Die Beziehung zwischen Menschen am Rande der Gesellschaft und ihren Hunden im Vergleich zu anderen Menschen mit Hund

Wohnungslose, Obdachlose und ihre Hunde


Diplomarbeit, 2011
87 Seiten

Leseprobe

Inhaltsverzeichnis

DECLARATION - ERKLÄRUNG

ABSTRAKT - ZUSAMMENFASSUNG

1. Vorwort

2. Einleitung
2.1. Entstehung der Idee des Diplomarbeits-Themas
2.1.1. Grundlegende Schwierigkeiten in der heutigen Hundeerziehung
2.1.2. Beobachtungen
2.1.2.1. Wohnungslose Hundehalter (WL)
2.1.2.2. Nichtwohnungslose Hundehalter (NWLH)
2.2. Definitionen und Erklärungen
2.2.1. Wohnungslosigkeit
2.2.2. Die Domestikation und Kulturgeschichte des Hundes
2.2.2.1 Erik Zimen
2.2.2.2. Weitere Domestikationstheorien
2.2.3. Hundehaltung in der Vergangenheit
2.2.4. Hundehaltung heute
2.2.5. Die Bedeutung der Kommunikation in der Beziehung mit dem Hund
2.2.5.1. Wortherkunft „Kommunikation/Kommando“
2.2.5.2. Kommunikation in der Mensch-Hund-Beziehung
2.2.6. Artgerechte Haltung und Erziehung eines Hundes
2.2.6.1. Auszug aus der Tierschutz-Hundeverordnung vom 2. Mai (BGBl Bundesgesetzblatt)
2.2.6.2. Richtlinien für den artgemäßen Umgang mit dem Hund (CANIS - Zentrum für Kynologie)
2.2.6.3. Clarissa v. Reinhardt
2.2.6.4. Jan Nijboer - Natural Dogmanship®
2.2.6.5. Die Entwicklungsphasen eines Welpen
2.2.7. Informationen zur Kastration

3. Theorie - Bestandsaufnahme
3.1. Gründe für Wohnungsverlust
3.2. Informationen der BAG (Bundesarbeitsgemeinschaft Wohnungslosenhilfe e. V.)
3.3. Bücher und Artikel über Wohnungslose und ihre Hunde
3.4. Gespräch mit dem Leiter der Einrichtung „Niklashof“ (Diakonie Wohnungslosenhilfe) Dresden
3.5. Ausstattung der Hilfseinrichtungen für Wohnungslose mit Hund
3.6. Vorurteile
3.7. Abwertung von Obdachlosen

4. Methodik und Auswertung der Fragebögen
4.1. Befragungen
4.1.1. Nicht-Wohnungslose/Passanten mit oder ohne Hund (NWL)
4.1.2. Wohnungslose mit Hund (WL)
4.1.3. Nicht-Wohnungslose mit Hund (NWLH)
4.2. Ergebnisse und Interpretation der Fragebögen
4.2.1. Auswertung der Fragebögen für NWL/Passanten
4.2.2. Vergleich der Fragebogenauswertungen von WL und NWLH

5. Diskussion
5.1. Eigene Erfahrungen und Beobachtungen bei der Befragung in Ulm und München
5.2. Schwierigkeiten bei der Untersuchung
5.3. Überlegungen und Anregungen

6. Fazit

7. Abbildungsverzeichnis

8. Literaturverzeichnis

9. Abkürzungsverzeichnis

ANHANG
A. EINRICHTUNGEN IN DENEN HUNDE ERLAUBT UND WILLKOMMEN SIND
B. FRAGEBÖGEN MIT ANSCHLIEßENDEN GRUNDAUSWERTUNGEN
C. BÜCHERLISTE
D. INTERNET-ADRESSEN

Declaration - Erklärung

Hiermit wird versichert, dass diese Diplomarbeit selbstständig verfasst und keine anderen als die angegebenen Quellen und Hilfsmittel verwendet wurden.

06.06.2011

Saskia Katharina Moos

Abstrakt - Zusammenfassung

Hintergrund

In Deutschland gibt es viele Menschen mit Hund, die sich entweder bewusst für ein Leben auf der Straße entschieden haben oder aufgrund ihrer Lebenssituation (z. B. Scheidung, Arbeitslosigkeit) keinen festen Wohnsitz haben oder die Gefahr besteht wohnungslos zu werden. All diese Menschen stehen am Rande unserer Gesellschaft. Was sie allerdings meistens haben, ist eine gute Beziehung zu ihrem Hund. Er ist oft das wichtigste und letzte in ihrem Leben was sie noch haben.

Topic

Die vorliegende Arbeit vergleicht anhand von Fragebögen die Beziehung zwischen Menschen am Rande der Gesellschaft und ihren Hunden und anderen Menschen mit Hund. Der besseren Unterscheidung wegen werden „Menschen am Rande der Gesellschaft“ als Wohnungslose und „andere Menschen“ als Nichtwoh- nungslose bezeichnet.

Forschungsfrage

Welche Unterschiede bzw. Ähnlichkeiten gibt es bei Erziehung, Beziehung, Umgang und Ernährung mit dem Hund? Wird meine Vermutung, dass das Leben der Hunde von Wohnungslosen seinem ursprünglichen Leben näher kommt bestätigt?

Studiendesign

An der Studie haben 60 Wohnungslose, 60 Nichtwohnungslose mit oder ohne Hund und 60 Wohnungslose mit Hund teilgenommen. Es wurden in Süddeutschland Wohnungslose mit Hund, Passanten zu ihrer eigenen Meinung und Nicht-Wohnungslose mit Hund zu diesem Thema befragt.

Desweiteren wurden verschiedene soziale Hilfs-Einrichtungen angeschrieben. Hier entstanden einige persönliche telefonische Kontakte, in denen Fragen zum Thema gestellt und beantwortet wurden.

Ergebnis

Beide Personengruppen dürfen noch einiges über das artgerechte Halten von Hunden erlernen, um ihm ein so hundegerechtes Leben wie möglich bieten zu können. Die Vermutung, dass das Leben eines Hundes auf der Straße seinem ursprünglichen Leben näher kommt wurde durch den Vergleich bestätigt.

1. Vorwort

„ Der Wunsch, ein Tier zu halten, entspringt einem uralten Grundmotiv - n ä mlich der Sehnsucht des Kulturmenschen nach dem verlorenen Paradies. “ 1 Konrad Lorenz Mein Hund ist durch seine bedingungslose Liebe zu einem sehr wichtigen Bestandteil meines Lebens geworden. Ich sehe es deshalb als meine Aufgabe an, ihm ein so hundegerechtes Leben wie möglich zu bieten, indem sich Mensch und Hund gleichermaßen wohlfühlen. Dafür übernimmt der Mensch die Führung und strahlt durch klare Kommunikation Sicherheit aus, was die Basis für eine vertrauensvol- le Beziehung ist.

Abbildung in dieser Leseprobe nicht enthalten

Abb. 1: Jamaro

Doch wie genau sieht jetzt eine solche Beziehung in der Praxis aus? Vielleicht können wir in diesem Fall gerade von den Menschen etwas lernen, die wir normalerweise als gescheitert wahrnehmen. Denn gerade Wohnungslose scheinen oft ein sehr natürliches und doch erstrebenswertes Verhältnis zu ihren Hunden zu haben.

Hierzu bin ich auf einen Artikel gestoßen, der mich zum Nachdenken gebracht hat:

„Der eine oder andere unbedarfte Hundehalter, dessen Hund anscheinend so rein gar nicht auf Frau- chen oder Herrchen hören will, wird sich zuweilen folgende Frage stellen. Wieso ist das Verhältnis von Obdachlosen zu Hunden oft so gut, obwohl der Halter den Hunden nicht einmal ein vernünftiges zu Hause bieten kann?

Eine einzige Antwort darauf gibt es nicht, nur einzelne Punkte, die sich jedoch zum Wohlbefinden eines Hundes und zu einem guten Verständnis zwischen Hund und Halter summieren können. Unter anderem ist es die Lebensweise von Obdachlosen, die einer artgerechten Hundehaltung sehr nahe kommt.

Für Zweifler folgende Fragen: Was gibt es Schöneres für einen Hund, als den ganzen Tag mit seinem Herrchen gemeinsam verbringen zu können und dabei die Gegend zu erkunden? Und was gibt es Schöneres für einen Hund, wie sich des Abends unter einer Brücke mit anderen Rudelmitgliedern zu treffen, um gemeinsam die Nacht zu verbringen?

Bleibt da noch die Frage der artgerechten Ernährung. Doch was ist hier artgerecht? Der Name auf der Verpackung verspricht Qualität, nur Hunde können bekanntlich nicht lesen und handhaben es deshalb wie ihre Vorfahren. Diese Vorfahren waren es jedoch, die sich vermutlich dem Menschen und dessen Lagerstätten näherten, lange bevor es Futter in Konserven ab.

Oder anders ausgedrückt, Hunde lieben zuweilen auch Aas. Ja im Gegenteil, wenn ein verantwortungsvoller Hundehalter seinen Hund wirklich artgerecht ernähren möchte, sollte er ihn in regelmäßigen Abständen rohes und leicht vergammeltes Fleisch anbieten. Wichtig ist dabei, dass dieses Fleisch nicht im Kühlschrank gelagert und keinesfalls erhitzt wurde. Einige leckere Essensreste und belegte Brote verschmäht kaum ein Hund, nur die Zutaten sollten keine Gewürze enthalten. Sie brauchen dessen ungeachtet nicht gleich obdachlos zu werden, nur um ihren Hund artgerecht zu ernähren. Fühlt sich hingegen Ihr Vermieter vom Geruch des in Verwesung übergehenden Fleisches belästigt, könnten Sie jedoch über kurz oder lang auch zu den Obdachlosen gehören und das nur weil Sie sich um eine artgerechte Hundeernährung bemühten.“2

2. Einleitung

2.1. Entstehung der Idee des Diplomarbeits-Themas

2.1.1. Grundlegende Schwierigkeiten in der heutigen Hundeerziehung

Auffällige bzw. nicht gewünschte Verhaltensweisen eines Hundes sind oftmals das Ergebnis ungenügender Kenntnisse über die Hundeerziehung. Immer wieder sind nicht erwünschte Handlungsweisen des Hundes (z. B. das Fressen von Aas, der übertriebene Beschützer-Instinkt eines Herdenschutzhundes) zwar lästig für den Besitzer, aber für das Tier völlig artgerecht und normal.

Es gibt verschiedene Faktoren und Ursachen, die eine Verhaltensauffälligkeit bzw. Verhaltensstörung auslösen können: Umwelt-, genetische, hormonelle und organische Faktoren ebenso wie Medikamente und Wechselwirkungen; Erfahrungen im Welpenalter, Stress, ungenügendes Training und Krankheiten.

Desweiteren können Schwierigkeiten mit dem Hund entstehen, wenn immer wieder unwissentlich ein bestimmter Reiz gesetzt oder sogar verstärkt wird. Man unterscheidet auslösende (z. B. Klingel, ein Geruch), erregende (z. B. Riechen von Sexualpartner, Fressen) und verstärkende Reize (z. B. Hund wird heißgemacht). Hemmende Reize (z. B. Ignorieren) wirken den anderen Reizen entgegen und können das ungewünschte Verhalten des Tieres verändern.

Es ist wichtig die verschiedenen Faktoren, Reize und Ursachen und deren Folgen im Hundeverhalten zu wissen, um sie so früh wie möglich zu erkennen und aktiv entgegenwirken zu können.3

2.1.2. Beobachtungen

2.1.2.1. Wohnungslose Hundehalter (WL)

Man kann vor allem in den Fußgängerzonen der Städte beobachten, dass die meisten Hunde von Menschen am Rande der Gesellschaft unangeleint sind und trotzdem in unmittelbarer Nähe ihrer Menschen bleiben. Mit nur ganz wenigen Mitteln (z. B. Ignorieren, Gestik, Laute) werde diese Hunde geführt. Es sieht oft so aus, als bestehe eine besonders starke Bindung zwischen Mensch und Hund.

Auch wenn mehrere Menschen und Tiere als Gruppe unterwegs sind, werden wenige Probleme unter den Hunden beobachtet. Desweiteren schei- nen diese Hunde meist entspannt und trotzdem sehr aufmerksam ihrem Menschen und dem Um- feld gegenüber zu sein.

Abbildung in dieser Leseprobe nicht enthalten

Abb. 2: © zeljko santrac

Obwohl viele Wohnungslose nicht die finanziellen Mittel für Pflegeutensilien haben, sind die meisten Hunde optisch in einem guten Zustand.

Es ist auch weniger Erfreuliches auf den Straßen zu beobachten, wie vernachlässigt aussehende, abgemagerte oder auch verletzte Hunde. Manche werden zum Betteln aktiv eingesetzt, andere misshandelt.

Da diese negativen Tatsachen nicht Haupt-Thema dieser Arbeit sind, wird sich schwerpunktmäßig auf positive Beobachtungen beschränkt.

2.1.2.2. Nichtwohnungslose Hundehalter (NWLH)

Die Gründe für die Anschaffung eines Hundes sind sehr vielfältig: u. a. der Wunsch eines Kindes nach einem Hund, als Begleitung bei Freizeitaktivitäten, als Modeerscheinung, weil schon immer ein Hund gehalten wurde, als Partner- und/oder Kindersatz, als Wachhund, als sozialer Begleiter, als Therapiehund.

Die Hunde werden vielfach bei einem Züchter, in einem Tierheim oder über eine Tierschutzorganisation ausgesucht.

Die gesundheitliche Versorgung (z. B. Tierarzt) scheint aufgrund der oft stabilen fi- nanziellen Lage gesichert zu sein. Das deutet auf ein Bemühen um die Gesundheit des Hundes hin. Auch Therapeuten für verhaltensauffällige Hunde werden vermehrt auf- gesucht.

Es ist zu beobachten, dass die Rasse aufgrund der spezifischen Bedürfnisse nicht zum Besitzer passt (z. B. Arbeitnehmer ohne viel Freizeit und Border Collie/Australien Shepard/Husky) und somit chronisch unterfordert ist. Desweiteren verstehen viele Halter die Hundesprache nicht und können somit z. B. Stresssymptome nicht deuten, die sich zum Teil über Ersatzhandlungen äußern wie vermehrtes Bellen, Selbstverletzung, Zerstörung von Gegenständen, Schwanzjagen.

Vor allem wenn der Hund ein Partner- und/oder Kindersatz darstellt, ähnelt der Umgang mit dem Hund oft stark dem Umgang mit Kindern und damit vermenschlicht: der Hund steht zu sehr im Vordergrund und Mittelpunkt, es wird zu viel geredet und damit versucht, das Verhalten des Tieres durch Logik zu ändern.

Bei nichtwohnungslosen Hundehaltern kann man beobachten, dass der Hund an der Leine zieht, nicht auf den Besitzer hört und/oder sich aggressiv gegenüber Artgenossen oder Menschen verhält. Typisch vor allem für kleine Hunde ist die Flexileine (Ziehleine), die Hunde sind automatisch gezwungen an der Leine zu ziehen und somit dem Halter keinerlei Beachtung schenken zu müssen.

Das reichhaltige Angebot von Literatur über Hundehaltung und -erziehung, vielfältige Anzeigen von Hundetrainern, Hundeschulen, Ausbildungen sowie Fernsehsendungen (z. B. „Der Hundeprofi“ mit Martin Rütter, „hundkatzemaus - das Haustiermagazin“) weisen inzwischen auf ein vermehrtes Interesse der Menschen an einer Hundehaltung hin, die sich verstärkt an den Bedürfnissen des Tieres orientiert.

2.2. Definitionen und Erklärungen

2.2.1. Wohnungslosigkeit

Für Menschen, die „auf der Straße leben“, gibt es unterschiedliche Bezeichnungen (Ob- dachlosigkeit - Wohnungslosigkeit - Nichtsesshafte - Biwakierer - „Unterkunft unter freiem Himmel“ - Vagierer - Vaganten - fahrende Leute - Kammesierer - Hippenbuben - verarmte Korrigenden - Vagabunden - Berber - „arbeitsscheue Nichtsesshafte“ - Wan- derer mit „pathologischen Minderwertigkeiten“ - Personen ohne ausreichende Unterkunft - Wohnungslose - homeless mentally ill - Stadtstreicher - Landstreicher - „Penner“ - obdachlose Bettler- Wohnungsnotfälle) , hinter denen verschiedene Definitionen stehen. Auf diese näher einzugehen würde den Rahmen dieser Arbeit sprengen.

Es genügt hier die Begriffserklärung - Wohnungsnotfall und Wohnungslosigkeit - der BAG: „Wohnungsnotfall:

Eine Person ist ein Wohnungsnotfall, wenn sie

- wohnungslos oder
- von Wohnungslosigkeit bedroht ist oder
- in unzumutbaren Wohnverhältnissen lebt

Wohnungslosigkeit

Wohnungslos ist, wer nicht über einen mietvertraglich abgesicherten Wohnraum verfügt. Aktuell von Wohnungslosigkeit betroffen sind danach Personen, im ordnungsrechtlichen Sektor:

- die aufgrund ordnungsrechtlicher Maßnahmen ohne Mietvertrag, d. h. lediglich mit Nut- zungsverträgen in Wohnraum eingewiesen oder in Notunterkünften untergebracht werden im sozialhilferechtlichen Sektor:
- die ohne Mietvertrag untergebracht sind, wobei die Kosten nach Sozialgesetzbuch XII und/oder II übernommen werden
- die sich in Heimen, Anstalten, Notübernachtungen, Asylen, Frauenhäusern aufhalten, weil keine Wohnung zur Verfügung steht
- die als Selbstzahler in Billigpensionen leben
- die bei Verwandten, Freunden und Bekannten vorübergehend unterkommen
- die ohne jegliche Unterkunft sind, "Platte machen" im Zuwanderersektor:
- Aussiedler, die noch keinen Mietwohnraum finden können und in Aussiedlerunterkünften untergebracht sind“4

In dieser Untersuchung wird einfachheitshalber durchgängig die Bezeichnung „Wohnungslose“ verwendet. Gemeint sind damit Hundehalter, die den Großteil ihres Lebens auf der Straße verbringen und nur über ein geringes oder gar kein Einkommen verfügen. Unter anderem sind hiermit auch Punker und Aussteiger gemeint.

2.2.2. Die Domestikation und Kulturgeschichte des Hundes

Der Begriff Domestikation kommt aus dem Lateinischen (domus = Haus). Er bedeutet, dass ein Wildtier vom Menschen an seine Gegenwart gewöhnt und zu einem Haustier erzogen wird.

2.2.2.1. Erik Zimen

Im Buch „Der Hund - Abstammung, Verhalten, Mensch und Hund“ beschreibt Erik Zimen5 den Wolf als ein Tier, welches wie kein anderes mit dem Menschen eine enge Bindung eingegangen ist und sich im Laufe der Zeit vom Hauswolf zum Hund entwickelt hat. Inzwischen ist sicher, dass der Wolf (Canis lupus) Stammvater aller Hunde- rassen ist.

Abbildung in dieser Leseprobe nicht enthalten

Abb. 3: Canis Lupus © MichaelPeter

Nach Erik Zimen ist der wahrscheinlichste Grund der Domestikation des Wolfes nicht wie angenommen der männliche Jäger gewesen, sondern Mädchen und Frauen, die verwaiste Wolfswelpen an ihre Brust nahmen. Auch waren die heranwachsenden Tiere willkommene Spielgefährten für die Kinder. Nur diese Wölfe konnten eine dauerhafte soziale Bindung zu den artfremden Müttern entwickeln und wurden so zu einem fortdauernden Bestandteil menschlicher Kultur.

Bereits in der Nacheiszeit entwickelte sich der Hauswolf zu einem unentbehrlichen Gehil- fen des Jägers. So brauchte dem Wild vom Menschen nur noch eine blutende Wunde bei- gefügt werden, um anschließend von den Hunden müde gejagt und gestellt zu werden.

Der Jäger orientierte sich am Bellen der Hunde und konnte so das Wild aus nächster Nähe töten. Vermutlich hätte der Mensch aufgrund der immer geringer werdenden Beutedichte ohne diese neue wölfische Jagdtaktik nicht überlebt.

In den ersten Hochkulturen (ca. 4. Jahrtausend v. Chr.) führten gezielte menschliche Zuchtauswahlen zur Herausbildung von Rassentypen. Kampfhunde für den Kriegseinsatz wurden von den Babyloniern und Assyrern im 13. Jahrhundert v. Chr. gezüchtet. Im römischen Reich erreichte die Hundezucht eine weitere Hochblüte. Erstmals umgaben sich reiche Menschen mit kleinwüchsigen Schoßhündchen.

Der Ursprung der modernen Hundezucht ist auf den britischen Inseln zu finden. Vor allem der grausame Hundekampf war sehr beliebt. 1835 wurde dieser in Großbritannien vom Parlament verboten, allerdings gehen bis heute illegale Kämpfe und Wetten weiter.

Erwähnenswert als besonderer Ausdruck von Hundezucht in Verbindung mit Zeitgeist ist der Deutsche Schäferhund. Er sollte entspre- chende Größe, Schärfe, Mut, Kampfeslust und Aggressivität sowie Gelehrigkeit, Treue und Unterordnung zeigen. In Folge genetischer Isolation musste es zwangsläufig zu Degenera- tionserscheinungen kommen. Vor allem der hochgezüchtete Schäferhund leidet heute oft unter einer krank- und schmerzhaften Defor mierung des Oberschenkelkopfes und einer Hüftgelenksdysplasie (HD).

Abbildung in dieser Leseprobe nicht enthalten

Abb. 4: Deutscher Schäferhund © Blesinger

Auch z. B. beim Dobermann galt extreme Schärfe als wichtigs- te Eigenschaft. Ebenso ist der Pitbull-Terrier ausgeprägt ag- gressiv und kennt keine Angst. Ihm fehlt die natürliche Intelli- genz des Wolfes, d. h. das Gleichgewicht von Ängstlichkeit und Aggressivität, um das Überleben in freier Wildbahn zu gewährleisten.

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Abb. 5: Dobermann © Nikolai Tsvetkov

Im Gegensatz dazu wird der Hund vielfach innerhalb der Familienverbände als kindliches Wesen behandelt. Diese Abhängigkeit hält den Hund in einer sozial bedingten Kindlichkeit. Ein Wechsel auf eine ranghöhere Position könnte es dem Hund erlauben, sozial „erwachsen“ zu werden.

Zimen spricht im o. g. Buch von einer doppelten Identität des Hundes. Dieser ist in der Lage, sich an Artgenossen und in erster Linie sogar an den Menschen sozial zu binden. Aufgrund dieser Bindungsbereitschaft ist der Hund zu einer beeindruckenden Anpas- sungsleistung fähig, die bei Wölfen nicht zu beobachten ist, nämlich „Das Lachen“.

2.2.2.2. Weitere Domestikationstheorien

Ray und Lorna Coppinger beschreiben in ihrem Buch „Hunde - Neue Erkenntnisse über Herkunft, Verhalten und Evolution der Kaniden“6, dass ohne eine vorherige ge- netische Veränderung der Wölfe keine Domestizierung durch den Menschen möglich sein kann.

Es wird davon ausgegangen, dass vor ca. 15 000 Jahren nur Wölfe lebten und 8 000 v. Chr. schon verschiedene Rassen von Hunden existierten. Diese kurze Zeit dazwischen reicht nicht für eine Domestizierung allein durch den Menschen aus. Coppinger´s sprechen von mindestens einer Gruppe Wölfe, die sich selbstständig gezähmt haben müssen, um dann vom Menschen weiter domestiziert werden zu können.

Sie vermuten, dass diese Wölfe eine verminderte Fluchtdistanz zeigten und sich näher an die Menschen heranwagten. Der Wolf begann sich damit in zwei Gruppen aufzuteilen und vermehrte sich weiter jeweils nur in der eigenen Gruppe. Die Kaniden, die sich näher an die Menschen heranwagten, begannen sich äußerlich (kleinerer Wuchs, Kopf, Kiefer und Gehirn) wie auch in ihren Verhaltensweisen der neuen Situation anzupassen.

Das bedeutet nach Coppinger, dass Hunde kein Wolfsgehirn haben und damit auch nicht wie Wölfe denken. Diese Erkenntnis ist wichtig für unsere Erwartungen und Verhalten unseren Hunden gegenüber. Wolf und Hund sind lediglich weit entfernte Verwandte, die sich an zwei grundverschiedene Lebensbereiche angepasst haben und deshalb völlig unterschiedliche Tiere sind.

Prof. Dr. Brian Hare (amerikanischer Wissenschaftler) und Prof. Dr. Michael Tomasello (Direktor am Leipziger Max-Planck-Institut für evolutionäre Anthropologie) gehen da- von aus, dass die „Toleranz der Lebewesen zueinander“7 verantwortlich für soziale In- telligenz und damit die Voraussetzung für die Zähmbarkeit von Wildtieren ist. Wenn al- so die weniger furchtsamen und weniger aggressiven Tiere sich untereinander vermeh- ren, konnten sich die Fähigkeiten entwickeln, die wir Menschen im Zusammenleben mit unseren Hunden so schätzen. Es sind dies im besonderen Maße die Möglichkeiten zu- sammen zu kommunizieren und in einer häuslichen Gemeinschaft zu leben.

2.2.3. Hundehaltung in der Vergangenheit

Die Menschen damals hielten Hunde aus wirtschaftlichen Komponenten. Sie waren eine Arbeitserleichterung und übernahmen vielfältige Aufgaben. Sie wurden beim Schlittenziehen eingesetzt, zum Hundekampf ausgebildet, als Wachhunde gehalten oder als Spürhunde bei der Jagd verwendet.

Eine erfolgreiche gemeinsame Jagd von Mensch und Hund bedeutete mehr Beute, weniger Energieaufwand und vor allem für den Hund weniger Risiko. „Hund und Mensch hatten gleiche Zielsetzung und somit eine funktionierende Symbiose.“8

Abbildung in dieser Leseprobe nicht enthalten

Abb. 6: Bracken und Windhunde im Wald, französischer Gobelin, 15. Jhd.

http://de.wikipedia.org/wiki/Datei:Bracken_und_Windhunde_auf_Gobelin.jpg

2.2.4. Hundehaltung heute

Inzwischen hat die soziale Komponente meist Vorrang vor der wirtschaftlichen. Aller- dings werden die nützlichen Eigenschaften von Hüte-, Wach-, Such- und Schutzhun- den nach wie vor sehr geschätzt. In unserer industrialisierten Gesellschaft führen die Lebensbedingungen häufig zu einem Fürsorge-Defizit und Vereinsamung der Men- schen. Vor allem Hunde wirken diesen Lebensumständen entgegen. Sie legen keinen Wert auf Äußerlichkeiten, stellen keine überhöhten Ansprüche und müssen verant- wortlich versorgt werden.

Hunde strahlen Lebensfreude aus, geben dem Menschen Nähe, Anerkennung und Zuwendung. Die positiven Aus- wirkungen auf die Psyche steigern die Lebensqualität, das Allgemeinbefinden und sogar das Immunsystem der Men- schen. Menschen mit Hund sehen sich positiver, kontakt- freudiger, lebensfroher und zufriedener als Menschen ohne Hund. Dank seiner Lernfähigkeit ist er ein begabter Sozial- partner, der sich an nahezu jeden Menschen anpassen kann und sich in vielen Bereichen unentbehrlich gemacht hat.

Abbildung in dieser Leseprobe nicht enthalten

Abb. 7: Jamaro und ich

2.2.5. Die Bedeutung der Kommunikation in der Beziehung mit dem Hund

2.2.5.1. Wortherkunft „Kommunikation/Kommando“

Jan Nijboer erklärt in seinem Buch „Hunde verstehen“ die unterschiedliche Bedeutung von Kommunikation und Kommando. Unter Kommunikation versteht man in Verbindung zu stehen, sich zu verständigen (Sender und Empfänger), Informationen auszutauschen, etwas gemeinsam zu tun und sich mitzuteilen.

Abbildung in dieser Leseprobe nicht enthalten

Abb. 8: © Angie Lingnau

„Es gibt viele Ableitungen, die was mit einem ‚Miteinander‘ und gleichen Zielsetzungen zu tun haben (z. B. Kommen, Ankommen, Abkommen, Auskommen, …).

Doch gibt es eine Ableitung, die meist nur auf die Interessen von Einem ausgerichtet ist und somit kein Miteinander darstellt: Das Kommando! Wenn es allerdings in einer gut funktionierenden Beziehung um das Miteinander geht, warum sprechen wir dann immer von Kommandos, die wir unserem Hund beibringen?

Kommando bedeutet in der ‚Übersetzung‘ so viel wie Befehl. Hier spielt nur einer die Rolle des Senders, ohne ein Wiederwort des anderen“. Das Wort ‚Befehlsgewalt‘ ver- deutlicht, dass der Mensch in Kauf nimmt, dem Gegenüber, also seinem Hund, Gewalt anzutun.“9

2.2.5.2. Kommunikation in der Mensch-Hund-Beziehung

Für eine erfolgreiche Beziehung zwischen Mensch und Hund ist es notwendig, dass sich beide Beziehungspartner auf gleicher Ebene verständigen, der eine muss wissen, was der andere mitteilen möchte. Hierfür muss sich der Mensch mit Worten und/oder Verhalten so ausdrücken, dass der Hund dies entweder von seiner Natur her versteht (z. B. Rücken zuwenden bedeutet kein Interesse an Kontakt oder Beschwichtigung) oder es eindeutig zu verstehen gelernt hat (Konditionierung).

Damit dies funktioniert muss der Mensch die Hundesprache erlernen (die Symptome für Stress, Beschwichtigungssignale usw.) um den Hund im Sinne einer Kommunika- tion (wie in 2.2.5.1 beschrieben) zu verstehen, agieren und reagieren zu können.10

2.2.6. Artgerechte Haltung und Erziehung eines Hundes

Da es zu diesem Thema sehr viele verschiedene Meinungen und Philosophien gibt, wurde die Auswahl auf zwei begrenzt.

2.2.6.1. Auszug aus der Tierschutz-Hundeverordnung vom 2. Mai 2001 (BGBl Bundesgesetzblatt)

„ ... § 2 Allgemeine Anforderungen an das Halten

(1) Einem Hund ist ausreichend Auslauf im Freien außerhalb eines Zwingers oder ei- ner Anbindehaltung sowie ausreichend Umgang mit der Person, die den Hund hält, be- treut oder zu betreuen hat (Betreuungsperson), zu gewähren. Auslauf und Sozialkon- takte sind der Rasse, dem Alter und dem Gesundheitszustand des Hundes anzupassen.

(2) Wer mehrere Hunde auf demselben Grundstück hält, hat sie grundsätzlich in der Gruppe zu halten, sofern andere Rechtsvorschriften dem nicht entgegenstehen. Von der Gruppenhaltung kann abgesehen werden, wenn dies wegen der Art der Verwendung, dem Verhalten oder dem Gesundheitszustand des Hundes erforderlich ist. Nicht anei- nander gewöhnte Hunde dürfen nur unter Aufsicht zusammengeführt werden.

(3) Einem einzeln gehaltenen Hund ist täglich mehrmals die Möglichkeit zum länger dauernden Umgang mit Betreuungspersonen zu gewähren, um das Gemeinschafts- bedürfnis des Hundes zu befriedigen.

(4) Ein Welpe darf erst im Alter von über acht Wochen vom Muttertier getrennt werden. Satz 1 gilt nicht, wenn die Trennung nach tierärztlichem Urteil zum Schutz des Mut- tertieres oder des Welpen vor Schmerzen, Leiden oder Schäden erforderlich ist. Ist nach Satz 2 eine vorzeitige Trennung mehrerer Welpen vom Muttertier erforderlich, sollen diese bis zu einem Alter von acht Wochen nicht voneinander getrennt werden.

§ 5 Anforderungen an das Halten in Räumen

(1) Ein Hund darf nur in Räumen gehalten werden, bei denen der Einfall von natürli- chem Tageslicht sichergestellt ist. Die Fläche der Öffnungen für das Tageslicht muss bei der Haltung in Räumen, die nach ihrer Zweckbestimmung nicht dem Aufenthalt von Menschen dienen, grundsätzlich mindestens ein Achtel der Boden- fläche betragen. Satz 2 gilt nicht, wenn dem Hund ständig ein Auslauf ins Freie zur Verfügung steht. Bei geringem Tageslichteinfall sind die Räume entsprechend dem natürlichen Tag-Nacht-Rhythmus zusätzlich zu beleuchten. In den Räumen muss eine ausreichende Frischluftversorgung sichergestellt sein.

(2) Ein Hund darf in Räumen, die nach ihrer Zweckbestimmung nicht dem Aufenthalt von Menschen dienen, nur dann gehalten werden, wenn die benutzbare Bodenflä- che den Anforderungen des § 6 Abs. 2 entspricht.

§ 8 Fütterung und Pflege

(1) Die Betreuungsperson hat dafür zu sorgen, dass dem Hund in seinem gewöhnli- chen Aufenthaltsbereich jederzeit Wasser in ausreichender Menge und Qualität zur Verfügung steht. Sie hat den Hund mit artgemäßem Futter in ausreichender Menge und Qualität zu versorgen.

(2) Die Betreuungsperson hat

1. den Hund unter Berücksichtigung des der Rasse entsprechenden Bedarfs regelmäßig zu pflegen und für seine Gesundheit Sorge zu tragen;

2.die Unterbringung mindestens einmal täglich und die Anbinde-Vorrichtung mindestens zweimal täglich zu überprüfen und Mängel unverzüglich abzustellen;

3. für ausreichende Frischluft und angemessene Lufttemperaturen zu sorgen, wenn ein Hund ohne Aufsicht in einem Fahrzeug verbleibt;

4. den Aufenthaltsbereich des Hundes sauber und ungezieferfrei zu halten; Kot ist täglich zu entfernen “11

2.2.6.2. Richtlinien für den artgemäßen Umgang mit dem Hund (CANIS - Zentrum für Kynologie)

Im Jahre 2003 wurden unter Mithilfe von Dr. Erik Zimen in CANIS-Workshops die Rechte des Hundes erarbeitet.12

„Die Rechte im Überblick:

Artikel 1: Der Hund hat das Recht auf einen sachkundigen Besitzer

Artikel 2: Der Hund hat das Recht auf dauerhaften sozialen Kontakt zu Menschen und Hunden

Artikel 3: Der Hund hat das Recht mit Artgenossen zu spielen

Artikel 4: Der Hund hat das Recht auf Verlässlichkeit in seinen sozialen Beziehungen

Artikel 5: Der Hund hat das Recht auf artspezifische Kommunikation

Artikel 6: Der Hund hat das Recht auf körperliche Auslastung

Artikel 7: Der Hund hat das Recht auf freie Bewegung

Artikel 8: Der Hund hat das Recht auf Leben und körperliche Unversehrtheit

Artikel 9: Der Hund hat das Recht auf Aufgaben, die seinem Wesen entsprechen

Artikel 10: Der Hund hat das Recht durch eigene Erfahrungen zu lernen

Artikel 11: Der Hund hat das Recht sich schmutzig zu machen, zu stinken und Flöhe zu bekommen

Artikel 12: Der Hund hat das Recht auf art- und bedarfsgerechte, abwechslungsreiche Ernährung“

2.2.6.3. Clarissa v. Reinhardt

Abbildung in dieser Leseprobe nicht enthalten

Abb. 10: Clarissa von Reinhardt © animal learn

Abb. 9: Jamaro

„ Artgerechtes Hundetraining, artgerech- te F ü tterung, artgerechte Spiele, artge- rechte Haltungsbedingungen … „ Artge- recht" - dieses Wort ist die wahrschein- lich gr öß te Mogelpackung in der Bezie- hung zwischen Mensch und Hund ü ber- haupt. Denn keiner von uns, bem ü ht er sich auch noch so redlich, kann einen Hund artgerecht halten. Was hie ß e das denn? “

Als Rudeltier müssten mehrere unkastrierte Hunde selbstständig kommen und gehen und ihren Sexualpartner frei wählen dürfen. Außerdem würden sie frei umherstreifen und im Rudel ihre Nahrung jagen.

Dabei ist gerade durch uns Menschen der Hund das fremdbestimmteste Lebewesen auf die- ser Welt. Wir bestimmen sein Leben: Zeitpunkt und Richtung der Spaziergänge, Art und Zusammensetzung seines Futters, Kontakte zu anderen Hunden, seine Sexualität, usw. Wir versuchen sogar, die über Tausende von Jahren entwickelten Instinkte unseren Hunden ab- zutrainieren und schrecken auch nicht vor Bestrafungen zurück, die den Hund quälen.

Die Menschen können bestenfalls versuchen ihren Hunden durch eine intensive Beschäftigung und Auseinandersetzung mit seinen Bedürfnissen ein so artgerechtes Leben wie möglich zu bieten.13

2.2.6.4. Jan Nijboer - Natural Dogmanship®

Seit 1984 arbeitet Jan Nijboer professionell im Bereich der Hundeerziehung. Unter anderem bildet er HundeerziehungsberaterInnen und ServicehundetrainerInnen aus. Zuvor war er im sozial-pädagogischen Bereich mit schwer erziehbaren Menschen beschäftigt.

In seiner ganzheitlichen Philosophie zur artgerechten Hunderziehung ist die Einfühlung in die Denkweise und Natur des Hundes wesentlich. Für ihn ist der Respekt vor dem Hund und die Bereitwilligkeit des Besitzers umzu- denken Voraussetzung.

Abbildung in dieser Leseprobe nicht enthalten

Abb. 11: Jan und Belmondo

Christof Salata © Kosmos Verlag

Wichtig für Nijboer ist die Sinnhaftigkeit jeglichen Tuns mit dem Ziel in harmonischem Miteinander die Bedürfnisse von Mensch und Tier zu befriedigen.

Es geht darum, die individuelle Persönlichkeit sowie die natürlichen Instinkte des Hundes zu verstehen und sie für seine Erziehung einzusetzen. Besonders der Jagdinstinkt kann für eine gemeinsame Arbeit mit dem Hund genutzt

Abbildung in dieser Leseprobe nicht enthalten

Abb. 12: Instinkte des Hundes © Natural Dogmanship®

Kosmos Verlag werden. Unter anderem ist es damit möglich, mit dem Hund eine echte Sozialpartnerschaft eingehen und kom- munizieren zu können.14

2.2.6.5. Die Entwicklungsphasen eines Welpen

Jeder Hund durchläuft im Laufe seines Lebens verschiedene Entwicklungsphasen. Sie sind wichtig und ausschlaggebend für die gesunde und normale Entwicklung des Hundes, entscheidend für das gesamte Leben eines Hundes als Mitglied eines Menschenrudels. Die angegebenen Zeiträume sind Rasse- und Größenabhängig und daher Richtwerte - im Durchschnitt kann man sagen: je größer ein erwachsener Hund sein wird, desto länger braucht er um erwachsen zu werden.

Folgend werden die verschiedenen Phasen und was der Hund in welcher Phase lernen sollte aufgeführt15:

1. - 2. Woche nach der Geburt = vegetative (infantile) Phase

Der neugeborene Welpe ist hilflos. In dieser Phase sind die Augen und Ohren des Welpen geschlossen und auch der Geruchssinn ist noch nicht stark entwickelt. Der Welpe hat einen starken Willen zum Leben - er reagiert positiv auf den Körperkontakt der Mutter und auf Wärme. Schmerz- und Kältereize lösen ein Meideverhalten aus.

3. Woche nach der Geburt = Übergangsphase

Es öffnen sich die äußeren Gehörgänge und die Lidspalten. Der Welpe kann aber noch nichts sehen. Erst gegen Ende der zweiten bis Anfang dritter Woche wird die Seh- fähigkeit entwickelt. Das gleiche trifft auf das Gehör zu. In der Zeit davor hat der Welpe ausschließlich geschlafen und getrunken. Nun kann er seine Wurfgeschwister und seine unmittelbare Umgebung aktiv wahrnehmen, auch verlassen sie das erste Mal ihr „Nest“.

Ab dieser Zeit übernimmt nun (wenn möglich) der Rüde eine wichtige Rolle im Leben der Welpen - wer sich zu weit vom Lager entfernt, wird oft grob wieder zurückgebracht. Die Welpen sollen lernen, dass es gefährlich ist, wenn sie alleine auf Streifzug gehen.

4. - 8. Lebenswoche = Prägungsphase

Ohren, Augen und die Nase sind nun entwickelt. Der Welpe lernt in dieser Zeit im besten Fall mit den unterschiedlichsten Eindrücken umzugehen. Er lernt verschiedene Sozialpartner kennen und seinen sozialen Rang findet er im Spiel mit seinen Wurfge- schwistern. In dieser Zeit festigen sich auch sein Temperament und seine Persönlichkeit.

Kann der Welpe in dieser wichtigen Zeit nicht genügend Eindrücke und Reize sam- meln und wird er isoliert gehalten, kann es mit größter Wahrscheinlichkeit später zu Sozialisierungsproblemen kommen, die man nur noch schwer beeinflussen kann.

8. - 12. Lebenswoche = Sozialisationsphase (Wichtigste Phase im Leben eines Hundes) Der Welpe fängt an, sich in die Rangordnung einzufügen. Alles was er in dieser Phase lernt, lernt er für das ganze Leben. Im Rudel wird der Welpe ab sofort vom Rüden er- zogen. Diese Aufgabe müssen nun wir konsequent übernehmen und ihm seine Gren- zen aufzeigen. Reize jeglicher Art sind unerlässlich. Alle erfahrenen Ängste und Unsi- cherheiten die hier gemacht werden, sind nach dieser Phase kaum noch rückgängig zu machen.

13. - 16. Lebenswoche = Rangordnungsphase

In dieser Phase nimmt der Hund seine Stellung in der Rangordnung ein, daher ist es sehr wichtig, dass der Welpe seine Grenzen kennt, der Mensch ihm klare Regeln gibt und der Mensch eine Führungsqualität entwickelt.

5. - 6. Lebensmonat = Rudelordnungsphase

Beim jungen Hund fällt der Zahnwechsel an. Er ist bestrebt seinen Platz im Rudel zu suchen und seine dortige Position zu festigen. Auch hier ist es wichtig dem Hund ver- ständlich zu machen, das seine Stellung die unterste im Familienrudel ist. Nun kann er sich demjenigen anschließen, wo er die Autorität eines Rudelführers anerkennt.

7. - 12. Lebensmonat = Pubertätsphase (Dauer ist rassespezifisch)

Die Hündin hat ihre erste Läufigkeit - Konkurrentinnen werden auf Abstand gehalten. In der Regel hebt der Rüde erstmalig sein Bein. In dieser Phase braucht man oft viel Geduld und Nervenstärke, weil viele Hunde trotzig werden und scheinbar alles bereits Erlernte wieder vergessen haben. Hier darf auf keinen Fall resigniert werden - es hilft eine liebevolle und unnachgiebige Konsequenz - mit dem Hund weiter zu arbeiten.

12. - 18. Lebensmonat = Reifungsphase

Der Hund ist psychisch ausgereift und nur noch geringfügig zu verändern. Negative wie positive Eindrücke und Erfahrung bestimmen sein weiteres Handeln.

2.2.7. Informationen zur Kastration

Das Argument der Befürworter der Kastration, dass kastrierte Rüden verträglicher sind, ist verhaltensbiologisch nicht gesichert. Nur der kleinste Teil des aggressiven, sexualhormonell bedingten Verhaltens wird durch eine Kastration verhindert. Fehler- hafte Erziehung und Haltung hingegen bewirken und fördern aggressives Rüdenver- halten.

Verantwortungsbewusster Umgang mit der Kastration sollte selbstverständlich sein. Laut Tierschutzgesetz ist eine Amputation erst einmal untersagt. Allerdings gibt es ge- setzlich festgelegte Ausnahmen, z. B. bei Hypersexualität, Erkrankungen der Ge- schlechtsteile.16

3. Theorie - Bestandsaufnahme

3.1. Gründe für Wohnungsverlust

Für eine Wohnungslosigkeit sind überwiegend immer mehrere Gründe verantwortlich:

Arbeitsverlust, Schulden, Trennung /Scheidung, psychische/physische Erkrankungen, Tod, schwere Krankheit eines nahestehenden Menschen, Suchtverhalten, Gefängnis, Migrationshin- tergrund, fehlende schulische/berufliche Qualifikation, suchtkranke/gewalttätige Eltern, Armut. Den Verlust der eigenen Wohnung kann jeden treffen, ob Frauen und Männer, jung und alt. Frauen sind zu ca. 25 % davon betroffen, eine ähnliche Prozentzahl betrifft die unter 30- jährigen. Mit Hilfe von Fachleuten ist ein weiteres Abrutschen eventuell zu verhindern17.

3.2. Informationen der BAG (Bundesarbeitsgemeinschaft Wohnungslosenhilfe e. V.)

Nach Angaben der BAG gibt es in Deutschland keine bundeseinheitliche Wohnungsnotfall- Berichterstattung, lediglich eine Schätzung der Zahl der Wohnungslosen und von Woh- nungslosigkeit bedrohten Menschen. Die schwierige Datenlage ermöglicht für das aktuelle Jahr nur Tendenzen.

Desweiteren informiert die BAG über Hintergründe, weshalb Wohnungslose mit Hunden die Hilfsangebote nicht annehmen, u. a. weil sie meistens ihre Hunde nicht mit in die Einrich- tungen nehmen dürfen. Eine Schätzung über Wohnungslose mit Hund konnte nicht gefunden werden.

Abbildung in dieser Leseprobe nicht enthalten18

Abb. 13: Schätzung der Zahl der Wohnungslosen 1999-2008 © BAG Wohnungslosenhilfe e. V. Bielefeld

3.3. Bücher und Artikel über Wohnungslose und ihre Hunde

- Paul Auster, „Timbuktu“, 2000 (ISBN-13: 978-3499228827): Thema: Obdachlosigkeit in den USA aus der Sicht eines Hundes
- Christiane Schöll, 2005 (Vordiplomarbeit): „Wohnungslosigkeit und Hundehaltung, Beziehungsstrukturen zwischen Mensch und Hund. Reaktionen des Hilfesystems auf die Hundehaltung bei wohnungslosen Menschen“
- „Nicht immer ARME HUNDE“ - Fressnapf Journal, 31.07.2008: www.ruetters-dogs.de/download.php?id=1840
- „Kostenloser Pieks für Angel - Wiesbadener Obdachlose lassen Tiere behandeln“
- Wiesbaden, 17.10.2010: http://www.wiesbadener-kurier.de/region/wiesbaden/meldungen/9533785.htm „
- Tierheim betreut kostenlos Hunde von Obdachlosen“ - Hamburg, 29.11.2010: http://www.abendblatt.de/hamburg/kommunales/article1711418/Tierheim-betreut- kostenlos-Hunde-von-Obdachlosen.html
- „Der Winter naht: Stadt richtet zusätzliche Schlafplätze für Kölner Wohnungslose ein“
- Köln, 29.11.2010: www.report-k.de/content/view/33852/127/
- Projekt „underdog“ - Düsseldorf, 09.12.2010: www.rp-online.de/duesseldorf/duesseldorf-stadt/nachrichten/Projekt-underdog-versorgt - Haustiere-Obdachloser_aid_940273.html
- „Obdachlos mit Hund - Mein Glück liegt meistens auf der Straße“: www.hundemeldungen.de/2010/12/obdachlos-mit-hund-mein-gluck-liegt-meistens-auf- der-strase/

Auch nach unzähligen Recherchen im Internet wurden außer der Vordiplomarbeit von Christiane Schöll (siehe oben) keine weiteren Bücher, Diplomarbeiten und Veröffentlichungen über dieses Thema gefunden.

3.4. Gespräch mit dem Leiter der Einrichtung „Niklashof“ (Diakonie Wohnungslosenhilfe) Dresden

Dank der Offenheit von Herrn Schulz, dem Leiter dieser Einrichtung, konnten einige Fragen geklärt und beantwortet werden. Er unterstützt und arbeitet seit neun Jahren in dieser Einrich- tung, seit drei Jahren ist er als Leiter dort tätig. Der Niklashof ist die einzige Übernachtungs- möglichkeit für wohnungslose Menschen in Dresden und Umgebung, in der Hunde und auch andere Tiere willkommen sind. Voraussetzung ist ein aktueller Impfpass, mit allen notwendi- gen Impfungen. Falls diese nicht vorhanden sein sollten, besteht durch die Zusammenarbeit mit Tierärzten die Möglichkeit der Unterstützung sowie weitere tierärztliche Behandlungen. Der Tierschutzverein Dresden hilft der Einrichtung mit Futterspenden, Spenden für tierärztli- che Behandlungen, Ausstattung u. ä.19

Im Jahre 2010 zählte der Niklashof 992 Personen in Beratungskontakten, davon haben ca. 25 % der Klienten ein Tier. Allerdings weist hier Herr Schulz darauf hin, dass die Statistik nicht immer erfasst, ob die Wohnungslosen einen Hund haben.

Die Not-Übernachtungsmöglichkeit hat insgesamt 11 Betten (teilweise Einzel- aber auch Doppelzimmer) in denen auch Hunde erlaubt sind. Die Zimmer können von 18:00 bis 08:00 Uhr benutzt werden. Untertags sind die Räume verschlossen. Im Durchschnitt werden die Zimmer zwei Monate genutzt (Voraussetzung ist, dass der Betroffene die Hausordnung einhält und sich mit Unterstützung der Beratungsstelle bemüht ein anderes Zimmer oder eine Woh- nung zu finden). Zur Ausstattung der Einrichtung: Es gibt u. a. überall Wasser- und Futternäp- fe, Decken und Haken an den Wänden (z. B. im Tagesaufenthalt „Treffpunkt Schorsch“), wo der Hund angebunden werden kann.

Herr Schulz findet es sehr wichtig, dass die Menschen nicht von ihren Tieren getrennt werden. Denn oft ist der Hund der einzige kontinuierliche soziale Kontakt für wohnungslose Menschen. Deswegen wird auch die Schwelle niedrig gehalten (Niedrigschwelligkeit), d. h. es wird nicht von vornherein gesagt, dass ein Zutritt mit Hund nicht möglich ist oder der Klient zum Friseur oder erst duschen gehen muss usw.

Die Verantwortlichen des Niklashof beobachten, dass die Hunde wichtige Bezugspersonen für die Betroffenen sind und dementsprechend wäre der Umgang fürsorglich, mütterlich und liebe- voll. Meist sind verschiedene Bezüge im Leben der Menschen auseinander gebrochen (Arbeits- losigkeit, Scheidung, …). Der Hund wird häufig aus dem Chaos mitgenommen. Er ist oft über lange Zeit der einzige Kontakt des Wohnungslosen. Daher ist der Vierbeiner wichtig für das see- lische Gleichgewicht und vermittelt dem Wohnungslosen gleichzeitig ein Gefühl des Schutzes.

Herr Schulz beobachtete aber auch, dass im Punkermilieu oftmals weniger die soziale Komponente, sondern oft das Statussymbol HUND eine Rolle spielt, vor allem wenn Jugendliche als Mode-Erscheinung Punker sind.

Oft bekommt erst der Hund seine Nahrung, bevor das Herrchen isst. „Dem Hund muss es gut gehen“ - sagen die Wohnungslosen. Gewalt gegenüber dem Hund wird selten beobachtet. Ca. 90 % gehen laut der Aussagen gut mit ihrem Hund um, mit Körperkontakt, Liebe und Auf- merksamkeit. Meistens sind diese Hunde gut gepflegt - auch wenn oft das Geld für Kämme oder Bürsten fehlt. Der Wert der eigenen Pflege wird allerdings auch oft auf den Hund übertragen.

Laut Herrn Schulz halten sich hartnäckig Vorurteile: die Personen mit Hund bekommen mehr Geld z. B. vom Sozialamt (es gab wohl in den 70er Jahren kurzzeitig einige Kommunen in der BRD, die eine solche Unterstützung gewährt haben, in Dresden hat es das nie gegeben); weil sie mit dem Hund Mitleid erregen wollen; der Mensch ist nicht ausreichend fähig, sich um seinen Hund zu kümmern.

Auf die Frage, warum in den meisten Einrichtungen Hunde nicht erlaubt sind, gab Herr Schulz folgende Antworten: möglicherweise bestehen aus hygienischer Sicht oder wegen Sicherheitsaspekten Bedenken; eine gewisse Grundausstattung wird benötigt, die evtl. aus Kostengründen scheitert; evtl. erhöhter Reinigungsaufwand; ggf. sogar die Einstellung, dass Hundehaltung ein für wohnungslose Menschen unnötiger „Luxus“ ist, auf den sie zunächst einmal verzichten müssen (soziale Komponente der Hundehaltung wird dabei ausgeklammert).

3.5. Ausstattung der Hilfseinrichtungen für Wohnungslose mit Hund

Damit eine Hilfseinrichtung für Wohnungslose mit Hund geeignet ist, bedarf es bei der Lei- tung und den Angestellten das Wissen und die persönliche Einstellung, dass ein Hund für den Wohnungslosen eine wichtige und meist existenzielle soziale Rolle spielt. Ebenso ist eine Zu- sammenarbeit mit Tierärzten, Tierheimen und Tierorganisationen für finanzielle und ärztliche Unterstützungen sowie Sachspenden wichtig. Sicherheits- und hygienische Aspekte sind ebenfalls zu berücksichtigen.

Der finanzielle Mehraufwand wird hauptsächlich Wasser- und Futternäpfe, Wandhaken, Hundedecken und ggf. Fliesen statt Teppichboden beinhalten. Es kann je nach Besucherzahl (mit Hund) zusätzliches Reinigungspersonal nötig werden, ebenso wie ein evtl. Um- oder Anbau der Einrichtung, z. B. einen überdachten Eingangsbereich, um eine zusätzliche Aufenthaltsmöglichkeit für Hunde zu schaffen.

Die Aufgaben des Hundehalters sind die Einhaltung der Hausordnung, Rücksichtnahme auf Menschen mit z. B. Angst und/oder Allergien und einen aktuellen Impfpass. Der Hund sollte nach den Möglichkeiten des Hundehalters gepflegt und stubenrein sein, möglichst wenig bellen und mit anderen Menschen und Hunden sozialverträglich umgehen.

3.6. Vorurteile

Die Vorurteile gegenüber Wohnungslosen mit Hund sind sehr vielfältig. Es werden die Aussagen getroffen, dass der Hund nicht ausreichend versorgt werden kann, es ihm schlecht geht und das Tier benutzt wird, um mehr Geld zu erbetteln.

Des Weiteren hört man die Meinungen, dass der Wohnungslose nicht arbeiten geht, aber Geld für einen Hund hat, dass er nur einen Hund hält damit er nicht arbeiten gehen muss und außerdem haben Penner kein Recht Hunde halten zu dürfen.

Wohnungslose mit Hund werden mit Äußerungen konfrontiert, sie sollen lieber arbeiten gehen als hier rumzuhängen und was sie in ihrer Situation auch noch mit einem Hund wollen. Ebenfalls sind Vorurteile vorhanden, dass der Hund als Waffe benutzt wird und die Hunde von Wohnungslosen gefährlich sind.

3.7. Abwertung von Obdachlosen

Das Bielefelder Institut für interdisziplinäre Konflikt- und Gewaltforschung untersucht jährlich mit Beteiligung der Universitäten Bielefeld20 und Marburg im Forschungsprojekt Gruppenbezogene Menschenfeindlichkeit u. a. die Abwertung von Obdachlosen. Hier meint man die „ Feindseligkeit gegen ü ber jenen Menschen, die den Vorstellungen von einem geregelten b ü rgerlichem Dasein nicht entsprechen “ . 21

Zu diesem Thema sagten im Jahre 2009 von 2000 repräsentativen Befragten 35,1 %, dass ihnen Obdachlose in den Städten unangenehm sind (2005: 38,9 %).

Des Weiteren stimmten 26,3 % der Aussage zu, dass die meisten Obdachlosen arbeitsscheu sind (2005: 22,8 %). Bettelnde Obdachlose sollten aus der Fußgängerzone entfernt werden, verlangten 36,3 % (2005: 35 %).

Wilhelm Heitmeyer vermutet in seinem Buch, dass die Verschiebung der Marktwirtschaft zur Marktgesellschaft22 mit der zunehmenden Abwertung von Obdachlosen zusammenhängt. Der Mensch wird verstärkt nach seiner Verwertbarkeit und Nützlichkeit betrachtet, die Abwertung der als nutzlos empfundenen Obdachlosen ist die Folge.

Es braucht neben gesellschaftlicher Toleranz vor allem menschliche Zuwendung, Verständnis und qualifizierte fachliche Hilfe, um wohnungslosen Menschen Chancen und soziale Teilhabe an der Gesellschaft zu ermöglichen.

4. Methodik und Auswertung der Fragebögen

4.1. Befragungen

4.1.1. Nicht-Wohnungslose/Passanten mit oder ohne Hund (NWL)

Diese Erhebung war die erste Fragebogen-Aktion. Die online verschickten Fragebögen an Bekannte und Freunde kamen mit 33 Ergebnissen zurück. Die übrigen 27 wurden im persönlichen Kontakt befragt.

Die Auswertung ergab, dass für einen repräsentativen Vergleich zu Wohnungslosen mit Hunden eine gleiche Anzahl von Fragebögen der Nicht-Wohnungslosen mit Hun- den nötig ist. Daraufhin wurde ein weiterer Fragebogen für Nicht-Wohnungslose mit Hund erstellt.

4.1.2. Wohnungslose mit Hund (WL)

Es wurden per Email 123 allgemeine Anschreiben inkl. der Fragebögen für Woh- nungslose an Einrichtungen und Hilfsorganisationen in Deutschland verschickt, mit der Bitte um Mithilfe. Hier liegt die Rücklaufquote bei 51 ausgefüllten Bögen, von denen 11 nicht zu verwenden waren, da wichtige Fragen nicht beantwortet wurden. Die restlichen 20 Fragebögen wurden persönlich in Kempten, Ulm, München und Stuttgart zusammen getragen.

4.1.3. Nicht-Wohnungslose mit Hund (NWLH)

An Nicht-Wohnungslose Bekannte und Freunde, die die Fragebögen auch weitergeleitet haben, wurden 60 Bögen online verschickt. Davon konnten 43 ausgefüllte Bögen verwendet werden. Die noch fehlenden 17 Fragebögen wurden direkt von Hundehaltern aus dem näheren Umfeld ausgefüllt.

4.2. Ergebnisse und Interpretation der Fragebögen

Die Abfolge der einzelnen Vergleiche und Interpretationen orientieren sich an der Reihenfolge der Fragen in den Fragebögen (s. Anhang B.).

4.2.1. Auswertung der Fragebögen für NWL/Passanten

Von den Teilnehmern waren 38 weiblich und 22 männlich, davon haben 12 Befragte einen eigenen Hund (siehe 4.1.1.).

a. NWL-Meinungen über die Gründe der Hundehaltung von WL:

Wider Erwarten fällt das Ergebnis dieser Frage überaus positiv aus. Die meisten kreuzten an: um nicht alleine zu sein, als Kumpel/Freund/Partner, Wärmespender, Aufgabe/Verantwortung und als Schutz. Nur 2 % meinen, dass der Hund als Waffe be- nutzt wird, 3 % um mehr Geld zu bekommen und 1 % um nicht arbeiten gehen zu müssen.

b. Akzeptanz der NWL über die Entscheidung der Hundehaltung von WL:

Obwohl 80 % aller Befragten keinen eigenen Hund haben, sagten davon 97 %, es ist in Ordnung, dass WL Hunde haben.

Von den 123 Einrichtungen, die angeschrieben wurden (siehe 4.1.2.), sind es 19 Häuser (siehe Anhang A), die WL mit Hunden aufnehmen. Die hohe Akzeptanz der NWL, zum größten Teil ohne Hund, spricht auch für eine Erweiterung der Einrichtungen, in denen Hunde erlaubt sein sollten (siehe g.).

c. Optischer Eindruck der WL-Hunde:

Einen sehr gepflegten Eindruck der Hunde bestätigten 13 % der Befragten. JA GEHT SO kreuzten 57 % der NWL an. NOCH NIE DARAUF GEACHTET antworteten 22 %.

Hier besteht ein Zusammenhang bei der Aussage von Vorurteilen: 26 % der NWL sagten aus, dass WL ihre Hunde nicht versorgen können (siehe h.). Da zum Versorgen u. a. auch die Fellpflege gehört, wird dieses Vorurteil mit den oben genannten Aussagen nicht bestätigt.

d. Haben NWL Angst vor WL-Hunden?

Abbildung in dieser Leseprobe nicht enthalten

Abb. 14: Angst vor WL-Hunden

Insgesamt sind es 88 % der NWL, die ein klares NEIN gaben und lediglich 12 % antworteten mit JA, davon haben 5 % vor allen Hunden Angst. Bei den Vorurteilen (siehe h.) sagten 7 %, die Hunde seien gefährlich und würden als Waffe benutzt werden. Dieses Vorurteil wird bestätigt.

e. NWL-Meinungen über die Finanzierung des WL-Hundes:

Das Diagramm zeigt, dass 95 % der Befragten meinten, die WL können ihre Hunde nicht mit eigener Arbeitskraft finanzieren. Tatsächlich bezahlen 15 % der WL die Kosten für ihre Hunde durch eigene Arbeit.

Abbildung in dieser Leseprobe nicht enthalten

Abb. 15: Vergleich von Angaben der WL und NWL-Meinungen

Auffällig ist, dass der höchste Prozentanteil der NWL aussagte, WL finanzieren ihre Hunde durch Schnorren und Betteln, während es tatsächlich 9 % weniger sind. Ähnlich ist der Unterschied bei den Spenden.

Die Annahme der NWL, dass 10 % der WL mit Harz4/Sozialhilfe/ALG II für die Unkosten ihrer Hunde aufkommen, liegt 9 % unter dem tatsächlichen Wert. Die meisten WL bestreiten die Finanzierung ihrer Hunde mit dem ARGE-Tagessatz, was auch die NWL-Meinung annähernd wiedergibt.

Es liegt die Vermutung nahe, dass NWL mit ARBEIT nur eine bezahlte Beschäftigung meinen, die in der Gesellschaft als Lohnarbeit bezeichnet wird (= „Lohnarbeit bezeichnet menschliche Arbeit, deren Wert mit einem Lohn entgolten wird“23 ).

f. Unterstützung der WL und deren Hunde durch NWL und deren Reaktion:

Abbildung in dieser Leseprobe nicht enthalten

Abb. 16: Unterstützung der WL

Aus dem Diagramm wird deutlich, dass ca. jeder zweite NWL keine Hilfe anbietet bzw. die WL vielleicht gar nicht bemerkt.

Auf die Frage „Wenn ja, warum gibst du/Sie was?“ geben 29 % immer etwas, egal ob der WL einen Hund hat oder nicht und 21 % unterstützen den WL, WEIL er einen Hund hat. 50 % gaben an, dass es immer auf den Eindruck ankommt, den der WL auf sie macht.

Bei der Frage, wie NWL auf WL reagieren, gab der größte Anteil (34 %) an, dass er die WL nicht besonders beachtet. 27 % behandeln sie wie jeden anderen Mensch auch, 13 % suchen Kontakt, wenn die WL ihnen sympathisch sind, 11 % ignorieren sie, 8 % halten Abstand und machen einen Bogen, 4 % handeln je nach Situation, 3 % beobachten die WL und ihre Hunde.

Der Anteil der NWL die den WL aus dem Weg gehen bzw. nicht beachten/ignorieren ist mit 53 % noch höher als die 49 % der NWL, die den WL nicht unterstützen.

[...]


1 http://zitate.net/konrad%20lorenz.html (14.01.2011)

2 http://www.heim-und-haustiere.de/hunde/wolfs-und-hundethemen-02.php (16.01.2011)

3 IBW Tiertherapeut (100-V14): Einführung in die Praxis der Tiertherapie

4 http://www.bag-wohnungslosenhilfe.de/index2.html (26.04.2011)

5 Erik Zimen: „Der Hund - Abstammung, Verhalten, Mensch und Hund“ Goldmann 1992, ISBN 3-4421-2397-6

6 Ray und Lorna Coppinger: „Hunde - Neue Erkenntnis über Herkunft, Verhalten und Evolution der Kaniden“ Animal Learn Verlag 2003, ISBN 978-3-936188-07-3

7 http://hundeschule-löhne.de/wissenwertes-aus-der-kynologie-update-vom-26-08-10/ (07.05.2011)

8 Jan Nijboer: „Hunde erziehen mit Natural Dogmanship®“ Kosmos 2002, ISBN 978-3-440-09-021-3

9 Jan Nijboer „Hunde verstehen“, Kosmos 2004, ISBN-13: 978-3440097267

10 Jan Nijboer „Hunde verstehen“, Kosmos 2004, ISBN-13: 978-3440097267

11 http://www.gesetze-im-internet.de/bundesrecht/tierschhuv/gesamt.pdf (02.05.2011)

12 http://www.canis-kynos.de/informationen-die-rechte-des-hundes.html (17.01.2011)

13 Hundemagazin „WUFF“ Ausgabe 2006-04 - „artgerechte Haltung“ (17.01.2011)

14 http://www.natural-dogmanship.de (02.02.2011)

15 http://www.tierklinik-oerzen.de/files/0001/Welpen.pdf (09.03.2011)

16 http://www.suite101.de/content/sollten-rueden-kastriert-werden-a69003 (04.02.2011)

17 http://www.agj-erich-reisch-haus.de/index-Dateien/Page1261.htm (16.01.2011)

18 http://www.bag-wohnungslosenhilfe.de/index2.html (05.03.2011)

19 Leiter: Michael Schulz; Diakonisches Werk - Stadtmission Dresden e.V. - Wohnungslosenhilfe Niklashof Hechtstr. 73, 01097 Dresden, Tel: 0351-8038728, Email: wohnungslosenhilfe@diakonie-dresden.de (01.02.2011)

20 http://www.uni-bielefeld.de/ikg/gmf/einfuehrung.html (11.02.2011)

21 Wilhelm Heitmeyer 2008: Deutsche Zustände Bd. 6

22 http://www.reflect-online.org/magazin/archiv/ausgabe-14/opfer-der-marktgesellschaft (20.03.2011)

23 http://www.wirtschaftslexikon24.net/d/lohnarbeit/lohnarbeit.htm

Ende der Leseprobe aus 87 Seiten

Details

Titel
Die Beziehung zwischen Menschen am Rande der Gesellschaft und ihren Hunden im Vergleich zu anderen Menschen mit Hund
Untertitel
Wohnungslose, Obdachlose und ihre Hunde
Hochschule
IBW Institut für Berufliche Weiterbildung GmbH  (IBW Institut für Berufliche Weiterbildung GmbH)
Veranstaltung
Tiertherapie
Autor
Jahr
2011
Seiten
87
Katalognummer
V173751
ISBN (eBook)
9783640942923
ISBN (Buch)
9783640942831
Dateigröße
2485 KB
Sprache
Deutsch
Schlagworte
beziehung, menschen, rande, gesellschaft, hunden, vergleich, hund, wohnungslose, obdachlose, hunde
Arbeit zitieren
Saskia Moos (Autor), 2011, Die Beziehung zwischen Menschen am Rande der Gesellschaft und ihren Hunden im Vergleich zu anderen Menschen mit Hund, München, GRIN Verlag, https://www.grin.com/document/173751

Kommentare

  • Saskia Katharina Moos am 13.3.2012

    Danke an alle die meine Arbeit gekauft haben! Ich würde mich sehr über ein Feedback freuen!

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Titel: Die Beziehung zwischen Menschen am Rande der Gesellschaft und ihren Hunden im Vergleich zu anderen Menschen mit Hund


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