Die Produktivität von Affixen im Zusammenhang mit dem mentalen Lexikon


Hausarbeit (Hauptseminar), 2010

16 Seiten, Note: 2,0


Leseprobe

Inhaltsverzeichnis

1. Einleitung

2. Hauptteil
2.1 Das mentale Lexikon
2.2 Das Phänomen der Produktivität
2.3 Die Speicherung von Derivaten im mentalen Lexikon
2.4 Die Bedeutung der Auftretenshäufigkeit eines Wortes für seine Speicherung
2.5 Der Zusammenhang zwischen der Auftretenshäufigkeit eines Derivates und der Produktivität des jeweiligen Affixes
2.6 Empirische Überprüfung der Ausgangshypothese

3. Ausblick

Literaturverzeichnis

1. Einleitung

Der folgende Text befasst sich mit Affixen und ihrer Fähigkeit, Neologismen zu kreieren. Hierbei wird das graduelle Phänomen der Produktivität von Affixen im Zusammenhang mit dem mentalen Lexikon näher untersucht. Es sei die Hypothese aufgestellt, dass eine morphologisch produktive Kategorie von einer großen Anzahl selten auftretender und einer kleinen Anzahl sehr häufig auftretender Lexeme gekennzeichnet ist, während umgekehrt eine morphologisch unproduktive Kategorie von einer großen Anzahl häufig auftretender und einer kleinen Anzahl sehr selten auftretender Lexeme gekennzeichnet ist. Diese These stützt sich auf Annahmen über die sogenannte verbleibende Aktivität oder lexikalische Stärke von Morphemen und soll im Folgenden in Bezug auf die Derivate von Affixen untersucht werden.

2. Hauptteil

2.1 Das mentale Lexikon

Das mentale Lexikon, auch internes oder subjektives Lexikon genannt, bezeichnet eine bestimmte „Modellvorstellung über Struktur und Funktion des [menschlichen] Wortgedächtnisses“[1]. Es ist dabei nicht mit dem semantischen Gedächtnis gleichzusetzen, sondern, nach Engelkamp und Rummer, als präsemantisches sprachliches System aufzufassen.[2] Im mentalen Lexikon werden lexikalische Einheiten, sowie Wissen über ihre Bedeutung und Verwendung gespeichert. Dementsprechend schafft es grundlegende Voraussetzungen der Sprachproduktion und –rezeption. Es bestehen unterschiedliche Vorstellungen über Merkmale, Funktionsweise und Repräsentation der lexikalischen Einheiten des internen Lexikons.[3] Der folgende Text untersucht diese insoweit, als sie für das untersuchte Phänomen der Produktivität in engerem Zusammenhang relevant sind.

2.2 Das Phänomen der Produktivität

Durch das Anfügen eines Affixes an eine Wurzel oder einen Wortstamm, wird ein Derivat gebildet. Diese Eigenschaft von Affixen, neue Wörter zu kreieren, wird als seine Produktivität und Affixe selbst als produktive Formen bezeichnet[4]. Der Begriff der Produktivität ist nicht auf Affixe beschränkt und kann auf alle Wortbildungsprozesse angewendet werden. Der folgende Text konzentriert sich allerdings ausschließlich auf den Wortbildungsprozess der Affigierung.

Nicht alle Affixe sind gleichermaßen produktiv: Während manche Affixe sehr oft verwendet werden, um Ableitungen zu bilden und damit der Ursprung einer Vielzahl von Wortneuschöpfungen sind, werden andere Affixe zu diesem Zweck sehr viel seltener herangezogen. Produktivität von Affixen ist daher, so Plag, als graduelles Phänomen zu verstehen[5]: manche Affixe sind sehr produktiv, andere etwas weniger und wieder andere kaum. Der Grad der Produktivität eines Affixes kann sich im Laufe der Zeit verändern. Schmid führt als Beispiel hierfür das Affix –th an[6]: Es gibt verschiedene komplexe Lexeme, die durch dieses Suffix gebildet wurden, wie warmth, growth oder length. All diese Wörter sind jedoch älteren Ursprungs und es lassen sich keinerlei aktuelle Neologismen finden, die mit Hilfe von – th gebildet wurden. Dieses Suffix war dementsprechend einmal produktiv, ist es aber heute nicht mehr. Woran liegt das? Weshalb sind manche Affixe in einer Zeitspanne produktiv und andere weniger und wie lässt sich der aktuelle Grad der Produktivität eines Affixes näher bestimmen?[7]

2.3 Die Speicherung von Derivaten im mentalen Lexikon

Die Produktivität eines Affixes steht in Zusammenhang mit der Art und Weise, in der die durch Affigierung entstandenen Derivate im mentalen Lexikon gespeichert werden. Generell gibt es für Ableitungen theoretisch zwei verschiedene Möglichkeiten der Speicherung: als vollständiges Lexem oder aufgeteilt in Morpheme.

Die folgende Graphik verdeutlicht dies am Beispiel des Derivats happiness:

…als Lexem:

…in Morphemen:

Unregelmäßige Derivate, deren Ableitungen von einem Wortstamm keinerlei Wortbildungsregeln folgt, müssen zwangsläufig als Lexem gespeichert werden: Da diese, so Schmid, nicht das Ergebnis von Produktivität, sondern von Kreativität sind[8], sind sie unvorhersehbare Innovationen[9] und daher vom mentalen Lexikon in ihrer Bildung nicht nachzuvollziehen. Da sich diese Wörter nicht aus ihren einzelnen Morphemen direkt ableiten lassen, besteht nicht die Möglichkeit, Wurzel und Affix getrennt voneinander zu speichern.

Für die Ableitungen, deren Bildung entsprechend bestimmter Regeln erfolgt, besteht diese Möglichkeit jedoch durchaus, da die entsprechenden Wortbildungsregeln im mentalen Lexikon repräsentiert sind[10].

Bezogen auf diese regelmäßigen Derivate ist sich die Fachwissenschaft seit längerem uneinig.

Manche Wissenschaftler sind der Meinung, dass mentale Lexikon enthalte nur Morpheme. Nach diesem Ansatz wird das mentale Lexikon als „Gefängnis“ betrachtet (Di Scullio und Williams 1987, nach Plag): es beinhaltet nur die „Gesetzlosen“. Es werden nur solche Wörter und Wortfragmente gespeichert, die nicht mit Hilfe einer Wortbildungsregel generiert werden können: Wortstämme, unregelmäßige Ableitungen oder Zusammensetzungen und Affixe. Alle Wörter, deren Bildung aufgrund von Regelmäßigkeiten nachzuvollziehen ist, werden demnach nicht als komplettes Lexem gespeichert. Dies hätte den Vorteil, dass so keinerlei an sich unnötige Information gespeichert werden müsste: Bezogen auf den benötigten Speicherplatz im mentalen Lexikon wäre dies, so Plag, die ökonomischste Lösung.[11]

Doch das mentale Lexikon arbeitet nicht ausschließlich nach dem Gesichtspunkt einer ökonomischen Verwendung seines Speicherplatzes. Wie Aitchison deutlich macht, spielen die Abläufe der Sprachproduktion und des Sprachverständnisses in der Funktion des internen Lexikons die entscheidende Rolle.[12] Diese Prozesse müssen ausreichend schnell und reibungslos funktionieren. Sowohl Sprecher als auch Zuhörer müssen in der Lage sein, im Bruchteil von Sekunden auf die benötigten Lexeme im mentalen Lexikon zurückzugreifen. Die Geschwindigkeit des Zugriffs hängt von der Art der Speicherung ab: Wenn beispielsweise das Wort happiness als Lexem gespeichert wird, ist es dem Sprecher oder Zuhörer vermutlich schneller zugänglich, als wenn es in die Morpheme happy und - ness aufgeteilt gespeichert wird und diese erst zu happiness zusammengesetzt werden müssen. Diesem Verständnis folgend gibt es verschiedene Ansätze, nach denen im mentalen Lexikon sämtliche Lexeme als Ganzes gespeichert werden, unabhängig von ihrer Regelmäßigkeit, da dies den schnellstmöglichen Zugriff gewährleiste.[13] Würden jedoch alle Derivate, die durch ein bestimmtes Affix entstanden sind, als Lexem gespeichert werden, nähme dies deutlich mehr Platz weg als eine Speicherung nur der Morpheme.[14] Die folgende Graphik verdeutlicht dies an den Beispielen der Wörter cute à cuteness, happy à happiness, slow à slowness. Während bei einer Speicherung aller Lexeme sechs Elemente repräsentiert werden, braucht das interne Lexikon bei einer Speicherung der Morpheme nur vier:

[...]


[1] Lewandowski, Theodor (1985). Linguistisches Wörterbuch 2. Heidelberg/Wiesbaden: Quelle und Meyer. S. 163

[2] Engelkamp, Johannes & Rummer, Ralf (2005). „Das mentale Lexikon. Ein Überblick“ in: Cruse, Alan u.a. (Hrsg.) Lexikologie. Berlin/New York: De Gruyter. S. 1719-1720

[3] Abschnitt bezieht sich auf: Lewandowski, T. (1985). Linguistisches Wörterbuch 2. S. 163 und Engelkamp, Johannes (1993). „Mentales Lexikon: Struktur und Zugriff“ in: Harras, Gisela (Hrsg.) Die Ordnung der Wörter: Kognitive und lexikalische Strukturen. Berlin: De Gruyter. S. 99-119.

[4] Lewandowski, T. (1985). Linguistisches Wörterbuch 3. S. 807.

[5] Plag, Ingo (2003). Word formation in English. Cambridge: University Press. S. 51

[6] Schmid, Hans-Jörg (2005). Englische Morphologie und Wortbildung. Berlin: Erich Schmidt Verlag. S. 111

[7] Absatz bezieht sich auf: Aitchison, Jean (1996). Words in the mind. Cambridge: Blackwell. S. 157-168, Anshen, Frank & Aronoff, Mark (1989). „Morphological Productivity, Word Frequency and the Oxford English Dictionary“ in: Fasold, Ralph W. & Schiffrin, Deborah (Ed.). Language Change and Variation. Amsterdam/Philadelphia: John Benjamins Publishing Company. S. 197-202 und Plag, I. (2003) Word formation in English. S. 44-45

[8] Schmid, H. (2005). Englische Morphologie und Wortbildung. S. 114.

[9] Lipka, Leonhard (2002). English Lexicology: lexical structure, word semantics and word-formation. Tübingen: Narr. S. 108

[10] Anglin, Jeremy M. (2005). „The Acquisition of Word Meaning II: Later lexical and semantic development“.in: Cruse, Alan u.a. (Hrsg.) Lexikologie. Berlin/New York: De Gruyter. S. 1797-1798

[11] Absatz bezieht sich auf: Plag, I. (2003) Word formation in English. S. 47-49. und Bybee, Joan (1995). “Regular Morphology and the Lexicon”. Language and Cognitive Processes. 10(5), S. 425.

[12] Aitchison, Jean (1996). Words in the mind. Cambridge: Blackwell. S. 222-231.

[13] Bybee, Joan (1995). “Regular Morphology and the Lexicon” S. 425.

[14] Absatz bezieht sich auf: Plag, I. (2003) Word formation in English. S. 47-49.

Ende der Leseprobe aus 16 Seiten

Details

Titel
Die Produktivität von Affixen im Zusammenhang mit dem mentalen Lexikon
Hochschule
Katholische Universität Eichstätt-Ingolstadt
Note
2,0
Autor
Jahr
2010
Seiten
16
Katalognummer
V173746
ISBN (eBook)
9783668331044
ISBN (Buch)
9783668331051
Dateigröße
708 KB
Sprache
Deutsch
Schlagworte
produktivität, affixen, zusammenhang, lexikon
Arbeit zitieren
Elisabeth Würtz (Autor), 2010, Die Produktivität von Affixen im Zusammenhang mit dem mentalen Lexikon, München, GRIN Verlag, https://www.grin.com/document/173746

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