Gutscheinsysteme – Reformansätze im Bereich der Kindertagesstätten


Seminararbeit, 2011
26 Seiten, Note: 1,3

Leseprobe

Inhaltsverzeichnis

1. Einleitung

2. Status Quo des Finanzierungs- und Organisationsmodells institutioneller Kinderbetreuung in Deutschland
2.1 Historischer Rückblick - von der „Kinderverwahranstalt“ zum heutigen Angebot von Kindertageseinrichtungen
2.2 Strukturprinzipien des derzeitigen Kinderbetreuungssystems
2.2.1 Vereinbarkeit von Beruf und Kind - Frauenerwerbstätigkeit und Kinderbetreuung
2.2.2 Chancengleichheit und Qualität der derzeitigen Kinderbetreuung
2.2.3 Objektfinanzierung und Organisation institutioneller Kinderbetreuung in Deutschland.

3. Subjektsubventionierung über Gutscheine als neues Steuerungsinstrument
3.1 Unterschiedliche Formen der Subjektsubvention
3.2 Ausgestaltungsmöglichkeiten von Gutscheinen im Rahmen der Subjektförderung
3.2.1 Einheitliche und differenzierte Gutscheine und deren sozialpolitische Auswirkungen
3.2.2 „Open-ended Vouchers“ und „ended Vouchers“ und deren sozialpolitischen Auswirkungen
3.2.3 Weitere wichtige Gestaltungsparameter für ein erfolgreiches Gutscheinsystem
3.3 Kritische Betrachtung von Gutscheinen - Halten sie wirklich was sie versprechen?

4. Reformansatz für ein bedarfsgerechteres und wirtschaftlich effizienteres System der institutionellen Kinderbetreuung
4.1 Betreuungsgutscheine als Form der Subjektförderung in Kombination der Kinderkasse als Parafiskus.
4.1.1 Der Couponhandelsansatz - Erweiterungsansatz der subjektbezogenen Finanzierung mittels Betreuungsgutscheinen
4.1.2 Fazit der Pilotprojekte von Gutscheinsystemen in Hamburg und Berlin
4.2 Das Nursery Education Voucher Scheme - Fazit eines praxiserprobtem Systems

5. Eine Zusammenfassung: Kritische Betrachtung des Gutscheinsystems und weiterer Handlungsbedarf

Abbildungsverzeichnis

Literaturverzeichnis

1. Einleitung

Vor mehr als zehn Jahren wurde von Kreyenfeld, Spieß und Wagner die Frage gestellt, ob man mit Wettbe- werb statt dem öffentlich geplanten Angebot durch den Staat die Kinderbetreuung verbessern könnte. Sie argumentierten, dass mit der Vergabe von Betreuungsgutscheinen nicht nur die Versorgungsquote erhöht sondern auch die Finanzierung effizienter gesteuert werden könnte und so das Angebot bedarfsgerechter ausgestaltet werden kann. Außerdem versprach man sich durch die steigende Marktmacht der Eltern eine steigende pädagogische Qualität. Auch der Punkt der Chancengleichheit für Kinder mit unterschiedlichem sozialen Hintergrund stellte ein wichtiges Ziel dar.1 Nicht zuletzt sollte durch den Einsatz der Gutscheine Eltern eine bessere Balance zwischen Erwerbsleben und Familienalltag eröffnet und die Erwerbstätigkeit der Frau erhöht werden.2 Hinter den Forderungen von Spieß und Wagner steht die Einsicht, dass ein durch staat- liche Planungsvorgaben und Finanzierungsausstattung reguliertes Kita-System nicht (mehr) geeignet ist den Bedürfnissen von Eltern und Kindern Rechnung zu tragen. Was umgehend benötigt wird, ist eine grundle- gende Veränderung des bestehenden objektfinanzierten Systems hin zu einem System welches sich folgende Kriterien als Ziel gesetzt hat: Ein Rechtsanspruch auf eine Ganztagbetreuung für jedes Kind, Entlastung der Eltern von den Betreuungskosten, Erhöhung der Kita-Qualität hinsichtlich Bildung, Betreuung und Erzie- hung, Nachfrageorientierung der Eltern sowie einen Ausgleich der sozialen Selektion.3 Bezüglich dieser langen Palette an reformbedürftigen Punkten kann man durchaus berechtigte Zweifel hegen, ob dies alles auf einmal überhaupt durchsetzbar ist. Betreuungsgutscheine stellen momentan hinsichtlich der genannten For- derungen das beste Finanz- und Steuermodell dar und stellen andere Formen der Subjektsubvention wie Steuererleichterungen oder direkte Transferzahlungen eindeutig in den Schatten.

Heute, mehr als sieben Jahre nach der Einführung des Kita - Gutscheinsystems in Hamburg im Jahre 2003 und mehr als vier Jahre nach der Einführung in Berlin im Jahre 2006, ist man in der Lage zu überprüfen, ob die Erwartungen und Ansprüche welche an das Gutscheinsystem gestellt wurden, erfüllt worden sind.4

Die Vorgehensweise dieser Seminararbeit wird es also sein, nach einem kurzen geschichtlichen Aufriss hin- sichtlich der Entwicklung der Kindertagestätten, die aktuellen Strukturprinzipien des Kinderbetreuungssys- tems darzustellen. Hierbei wird insbesondere auf wichtige Themen eingegangen, wie die Frauenerwerbstä- tigkeit, Chancengleichheit und pädagogische Qualität sowie auf das aktuelle Finanzierungsmodell der Ob- jektsubvention. In Abschnitt 3 wird ein Lösungsvorschlag mittels Gutscheinen als Form der Subjektsubven- tion thematisiert. Nachdem wichtige Ausgestaltungsparameter für eine erfolgreiche Implementierung ge- nannt werden, ist es Aufgabe des vierten Abschnittes einen konkreten Vorschlag eines Gutscheinmodells zu erarbeiten. Ergänzt wird dies durch konkrete Ergebnisse und Erfahrungen aus der Praxis. Abschnitt 5 bein- haltet eine zusammenfassende, kritische Betrachtung des Themas und zeigt den weiteren Handlungsbedarf auf.

2. Status Quo des Finanzierungs- und Organisationsmodells institutioneller Kinderbetreuung in Deutschland

2.1 Historischer Rückblick - von der „Kinderverwahranstalt“ zum heutigen Angebot von Kinder- tageseinrichtungen

In Deutschland entstanden - wie in vielen anderen westlichen Ländern - die ersten Kindertagseinrichtungen zur Zeit der industriellen Revolution, als es zu erheblichen Wanderungen von ländlichen Gebieten in die sich industrialisierenden Städte kam. Ein wesentliches Anliegen zu dieser Zeit war es, für „vernachlässigte“ Kin- der erwerbstätiger Mütter eine Betreuungsmöglichkeit in damalig so genannten „Kinderverwahranstalten“ bereitzustellen. Die ersten Kindertageseinrichtungen wurden durch den sozialen und finanziellen Einsatz engagierter Bürger getragen, die bestrebt waren, den „moralischen Verfall“ der unbeaufsichtigten Kinder der Arbeiterfrauen entgegenzutreten. Obwohl es durchaus auch ein Ziel war, den Arbeiterkindern moralische Werte zu vermitteln, ging es in erster Linie um die Aufbewahrung und weniger um Sozialisations- und Bil- dungsfunktionen.5 Ein wesentlicher Meilenstein in der Ausgestaltung der institutionellen Kinderbetreuung war im Jahr 1922 die Einführung des Reichsjugendwohlfahrtsgesetzes (RJWG), der Vorgänger des heutigen Kinder- und Jugendhilfegesetztes (KJHG). Mit der Einführung des RJWG wurde auch gleichzeitig die Aus- gestaltung der öffentlichen Finanzierung festgelegt, was bedeutete, dass die Förderung der institutionellen Kinderbetreuung der kommunalen Ebene zugeschrieben wurde. In den 60er- und 70er- Jahren kam es in Westdeutschland zu einer Expansion des noch heute weit verbreiteten Kindergartens. Dieser wandelte sich im Zuge der Bildungsreform von der „Verwahranstalt“ zur Regelinstitution. In dieser Zeit galt es insbeson- dere, Chancengleichheit für Kinder aus Benachteiligten sozialen Schichten zu schaffen und durch Qualitäts- anforderungen den Kindergarten als Bildungs- und Erziehungseinrichtung zu etablieren.6

Eine wichtige Kennzahl, welche einen Einblick über die Betreuungssituation in Deutschland gibt, ist die Versorgungsquote. Diese ergibt sich aus der Zahl der verfügbaren Plätze in Kindertageseinrichtungen im Verhältnis zur Anzahl der Kinder der jeweiligen Altersgruppe.7 Im Jahr 1965 lag die Versorgungsquote von Kindergartenplätzen gerade mal bei 35 %, welche durch sozialpolitisches Engagement auf 65 % im Jahre 1975 ausgeweitet werden konnte. Bis Ende der 80er- Jahre stieg die Versorgungsquote dann sogar auf über 80 % und heutzutage kann man von einer flächendeckenden Versorgung sprechen. Jedoch sei angemerkt, dass die Versorgungsquote von über 100 % weniger auf ein Überangebot hindeutet, sondern vielmehr aus einem Zuordnungsproblem der Plätze resultiert. Da zu dieser Zeit Bildungs- und Sozialisationsaspekte und weniger die Vereinbarkeit von Kind und Beruf im Vordergrund standen, etablierte sich der Kinderkarten in Westdeutschland als halbtags geöffnete Bildungseinrichtung. Daran hat auch der 1996 in Kraft getretene Rechtsanspruch gemäß §24a KJHG auf einen Kinderkartenplatz für 3-jährige Kinder nicht viel geändert, denn bis zuletzt bezieht sich dieser auf eine Halbtagsbetreuung. Auch wenn im Bereich der Kindergärten mittlerweile von einer flächendeckenden Versorgung gesprochen werden kann, stellen die Krippen und Hor- te in Westdeutschland weiterhin eine Betreuungsform dar, die nur für eine kleine Minderheit der Kinder zur Verfügung steht.8 Anders sieht es jedoch in den östlichen Bundesländern aus, in denen sich die ganztägige Betreuung von Kindern aller Alterklassen zu Zeiten der DDR etabliert hat. Dies lag entscheidend an einem d]er obersten Prinzipien der damaligen Politik, dessen Ziel in der Förderung der Frauenerwerbstätigkeit lag. Auch wenn durch die Vereinigung die Versorgungsquote rückläufig ist, kann insbesondere im Vergleich zu Westdeutschland weiterhin von einer flächendeckenden Versorgung mit Betreuungsplätzen im Bereich Krippe sowie Hort gesprochen werden (siehe Abbildung 1a/1b).9

2.2 Strukturprinzipien des derzeitigen Kinderbetreuungssystems

2.2.1 Vereinbarkeit von Beruf und Kind - Frauenerwerbstätigkeit und Kinderbetreuung

Heute hat die Diskussion um die institutionelle Kinderbetreuung eine zusätzliche Betrachtung erfahren und zwar im Zusammenhang mit der Förderung der Frauenerwerbstätigkeit. Insbesondere der direkten Vergleich mit den östlichen Bundesländern, in denen die Versorgungsquote im Bereich Krippe bzw. Hort etwa zwan- zigmal höher ist, lässt die Kritik lauter werden, dass in den westlichen Bundesländern das Angebot unzurei- chend ist. Es zeigt sich, dass in Westdeutschland Frauen mit Kindern mehr Teilzeit als Vollzeit erwerbstätig sind im Gegensatz zu den Frauen in Ostdeutschland, welche häufiger eine Vollzeitstelle besitzen. Die meis- ten die nicht erwerbstätig sind, wünschen sich erwerbstätig zu sein, sind jedoch - vermutlich - aufgrund einer Kombination aus Arbeitsmarktlage und Betreuungsmöglichkeiten, nicht dazu imstande. Aus diesem beschriebenen Erwerbsverhalten könnte man schließen, dass für Krippenkinder nur wenige Betreuungsplätze notwendig wären, in Ostdeutschland eine Ganztags- und in Westdeutschland eher eine Halbtagsbetreuung für Kinder zu Verfügung zu stellen sei. Solch eine Schlussfolgerung wäre allerdings vorschnell, da sie verkennt, dass Frauen aufgrund fehlender institutioneller Kinderbetreuung nicht in der Lage sind erwerbstätig zu sein. Zum einen setzt das Erziehungsgeld deutliche Anreize für Mütter nicht erwerbstätig zu sein, zum andern wird in Westdeutschland die Betreuung in Krippe oder Hort sowie die Ganztagsbetreuung im Kindergarten als Ausnahmeerscheinung betrachtet. Daraus kann man schließen, dass zur Unterstützung der Frauener- werbstätigkeit zumindest „volle“ Halbtagsbetreuungsplätze für Kinder inklusive Mittagessen sowie Ganz- tagsbetreuungsplätze zur Verfügung gestellt werden sollten. Wartelisten für derartige Einrichtungen belegen die mangelnde Bedarfsgerechtigkeit der institutionellen Kinderbetreuung.10 Dieses Resultat zeigt sich auch in der Repräsentationserhebung „Sozioökonomisches Panel“ in Westdeutschland. Die Mütter gaben hier an, dass ihnen flexiblere Öffnungszeiten von Kindertageseinrichtungen wichtiger sind als flexiblere Arbeitszei- ten. Ebenso wie ein Betreuungsangebot in den Ferienzeiten sowie durchgehend geöffnete Kindergärten. Zu diesem Befund passt die Beobachtung, dass die Erhöhung des Kindergeldes im Jahr 2001 nicht durchweg positiv begrüßt wurde. Denn 15 € mehr pro Monat hilft den meisten Familien wenig, besser im Alltag zu- rechtzukommen.11 Aufgrund dieser Angebotsstruktur wird für viele westdeutsche Frauen die Entscheidung zur Elternschaft zu einem Dilemma, indem sie sich zwischen Kind und Beruf entscheiden müssen. Ein Ziel der Politik sollte somit die Errichtung eines bedarfsgerechten Angebots sein, welche den Bedürfnissen der Eltern und Kindern entspricht.

2.2.2 Chancengleichheit und Qualität der derzeitigen Kinderbetreuung

Das Gut „Kinderbetreuung“ stellt sowohl ein Erfahrungs- als auch ein Vertrauensgut dar. Die tatsächliche Qualität der Betreuung kann von den Eltern in der Regel erst nach einigen Wochen beurteilt werden. Bis zu diesem Zeitpunkt orientieren sich diese an sichtbaren Qualitätsmerkmalen wie Anzahl der Betreuer, Betreu- ungskosten und Betreuungsprogramm. Häufig besteht von Seiten der Eltern ein Anspruch daran, dass die Kinder altersgerecht gefördert werden, was sich langfristig positiv auf ihre Integrations- - und Bildungs- chancen auswirken soll. Somit liegt im Bereich der Kinderbetreuung ein Principal-Agent-Problem vor. Wäh- rend die Anbieter ihre Qualität genau kennen, verfügen Eltern nur über wenige Informationen.12 Das liegt unter anderem auch daran, dass die Kinder die Dienstleistung (DL) als Konsumenten direkt erfahren und somit auch deren Qualität. Jedoch sind Kinder, insbesondere jüngere, nicht in der Lage die Qualität der Be- treuung umfassend zu bewerten und ihre Unzufriedenheit den Eltern mitzuteilen. Eltern hingegen sind bei dem Betreuungsprozess meist nicht anwesend und somit nur begrenzt in der Lage ein objektives Urteil über die Qualität zu fällen. Der Staat kann diese Asymmetrie verringern, indem er Mindestanforderungen hin- sichtlich der Qualität festlegt und kontrolliert.13 Bis in die 90er gab es noch keine verbindlichen qualitativen Vorgaben oder Qualitätsstandards, dessen Einhaltung überprüft wurde. Die Träger sowie die Einrichtungen konnten selbst entscheiden, mit welcher fachlichen Kompetenz sie Bildung, Betreuung und Erziehung um- setzen. Dies führte zu einem bundesweiten Qualitätsgefälle zwischen den einzelnen Einrichtungen. Erst 2002 kam diesbezüglich Bewegung auf.14 Aufgrund des immer noch großen Versorgungsmangels mit Betreu- ungsplätzen besteht für die Einrichtungen kein wirkliches Betriebsrisiko, denn alle Plätze werden benötigt auch die vermeintlich schlechteren.15 In dem bisher objektfinanzierten System gibt es für die Einrichtung nicht genügend Anreize hinsichtlich der Eltern zu konkurrieren, denn auch wenn die Plätze nicht vollkom- men ausgelastet sind erhalten die Kitas den gleichen Betrag an Subventionen. Somit kommt kein Qualitäts- wettbewerb zwischen den Einrichtungen zustande. Das wirkt sich negativ auf die pädagogische Qualität in- nerhalb der Kindertageseinrichtungen aus und Leittragende sind hier eindeutig die Kinder und Eltern. An dieser Stelle ist in erster Linie der Staat gefordert um für eine verbesserte pädagogisch Qualität dieser Ein- richtungen zu sorgen. Der Weg kann allerdings nicht darüber führen, nach dem Gießkannenprinzip soviel Geld in das System zu investieren bis schlussendlich jedes Kind mit einem Platz versorgt ist. Stattdessen sollten die Eltern als Nachfrager gestärkt werden, um ein Angebot realisieren zu können, welches auf ihre Bedürfnisse zugeschnitten ist.16

Das Wunsch- und Wahlrecht der Eltern gemäß §5 KJHG gilt, aufgrund der begrenzten Betreuungsplätze, zumeist nur auf dem Papier. Eltern mutieren häufig zu Bittstellern, die froh sein können überhaupt einen Platz erhalten zu haben. Die Aufnahmekriterien der Einrichtungen stellen eine weitere Hürde da. Durch die große Anzahl von Anmeldungen sind die Kitas in der Lage sich diejenigen auszusuchen, die nach ihrer Mei- nung am besten zu ihnen passen. Das katapultierte die Eltern in eine schwache Position und in die Defensive. Mit Chancengleichheit hat dieses System nicht viel zu tun, denn meist suchen sich die Einrichtungen Kinder von gut verdienenden Eltern aus.17 Empirische Studien zeigen sozialstrukturelle Unterschiede in der Inan- spruchnahme der Einrichtungen auf. Es ergab sich, dass ausländische Kinder deutlich seltener den Kinder- garten besuchen als deutsche Kinder. Auffällig ist auch, dass Kinder von Eltern mit Hochschulabschluss häufiger in Kindergärten untergebracht sind als andere Kinder.18 Aufgrund dieses Zusammenhangs wird immer wieder die Forderung nach einer Kindergartenpflicht laut. Denn es kann nicht grundsätzlich von einer Erziehungs- und Bildungskompetenz bei allen Eltern ausgegangen werden. Gerade ein Blick in die Kitas der sozial benachteiligten Stadtteile zeigt, dass es hier gravierende Versäumnisse bezüglich Bildung und Erzie- hung gibt. Häufig führt dies zu Entwicklungsverzögerungen und Hemmnissen der Kinder, zum Teil sogar zu einer Vernachlässigung des Kindeswohls. Der Kindergarten wird im Schnitt von 90 % der berechtigten Kin- der besucht. Die verbleibenden 10 % gehören meist zu den Kindern aus sozial benachteiligten Familien. Damit erreicht der Kindergarten genau die Kinder nicht, die es am nötigsten hätten eine umfassende Förde- rung zu erfahren. Gerade unter dem Gesichtspunkt der Chancengleichheit aller Kinder, sollte die Forderung bezüglich einer Kindergartenpflicht nochmals überdacht werden.19

2.2.3 Objektfinanzierung und Organisation institutioneller Kinderbetreuung in Deutschland

Deutschland investiert in die Erziehung, Bildung und Betreuung von Kindern bis zum Grundschulalter im internationalen Vergleich deutlich weniger als andere Länder. Die öffentlichen Ausgaben für die Kinderta- gesbetreuung belaufen sich auf rund 10,5 Milliarden Euro im Jahr, was ca. 0,42 Prozent des Bruttoinlands- produktes entspricht. Dies ist nicht einmal die Hälfte dessen, was die OECD für den vorschulischen Bereich empfiehlt.20 Seit der Einführung des Kindergartens - bis auf wenige Ausnahmen in Berlin und Hamburg - wird die Kinderbetreuung staatlich gefördert, insbesondere um die Vereinbarkeit von Familie und Beruf zu erleichtern. Diese lange Tradition der Finanzierung ist allerdings nicht gleichbedeutend damit, dass die bis- her praktizierte Förderung und das große Angebot staatlicher Kindertagestätten der richtige Weg ist. Mit dem gleichen Aufwand könnte eine bessere Betreuung gewährleistet werden, wenn eine andere Form der Finan- zierung oder Subventionierung gewählt würde.21 In Deutschland ist im Bereich der Kinderbetreuung die Objektfinanzierung vorherrschend, das bedeutet konkret, dass Anbieter vom Staat subventioniert werden, da sie ein bestimmtes Angebot bereitstellen. Sie erhalten öffentliche Zuwendungen von den Kommunen dafür, dass sie die Leistungen - hier die Betreuung - zu Preisen unter dem marktwirtschaftlichen Optimum anbie- ten und dadurch Kindern aus finanziell benachteiligten Familien einen Platz ermöglichen. Die Eltern beteili- gen sich an den anfallenden Kosten, durch einen einkommensabhängigen Elternbeitrag (siehe Abbildung 2). Obwohl eigentlich der Staat für die Finanzierung der Kinderbetreuung eintreten müsste, übernimmt er die Kosten nicht in vollem Umfang. Land und Kommunen tragen durchschnittlich 80 bis 85 Prozent. Die Bun- desländer beteiligen sich an den Betriebs- und Investitionskosten, der Rest der Kosten entfällt auf die Eltern und die freien Träger. Diese Zahlen können zwischen den einzelnen Bundesländern allerdings stark von ein- ander abweichen, auch die Ausgestaltung des Betreuungsangebotes weisen häufig Unterschiede auf.22 Somit ist das Fazit der OECD nicht überraschend: „Das deutsche System ist komplex und hochgradig dezentrali- siert.“23. Über die Subvention hat der Staat eine gewisse Kontrollmöglichkeit auf die Elternbeiträge als auch auf die Qualität und den Umfang des Angebotes. Ein Nachteil der Objektfinanzierung ist zum einen, dass häufig nicht überprüft wird, ob das subventionierte Angebot überhaupt den Bedürfnissen der Eltern ent- spricht und ob die Einrichtungen ihre Ressourcen effizient einsetzten, beziehungsweiße ob das Betreuungs- angebot in vollem Umfang ausgeschöpft wird.24 Dadurch kam es häufig zu dem Problem von unter- und überversorgten Regionen, aber nicht zu einer Bildung eines bedarfsgerechten Angebotes. Dies ist auch ein Hinweis darauf, dass das System der Bedarfsplanung des Jugendamtes völlig überfordert ist. Sie beschränkt sich meist nur auf die Ermittlung der Anzahl der benötigten Betreuungsplätze, die auf Basis von Erfah- rungswerten und der Bevölkerungsfortschreibungen ermittelt werden. Elternbefragungen, die über die kon- kreten Betreuungswünsche Aufschluss geben könnten, sind die Ausnahme.25 Da bei der Objektförderung in erster Linie Institutionen und nicht Betreuungsleistungen gefördert werden, führt ein Rückgang der Nachfra- ge bei den Einrichtungen nicht zu einer Freisetzung von finanziellen Mitteln, welcher für einen bedarfsge- rechten Ausbau an anderer Stelle eingesetzt werden könnte.26 Deshalb kam die Forderung auf, dass die Sub- ventionen direkt an die Eltern ausbezahlt werden sollten und sie dadurch nicht als Leistungsbezieher sondern als Nachfrager auftreten. Das heißt konkret, dass nicht die Bereitstellung, sondern die Inanspruchnahme der Plätze finanziert wird und dadurch eine nachfrageorientierte Steuerung ermöglicht wird. Auf diese Weise könnte man sicherstellen, dass nur Leistungen angeboten werden für die auch eine konkrete Nachfrage be- steht, denn niemand weiß besser welches Angebot gewünscht wird, als jene die es benutzen möchten. Dies ist der Gedanke hinter der Subjektfinanzierung. Sie trägt Züge des freien Marktes, da das Angebot der Kin- derbetreuung nicht mehr auf kommunaler Ebene geplant wird, sondern die Nachfrage der Eltern das Angebot bestimmt. Durch die Subvention wären zum einen die Eltern in der Lage völlig frei zu entscheiden, für wel- che Betreuungsleistung sie das Geld ausgeben wollen, zum anderen würde dies einen Wettbewerbsprozess unter den Anbietern auslösen, was sich wiederum positiv auf das bereitgestellte Angebot insbesondere der Platzanzahl und dessen Qualität auswirkt. Ein Problem das sich durch einen direkt ausgezahlten Geldbetrag an die Eltern ergibt besteht darin, dass der Staat nicht bei jeder einzelnen Person überprüfen kann, für welchen genauen Zweck er die Subvention verwendet. Die Familien könnten die Subvention missbrauchen in dem sie sie nicht zweckgerichtet für die Kinderbetreuung einsetzten wodurch die Subjektförderung ihren eigentlichen Nutzen verlieren würde. Betreuungsgutscheine als nichtmonetäre Subvention können einen Ausweg aus diesem Dilemma darstellen. Sie beschränken die Nutzung der Subvention auf den vom Gesetzgeber festgelegten Einsatzbereich z.B. Kinderbetreuung, während die Eltern bestimmen können bei welchem Betreuungsanbieter sie den Gutschein genau einlösen möchten.27

3. Subjektsubventionierung über Gutscheine als neues Steuerungsinstrument

3.1 Unterschiedliche Formen der Subjektsubvention

Im zweiten Abschnitt dieser Seminararbeit wurde auf die aktuelle Situation, sowie die daraus resultierenden Probleme intensiv eingegangen. Ziele wie die Vereinbarkeit von Beruf und Familie, die Erhöhung der Er- werbsquote der Frau, die Gewährleistung von Chancengleichheit für Kinder mit unterschiedlichem sozialem Hintergrund und dem Anspruch einer gewissen Betreuungsqualität und -flexibilität lassen sich mit dem mo- mentanen weit verbreiteten Finanz- und Steuermodell der Objektförderung kaum vereinbaren. Man sollte zentrale Steuermechanismen allerdings nicht pauschal negativ bewerten, denn wie sinnvoll sie sind hängt ganz entscheidend von der politischen Zielsetzung ab. Ist eines der obersten Zielsetzungen, das Angebot bedarfsgerechter auszugestalten ist eine Objektfinanzierung nicht zwangsläufig sinnvoll, da dem Staat erheb- liche Verwaltungskosten anfallen um die Bedarfe der Eltern zu ermitteln und erhebliche Kontrollkosten um zu gewährleisten, dass die Träger dieses Angebot erbringen.28 Eine Möglichkeit diese Probleme zu mildern und teilweise sogar zu beseitigen wäre ein Wechsel zur Subjektförderung. Subjektförderung kann unter- schiedlich ausgestaltet sein, entweder über direkte Transferzahlungen, Steuererleichterungen oder Gutschei- ne. Das System der Steuerleichterung wird in den USA in Form von „Child Care Tax Credit“ geleistet. Das bedeutet, dass den Eltern gewisse Steuervorteile im Zusammenhang mit der Kinderbetreuung gewährt wer- den. Dieses System führt aber zu unmittelbaren Verzerrungen, da Haushalte, welche höher besteuert werden, meist auch ein höheres Einkommen haben, in der Regel mehr zurückerstattet bekommen. Haushalte die auf- grund ihres geringen Einkommens keine Steuern zahlen müssen, kommen im Extremfall überhaupt nicht in den Genuss dieser Subvention. Ein weiterer Nachteil besteht darin, dass die über das Jahr entstandenen Kos- ten erst am Ende des Jahres zurückgefordert werden können, was für viele Familien mit niedrigem Einkom- men eine große Belastung darstellt. Dieser Nachteil kann durch regelmäßige direkte Transferzahlungen, wie es in Australien üblich ist, ausgeglichen werden. Das System setzt allerdings negative Arbeitsanreize und wie bereits angesprochen auch nicht überprüft werden, ob die Subvention auch wirklich für den Zweck der Kinderbetreuung eingesetzt wird.

[...]


1 Vgl. Hocke/Eibeck (2010), S.59.

2 Vgl. Rauschenbach (2010), S.25.

3 Vgl. Wehrmann (2010), S.41.

4 Vgl. Hocke/Eibeck (2010), S.59.

5 Vgl. Kreyenfeld/Wagner (2000), S.4.

6 Vgl. Kreyenfeld/Spieß/Wagner (2002), S. 203.

7 Vgl. Kreyenfeld (2004), S.9.

8 Vgl. Kreyenfeld/Spieß/Wagner (2002), S. 203.

9 Vgl. Kreyenfeld/Spieß/Wagner (2001), S.20.

10 Vgl. Kreyenfeld/Spieß/Wagner (2001), S.6.

11 Vgl. Wagner (2002), S.45.

12 Vgl. Zurfluh (2008), S. 212.

13 Vgl. Kreyenfeld/Spieß/Wagner (2001), S. 123.

14 Vgl. Betz/Diller/Rauschenbach, S. 12.

15 Vgl. Rauschenbach (2010), S. 31.

16 Vgl. Finkelnburg (2004), S. 79.

17 Vgl. Betz/Diller/Rauschenbach (2010), S. 11.

18 Vgl. Kreyenfeld (2004), S. 20.

19 Vgl. Wehrmann (2010), S. 44.

20 Vgl. Wehrmann (2007), S. 173.

21 Vgl. Stettes (2005), S. 42.

22 Vgl. Sell (2007), S. 159.

23 OECD (2004) S. 22.

24 Vgl. Zurfluh (2005), S. 212.

25 Vgl. Kreyenfeld/Spieß/Wagner (2002), S.210.

26 Vgl. Hencke (2009), S. 12

27 Vgl. Zurfluh (2005), S. 212.

28 Vgl. Kreyenfeld/Spieß/Wagner (2001), S.8.

Ende der Leseprobe aus 26 Seiten

Details

Titel
Gutscheinsysteme – Reformansätze im Bereich der Kindertagesstätten
Hochschule
Albert-Ludwigs-Universität Freiburg  (Wirtschaftswissenschaften)
Veranstaltung
Blockseminar: Ökonomik und Politik Sozialer Dienstleistungen
Note
1,3
Autor
Jahr
2011
Seiten
26
Katalognummer
V173836
ISBN (eBook)
9783640942077
ISBN (Buch)
9783640941834
Dateigröße
744 KB
Sprache
Deutsch
Schlagworte
Gutscheine, Gutscheinsysteme, Kindertagesstätten, Kita, Kindergarten, Objektfinanzierung, Subjektfinanzierung
Arbeit zitieren
Silke Jeanette Schwendemann (Autor), 2011, Gutscheinsysteme – Reformansätze im Bereich der Kindertagesstätten, München, GRIN Verlag, https://www.grin.com/document/173836

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