Schülern selbst zu überlassen. Des Weiteren soll dieser Lernplan, auch und gerade durch seine Flexibilität, die einzelnen Fächer miteinander verbinden: Inhalte und Methoden sollen nicht mehr zufällig nebeneinander herlaufen, in Altingen will man vielmehr Zusammenhänge aufzeigen, Fächer und Lerninhalte miteinander verschmelzen lassen und so tatsächliches fächerübergreifendes Lernen ermöglichen. Dies stellt natürlich eine große Herausforderung für alle Beteiligten da. Um diese zu bewältigen, greift das Altinger Konzept auf den von Heller/Giel entwickelten sogenannten integrierten Stoffverteilungsplan zurück, der die Verteilung der verschiedenen Lernformen und Inhalte innerhalb eines Schuljahres und einer Klasse regelt. In einer waagerechten Spalte wird die Anzahl der Schulwochen eingetragen, darunter können für die Klasse wichtige Termine eingetragen werden, während in einer senkrechten Spalte die Anzahl der Wochenstunden der Klasse, sowie die einzelnen Fächer. So entsteht eine Tabelle, in die alle Projekte, Kurse und Lektionen sowie der Fachunterricht mit dem entsprechenden Themenschwerpunkt eingetragen werden.

Abbildung in dieser Leseprobe nicht enthalten

Abbildung 1: Integrierte Stoffverteilungsplan am Beispiel des „Wald-Kunst-Projekts“ einer 6. Klasse

Dieser Stoffverteilungsplan soll die einzelnen Lernschwerpunkte und ihre Ausgestaltung deutlich machen und den Kindern zeigen, in welchen sinnvollen Zusammenhängen ihr Lernen steht. Dazu wird der integrierte Stoffverteilungsplan wiederum in einen Wochenplan umgesetzt, an dessen Ausgestaltung die Kinder beteiligt werden: Am Anfang der Woche trifft sich jede Klasse und jedes Kind bekommt solch einen Wochenplan, in dem detailliert aufgeführt ist, welche Themen, Inhalte und Vorhaben in dieser Woche zu bewältigen sind. Dieser Plan wird gemeinsam besprochen, die Kinder dürfen Wünsche, Kritik und Anregungen äußern und am Ende der Woche wird im Klassenverband reflektiert, wie die Umsetzung funktioniert hat und was man in der nächsten Woche anders oder besser machen könnte.

Der Lernstoff und seine Organisation werden so für die Kinder transparenter, sie können nachvollziehen, was in dieser Woche auf sie zukommt und werden zudem in die Planung miteinbezogen. Diese aktive Beteiligung an der Unterrichtsgestaltung und das damit verbundene Gefühl des Ver- und Zutrauens, was ihnen entgegengebracht wird, fördert die Motivation und Leistungsbereitschaft der Kinder.[5]

[...]


[1] Abschnitt bezieht sich auf: Fink, Matthias (2003). „Jugendliche in erschwerten Lebenslagen“, in: Duncker, L. (Hg.): Konzepte für die Hauptschule. Ein Bildungsgang zwischen Konstruktion und Kritik. Bad Heilbrunn: Klinkhardt, 200-209.

[2] Abschnitt bezieht sich auf: „Unsere Schule“, Internetseite: http://inhalt.altinger-konzept.de/unsere-schule.html, aufgerufen am 09.01.2009

[3] Abschnitt bezieht sich auf: Scheufele, Ulrich (1996). Weil sie wirklich lernen wollen: Bericht von einer anderen Schule – Das Altinger Konzept, Weinheim, Berlin: Beltz Quadriga, S. 117-120 u. 183-186

[4] Absatz bezieht sich auf: „Zeit-und Organisationsstrukturen“, Internetseite: http://inhalt.altinger-konzept.de/schulkonzept/rahmenbedingungen/zeit-und-organisationsstrukturen.html, aufgerufen am 10.01.2009

[5] Abschnitt bezieht sich auf: Scheufele, U. Weil sie wirklich lernen wollen. S. 157-165 und „Integrierter Stoffverteilungsplan“, Internetseite: http://inhalt.altinger-konzept.de/schulkonzept/rahmenbedingungen/zeit-und-organisationsstrukturen.html, aufgerufen am 10.01.2009

Ende der Leseprobe aus 17 Seiten

Details

Titel
Das Altinger Konzept. Entwicklung der Hauptschule zu einem anspruchsvollen und schülergerechten Lern- und Lebensraum
Hochschule
Katholische Universität Eichstätt-Ingolstadt
Note
1,0
Autor
Jahr
2009
Seiten
17
Katalognummer
V173744
ISBN (eBook)
9783668390645
ISBN (Buch)
9783668390652
Dateigröße
828 KB
Sprache
Deutsch
Schlagworte
altinger, konzept, entwicklung, hauptschule, lern-, lebensraum
Arbeit zitieren
Elisabeth Würtz (Autor), 2009, Das Altinger Konzept. Entwicklung der Hauptschule zu einem anspruchsvollen und schülergerechten Lern- und Lebensraum, München, GRIN Verlag, https://www.grin.com/document/173744

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