1861 veröffentlichte der Rechtshistoriker und Altertumswissenschaftler Johann Jakob Bachofen „Das Mutterrecht. Eine Untersuchung über die Gynaikokratie der alten Welt nach ihrer religiösen und rechtlichen Natur“. Darin beschreibt er, dass in früherer Zeit die weibliche Herrschaft im Inneren des Staates und im Kreise der Familie „lange ungeschmälert“ war. Ein damals „unglaublicher Gedanke“, das Werk wurde verständnislos aufgenommen und bedeutete Bachofens Abschied aus seiner Zunft.
Friedrich Engels lobte „Das Mutterrecht“ – im Vorwort zur 1891 erschienenen vierten Auflage von „Der Ursprung der Familie, des Privateigentums und des Staats“ nannte er es „eine vollständige Revolution“. In diesem Werk, das den Historischen Materialismus erläutert, fließen Bachofens Thesen zu Mutterrecht und Matriarchat ein und erhalten teils eine neue Funktion bzw. Deutung durch Engels. Diese verschiedenen Sichtweisen aufzuzeigen ist das Ziel dieser Arbeit.
„Das Mutterrecht“ begründete schließlich Bachofens Berühmtheit, allerdings auf einem anderen Gebiet: Nicht die Geschichte, sondern die Sozialwissenschaften hat es revolutioniert. Letztendlich wurde es zu einem Text, auf den man sich nach Cantarella beziehen musste, wenn man an die Matriarchatsgeschichte heranging, was an der Vielfalt der Themen, der Wahl des geschichtlichen Terrain und dem Reiz seiner Thesen liegt.
Inhaltsverzeichnis
1. Einleitung
2. Bachofen
2.1 Ausgangsposition
2.2 Darstellung des Mutterrechts bei Bachofen
2.3 Funktion des Mutterrechts für Bachofen
3. Engels
3.1 Zustimmung zu Bachofen
3.2 Unterschiede zu Bachofen
3.3 Funktion des Mutterrechts für Engels
4. Schluss
Zielsetzung & Themen der Arbeit
Die vorliegende Arbeit untersucht und vergleicht die Konzepte des Mutterrechts bei J.J. Bachofen und F. Engels. Ziel ist es, aufzuzeigen, wie Engels Bachofens Thesen in den Historischen Materialismus integrierte, welche unterschiedlichen Deutungen dabei entstanden und welche Rolle das Mutterrecht in der jeweiligen Argumentation der beiden Autoren spielt.
- Vergleich der Begriffe und Konzepte von "Mutterrecht" und "Gynaikokratie"
- Analyse der Bedeutung von Mythos und Religion bei Bachofen
- Untersuchung der ökonomischen Interpretation des Matriarchats bei Engels
- Gegenüberstellung der unterschiedlichen Auffassungen zur Stellung der Frau
- Kritische Reflexion der Beweisführungen und zeitgebundenen Sichtweisen
Auszug aus dem Buch
2.2 DARSTELLUNG DES MUTTERRECHTS BEI BACHOFEN
Das Mutterrecht gehört nach Bachofen keinem bestimmten Volk, sondern einer Kulturstufe an – der gynaikokratischen Kultur. Diese zeichnet sich durch Einheitlichkeit eines herrschenden Gedankens in einem besonders hohen Grad aus.
Vor dem Mutterrecht herrschte eine Zeit des regellosen „Hetärismus“, danach folgte das Patriarchat. Die Gynaikokratie bildet somit eine Mittelstellung zwischen der tiefsten Stufe des Daseins zu der höchsten; mit der tiefsten teilt sie den stofflich mütterlichen Standpunkt, mit der höchsten die Ausschließlichkeit der Ehe. Sie unterscheidet sich von der tiefsten durch die demetrische Regelung des Muttertums und von der höchsten durch den Vorzug der Mutter. Im „Hetärismus“ war das Leben durch Gesetze geregelt, die ausschließlich mit körperlicher Gewalt durchgesetzt wurden und dadurch von männlicher Gewaltausübung bestimmt waren – die schwächere Frau unterlag.
Die Gynaikokratie bildete sich durch die religiöse Weihe der Frau und als sie bewusst gegen die Erniedrigung Widerstand leistete. Unterteilt wird die Gynaikokratie durch Bachofen in zwei Phasen: Die „ursprüngliche Weiberherrschaft“ besitzt einen demetrisch-keuschen Charakter, ist somit ein auf Zucht und Sitte gegründetes Leben, eine Quelle hoher Tugenden und eines festen und wohlgeordneten Daseins; die „späte Weiberherrschaft“ folgt dem aphroditischen Gesetz – der fleischlichen Emanzipation –, zeichnet sich durch ein materiell reich entwickeltes und geistig bewegliches Leben, aber auch durch Verfall der Kraft und Fäulnis der Sitten aus. Bachofen sieht hierin die Beförderung des Untergangs der Alten Welt und erachtet die demetrische Phase dagegen als friedliches Matriarchat. Dabei sieht er das Mutterrecht als ein Gesetz des stofflich-leiblichen, nicht des geistig höheren Leben.
Zusammenfassung der Kapitel
1. Einleitung: Vorstellung des Themas und der Forschungsintention, die Rezeption von Bachofens Werk durch Engels zu beleuchten.
2. Bachofen: Analyse der theoretischen Grundlagen Bachofens, seiner Methodik zur Erschließung des Mutterrechts durch Mythologie und die Einordnung der Gynaikokratie.
2.1 Ausgangsposition: Erörterung der Annahme einer Gesetzmäßigkeit der menschlichen Natur und der Bedeutung des Mythos als historische Quelle.
2.2 Darstellung des Mutterrechts bei Bachofen: Beschreibung der Phasen der Gynaikokratie und ihrer Stellung innerhalb der gesellschaftlichen Entwicklung.
2.3 Funktion des Mutterrechts für Bachofen: Untersuchung des Zusammenhangs zwischen Mutterrecht und dem kulturellen Fortschritt der Menschheit.
3. Engels: Darstellung der Aufnahme von Bachofens Thesen in das marxistische Weltbild von Engels.
3.1 Zustimmung zu Bachofen: Würdigung der Verdienste Bachofens aus Sicht von Engels, insbesondere hinsichtlich der Abstammung mütterlicherseits.
3.2 Unterschiede zu Bachofen: Darlegung der Differenzen, insbesondere der Ablehnung mystischer Erklärungen zugunsten ökonomischer Grundlagen.
3.3 Funktion des Mutterrechts für Engels: Einordnung des Mutterrechts als historische Epoche, deren Ende den Übergang zur Klassenunterdrückung markiert.
4. Schluss: Kritische Zusammenfassung der Ergebnisse und Reflexion über die zeitgebundenen Schwächen beider Autoren.
Schlüsselwörter
Mutterrecht, Gynaikokratie, J.J. Bachofen, Friedrich Engels, Matriarchat, Historischer Materialismus, Patriarchat, Hetärismus, Geschlechtergeschichte, Sozialwissenschaften, Geschlechtsverhältnisse, Klassenunterdrückung, Mythos, Urgesellschaft, Demeter.
Häufig gestellte Fragen
Worum geht es in dieser Arbeit grundsätzlich?
Die Arbeit behandelt die Untersuchung des Mutterrechtskonzepts bei J.J. Bachofen und dessen Adaption und Neuinterpretation durch Friedrich Engels im Rahmen des Historischen Materialismus.
Was sind die zentralen Themenfelder der Analyse?
Die Arbeit fokussiert auf die Definitionen von Mutterrecht und Gynaikokratie, die methodischen Unterschiede zwischen der mythischen Herleitung bei Bachofen und der ökonomischen Begründung bei Engels sowie die daraus resultierenden politischen Schlussfolgerungen.
Was ist das primäre Ziel der Forschungsarbeit?
Ziel ist es, die unterschiedlichen Sichtweisen von Bachofen und Engels auf das Matriarchat aufzuzeigen und die Transformation dieser Thesen in den Kontext der marxistischen Gesellschaftstheorie zu analysieren.
Welche wissenschaftliche Methode wird verwendet?
Es handelt sich um eine literaturwissenschaftliche und historische Analyse, die Primärwerke der Autoren sowie relevante Forschungsliteratur miteinander vergleicht und kritisch gegenüberstellt.
Was wird im Hauptteil der Arbeit behandelt?
Der Hauptteil gliedert sich in die detaillierte Darstellung von Bachofens Ausgangsposition, seiner Beschreibung des Mutterrechts und dessen Funktion sowie in die Analyse von Engels' Zustimmung, den theoretischen Unterschieden und seiner ökonomischen Interpretation des Mutterrechtssturzes.
Welche Schlüsselwörter charakterisieren die Arbeit am besten?
Mutterrecht, Gynaikokratie, Historischer Materialismus, Matriarchat, Bachofen, Engels und Geschlechterverhältnisse.
Wie bewertet der Autor Bachofens Sicht auf den Mythos?
Der Autor stellt fest, dass Bachofen Mythen als "wahre, hohe zuverlässige Geschichtsquelle" betrachtet, woran Engels wiederum Kritik übt, da er dies als "reinen Mystizismus" abtut.
Welche Bedeutung misst Engels dem Ende des Mutterrechts bei?
Engels bezeichnet den Umsturz des Mutterrechts als eine der entscheidendsten Revolutionen der Menschen, die den Beginn der Klassenunterdrückung und den "weltgeschichtlichen Niedergang des weiblichen Geschlechts" einläutete.
- Citation du texte
- Silvio Schwartz (Auteur), 2005, Das Mutterrecht bei J.J. Bachofen und dessen Funktion im Historischen Materialismus bei F. Engels, Munich, GRIN Verlag, https://www.grin.com/document/173800