Die soziale Bedingtheit von Wissen – Ludwik Fleck und Max Horkheimer

Ein epistemologischer Vergleich


Hausarbeit, 2011

12 Seiten, Note: 1,3


Leseprobe

Inhalt

1. Einleitung

2. Historischer Kontext

3. Die Entstehung von Wissen
3.1 Urideen und Gestaltsehen
3.2 Über den Denkstil und das Denkkollektiv
3.3 esoterische und exoterische Kreise

4. Die soziale Bedingtheit von Wissen

5. „Vergleichende Erkenntnistheorie“ und „Kritische Theorie“

6. Literaturverzeichnis

1. Einleitung

„Propaganda, Nachahmung, Konkurrenz, Solidarität, Feindschaft und Freundschaft. Alle diese Motive gewinnen erkenntnistheoretische Wichtigkeit“1. Mit solchen für die damalige Zeit schockierenden Aussagen leitet Ludwik Fleck seine wissenschaftstheoretischen Reflexionen über den „Denkstil“ und das „Denkkollektiv“ ein, wobei zu betonen ist, das er als erster Denker dieser Tradition die soziale Bedingtheit allen Wissens so gründlich zu seinem Leitsatz gemacht hat. Wie genau eine wissenschaftliche Tatsache entsteht, und wie sie sich nach Fleck entwickelt, soll Gegenstand dieser Arbeit sein, deren zweiter Fokus auf den epistemologischen Gedanken in Max Horkheimers berühmten Aufsatz „Traditionelle und Kritische Theorie“ liegt, die im Verlauf der Arbeit mit den Gedanken Flecks verglichen und kontrastiert werden sollen.

2. historischer Kontext

Horkheimer, wie auch Fleck betonen die Historizität der Denksysteme. Eine Arbeit, die sich kritisch mit ihnen auseinandersetzt, sollte den Anspruch erheben, ihre epistemologischen Gedanken selbst in ihrem jeweiligen historischen Kontext zu verstehen. Flecks Hauptwerk „Die Entstehung und Entwicklung einer wissenschaftlichen Tatsache“ erscheint 1935, Max Horkheimers „Traditionelle und kritische Theorie“ erscheint im Jahre 1937. Die beiden Arbeiten müssen also unter ihrem gemeinsamen Zeithorizont betrachtet werden, der wahrscheinlich ein wichtiger Grund ist, dass sich ihre Theorien in so vielen Punkten gleichen. Die soziale Bedingtheit von Wissen war damals ein Topos, der in der Epistemologie nur unzureichend thematisiert war, die noch stark unter dem Einfluss der logischen Empiristen um Schlick, Carnap und Neurath des Wiener Kreises stand.

Schon 1929 hatte Fleck in seinem Aufsatz „Zur Krise der Wirklichkeit“2 die Grundgedanken seiner Theorie dargelegt, und auch in seinem späteren Buch finden sich dezidierte Verweise gegen die Philosophie des Wiener Kreises. So leugnet Fleck die Existenz von „Protokollsätzen“ und betont, Carnap sei zu wünschen „er möge die soziale Bedingtheit des Denkens endlich entdecken“3. Besonders Flecks ständiger Erfolgsdruck als Mediziner, der ein ständiges Abgleichen der Theorie mit Empirie notwendig machte, hat wohl den Tatsachenbegriff der Logischen Empiristen für ihn wanken lassen.

Es ist für die weiteren Betrachtungen stets wichtig, Flecks Medizinerperspektive im Blick zu haben. Er abstrahiert zwar seine Aussagen auf das gesamte Spektrum der wissenschaftlichen Tatsachen, aber nicht zufällig untermauert er seine Thesen stets mit einem medizinischen Beispiel. Medizinische Tatsachen haben die Besonderheit Abnormitäten, Pathologien zu beschreiben, anstatt unwandelbare grundlegende Zustände zu beschreiben, wie etwa die Physik. Außerdem ist rasche Entwicklung in der Medizin durch den permanenten Wandel der Krankheitsbilder, Virenkulturen etc. vorprogrammiert, was den dynamischen Tatsachenbegriff Flecks sicher zusätzlich beeinflusst hat.

Horkheimer auf der anderen Seite ist selbst kein Naturwissenschaftler und einschlägiger Epistemologe, wie Fleck, sondern nähert sich der Wissenschaftstheorie aus stärker philosophischer, und sozialwissenschaftlicher Perspektive. Dennoch bezieht er sich in „Traditionelle und kritische Theorie“ auf Henri Poincaré, Ernst Mach und an anderer Stelle auf Du-Bois Reymonds „Ignorabimus“-Rede, was seine Kenntnis der epistemologischen Literatur beweist. Kritik am Positivismus des Wiener Kreises artikuliert er in der Emigration ausdrücklich 1943 in der „Dialektik der Aufklärung“, die die Wissensvorstellung des Wiener Kreises als „instrumentelle Vernunft“ in den Zusammenhang mit dem Faschismus bringt. Unter diesem hatte auch Fleck zu leiden, der als Jude in Auschwitz interniert war und bis auf Frau und Kind sämtliche Familienangehörigen im Krieg verlor.

3. Die Entstehung des Wissens

3.1 Urideen und Gestaltsehen

Fleck diagnostiziert der modernen Wissenschaft eine „gemeinsame Verehrung eines Ideals, des Ideals objektiver Wahrheit“4, wie auch Horkheimer „als Ziel der Theorie überhaupt“ das „universale System der Wissenschaft“5 nennt, die objektiv und zeitlos gültige Wahrheit zu produzieren meint.

Aber sowohl beim Individuum, als auch den einzelnen Wissenschaften, sind schon durch Überlieferung und Konditionierung vorgeprägte Erfahrungen vorhanden, bevor die eigentliche epistemische Tätigkeit aufgenommen wird. Für die Einzelwissenschaften gilt die Prägung durch einst mythisch motivierte „Präideen“, für den modernen Einzelmenschen gilt die Konditionierung der Wahrnehmung während der Erziehung: die Genese des „Gestaltsehens“. So sieht Fleck in Demokrits Ur-Atomistik den Vorläufer zur modernen Atomtheorie, wie auch die Elementlehre des Empedokles den modernen Elementbegriff der Chemie antizipierte. Andere solcher mythischen Ideen, wie etwa die Analogie der menschlichen Geschlechtsorgane, oder das Pneuma der Stoiker sind verworfen worden, aber „viele wissenschaftliche […] Tatsachen verbinden sich […] mit vorwissenschaftlichen, mehr oder weniger unklaren verwandten Urideen (Präideen), ohne daß inhaltlich dieser Zusammenhang legitimiert werden könnte“6. Der Wert dieser Urideen liegt retrospektiv nicht in ihrem logisch-kausalen Inhalt, sondern in ihrer „heuristischen Bedeutung als Entwicklungsanlage.“7.

Was das „Gestaltsehen“ angeht, lenkt Fleck den Blick auf die kulturelle Erziehung und fachliche Ausbildung: „Man präpariert einen Intellekt für ein Gebiet, […] man erteilt ihm eine Einführungsweihe.“8, „Bis in der Frage die Antwort größtenteils vorgebildet ist“9. Am Anfang des Erkennens stehe ein unklares Schauen, ein Streit der gedanklichen Gesichtsfelder, denn „die erste stilverworrene Beobachtung gleicht einem Gefühlschaos: Staunen, Suchen nach Ähnlichkeiten, Probieren, Zurückziehen; Hoffnung und Enttäuschung. Gefühl, Wille und Verstand arbeiten als unteilbare Einheit.“10 Interessant ist hier vielleicht der Verweis auf den antiken Ursprung des Wortes „skepsis“ als „umherblicken“, das dem fertigen „Gestaltsehen“ gegenübersteht. Je weiter die Einführung in ein Wissensgebiet ist, oder je älter, tradierter eine Tatsache ist, desto mehr geht laut Fleck die Fähigkeit verloren, dem Phänomen widerstreitende, nicht erfasste Aspekte zu sehen. So sei es für den Menschen mittlerweile selbstverständlich, dass er zwei Augen habe, weil die betreffenden Begrifflichkeiten sich schon so lange gebildet und erhalten haben, das es als eine Selbstverständlichkeit wahrgenommen werde, was exemplarisch für komplexere Gesetze und Begriffe auch stehe. Das so durch Tradition und Erziehung erworbene Erfahrungskontingent mache das voraussetzungslose Beobachten unmöglich.

Voraussetzungsloses Beobachten - wie es Carnap in der Protokollsatzdebatte tatsächlich fordert - sei „psychologisch ein Unding, logisch ein Spielzeug“11. Jede Erkenntnis geht also mit einer selektiven Wahrnehmung einher, oder durch einen Vergleich aus der Bewegungsphysiologie ausgedrückt: „Jede Bewegung besteht aus zweierlei aktiven Vorgängen: aus Bewegungen und aus Hemmungen“12.

Auch Horkheimer sieht das epistemologische Problem des „Gestaltsehens“, wenn er schreibt: „Der physiologische Sinnesapparat des Menschen arbeitet selbst schon längst in der Richtung physikalischer Versuche.“13, womit Fleck, als auch Horkheimer nur beschreiben, was Newton schon mit dem Aufkommen der neuzeitlichen Wissenschaften programmatisch ausrief: hypotheses non fingo; schon Hypothesen müssen begründet sein.

3.2 Über den Denkstil und das Denkkollektiv

Die kulturelle Prägung eines Forschers und die Formung wissenschaftlicher Sätze können nur in Diskursen stattfinden. Sie sind also notwendig sprachlich vermittelt. Fleck spricht hier von „Denkkollektiven“: „Ein Denkkollektiv ist immer dann vorhanden, wenn zwei oder mehrere Menschen Gedanken austauschen.“14 So entstehen spontane, kaum nachwirkende Kollektive bei alltäglichen Begegnungen, oder aber stabilere Denkkollektive, wenn sich viele Leute zusammenfinden oder sich z.B. vereinsmäßig organisieren. Wichtig hierbei ist, dass nicht etwa beispielsweise alle offiziellen Mitglieder einer Religionsgemeinschaft Teilnehmer am religiösen Denkkollektiv sein müssen, da es letztlich um die wirkliche, tatsächliche gedankliche Kongruenz unter den Mitgliedern, also „Gedankenverwandschaft“, geht. Das so entstandene Netz der Kollektive ist prinzipiell globusumspannend und länderübergreifend, was bereits auf den „demokratischen Aspekt“ des Wissens deutet, den Fleck schon in seinem Aufsatz von 1929 thematisiert hatte, und vor allem mit Bezug auf heute gewinnt der von Fleck angesprochene Aspekt der Verstärkung der Zirkulation des Wissens durch die Medien15 große Bedeutung.

[...]


1 Ludwik Fleck Entstehung und Entwicklung einer wissenschaftlichen Tatsache, Suhrkamp Verlag Frankfurt/Main 1980, S. 59.

2 Ludwik Fleck Erfahrung und Tatsache. Gesammelte Aufsätze, Suhrkamp Verlag Frankfurt/Main 1983.

3 Ludwik Fleck Entstehung und Entwicklung einer wissenschaftlichen Tatsache, Suhrkamp Verlag Frankfurt/Main 1980, S. 121.

4 ebd.S.187.

5 Max Horkheimer Traditionelle und kritische Theorie Fischer Verlag Frankfurt/Main 2005, S.205.

6 Fleck (1980) S.36.

7 Ebd. S.38.

8 Ebd. S.73.

9 Ebd. S.111.

10 Ebd. S.124.

11 Ebd. S.121.

12 Ebd. S.44.

13 Horkheimer (2005) S.218.

14 Fleck (1980) S.60.

15 vgl. Ebd. S.140.

Ende der Leseprobe aus 12 Seiten

Details

Titel
Die soziale Bedingtheit von Wissen – Ludwik Fleck und Max Horkheimer
Untertitel
Ein epistemologischer Vergleich
Hochschule
Freie Universität Berlin  (Institut für Philosophie)
Note
1,3
Autor
Jahr
2011
Seiten
12
Katalognummer
V173978
ISBN (eBook)
9783640949151
ISBN (Buch)
9783640949380
Dateigröße
461 KB
Sprache
Deutsch
Schlagworte
bedingtheit, wissen, ludwik, fleck, horkheimer, vergleich
Arbeit zitieren
Alexander Skrzipczyk (Autor), 2011, Die soziale Bedingtheit von Wissen – Ludwik Fleck und Max Horkheimer , München, GRIN Verlag, https://www.grin.com/document/173978

Kommentare

  • Noch keine Kommentare.
Im eBook lesen
Titel: Die soziale Bedingtheit von Wissen – Ludwik Fleck und Max Horkheimer



Ihre Arbeit hochladen

Ihre Hausarbeit / Abschlussarbeit:

- Publikation als eBook und Buch
- Hohes Honorar auf die Verkäufe
- Für Sie komplett kostenlos – mit ISBN
- Es dauert nur 5 Minuten
- Jede Arbeit findet Leser

Kostenlos Autor werden