Die Komponistin Erna Becker-Ernst (1885–1945) wächst an der Nordsee auf, geprägt von Musik, Natur und einem unbändigen Drang nach Freiheit. Früh zeigt sich ihre außergewöhnliche Begabung. Als Komponistin musste sie in Zeiten gesellschaftlicher Umbrüche und der Erschütterung zweier Weltkriege ihren Weg finden. Durch eine übermächtige Männerlobby gab es für Frauen in der Kunst nur begrenzte Möglichkeiten der öffentlichen Wahrnehmung.
Von der Kindheit im Pfarrhaus über die Ausbildung fern der Heimat bis hin zu Liebe, Enttäuschung und Selbstbehauptung begleitet dieser biografische Roman eine Frau, die trotz aller Widrigkeiten unbeirrt ihrer inneren Stimme folgt. Immer wieder ist es die Musik, die ihr Halt gibt – als Ausdruck von Sehnsucht, Trost und schöpferischer Kraft.
Das Besondere an diesem Buch:
Erstmals werden 22 originale Kompositionen Erna Becker-Ernsts hörbar gemacht. Aufwendig neu vertont und eingesungen, sind sie integraler Bestandteil der Erzählung. Über QR-Codes im Buch (bzw. direkt eingebunden im EPUB) werden die Lieder unmittelbar erlebbar – als klingende Erweiterung der Geschichte.
So entsteht ein außergewöhnliches Leseerlebnis: eine bewegende Lebensgeschichte, verwoben mit Musik, die tief berührt.
Auszüge aus dem Buch

Prolog
1916 – Münstereifel /i. Rheinland
Arktische Kaltluft aus dem Norden und feucht-warme Luftmassen aus westlicher Richtung treffen aufeinander. Im Laufe des Tages entsteht eine instabile und explosive Schichtung der Atmosphäre. Die dichte Wolkendecke verdunkelt den Himmel. Ein leises Grollen aus der Ferne ist der Vorbote eines Wintergewitters.
Der Tag ist für die Försterfamilie Ernst harmonisch verlaufen. Der königlich-preußische Oberförster im Ruhestand, Wilhelm Ernst, hat vor 5 Jahren in Münstereifel eine Privatforstschule gegründet. Heute hält er vor seinen Forstschülern ein Referat über die wichtigsten Forstschädlinge und deren Bekämpfung. Seine Frau Erna gibt am Nachmittag Klavierunterricht. Den Vormittag hat sie mit aller Energie versucht ein Gedicht zu vertonen. Es gelingt ihr nur mit Mühe sich auf die Arbeit am Klavier zu konzentrieren. Im Laufe des Vormittags geht es einfach nicht weiter. Also gut, zumindest kann die Haushaltshilfe ein wenig unterstützt werden. Auch für die Betreuung ihres dreijährigen Sohns Wolfgang bleibt noch ein wenig Zeit.
Schon den ganzen Tag ist sie erfasst von einer inneren Unruhe, die sie sich selbst nicht erklären kann. Im Gegensatz zu ihrem Mann geht sie auch an diesem Abend frühzeitig zu Bett, um wie gewöhnlich am anderen Tag früh aufzustehen. Es geht auf Mitternacht zu. Ein Gewitter zieht über die Stadt. Grelle Blitze durchziehen die Finsternis, begleitet von starken Donnerschlägen. Ein heftiger Sturm aus nordwestlicher Richtung zieht herauf und es entwickelt sich ein Hagelschlag, der mit brachialer Gewalt auf Häuser und Straßen prasselt. Vom Schlafzimmer ist in einem gedämpften Ton das Stakkato der Hagelkörner zu hören, die unaufhörlich auf das Dach prasseln. Dann ändert sich die unwirkliche Wetterlage. Ein unheimliches Rauschen und Brausen setzt ein, das von orkanartigen Böen und Regenschauern begleitet wird. Das Wetter spielt verrückt, heute am Donnerstag, dem 16. November 1916. Der Regen, der durch die starken Auf- und Abwinde unaufhörlich gegen die Fensterscheiben prasselt, wird noch bis zum frühen Morgen anhalten.
Menschen fürchten sich oft vor Gewitter mit Blitz und Donner. Erna hat keine Angst. Im Gegenteil. In ihren Gedanken fühlt sie sich an ihre Jugendzeit erinnert. Wenn sich die Gelegenheit ergibt, geht sie auch bei stürmischem Wetter an den Strand der Nordsee. Die mahnenden Worte der Eltern werden einfach ignoriert. Sie liebt die stürmische See und verdrängt alle Gefahren. Hier fühlt sie sich alleine mit der Natur zutiefst verbunden. Es ist ein unbeschreibliches Gefühl zu sehen, mit welcher Gewalt die Wellen gegen den Deich prallen. Der Geräuschpegel ist durch das permanente Tosen der See so hoch, dass man in den Bann der alles verschlingenden See gezogen wird, ob man will oder nicht. Die Gegensätze von Gut und Böse, der Unbeschwertheit und Gefahr nehmen ihre Psyche zunehmend in Besitz.
Sie liegt wach im warmen Bett und lauscht den gedämpften Geräuschen von Wind und Regen. Durch die schweren, roten Brokatvorhänge der beiden Fenster dringt kein Licht in das Schlafzimmer. Es ist kurz vor Mitternacht. Ihr Mann arbeitet bestimmt noch in seinem Arbeitszimmer, das sich im Erdgeschoss befindet. Sicherlich muss er den Unterricht für den morgigen Tag für seine Forstschüler vorbereiten.
Jetzt ist nicht Schlafenszeit. Von dem inneren Drang der Neugier getrieben, will sie Kontakt zu den Naturgewalten aufnehmen.
Sie fingert nach der Streichholzschachtel und zündet eine kleine Kerze an. Der dafür vorgesehene Kerzenständer aus Messing befindet sich auf dem Nachttisch. Mit ausreichend Licht steht sie hastig auf. Ein Blick in das Kinderbettchen. Von ihrem Kind sind gleichmäßige, ruhige Atemzüge zu hören. Ihr Sohn Wolfgang schläft, Gott sei Dank.
Ohne sich weiter um Äußerlichkeiten zu kümmern, geht sie in ihrem Nachthemd leise aus dem Schlafzimmer in den kalten Flur im ersten Stock. Auf halbem Wege zum nebenliegenden Wohnzimmer ist ein leises Knarzen der verbauten Holzdielen zu hören, die sich bei Druck aneinander reiben. Der Lichtschein der Kerze wirft einen dunklen Schatten. Eine Gestalt, allein auf dem Flur, einfach schaurig.
Vorsichtig öffnet sie die Wohnzimmertür. Die Fenster vibrieren leicht von der Wucht des Windes. Die Tempe¬ratur im Wohnzimmer ist noch erträglich. Sämtliche Briketts im Kohleofen sind heruntergebrannt, geben aber durch die Glut noch ein wenig Wärme in den Raum ab. Sie betätigt den Lichtschalter. Langsam geht sie zur Balkontür. Es hat kurzzeitig aufgehört zu regnen. Kurz entschlossen öffnet sie die Tür, geht einen kleinen Schritt über die Türschwelle. Schon steht sie im Nachthemd auf dem kleinen Balkon. Der Wind umflutet warm ihren Körper und das mitten im November. Ist das schön. Ihre Haare werden durcheinandergewirbelt. Bestimmt setzt bald wieder der Regen ein.
Ihr Haus steht am Hang. Von dort hat man einen schönen Blick über das Tal der Stadt. Auf der gegenüberliegenden Hangseite befindet sich ein Wald. Über den Silhouetten der Baumwipfel ist ein streifenförmiger, heller Horizont zu sehen, der sich von dem dunklen Wald und dem bedeckten Himmel abhebt. Der warme Wind umschmeichelt ihren Körper. Andächtig lauscht sie den alles übertönenden, tiefen Geräuschen des Windes. Sie würde sich für eine tiefe Oktavierung eines „f“ entscheiden, wenn der Ton auf dem Klavier nachempfunden werden müsste. Aber nein, die Natur lässt sich nicht kopieren.
Sie fühlt sich frei. Hier in der Gegenwart, dem Unwetter ausgesetzt, nur von einem dünnen Stoff geschützt. Sie muss an die großen und alles zerstörerischen Wellen denken, die von weit draußen mit Urgewalt über den Strand schwappen. Alles Schwache wird hinweggefegt und in die unergründliche Tiefe gerissen. Der Deich, von Menschenhand gebaut, empfängt die Wasserflut und leitet sie sanft in die Höhe. Das Wasser verliert seine Kraft. Es fließt langsam wieder zurück in die See.
Es mag vielleicht eine Minute vergangen sein. Langsam kommt sie wieder zurück in die Gegenwart, kann sich von den schönen Stunden in der Jugendzeit gedanklich wieder lösen. Ihr wird plötzlich bewusst:
Ich kann hier nicht weiter im Nachthemd stehen bleiben! Die Verantwortung für meine Familie hat Vorrang. Eine Erkältung zu bekommen, durch meinen Leichtsinn … nein, das geht nicht.
Ein kleiner Schritt zurück. Das gedämpfte Rauschen des Windes ist durch die geschlossene Tür noch zu hören.
Die Deckenbeleuchtung braucht sie nicht mehr. Das Licht von der Stehlampe reicht vollkommen aus. Das schwarz lackierte Klavier steht hinten im Wohnzimmer. Neben dem Klavier steht eine kleine Kommode für die Noten. Sie blickt auf die große Standuhr. Schon zu spät. Ungeachtet der leichten Bekleidung setzt sie sich an ihr Klavier. Sie spürt keine Kälte, weder an den Beinen noch am übrigen Körper. Jetzt ist der Zeitpunkt gekommen ein Gedicht zu vertonen. Ein Gedicht von Friedrich de La Motte Fouqué.
Ein stiller Beobachter sieht eine jung verheiratete, 31-jährige Frau auf dem Klavierhocker mit ungekämmtem Haar und leicht geöffnetem Nachthemd.
Umgeben von den gedämpften Hintergrundgeräuschen baut sie eine emotionale Verbindung zu den Liedversen des Gedichts auf.
Zuerst wird die Singstimme auf die Notenblätter geschrieben. Danach entsteht die ausdrucksstarke Vertonung.
In dem Gedicht von Fouqué wird auf emotionale und dramatische Weise ein Mann beschrieben, der als Leuchtturmwärter bei Sturmflut für die Sicherheit der Schiffe an der Küste sorgt. Der starke Glaube an Gott gibt ihm Mut und Kraft, als Mensch den Naturgewalten zu trotzen.
Erna ist so in ihre Arbeit vertieft, dass sie nicht bemerkt, wie die Tür aufgeht. Ihr Mann steht im Türrahmen. Mit einem lauten Räuspern macht er auf sich aufmerksam. „Das ist schon sehr ungewöhnlich, dass du in der Nacht komponierst“, brummt er mit tiefer Stimme in den Raum hinein. Er bekommt keine Antwort und wird ungeduldig. „Chérie …, es ist kurz nach zwei Uhr.“ Erna dreht ihm langsam den Kopf zu. „Ja, ich kann nicht anders. Kannst du das verstehen? Ich brauche hier nicht mehr lange, dann komme ich zu dir ins Bett.“ Wilhelm, ihr Mann, nickt zustimmend mit dem Kopf. Leise schließt er die Wohnzimmertür. Noch bevor er das Wohnzimmer verlässt, ist sie in Gedanken bereits wieder bei der See, den Sturmgewalten und dem Leuchtturmwächter.
Track 1
Titel: Turmwächters Lied
Liedtext: Friedrich de La Motte Fouqué
Komposition: Erna Becker-Ernst
Auszug zum Reinhören:
Groden – Kindheit an der Nordsee
Der Klang des Pfarrhauses
1891 – Groden – Ortsteil von Cuxhaven (seit 1935)
Die Glocken der Grodener St. Abundus Kirche läuten das Ende des Gottesdienstes ein. Der Pastor Carl August Becker spricht für die Kirchenbesucher den Segen. Anschließend singt die Gemeinde in Begleitung der Orgel das Abschlusslied. Der sonntägliche Gemeindegottesdienst ist zu Ende und die Kirchenbesucher streben langsam dem Ausgang zu. Ihr Pastor ist nicht mehr zu sehen.
Die Zeit drängt. Heute bekommt er Besuch von Freunden aus Cuxhaven. Die übliche Verabschiedung der Gläubigen am Kirchenausgang muss heute ausnahmsweise entfallen.
Herr Becker verlässt die Kirche schnellen Schrittes durch den Hinterausgang. Der Weg ist kurz. Das Pfarrhaus ist nur ein paar Schritte von der Kirche entfernt. Lediglich die Hauptstraße muss er überqueren. Das Pfarrhaus ist sein Amtssitz. Für die Zeit der Berufung als Pastor darf er hier mit seiner Familie wohnen.
Seit sieben Jahren begleitet Wilhelm Quietmeyer den Gottesdienst in Groden mit der Orgel. Bei Krankheit und Urlaub wird er durch einen Kollegen aus Cuxhaven vertreten.
Das Dorf hat großes Vertrauen zu ihrem Hauptlehrer, Kantor und Organisten. Sein markantes, nordisches Profil und sein strenger Blick sind Teil seiner Persönlichkeit. Das äußere Erscheinungsbild täuscht. Seine Freundlichkeit und Hilfsbereitschaft wird im Dorf geschätzt.
Das Schlusslied ist verklungen. Jetzt wartet er noch eine Weile auf der Empore. Die Noten kommen in seine abgetragene Ledertasche. Bedächtig geht er die Holztreppe herunter. Am Treppenaufgang sieht er Frau Becker, die offensichtlich auf ihn wartet. Christine Becker ist Anfang dreißig. Ihre weichen Gesichtszüge verdecken ihre Ernsthaftigkeit.
Sie nimmt Blickkontakt zu dem Freund der Pastorenfamilie auf und beginnt das Gespräch mit einem schmeichelhaften Lob:
„Herr Quietmeyer, Sie haben heute wieder so schön auf der Orgel gespielt.“
„Ja, vielen Dank Frau Pastor für die gutgemeinte Anerkennung.“ Er hakt aber sofort nach: „Ich könnte mir vorstellen, dass dies nicht der einzige Grund ist, mich hier anzusprechen.“
„Nein, Herr Quietmeyer, das ist es nicht. Ich habe eine Frage zu unserer jüngsten Tochter Erna.“
„Ja?“
Der Organist runzelt die Stirn. Er spürt ihre Unruhe. Sie kommt sofort zur Sache.
„Erna bekommt bei Ihnen seit gut einem Vierteljahr Klavierunterricht. Und da …“
Herr Quietmeyer fällt ihr ins Wort:
„Und da wollen Sie mich fragen, wie es so bei ihr läuft? Nun, ich halte Ihre Tochter für sehr talentiert. Das kann ich schon nach der kurzen Zeit sagen. Im Gegensatz zu den anderen Schülern, die ich bisher unterrichten durfte, ist sie nicht nur zielstrebig und gewissenhaft, sondern sie hat eine Gabe, wie ich es bisher noch nicht erlebt habe … Erna feiert in zwei Wochen ihren sechsten Geburtstag, nicht wahr?“
„Ja, das stimmt!“
„Nun, es reicht natürlich nicht aus nur zielstrebig zu sein. Nach meiner Meinung ist es erforderlich Musik emotional zu erleben. Erna ist ein empfindsames Kind, hat eine schnelle Auffassungsgabe. Einmal von mir erklärt und schon hat sie es im Kopf gespeichert. Ja, liebe Frau Becker, das ist erst einmal alles, was ich in der kurzen Zeit über Ihre Tochter Erna sagen kann. Wenn sie so weitermacht, dann…“
Ihm fehlen die Worte, er muss lächeln.
„Das ist schön zu hören und freut mich.“ Die Erleichterung ist ihr anzumerken. Sie hält inne. „Entschuldigung, dass ich so kurz angebunden bin, aber ich muss nach Hause, das Mittagessen für meine Familie vorbereiten. Ich wünsche Ihnen noch einen schönen Sonntag und grüßen Sie bitte Ihre Frau von mir.“
Bevor der Organist etwas entgegnen kann, ist sie schon auf dem Weg in Richtung Pfarrhaus.
*
Wie war das? … Zuerst ein Ton … dann vier schnelle hintereinander, dann zwei Töne etwas langsamer … und das, das nennt man einen „Pralltriller“. Mozart hat den in einer Sonate, die meine Schwester üben soll.
Schön ist diese Sonate, sehr schön! Ganz anders als die Sonatinen von Clementi oder Kuhlau, die ich spielen muss, weil mein sechsjähriges Gehirn und die Hände für einen Mozart noch nicht reif und tauglich sind … Und – überhaupt „Sonatinen!“. Unerhört! Weshalb nicht auch Sonaten? Voller Neid und in meinem Ehrgeiz gekränkt schleiche ich mich ins Musikzimmer, wo gerade meine Schwester diesen interessanten Pralltriller übt. Ich setze mich auf einen Stuhl, dem Klavier gegenüber, und beschatte mein armes, sich mit dem Pralltriller abquälendes Schwesterlein, deren Kopf rot und immer roter wird vor Erregung und verhaltenem Groll über diese Mozartsche Verzierung.
Also – wie ist das doch noch: zuerst ein Ton! Peng! Der sitzt – So! Nun die vier anderen Töne schnell hinterher. Hoppla! … Naa – naa! So geht das nicht. Das purzelt alles durcheinander. – Carlas Finger ballen sich zur Faust. Sie sausen weit ausholend auf die Tastatur herab. Peng! Gab das einen Ton – Scheußlich. Ich wippe auf dem Stuhl hin und her. Kaum noch zum Aushalten… Aufspringen und Vormachen. Ich habe ja längst kapiert. – Aber der schuldige Respekt vor der Älteren gebietet mir Mäßigung. Also noch einmal. Zuerst ein Ton: Ja. Der war immer gut und klar. Nun die vier anderen schneller hinterher … halt! Halt! Nein! Das ist schon wieder missglückt. So geht das nicht. Die Fingerchen schaffen es nicht. Alles geht über- und untereinander… und morgen ist Klavierstunde … „Was muss dieser Mozart auch so’n Zeug schreiben, was man doch nicht spielen kann …“ Und noch einmal. Nur Mut! Erfolglos, ganz und gar falsch.
Carlas Köpfchen ist nunmehr wie in Glut getaucht; sie atmet nicht mehr, sie faucht vor Wut. Nun halte ich es nicht mehr aus. Ich stehe auf, schiebe mich vorsichtig ans Klavier und sage sanft: „So musst du das machen.“ Meine rechte Hand liegt noch nicht auf den Tasten, da saust auch schon eine Faust auf mich herab, trifft mich irgendwo, und zwar ziemlich schmerzhaft. Dann rast schemenhaft jemand an mir vorbei zur Tür hinaus. Als diese krachend ins Schloss fällt, wird mir bewusst, dass ich allein bin. Jetzt erst komme ich zu mir. Wozu die Wut ? Ich hab noch nur helfen wollen! Ich fühle, wie mir heiße Tränen über die Wangen rollen. Oh, Mozart!
*
Zu unserem Pfarrhaus gehört ein großer Garten, in dem es für uns Kinder immer etwas zu entdecken gibt. Ein schmaler Sandweg teilt den Garten in zwei Teile. Eine hohe Hecke grenzt das Grundstück von der dahinterliegenden Hauptstraße ab. Auf der anderen Seite befindet sich ein breiter Graben, der die Grenze zum Nachbarn bildet. Im vorderen Teil gibt es eine Holzbank, über der sich ein Eisengitter für Rankpflanzen befindet. Nicht weit davon entfernt duften im Sommer verschiedene Strauchrosen in einem längsgezogenen Beet. Herrlich! Unweit vom rückwärtigen Hauseingang befindet sich eine kleine Wiese. Hier wird die Wäsche zum Trocknen aufgehängt oder zum Bleichen ausgelegt. Nicht weit vom Haus entfernt steht am Grabenrand die Villa, oder besser noch ein gewisses Häuschen. Es ist mit Pfählen über dem Graben gebaut … der wonnigste Aufenthalt für uns Kinder. Dort gibt es drei Sitze; davon zwei größere für Erwachsene und einen kleineren für Kinder. Wir haben aber reichlich Platz in unserem Häuschen. Die Tür ziert zwar kein eingeschnittenes Herz, erfreut aber die Familienmitglieder. Zwei Fensterchen gestatten die Aussicht auf die Umgebung und den in allen Farben schillernden Graben. Und hier hinein fallen viele der kostbaren gelben, rotbackigen Birnen. Ach, alle Birnensorten in unserem Garten sind für uns Kinder nicht mit dieser Sorte zu vergleichen. Die Früchte des Birnbaums schmecken mir besonders gut, vielleicht weil der auf der anderen Seite des Grabens steht und dem Nachbarn gehört.
An der rückwärtigen Grenze ist mein Lieblingsbaum, eine Blutbuche. Auf Schulterhöhe ragen die Äste herunter, so kann ich leicht bis in die Baumkrone hinaufklettern.
Zwischen zwei Weidenbäumen ist eine Schaukel aufgehängt. Sie schwingt mich hoch in die Lüfte. Morgens früh, wenn die Sonne aufgeht und alles umher duftet, dann stürme ich aus dem Haus hinaus, auf die Schaukel. Nach ein paar Schwüngen bin ich schon hoch in den Lüften und singe Choräle. Ich singe die ersten drei Strophen von „Wer nur den lieben Gott lässt walten“, recht laut, aus frohem Herzen. Der liebe Gott da oben im Himmel wird bestimmt seine Freude daran haben.
Dass Mutter uns beinahe jeden Morgen beim Haare machen etwas aus irgendeiner der vielen Flaschen auf dem Waschtisch in die Kopfhaut einreibt ist interessant! Aber – was kann das sein? Unserer Ansicht nach sind wir alt und erfahren genug diese Prozedur an uns selber auszuprobieren.
An einem Wochenende, am frühen Morgen, ist es spruchreif. Carla opfert ihren Kopf. Ich beschaffe das probate Mittel und reibe es ihr auf dem Kopf ein … Die Eltern schlafen fest. … Die Tür zu ihrem Zimmer hin steht halb offen. … Ich hinein. … Leise, leise zum Waschtisch. … Fühlen, tasten. Nur vorsichtig. … Die Finger greifen ins Leere. … Weiter. … Ach! Da! Flaschenköpfe, … ich fühle deutlich die Korken. … Sie haben alle verschiedene Größen. Welche von ihnen ist es? Ach was, nur nicht bange werden. Hier, diese dicke große Flasche! Gewiss, die ist es, jawohl! … Die fühlt sich auch so klebrig an … fest zupacken, sonst fällt sie noch aus der Hand. … So! … Ich hab sie. … Leise, leise wieder ins Nebenzimmer.
Carla schlüpft zum Bettchen heraus. Genau wie bei Mutter werden die Haare gelöst. Sie setzt sich feierlich auf einen Stuhl. Prachtvolle, lange, goldblonde Haare – Friesenhaar. – So … „Du musst den Kopf etwas mehr nach hinten tun…“ Nun gieße ich in meine linke hohle Handfläche das herrliche, gelbe Öl; es ist so dickflüssig. Jawohl, das muss das Haaröl sein!
So, nun rauf den Kopf. Das glückt. Und nun einreiben. Feste, feste, immer tüchtig einreiben…. aber … mh, mh, wie riecht denn das nur?
„Du Carla, … mh mh puh! … Du, das … das stinkt aber fürchterlich. Was mag das sein? Wenn das nur nicht … Ach was, das sind die Haare, die so duften. Das verfliegt wieder…“
In meinem Eifer gieße ich noch einmal eine tüchtige Portion in die hohle Hand.
„Du, wenn du fertig bist, musst du mich aber auch …“
„Natürlich, mach man … Es ist genug! Nun auskämmen … Au! Mensch! Du reißt mir ja die Haare vom Kopf!“
„Ja, das geht nicht anders, das Haar klebt so aneinander! Mh, mh! Und … das … stinkt!“
„Au, hör auf. Das kann man nicht aushalten.“
Ich lasse den Kamm sinken.
„Ja du! Wir müssen das Haar glatt kriegen, sonst gibt es Haue. Mh, mh, riech wie das stinkt!“
Ich versuche ihr Haar wieder zu striegeln, umsonst. Carla springt auf.
„Lass, ich kann das nicht aushalten! Was denkst du denn!“
„Ja, – aber Mama!“
„Ich gehe wieder ins Bett“, erwidert Carla kurz und knapp. Mit diesen Worten setzt sie sich die Nachthaube auf und kriecht wieder ins Bett. Und da steht die Flasche. Die Flasche mit dem gelben Öl, das so dick durch die Finger rinnt und das Haar verklebt, so stark, dass der Kamm nicht mehr hindurchkommen kann. Ich blicke auf meine Hände. „Mh, mh… bah!“ Wie das stinkt, regelrecht zum Himmel stinkt das. Es geht nicht anders, einfach abwischen und ins Handtuch damit! Dann auch ins Bett. Aber meine Ruhe ist hin, mein Herz ist schwer. Was wohl Carla jetzt denkt?
„Du, Carla?“
Keine Antwort. Wer schläft, sündigt nicht. Die schläft immer. Der ist es egal, dass ich nun mit klopfendem Herzen an die bevorstehenden Prügel denke.
„Du, Carla?“
„Was denn?“, bekomme ich als Reaktion in einem äußerst ärgerlichen und ungeduldigen Ton zu hören.
„Aber ich möchte doch nur der Sache auf den Grund gehen und wissen was schiefgelaufen ist.“
„Kannst du nicht lesen, was auf der Flasche steht?“
„Ich bin noch nicht so weit, alle Buchstaben kann ich noch nicht.“
„Ich auch nicht. Lass mich in Ruhe, ich will schlafen.“
Und schon sägt sie wieder los. Undankbare Kreatur! Ich habe mich abgequält … und nun? „… Mh, mh!“ Nun stinkt auch noch das ganze Zimmer.
Doch, mal sehen … Ich schleiche zur Flasche. Da stehen die Buchstaben e, zweimal, auch das a und das n ist mir geläufig, aber die anderen? Mal riechen …
Aus der Stille werde ich mit den Launen meiner Schwester konfrontiert. „Du mach dich jetzt ins Bett!“ Offensichtlich wird Carla mir gegenüber böse. Schon klar, ich störe sie bei ihrer albernen Schlaferei. Welch ein Gegensatz! Bei mir ist an Schlafen nicht zu denken. Aber was kann ich jetzt machen, außer meine klebrigen, stinkenden Hände unter die Bettdecke zu legen?
Nach meinem Gefühl vergeht die Zeit nur langsam, viel zu langsam. Aber nun ist es so weit. Wir müssen endlich aufstehen. Und nun? Mama kommt zum Haare machen … Du lieber Himmel. Sie steckt die Nase in die Luft und schnüffelt. „Mh! Mh! Wie riecht es denn hier?“ Schweigen auf allen Seiten. Da kommt mir der rettende Gedanke. Ich dränge mich vor, lasse mir zuerst die Haare machen. Dann schleunigst durch die Binsen. Nach mir die Sintflut. Mochte Carla sehen, was wird.
Ich habe nicht erfahren, was Mama nach der Kopfwäsche gesagt hat. Das Rätsel des Flascheninhalts hat sich für mich sozusagen über den Tag aufgelöst. Vor dem Morgenkaffee und dann noch zwei Mal am Tag bekamen wir aus der betreffenden Flasche mit dem gelben vorzüglichen Haaröl je einen Löffel „Lebertran“.
*
Weihnachtszeit.
„Erna?“
Keine Antwort. Jetzt kommt ein energisches „Erna!“ mit Ausrufezeichen. „Wo steckst du?“.
Aus dem Flur kommt ein leises „Ja?“.
Meine Mutter kommt mir aus der Küche entgegen.
„Ich habe einen Gugelhopf gebacken für unsere Dorfälteste, damit sie eine kleine Freude hat. Du kennst sie ja und weißt, wo sie wohnt. Es ist ja nicht weit von hier. Nimm das und sage ihr einen schönen Gruß.“
Ich mache mich auf den Weg zur Papenstraße. Die Haustür ist nicht verschlossen. Über den Flur gelange ich in das Wohnzimmer. Die Frau sitzt friedlich in ihrem Lehnstuhl und schläft. Das Päckchen lege ich vorsichtig auf den Tisch, murmele einen Gruß, schließe vorsichtig die Tür und verlasse leise das Haus.
Wie sonst üblich laufe ich nicht nach Hause, sondern ich gehe. – Tick – tack – Tick – tack. Die Zeiger der alten Uhr gehen mit. Und da – da fallen mir plötzlich die letzten Worte eines Gedichts vom Schulunterricht ein. Es endet mit den Worten: „Ich wollt’, ich hätte so gewusst am Kelch des Lebens mich zu laben und könnte am Ende gleiche Lust an meinem Sterbehemde haben.“ [1] – Diese Worte habe ich nie recht verstanden. Sollten sie hier Wahrheit und Erklärung bringen? In meinem Kopf ergibt sich spontan eine Verbindung zwischen den Versen des Gedichts zu meinem Besuch. Aber das Mütterchen ist doch keine Waschfrau! Das nicht, aber sie hat ihr Leben lang gearbeitet und arbeitet immer noch hochbetagt für ihre Lieben. Trotz vieler Entbehrungen meistert sie mit Würde und Fleiß ihr Schicksal.
Daheim werden Weihnachtslieder gesungen… Ich höre die Uhr und ich sehe die alte Frau und leise klingt es in mir. „Ich wollt’, ich hätte so gewusst …“
Der erste große Verlust
Meine Mutter liegt im Sterben. Die Ärzte können ihr nicht mehr helfen. In ihren letzten Stunden auf ihrem Weg in die Ewigkeit wird sie von der Familie begleitet. Wir Kinder, Edgar, Hellmuth, Carla und ich gehen noch zur Schule.
Ich frage mich, warum gerade jetzt. Wir sind noch so jung. Warum trifft es unsere Familie? Fragen, die unbeantwortet bleiben.
Ich trete an ihr Bett. Geräuschlos weicht meine Schwester zur Seite. Seit meine Mutter das Bett nicht mehr verlassen hat, kümmert sich meine ältere Schwester aufopfernd um die Pflege. In ihren letzten Stunden sind die weißen Kissen schon zurechtgelegt. Der Tod steht freundlich wartend an der Tür. Bestimmt sind deine Träume schon da drüben, nicht hier – nicht hier.
Im Kindesalter von acht Jahren ist der Tod der Mutter nicht begreifbar. Es entsteht ein Chaos im Kopf. Bei mir jedenfalls. Normales Denken ist nicht möglich. Man fühlt sich hilflos und alleingelassen. Der innere Schmerz breitet sich langsam aus. Was bleibt, ist eine große Traurigkeit und Leere. So ist das bei mir am Dienstag, dem 13. Februar 1894, als meine Mutter stirbt.
Unter großer Anteilnahme der Dorfbewohner erfolgt drei Tage später die Beisetzung. Am Grab laufen mir dicke, heiße Tränen über das Gesicht. Woran ist sie gestorben? Später habe ich erfahren, dass es eine Infektionskrankheit war.
Im Alter von 14 Jahren, also sechs Jahre später, habe ich meine Gefühle in eigener Musik ausdrücken können. Das Gedicht „Das Kind am Grabe meiner Mutter“ ist ein nachträglicher Ausdruck des unersetzlichen Verlustes meiner Mutter. Den Verfasser des Gedichts kenne ich nicht, konnte ihn nicht ermitteln.
Der Verlust eines lieben Menschen ist unwiederbringlich. Es ist Schicksal und schmerzliche Erkenntnis zugleich. Zugleich ist es aber auch der unausgesprochene Appell, sich den täglichen Anforderungen des Lebens zu stellen, mit dem eigenen Leben sorgsam umzugehen und das eigene Glück im Leben nicht zu vergessen.
*
Oh, diese Carla! – Diese Carla mit ihrer Vorliebe zum Schlafen! Wer beizeiten zu Bett geht, kann doch am anderen Morgen auch beizeiten wieder aufstehen. Aber Carla denkt anders darüber … Sie geht zwar beizeiten zu Bett, steht aber nicht beizeiten wieder auf, sondern sogar sehr spät. Ich bin Frühaufsteher und daran ist die Sonne schuld. Sobald ich durchs Fenster sehe, kann ich nicht mehr im Bett bleiben. Dann hinaus in den Garten, in all die Pracht und spielen. Aber das geht nicht, denn aus dem gegenüberliegenden Bett knurrt eine schläfrige Stimme:
„Wenn du aufstehst, bin ich dir böse.“ – Dieses Bösesein!… Diese furchtbaren Worte: Ich bin dir böse! … Carla bringt es fertig, mich den ganzen Tag einfach nicht zu sehen … Ich bin Luft für sie – Luft! Wer soll da mit mir spielen? Wer mit mir in die Blutbuche klettern und singen und lachen? Wer soll mit mir auf den ausgehöhlten Stamm einer alten Kopfweide sitzen, die schräg überm Wasser steht? Es ist uns schon so oft verboten worden, uns dorthin zu setzen, weil der Stamm von der Last befreit abbrechen und in den Graben fallen könnte … Aber das ist ja gerade so anziehend und reizvoll; deshalb sitzen wir sogar sehr oft da.
Wir sitzen oft am Grabenrand, angeln mit einem Kescher die Früchte von der gegenüberliegenden Grabenseite zu uns heran und beißen sofort gierig hinein. Und wer soll diese Birnen mit mir zusammen einsammeln, wenn Carla mir böse ist? Zwei Personen braucht man dazu. Vor nichts habe ich solche Angst, wie vor diesem „Bösesein“; und keiner versteht es so gut wie Carla! Ich kann es nicht … Dieses „Immer-dran-denken-müssen“ ist mir zu langweilig und zu unbequem.
Um diesem Strafgericht zu umgehen, ziehe ich den schon unter der Bettdecke herausgestreckten Fuß dann doch lieber wieder ins Bett zurück, wenn Carla knurrt. Und heute ist es schon 9 Uhr. Wenn doch – ja, was, wenn doch? Carla schläft noch fest. Wenn ich doch irgendetwas hätte, sie zu stören. Ich sehe mich um. Aha! Da, ein Fetzchen Papier. Leise, leise zum Bett hinaus. Ich habe kaum die Hand danach ausgestreckt, da kommt’s auch schon:
„Gehste ins Bett?!“
Also wieder in die Kiste! Ich forme nun Papierkügelchen und werfe sie mit dem Geschick, dem Übung vorausging, der schon wieder Schlafenden ins Gesicht. Die zuckt einige Male mit dem Näschen, dreht sich aber dann, als es ihr lästig wird, mit dem Gesicht der Wand zu – und schläft einfach weiter. Damit ist es also nichts mehr. Was nun? Jetzt nur nicht aufgeben!
Ich schleiche mich wieder aus dem Bett, hinter das Kopfende der Ahnungslosen und versuche, mit einem Wollfaden in ihre Nasenlöcher einzudringen. Da wird sie aber wild. Sie kommt mit dem Oberkörper hoch und schwört bei nochmaliger Störung ein „Bösesein den ganzen Tag“.
Ich steige also wieder ins Bett. Mit Entsetzen stelle ich fest, dass alles noch viel schlimmer kommt als gedacht. Carla, nun vollends munter, hat sich ein Buch geschnappt und fängt in aller Seelenruhe an darin zu lesen. Jetzt ist alle Aussicht, endlich aufstehen zu können, dahin, denn wenn Carla einmal angefangen hat zu lesen, dann kann es Stunden dauern! Aber da draußen lacht die Sonne, die Schwalben fliegen vorm Fenster hin und her. Ich sehe ihre Schatten, ich höre die Hühner gackern. Die Stimmen der Kinder auf der Straße sind nicht zu überhören – und ich? Ich muss hier im Bett liegen. Hm!
Nachdenklich und der Verzweiflung nahe, setze ich die Zähne in die Unterlippe und ziehe die Luft durch … Das gibt einen leisen, zirpenden Ton – das gefällt mir. Ich zirpe also weiter in allen möglichen Lautstärken … Jetzt lässt Carla das Buch sinken und hebt den Kopf. Ich höre auf – will sie nun aufstehen? Gedankenvoll sieht sie zu meinem Fenster hin – und liest weiter. Ich zirpe wieder. Nach einer Weile geschieht dasselbe. Carla legt das Buch wieder auf die Decke und sieht aufmerksam zu mir herüber. Schließlich frage ich sie:
„Hörst du was?“
Ein Brummen ist die Antwort, dann liest sie weiter. Und ich zirpe weiter – mit demselben Erfolg. Wieder frage ich sie mit einem scheinheiligen Unterton:
„Was hörst du eigentlich?“
„Nichts!“
In der Tat nichts, ich zirpe ja auch nicht mehr.
Unten im Flur schlägt die große Standuhr gerade zehn Uhr. Ich lege mich nun auf den Bauch, stütze den Kopf in beide Hände und zirpe wieder. Jetzt wird Carla grundsätzlich.
„Du! Sieh doch mal nach! Da, an deinem Fenster, da muss irgendwo eine Fliege in ein Spinnennetz geraten sein. Das arme Tier!“
Nun lausche ich auch.
„Ich höre nichts!“
„Ja, nun ist’s wieder still!“
Carla liest wieder, und ich zirpe wieder. … Es dauert nicht lange, dann schaut sie wieder von ihrem Buch auf und meint lakonisch:
„Nee – nun ist’s wieder still. Die Fliege kann wohl nicht mehr. Vielleicht ist sie tot.“
Ich kann auch nichts hören, so sehr ich mich auch anstrenge. Also kehren wir beide zu unserer Beschäftigung zurück. Carla wird unruhig.
„Da! Da ist sie wieder. Sie lebt noch. Ganz laut höre ich sie jetzt.“
Jetzt habe ich begriffen! Diese Fliege war ich! Das muss unbedingt ausgenutzt werden, zu meinem Vorteil. Unbedingt muss ich jetzt weiter zirpen. Mit Erfolg! Carla ist von dem Geräusch ganz aufgeregt. Sie versucht das Geheimnis zu ergründen mit der Aufforderung an mich:
„Hörst du? Hörst du? Das ist sie wieder. Steh doch mal schnell auf und sieh nach. An deinem Fenster, da muss sie sitzen, daher kommt der Ton. Sie mal zu, vielleicht kannst du sie noch retten.“
Nichts lieber als das. Husch aus dem Bett heraus und kräftig dabei zirpen. Gar nicht so einfach, denn meine Lippen fangen an zu schmerzen. Der Ton leidet auch darunter. In der Not versuche ich es nun mit der Zunge. Ei, sieh mal an, wie prächtig das gelingt. Das klingt ja noch natürlicher. Und dann kommt noch mein Bemühen hinzu, die arme Fliege zu finden und aus der vermeintlichen Notlage zu befreien. Eifrig suche ich nun mal oben, mal unten, mal in der Breite, mal in der Länge, an der Fensterbank, dem Heizkörper und auf dem Teppich. Leider vergebens, ich kann die Fliege natürlich nicht finden. Und Carla sieht zu, ist ganz in Erwartung und wartet auf ein Ergebnis. Scheinbar hilflos sehe ich zu ihr herüber.
„Ich kann hier nichts finden, leider.“
Nun ist die Ungeduld und Neugier in ihr geweckt und sie will der Sache selbst auf den Grund gehen. Kurz entschlossen steht sie aus dem Bett auf und beginnt mit der Suche. Ich stehe hinter ihr. Das Geräusch der Fliege kommt über meine Lippen, aber nur kurz. Nur jetzt nicht anfangen zu lachen! Die Aufmerksamkeit meiner Schwester darf nicht nachlassen!
Also führe ich sie bewusst auf eine falsche Fährte.
„Da ist es, da – gerade wo du stehst! Sieh doch mal hin!“
Mein rechter Arm zeigt in die untere Ecke am Fenster. Auf meinen Hinweis sucht sie eifrig die Stelle an der Heizung ab.
„Ich kann nichts finden, auch kein Spinnennetz!“
„Das ist doch eigenartig! Wir haben es doch beide gehört, nicht wahr?“, ist meine scheinheilige Antwort. Zu meinem Erstaunen werden meine Worte unvoreingenommen bestätigt.
„Jawohl! Ich habe es auch gehört! Nun ist alles wieder still. Sie ist wohl tot.“
Nun bücke ich mich tief zum Fußboden herunter und zirpe wieder.
„Da ist sie wieder. Da, dicht bei dir … merkwürdig, wie der Schall sich ändert. Mal hier, mal dort.“
Voller Elan suchen wir weiter, und ich zirpe von Zeit zu Zeit. Leider ohne Ergebnis, gefunden haben wir nichts. Aber Carla ist aus dem Bett. Wenn sie aber einmal heraus ist, dann geht sie auch nicht wieder hinein Ich kann mit Bestimmtheit sagen, dass ich an diesem Vormittag keine Fliege gesehen habe, die ins Spinnennetz geraten ist.
*
Die private Einquartierung von Soldaten ist i ein Ausdruck von menschlicher Hilfsbereitschaft und Anteilnahme. Mit Erlaubnis meines Vaters haben sich bei uns zwei Soldaten für mehrere Wochen im Pfarrhaus einquartiert. Eine größere Militärübung soll im Raum Cuxhaven stattfinden. Die Unterbringung für diese Zeit muss aufgrund der begrenzten Unterkünfte in der Kaserne anderweitig organisiert werden. In Absprache mit dem Militär stellen ausgewählte Familien die erforderlichen Räume für die Übernachtung mit teilweiser Verpflegung den auswärtigen Soldaten zur Verfügung.
Manchmal ergibt sich so für meinen Vater die Gelegenheit, mit anderen Menschen in Kontakt zu kommen. Für uns Kinder ist es ein besonderes Erlebnis, Menschen kennenzulernen mit all ihren Geschichten und Eigenarten.
Einquartierung! Au fein! – Unsere beiden heißen Himbuck und Burgmann. Der eine schmal und lang, der andere schmal und klein. Unten im Souterrain, in der Plettstube, haben sie ihr Quartier … Ach, ist das eine Wonne, da immer mal wieder hinunterzuschleichen … da, gleich neben der Tür, stehen gewöhnlich die beiden Gewehre! Wir stehen andächtig davor und gucken. Nicht anfassen. Also damit … hm, damit schießt man Menschen tot. – Furchtbare Dinger, die. Aber blitzblank sind sie und das Leder riecht so schön. Und da liegen die Tornister! Mal untersuchen? Lieber nicht!
Carla sympathisiert mit Himbuck. Wenn er morgens aufsteht, ertönt es lauthals aus dem Keller: „So, nun aber raus mit dem Mix-Pickel!“ Dieser fröhliche Ausruf am Morgen gefällt ihr gut und wird bei passender Gelegenheit wiederholt. Ich mag Burgmann lieber, obgleich er mich oft auf die Schulter heben und mit mir weglaufen will.
Und unser Vater, der sitzt gern mit ihnen zusammen und erzählt von dem Krieg 1870/71, bei dem er als Freiwilliger teilgenommen hat. Alles lauscht … alles ist ganz Ohr.
Himbuck und Burgmann haben nach zwei Wochen das Haus wieder verlassen, tief betrauert von uns. Zum Abschied haben wir den beiden ein Blümchen geschenkt.
*
Der freie Blick über Groden ist immer wieder schön. Ich sitze im Kirschbaum hoch oben in der Spitze. Da wachsen die dicksten und reifsten Früchte in unserem Garten. Vor mir die hohe Hecke, dahinter die Straße. Mein zehnjähriger Magen hat Hunger. Also essen, essen, Kirschen essen, so lange bis … Ja, was ist denn da los? Was ist denn? … Die Menschen, alles strömt mit Entsetzensrufen die Straße entlang an mir vorbei.
„Was ist los?“ frage ich vom Baum herab.
„Da hat sich einer aufgehängt … Da am Weg rechts – im Gebüsch.“
Vorbei ist der Sprecher. Jetzt schnell herunter von meinem Hochsitz, mit kühnem Sprung auf die Straße springen und den Kindern folgen.
Eben schlägt die Turmuhr des Dorfes ein Uhr am Mittag. Die Sonne brütet heiß. Die Füße brennen. Ich laufe schneller.
„Wo, wo ist die Stelle?“, frage ich aufgeregt die Kinder.
„Da!“
Links von mir stehen mehrere Jungen und Mädchen, eifrig gestikulierend. Wie ein weißes Band hebt sich die Straße mit dem grünen Randstreifen und dem Gebüsch rechter Hand ab.
Dann sehe ich Fußspuren im hohen Gras. Ich nehme allen Mut zusammen und gehe als einzige dorthin, langsam, bedächtig, meine Augen sind halb geschlossen. Ich versuche in meinem Kopf alles zu ordnen, was aufgewühlt ist, was wie Angst und Schrecken aussieht. Und dann? Dann stehe ich vor ihm. Ich stehe vor dem jungen Burschen, der seinen breiten, ledernen Gürtel um einen kurzen Ast des Buschwerks geschlungen und seinen Hals hineingehängt hat. Die Füße berühren kaum die Erde, die Knie hängen wohl einen halben Meter über dem Boden.
Ich blicke auf den Unbekannten. Seine dunklen Haare stehen zu Berge. Der Hut ist am Gebüsch etwas emporgehoben. Die Fäuste sind geballt. Sein Gesicht ist noch wie lebend, die Backen noch rot. Ich empfinde kein Grauen mehr, trotz des warnenden Gemurmels von der linken Seite. Ich höre Worte wie „Polizei“, „Verbrechen“, „Gefängnis“. Mit der rechten Hand befühle ich die Stirn des armen Burschen. Sie ist noch warm. Sein Leben ist noch nicht zu Ende. Ich drehe mich ruckartig herum. Ich sehe nur in ratlose Gesichter. Mit lauter Stimme versuche ich die Lethargie zu durchbrechen.
„Kommt, helft mir, wir können ihn noch retten, er ist noch warm, er lebt noch!“
Zu meiner Enttäuschung sehe ich nur abwehrende Handbewegungen und höre Entsetzenslaute. Ich trete ein paar Schritte zurück, muss einsehen, dass ich ohne Hilfe nichts weiter machen kann. Ich sehe noch einmal in das junge Gesicht … und gehe traurig nach Hause. Armer Bursche – armer junger Mann – am Wege, am Wege musstest zu sterben.
Als die Kirchturmuhr die sechste Abendstunde schlägt, gehe ich mit meinem Vater noch einmal an die Stelle. Der Ort wirkt einsam und verlassen. Kein Neugieriger hat mehr Interesse. Im grünen Gras aber liegt die Leiche des jungen Mannes … auf dem Gesicht. Mein Vater ist erschüttert vom Anblick des Toten. Vor ihm liegt ein Mensch! Er stellt sich vor den Unbekannten und segnet ihn mit einem Kreuzzeichen, als sichtbare christliche Geste.
„Ich werde veranlassen, dass er so schnell wie möglich nach Cuxhaven gebracht wird. Komm, lass uns gehen“.
*
Man sagt, dass die Zeit seelische Wunden heilen kann. Das sagt sich so leicht dahin. Der Verlust der Mutter ist für die ganze Familie endgültig und schmerzlich, hallt lange nach. So gut wie jeden Tag stehe ich am Grab meiner geliebten Mutter und spreche mit ihr. Ich bekomme keine Antwort, doch mein Vertrauen und meine Zuversicht in die Zukunft wird zunehmend gestärkt. Oft ist es nur ein Gruß der Verbundenheit am Grab, manchmal auch ein Blumenstrauß. Meine Geschwister und mein Vater trauern auf ihre Weise und versuchen den Tod zu begreifen, der nicht begreifbar ist.
*
Beethoven … ist für mich der Ausgangspunkt der Welt! Er ist mein Ein und Alles. Seine Sonaten, vor allen Dingen die erhabenen langsamen Sätze darin, vereinnahmen meine Gefühle, versetzen mich in eine ganz andere Welt. Alles um mich her versinkt, alles. Da ist nur noch Beethoven …
Sein Trauermarsch, ja, der! Den hat mein Musiklehrer mir einmal vorgespielt, zur Erholung, als ich besonders gut geübt habe. Schon das Wort hat so einen schweren Klang. – Trauermarsch – Grab … Also herrscht der Tod … Der Tod. Und was sich mein Köpfchen alles darunter vorstellt, unter dem Begriff Tod.
Beethovens Bild steht auf dem Schreibtisch unserer Erzieherin. Hm! Wie der nur aussieht. So finster, so … Ach was! Das ist ja gerade interessant, so muss er aussehen.
Ich bin jetzt zehn Jahre alt und spiele schon die leichtesten seiner Sonaten am liebsten die langsamen Sätze, die berühren mich immer ganz eigen. Und mein Herz ist so weich, so leicht empfänglich … Da ist eine Sonate, die hat einen Trauermarsch. Dieser Trauermarsch hat es mir angetan. Abgesehen davon, dass gerade das Wort Trauermarsch einen ganz eigenartigen Zauber auf mich ausübt, ist die Musik noch ergreifender. Zudem hat mein Vater mir in spannendster Weise erzählt, dass er diesen Trauermarsch von einer Militärkapelle hat spielen hören, damals in Frankreich 1870, bei der Beisetzung eines deutschen gefallenen Offiziers, der mit ihm dort als Kriegsfreiwilliger gekämpft hatte. Das schlägt aus meinen Adern! Diesen Marsch muss ich spielen, koste es was es wolle.
Bevor ich starte, gehe ich durchs Haus mit durchfurchter Stirn und gesenktem Kopf – gedankenschwer – ungeachtet dessen, dass mein Vater und meine Geschwister mich kopfschüttelnd und achselzuckend beobachten.
Manchmal wird es mir aber zu viel. Wäre es Sommer gewesen, da hätte ich mich in unseren großen Garten seitwärts in die Büsche geschlagen, oder wäre in die höchsten Äste unserer großen Blutbuche geklettert. Aber es ist tiefster Winter im Dezember. Genauer gesagt ist heute der 24. Dezember!
Ich halte es nicht mehr aus. Eigentlich soll ich mein Weihnachtslied üben – aber das kann ich doch schon längst. Was ist denn bei den großen Heftvorlagen für Klavier im Schrank dabei?
Also hole ich mir den ersten Band Beethoven-Sonaten. Uff! Tief aufseufzend wie nach schwerer Arbeit lasse ich mich auf den Klaviersessel fallen, ich, mit meinen würdigen zehn Jahren.
Ich blättere … Ah – hier ist der Marche funèbre. In der deutschen Übersetzung steht darunter „Trauermarsch“. Welche Vorzeichen sind vorgegeben? Doch sicher b – Beethoven schreibt meistens in b-Tonarten. Ich mag sie auch viel lieber als die Kreuztonarten, denn sie führen mehr in die Tiefe. Also los – wie viel Bes sind es? 1, 2, 3, 4, 5, 6, 7! Au weia, sieben Bes! Ja, die kenne ich doch noch gar nicht. Gibt es denn so viele, oder hat sich Beethoven verschrieben? Unsinn, der verschreibt sich doch nicht. Ich überlege hin und her – ohne Resultat. Was nun?, Na, 5 Bes kenne ich allenfalls. Hm! Die Oktaven, die sind kaum zu greifen, erst recht nicht die Akkorde. – Ach was ! Es muss gehen! Und es geht, wenn auch sehr mangelhaft. Kleine Finger können Oktaven mit den Zwischentönen nicht greifen. Es muss aber gelingen. Ich versuche, ich probiere, ich räkele, reiße, strecke die Finger nach allen Richtungen hin. Es hilft nur wenig. Mir genügt es. Nun übe ich den Trauermarsch mit einer eigentümlichen Beharrlichkeit, was Musik angeht; lasse mich von den Tönen treiben, gehe versunken in Gedanken hinter einem Sarg her, arbeite mich Ton für Ton weiter und schaffe tatsächlich, was kein Müssenfertigbringt. Jeglicher Zwang ist mir zuwider und löst nur meinen Widerstand aus.
Und ich bin selig – ich habe in meiner Seligkeit ganz vergessen, dass doch heute der 24. Dezember ist. Bereits am Nachmittag beginnt die Abenddämmerung. In anderen Häusern singt und spielt man Weihnachtslieder. Bald werden die Weihnachtsglocken die Heilige Nacht einläuten, doch das Allerschlimmste ist, dass über mir das Arbeitszimmer meines Vaters liegt und er den Trauermarsch hört und – und – und dass… Und schon galoppiert es zu mir, das Unheil!
Trapp, trapp, trapp kommt er die Treppe herunter, geht schnellen Schrittes über den Flur, kommt näher, näher – ohne, dass ich es merke – ich bin ja der Welt entrückt
Und da wird auch schon die Tür aufgerissen, weit – oh, so weit – der eiskalte Hauch vom Flur dringt mir entgegen. – Ich schrecke zusammen, ich sehe auf. Da steht im Türrahmen mein Vater – wie der Erzengel Michael – derselbe, den ich eben noch in voller Uniform hinter einem Sarg gehen sah – weit fort, in Feindesland – in Frankreich. Und in seinem Gesicht dieser Ausdruck.
„Sag mal, was fällt dir eigentlich ein? Jetzt! Heute am Heiligen Abend den Trauermarsch?! Schämst du dich denn gar nicht? Spiele Weihnachtslieder, aber den Trauermarsch lege fort! Verstanden?“
Die Tür schließt sich …. mit einem lauten Knall. Ich bin allein. Ein würgendes Gefühl kriecht mir in die Kehle. Eben noch Trauermarsch – jetzt Weihnachtslieder? Nein! Heute Abend – in zwei Stunden kommt das Christkind hierher! Ich stütze den Kopf in beide Hände. Heute Abend … Lichterbaum, Freude, Jubel, Weihnachtsglocken … Und ich? … Ich gehe in Frankreich hinter einem Sarg her, darin liegt ein gefallener Offizier – Trauermarschklänge … Beethoven ... Ich sehe den Krieg; sehe den Tod!
Es wird dunkler und dunkler – Ohne Beleuchtung kann ich im Klavierzimmer nichts mehr sehen. Langsam stehe ich auf, schließe den Klavierdeckel. Leicht, behutsam nehme ich den Sonatenband und lege ihn ins Fach. Dann schleiche ich mich heraus, den schweren Rhythmus des Trauermarsches mit mir nehmend. Ich komme mir vor wie ein geprügelter Hund. Im Wohnzimmer sitzen meine drei Geschwister und empfangen mich singend: „Da liegt es, das Kindlein auf Heu und Stroh, Maria und Joseph betrachten es froh, die redlichen Hirten knien betend davor, hoch oben schwebt jubelnd der Engelein Chor“. Ich setze mich mit etwas Abstand zu ihnen und versuche mitzusingen, leise – ganz leise … Bald werden die Weihnachtsglocken läuten …
Als die Weihnachtstage vorüber sind und erst einmal Ruhe im Haus einkehrt, frage ich mich, wo mein innerer Kompass zwischen Realität und Phantasie geblieben ist …
[...]
Münstereifel – Ehe, Familie, Forstschule (ab 1909)
Der Oberförster
Die Zeit in Sondershausen ist vorbei, es geht zurück nach Groden.
Aus meinem Zugabteil blicke ich auf die vorbeiziehende Landschaft. Grüne Wiesen, Äcker mit wogendem Korn, kleine und große Waldflächen, dazwischen ein See. In meinen Gedanken bin ich aber an Orten, die für mich der Mittelpunkt der letzten Jahre waren. Im Konservatorium habe ich viele Stunden verbracht. Es waren aufregende Stunden mit vielen Eindrücken und Anregungen. Ich denke an die knarrenden, dunklen, vom Öl stinkenden, feuchten Dielen. Das Gebäude mit der langen Tradition des Musizierens flößt mir immer noch großen Respekt ein. Dann das riesige Schloss mit dem dreieckigen Hof. Der „Blaue Saal“ im Schloss mit dem harmonischen, eleganten und prächtigen Ambiente aus Stuck und Gemälden. Der Saal verdankt seinen Namen den Schwarzburger Landesfarben blau-weiß-rot. Schöne und bewegende Konzerte auf dem weißen Konzertflügel haben bei mir einen bleibenden Eindruck hinterlassen. Leider hat die harte Ausbildung am Konservatorium nur wenig Freiraum zum Komponieren zugelassen. Abrupt werden meine Gedanken durch den schrillen Pfiff der Lokomotive unterbrochen. Es geht durch einen Tunnel.
*
Langeweile zu Hause? Nein, für mich existiert das Wort „Langeweile“ nicht. Seit ich wieder zu Hause bin, habe ich das Gefühl, nicht mehr in diese Welt zu passen. Eine nicht lokalisierbare Anspannung lässt mich kaum zur Ruhe kommen. Vormittags gehe ich oft zum Strand, helfe in der Küche und spiele nach der Mittagspause entweder Sonaten von Beethoven oder eigene Lieder. Alles ist so vorbestimmt, alles fühlt sich künstlich an. Das Leben kann anstrengend sein, selbst an dem Blick auf die See habe ich keine Freude mehr.
Wenn man selbst nichts mit sich anzufangen weiß, dann besteht die Gefahr, den Lebensmut zu verlieren. Man fällt in ein tiefes Loch, das ist auch so eine Redewendung. Ein bekannter Spruch, der mir jetzt auch nicht weiterhilft.
Pastor Becker ist die gedrückte Stimmung seiner jüngsten Tochter nicht verborgen geblieben. Er kennt mich. So ein Verhalten ist nicht normal. Da muss Abhilfe geschaffen werden. Ich brauche dringend Abwechslung, wenn auch nur für kurze Zeit, das erkennt auch mein Vater.
Er spricht mit mir. Während der Vorbereitung der Predigt für das kommende Wochenende sei ihm etwas eingefallen:
„Eine Tagesreise zu einer Bekannten nach Barmstedt, würde dich das vielleicht auf andere Gedanken bringen?“
Er erzählt mir, dass Ella vor über zehn Jahren die Grundausbildung für Klavier und Elementarunterricht für die musikalische Früherziehung am Konservatorium Sondershausen begonnen hat. Bereits nach einem Jahr habe sie die Ausbildung allerdings abgebrochen. Seit dieser Zeit gebe sie privaten Unterricht als Klavierlehrerin.
„Es ist bestimmt keine schlechte Idee für ein Treffen, ihre Erfahrungen kennenzulernen, solltest du dich entschließen, einen ähnlichen Weg zu gehen.“
„Wenn ich einen Brief schreibe, der in der Woche noch in die Post kommt, ist in spätestens zwei Wochen mit einer Antwort zu rechnen.“
Die Idee von meinem Vater findet bei mir ungeteilten Zuspruch. Ja, ich habe Interesse nach Barmstedt zu fahren und bin neugierig darauf, Ella näher kennenzulernen.
Schon eine Woche später, hält mein Vater den Antwortbrief in Händen. Er ist kurz und bündig:
Erna kann uns gerne besuchen. Sie ist herzlich eingeladen und jederzeit bei uns willkommen.
Wenige Tage später mache ich mich frühmorgens auf den Weg. Vorsorglich hat meine Stiefmutter das Gebinde in ein feuchtes Tuch gewickelt, so bleiben die Blumen für die nächsten Stunden frisch. Von meinem Vater wird mir aufgetragen, viele Grüße auszurichten.
Von Cuxhaven aus geht es in Richtung Harburg, das liegt südlich von Hamburg. In Harburg angekommen, geht es weiter nach Elmshorn. Ich muss auf ein anderes Gleis umsteigen. „Ich will einen anderen Weg einschlagen.“ Was für ein Weg das genau ist und wohin er führt, das weiß ich noch nicht. Aber führen neue Wege im Leben immer zum gewünschten Ziel? Nein, nicht immer, das wäre zu einfach, aber man kann, man muss es einfach versuchen. Allein der Wille ist entscheidend. Aufgeben auf halber Strecke? Ich doch nicht, Andere schon. Aber die Anderen scheinen nicht den starken Willen zu haben, ihr Leben verändern zu wollen … und zwar zum Guten. Ist dies immer so? Die Gedanken führen mich zu einer klaren Erkenntnis: Ich muss selbst aktiv werden, wenn ich etwas erreichen will.
Seit meiner Jugendzeit schwingt unterschwellig immer das Gefühl mit, von anderen Menschen hin- und hergestoßen zu werden. Jetzt kommt es darauf an, die Weichen für die Zukunft zu stellen! Mark Twain sagte schon: „Gib deine Illusionen nicht auf!“ Meine ältere Schwester hat oft die eigenen Wünsche gegen mich durchgesetzt. In der Schulzeit gab es immer wieder persönliche Einschränkungen durch Verbote. Die Zeit als Lehrerin mit meiner Mädchenklasse war dagegen eine schöne Zeit. Die letzten drei Jahre in Sondershausen waren vollgepackt mit Vorgaben und Erwartungen. Der fürsorgliche Vater! Es wird Zeit, das eigene Leben bewusst zu gestalten, mich von den Lebensumständen nicht in eine Ecke drängen zu lassen. Meine Gesichtszüge sind angespannt. Ich ringe mit meinen Gefühlen. Ein Kampf, der nur mich betrifft und ein Geheimnis bleiben soll.
Schiller schreibt in seinem berühmten Schauspiel „Wallensteins Tod“ markante Sätze, die mir bruchstückhaft einfallen: „Blicke nicht zurück! Blick vorwärts! Urteile nicht! Bereite dich vor zu handeln!“ Ja, das sollen meine Maxime für die Zukunft sein.
Mein Zug trifft in Barmstedt ein. Seit vier Stunden bin ich unterwegs. Ich gehe den kleinen Bahnsteig entlang, dann durch das Bahnhofshäuschen und überquere schließlich die Gleise, um auf die gegenüberliegende Straße zu kommen. Im Antwortschreiben von Ella heißt es:
„Unser Haus liegt südlich vom Bahnhof in der Königstraße, es sind nur fünf Minuten zu Fuß.“
Ich werde mit offenen Armen empfangen. Ella hat eine sehr angenehme Art im Umgang mit Menschen. „Hallo Erna, herzlich willkommen bei uns in Barmstedt. Ich darf dich doch mit deinem Vornamen ansprechen?
„Ja, das darfst du. Ich habe ein paar Blumen für dich mitgebracht. Die müssen schnell in die Vase.“
„Oh, das wäre aber nicht nötig gewesen. Komm doch erst einmal herein. Du hast bestimmt eine lange Reise hinter dir.“
„Ja, seit sechs Uhr bin ich auf den Beinen.“
„Hier, geh bitte in das Wohnzimmer. Du musst entschuldigen, aber es ist nicht aufgeräumt. Bis gleich, ich stelle die Blumen nur in die Vase.“
Ich nehme auf einem roten Sofa Platz. Das Wohnzimmer ist geräumig und hell. Die große Frontscheibe gibt einen schönen Blick auf den Garten frei.
„Möchtest du etwas trinken? Ich kann dir Tee, Kaffee oder heiße Schokolade anbieten.“
„Ich hätte gerne eine Tasse Tee.“
Die Unterhaltung ist lebhaft. Ich erfahre, dass Ella seit fünf Jahren verheiratet ist. Ihr Mann ist Ingenieur. Seine Firma hat mit Hebewerken, kurzum mit wassertechnischen Systemen, zu tun. Die Bezahlung ist gut, die Arbeit ist anstrengend. Schon frühmorgens muss er sich auf den Weg nach Hamburg machen.
Ich werde langsam unruhig, denn ich möchte unbedingt wissen, welche Erfahrungen Ella als Klavierlehrerin bisher gemacht hat. Endlich wechselt das Thema und ich komme zu Wort.
„Ich habe mich der Musik verschrieben und will unbedingt komponieren. Es ist bekannt, dass alle Künstler, die sich der Komposition widmen, kaum über ein regelmäßiges Einkommen verfügen, wenn überhaupt. Also bleibt nur die Möglichkeit, mein Geld als Klavierlehrerin zu verdienen. Ist das möglich? Was für Erfahrungen hast du gemacht?“.
Ella scheint von den Ausführungen und Fragen erst einmal überfordert. Es dauert einen Moment, ehe sie auf die Fragen eingeht.
„Willst du die Schwerkraft außer Kraft setzen? Du willst als Komponistin tätig sein? Ist das dein Herzenswunsch? Ich kann leider nicht komponieren. Aus meiner langjährigen Tätigkeit als Klavierlehrerin kenne ich jedoch einige, wenn auch wenig bekannte Komponisten. Musik schreiben zu können ist eine Sache, in der Öffentlichkeit damit bekannt zu werden ist wesentlich schwieriger. Selbst bei den Komponisten gibt es eine harte Auslese. Nur wenige schaffen es bis ganz nach oben. Persönlich kenne ich keinen einzigen Mann, dem dies gelungen ist. Als Frau ist es faktisch unmöglich, mit eigenen Kompositionen in der Öffentlichkeit erfolgreich zu sein. Durch die übermächtige Männerlobby müssen Frauen in diesem Metier einen nahezu undurchdringlichen Dschungel überwinden.
Die großen Musikverlage stehen untereinander in lockerem Kontakt. Es geht letztlich um Macht und Geld. Die Einnahmen aus dem Verkauf der Kompositionen stehen bei den Musikverlagen an oberster Stelle. Es wird die Meinung vertreten, dass Lieder von Frauen uninteressant sind und daher im Handel schlecht vermarktet werden können. Ob sich diese widersinnige Meinung einmal ändern wird, kann ich dir nicht sagen. Um deine Kompositionen publik zu machen, brauchst du einen Verlag. Nach vorherrschender Meinung der Männer können Frauen nicht komponieren. Es spielt keine Rolle, ob dies zutrifft oder nicht. Diese unsinnige Einstellung ist festgeschrieben, gleichsam wie eine Botschaft, die in den Fels gemeißelt ist.
Ja, es gibt bekannte Künstlerinnen wie Clara Schumann. Die Frage stellt sich nur, auf welche Weise ihr Name in der Öffentlichkeit bekannt geworden ist. Natürlich durch den Namen Ihres Mannes! Andere bekannte Komponistinnen haben es über das Pseudonym eines Künstlernamens, durch Beziehungen zu Verlegern oder immer wieder mit Bitten und Betteln geschafft. Verstehst du? Außerdem ist zu bedenken, dass zur Finanzierung des Lebensunterhalts ausreichend Geld zur Verfügung stehen muss. Es ist alles so eine scheinheilige und schreiende Ungerechtigkeit. Ich finde die Situation ganz schrecklich, möchte dir aber nicht den Mut nehmen, als Komponistin arbeiten zu wollen.
Ich unterrichte überwiegend Kinder, manchmal auch Erwachsene. Das Musizieren mit jungen Menschen macht mir Spaß. Frage mich aber nicht nach meinem Verdienst. Barmstedt ist eine Kleinstadt und für mich als Klavierlehrerin eher von Nachteil. Mit den Einnahmen aus dem Klavierunterricht kann ich meinen Lebensunterhalt nicht bestreiten. Nur durch das gute Einkommen meines Mannes bin ich, oder besser gesagt, sind wir finanziell abgesichert. Dafür bin ich dankbar. Du siehst, ich kann dir keinen vernünftigen Ratschlag geben. Eine Sache ist im Leben jedoch wichtig. Lass dein Herz sprechen und triff dann für dich die richtige Entscheidung, entweder den Beruf als Klavierlehrerin auszuüben oder im kreativen Schaffen als Komponistin die Erfüllung zu finden.“
Ich habe die ganze Zeit aufmerksam zugehört. Die Erfahrungen von Ella rütteln mich emotional auf. Es ist alles nicht so einfach. Ernüchterung macht sich bei mir breit.
„Ich stimme dir zu. Es ist meine Entscheidung. Für deine offene und ehrliche Meinung danke ich dir. Ich kenne nicht viele Menschen, mit denen ich mich in dieser schonungslosen Klarheit über diese schwierigen Dinge austauschen kann.“
Nach dem gemeinsamen Mittagessen setzen wir uns bei angenehmen Temperaturen in den Garten. Die Sonne scheint. Der Garten ist eine Pracht. Dahlien, Sonnenblumen und Ringelblumen bieten Bienen und Hummeln viel Nektar und Pollen. Phlox und Lilien geben dem Garten eine abwechslungsreiche Struktur.
Die Zeit geht schnell dahin. Am Nachmittag gibt es Kaffee mit selbstgebackenem Kuchen vom Vortag. Gerade haben wir den ersten Schluck Kaffee getrunken, da klingelt es an der Tür. Erstaunt blickt Ella auf.
„Wer kann das nur sein? Ich erwarte heute Nachmittag keinen Besuch mehr.“
Aus dem Garten höre ich undeutlich, wie Ella sich mit jemandem im Flur unterhält. Mit einem älteren Mann kommt sie zurück in den Garten. Sie macht ihn mit ihrem Besuch bekannt:
„Wilhelm, eine gute Bekannte aus Cuxhaven ist heute mein Gast. Darf ich vorstellen, das ist Erna Becker. Ihr Vater kennt meine Eltern aus früheren Zeiten. Seitdem stehen wir in einem lockeren Kontakt.“
„Guten Tag Frau …“
Ella fällt ihm ins Wort.
„Du kannst sie ruhig mit dem Vornamen ansprechen, Wilhelm. Du hast doch nichts dagegen einzuwenden, Erna?“
Ich erhebe mich von meinem Sessel und stelle mich dem unbekannten Mann vor:
„Ich bin Erna.“
Wilhelm schaut mir in die Augen, gibt mir die Hand und bemerkt mit einem verschmitzten Lächeln:
„Meinen Namen kennst du ja schon.“
Sein entspanntes Gesicht und die hochgezogenen Mundwinkel vermitteln Offenheit und schenken Vertrauen.
Die angenehme Wahrnehmung wird durch Ellas Stimme gestört.
„Darf ich dir einen Kaffee einschenken, Wilhelm? Ein Stück Kuchen ist bestimmt auch noch für dich übrig.“
„Du, Ella, ich bin nur zufällig hier. Die Jagd hat begonnen, ich kann dir Rehkeulen oder ein halbes Wildschwein anbieten. Ich schlage vor, einen Überläufer zu nehmen. Von Gewicht und Größe ist das Wildbret gut zu verarbeiten. Wenn mein Angebot für dich infrage kommt, betrachte es erst einmal als Vorbestellung, so kann ich mich besser darauf einrichten.“
„Was ist ein Überläufer?“, will ich von Wilhelm wissen.
„In der Jägersprache ist damit ein zweijähriges Wildschwein gemeint.“
Während er mit mir spricht, entwickelt sich bei mir ein Gefühl der Vertrautheit. Die anfängliche Distanz zu diesem Mann wird bei mir immer kleiner. Ich will nun unbedingt wissen, was es mit der angesprochenen Jagd auf sich hat
„Sind Sie… bist du Jäger?“
„Nein, ich jage gerne, wenn es die Zeit erlaubt. Die Pflege der Wälder und Landschaften ist aber meine berufliche Passion. Als Leiter der Forstverwaltung im Raum Fallingbostel gibt es viel zu tun. Ich bin für die Verwaltung und Bewirtschaftung von Wald und offenem Grünland verantwortlich.“
„Der Beruf muss sehr interessant sein.“
„Ja, das ist er. Obwohl die Verwaltung viel Zeit in Anspruch nimmt, liebe ich meinen Beruf. Meine Aufgaben sind vielfältig. Zur Vermeidung von Baumschäden muss der Wildbestand auf ein vernünftiges Maß reduziert werden. Wenn Ackerflächen aufgegeben werden, können neue Waldflächen durch Erstaufforstung entstehen. Bei forstlichen Begehungen ist es besonders wichtig, auf Veränderungen der horizontalen und vertikalen Waldstruktur zu achten. Mit forstlichem Geschick und der Waldbautechnik lenkt der Förster sanft die dynamische Natur. Das Ziel ist die langfristige Erhaltung eines stabilen Waldbestandes.“
Wilhelm hält inne.
„Ich langweile dich bestimmt mit meinen Ausführungen.“
„Nein, erzähl weiter, ich höre dir gern zu.“
„Ich glaube, dass ich genug erzählt habe. Gottes Schöpfung ist uns Menschen anvertraut, damit wir sie bebauen und bewahren. In meinem Beruf arbeite ich gerne mit Menschen zusammen, obwohl manchmal auch unvorhersehbare Hindernisse im Weg stehen.“
Kaum hat er den Satz beendet, ist Ellas energische Stimme zu hören:
„Ich bitte dich, Wilhelm. Du hast vor zwei Jahren, fast auf den Tag genau, viel Leid und Ärger ertragen müssen.“
„Was ist denn passiert?“
Meine Neugier ist geweckt. Die Antwort bekomme ich von Ella:
„Schlimme Dinge, kann ich dir sagen … Wilhelm ist große Ungerechtigkeit widerfahren.“
„Was denn für eine Ungerechtigkeit?“, will ich wissen.
„Wilhelm, willst du davon erzählen?“
…
„Nein? Dann mache ich das. In der Uniform eines Königlich-Preußischen Oberförsters ist Wilhelm nachmittags bei seinen Besorgungen im Flecken Bergen bei Celle von zwei Gendarmen aufgegriffen und wie ein Strolch in den Eisenbahnzug geschleppt worden. Als wenn das Schicksal nicht schon schlimm zugeschlagen hätte. Zu dem Zeitpunkt seiner Verhaftung war er bereits Witwer und Vater von vier Kindern. Zuvor ist seine dritte Frau aufgrund eines unheilbaren Leidens gestorben. Auf Veranlassung der Regierung zu Lüneburg ist er wegen gemeingefährlicher Geisteskrankheit, so die offizielle Begründung, in die Irrenanstalt Wienenbüttel bei Lüneburg gebracht worden. Und warum? Durch Intrigen! Ein gewisser Dr. Langerhans hat …“
Mit ärgerlicher Miene fällt Wilhelm ihr ins Wort:
„Meinst du nicht, dass du genug von dieser unseligen Zeit erzählt hast? Was soll denn Erna von mir denken?“
„Aber es stimmt doch, was ich gerade gesagt habe.“
Wilhelm wirkt ein wenig ungehalten, bleibt aber höflich.
„Sollten wir nicht das Thema wechseln? Das Wetter ist heute so schön, wir sollten uns die gute Stimmung nicht verderben lassen.“
„Ja, das stimmt schon, aber …“
Ella sieht anscheinend ein, dass weitere Gespräche über Missgunst und Intrigen heute unpassend sind und keiner Fortsetzung bedürfen.
Ich blicke Wilhelm unentwegt an. Es imponiert mir, einen Mann vor mir zu haben, der sich trotz Ellas unvorteilhafter Schilderung nicht aus der Ruhe bringen lässt. Ich spüre die physische Kraft, die von diesem Mann ausgeht. Seine Stimme ist weich, kann aber auch bestimmend sein, wenn es die Situation erfordert. Der Bart betont seine Männlichkeit. Mit viel Phantasie sieht er meinem Vater ähnlich … Nein, die Gesichtszüge lassen sich nicht vergleichen. Wilhelm ist jünger und im besten Mannesalter. Ich denke an den freundlichen Blick und seinen festen Handschlag bei der Begrüßung. Er ist der Waidmann, den ich mir in meinen Träumen vorgestellt habe. Die Sympathie zu diesem Mann nimmt zu, ich fühle mich jetzt schon zu ihm hingezogen.
Der Glockenschlag der großen Standuhr ist bis in den Garten zu hören. Es ist siebzehn Uhr. Ella ist sehr aufmerksam.
„Erna, nach meiner Kenntnis fährt der letzte Zug nach Cuxhaven in einer halben Stunde. Die Zeit geht viel zu schnell vorbei. Du kannst gerne noch bleiben, wenn du willst und in unserem Gästebett übernachten.“
„Vielen Dank Ella, aber ich möchte heute wieder nach Hause fahren.“
Bei der Verabschiedung wird es emotional. Ich bin dankbar für die Aussprache mit Ella.
„Das war ein schöner Tag. Ich freue mich, dass wir uns kennengelernt haben. Vielen Dank für die Gastfreundschaft.“
Zum Abschied noch ein Händedruck von Wilhelm, dann fällt die Haustür ins Schloss. Der Weg zum Bahnhof ist nicht weit.
Stille im Raum. Ella blickt Wilhelm an.
„Und?“
„Was meinst du mit ‚und‘?“
„Kannst du dir das nicht denken?“
„Nein.“
„Erna hat sich in dich verliebt.“
„Mir ist nichts aufgefallen.“
„Typisch Mann. Sind dir ihre Blicke nicht aufgefallen?“
Keine Antwort.
„Hast du ihre Anteilnahme zu deinen Ausführungen nicht gespürt?“
Wilhelm erkennt, dass ihm wieder einmal sein rationales Denken im Weg gestanden hat. Erst durch Ellas eindringliche Fragen wird ihm bewusst, wie viel Sympathie auch er für Erna empfindet.
Geradezu hilflos fragt er Ella:
„Und jetzt?“
„Mein Gott, wenn du sie wiedersehen willst, dann mach dich schleunigst auf den Weg. Vielleicht kannst du sie noch ein kurzes Stück begleiten?“
Wilhelm ist mit der Situation völlig überfordert. Er muss jetzt eine Entscheidung treffen!
„Du, ich muss jetzt schnell zum Bahnhof gehen.“
Es sind hastig gesprochene Worte. Die Verabschiedung von Ella ist kurz. Mit eiligen Schritten verlässt er das Haus.
Unterwegs denkt er über sich und Erna nach.
Das Keuchen eines Menschen schreckt mich aus meinen Gedanken. Es ist Wilhelm, der zügig auf mich zukommt. Das habe ich mir so sehr gewünscht. Er bemüht sich um mich! Gemeinsam gehen wir langsam auf den Bahnsteig und warten schweigend auf den Zug. Plötzlich ist es mir ein Bedürfnis, die Initiative zu ergreifen. Im Überschwang der Gefühle gebe ich ihm einen Kuss auf die Wange. Die intensive Zuwendung zu diesem Mann macht mich glücklich. Wilhelm sagt kein Wort, sondern lächelt mich nur an.
Der Zug erreicht den Bahnhof. Die Türen der Waggons werden geöffnet. Nur wenige Passagiere verlassen den Zug. Bevor ich in das Zugabteil gehe, drehe ich mich auf dem Trittbrett um und sage vergnügt zu ihm:
„Den Kuss habe ich dir gegeben, damit du an mich denkst und mich nicht vergisst.“
Wilhelm bringt kein Wort über seine Lippen.
Ich suche mir einen Platz am Fenster. Der Zug setzt sich in Bewegung. Es bleibt nur ein Moment, um mich mit einem Lächeln zu verabschieden. Langsam geht der Blickkontakt verloren.
Der Zug ist aus dem Blick entschwunden. Wilhelm fällt es schwer, sich in Bewegung zu setzen. So viele Gedanken gehen ihm durch den Kopf. Ernas jugendlicher Elan löst bei ihm Glücksgefühle aus, die er schon seit langer Zeit vermisst. Jetzt geht es zu Fuß zu seinem Elternhaus, in das vier Kilometer entfernte Bullenkuhlen. Er fühlt sich in guter Kondition. Je länger er geht, desto mehr nimmt die unsichtbare Last auf seinem Rücken zu. Die anfängliche Beschwingtheit wechselt zu einem Gefühl der Ungewissheit. Ob er es wirklich noch einmal versuchen soll? Voraussetzung für die vierte Ehe ist natürlich, dass Erna das auch möchte.
Angestrengt versucht er, seine Lebenssituation zu ordnen. Im Oktober feiert er seinen 51. Geburtstag … und Erna? Nach ihren Schilderungen hat sie ihre Studien am Konservatorium gerade abgeschlossen. Sie ist noch jung, vielleicht Mitte zwanzig. Das ist ein Altersunterschied von mindestens 25 Jahren! Sie könnte seine Tochter sein. Er muss unbedingt mit seiner Mutter sprechen.
*
„Nun hör mir einmal genau zu, Wilhelm! Du bist jetzt seit mehr als drei Jahren Witwer. Ich sage dir, du brauchst eine Frau.“
„Aber ich bin doch schon 50 Jahre alt.“
„Papperlapapp. Du lungerst nur noch herum, bist unglücklich im Alleinsein mit all deinen Kindern. Ich kenne dich!“
„Aber Mama, ich werde nicht in Wardböhmen bleiben. Dort gibt es für mich keine Zukunft mehr. Ich spüre täglich die Missgunst und die Abneigung nicht nur des Landrats von Harlem, sondern auch des Gemeindevorstehers Habermann. Meine Dienstleiterstelle soll im kommenden Jahr ersatzlos gestrichen werden. Ich bekomme dann bedeutend weniger Geld für meine Arbeit. Dieser Ärger mit den Behörden! Wie soll das für mich nur weitergehen? Vorsorglich habe ich mich bei der Bezirksdirektion Köln beworben. Ich habe vor, im Rheinland eine private Forstschule zu gründen. Mir geht es um mehr Selbstständigkeit in meinem Beruf.“
„Was hat das denn mit deinem Liebesleben zu tun? Ich freue mich für dich. Du willst dich zu deinem Vorteil verändern, aber ohne eine liebe Frau an deiner Seite ist das Leben nur die Hälfte wert. Ich weiß, wovon ich rede. Überlege es dir gut. Menschen sind soziale Wesen. Sie brauchen einen Gegenpart, in guten und in schlechten Zeiten.“
Alles ist gesagt zwischen Mutter und Sohn. Nur seine Mutter darf so mit ihm reden, mit dem königlich-preußischen Oberförster Wilhelm Ernst.
[1] Siehe Anhang B: „Die alte Waschfrau“ (Ballade von Adelbert von Chamisso).
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- Carl Ferdinand Ernst (Author), 2026, Turmwächters Lied, Munich, GRIN Verlag, https://www.grin.com/document/1739138