Schwarze Pädagogik in der Geschichte der Erziehung


Hausarbeit, 2010

30 Seiten, Note: 2,3


Leseprobe

Inhalt

1. Einleitung

2. Entstehung des Begriffs „Schwarze Pädagogik“

3. 16. bis 19. Jahrhundert
3.1 Mittelalter
3.2 17. und 18. Jahrhundert
3.3 19. Jahrhundert

4. Wichtige Pädagogen vom 16. bis zum 19. Jahrhundert
4.1 Erasmus von Rotterdam & Michel de Montaigne
4.2 Martin Luther
4.3 Jean – Jacques Rousseau
4.4 Johann Heinrich Pestalozzi

5. 20. bis 21. Jahrhundert
5.1 Der Nationalsozialismus
5.2 Die 68er
5.3 Überwachen und Strafen

6. Zusammenfassung

7. Literatur

1. Einleitung

Die Soziale Arbeit entstand aus dem Almosenwesen der christlichen Kirche. Als Wissenschaft ist sie jedoch noch jung und setzt sich aus sehr verschiedenen Fachbereichen zusammen. Im Bereich der Sozialpädagogik legt sie ihr besonderes Augenmerk auf Kinder und Jugendliche. „In diesem Sinn ist sozialpädagogische Arbeit basal erzieherisch, als der nachgeholte Versuch, Kompetenzen zur je individuellen Teilhabe am gesellschaftlichen Leben zu vermitteln.“ (Tenorth, 1988, S. 170)

Erziehung beschreibt den Versuch einen Menschen in seiner Entwicklung zum Erwachsenen zu beeinflussen, um ihm eine bessere Stellung und Integration in die Gesellschaft zu ermöglichen. Demnach richten sich die Erziehungsziele nach den Wünschen des Erziehers und seiner Vorstellung von nötigen und gesellschaftlich erwünschten Eigenschaften. Dem Zögling kommt eine eher passive Rolle zu (vgl. Krüger/Grunert 2006). Dieses Erziehungsbild ist stark autoritär geprägt.

Zur Umsetzung seiner Ziele bedient sich der Pädagoge verschiedener Erziehungsmethoden. Diese systematisch zu benennen und zu erarbeiten ist als Wissenschaft seit Rousseau bekannt. Seinem Erziehungsroman “Emil oder über die Erziehung” folgten viele weitere. In dieser Zeit etablierte sich die Erziehungswissenschaft als eigenständige Disziplin (vgl. Krüger/Grundert, 2006), S. 152). Seither herrscht ein Widerstreit über die verschiedenen Erziehungsziele und Methoden. Nicht alle Schriften forderten die totale Unterwerfung des Kindes.

Jedoch blieb die Erziehung als Wissenschaft über mehrere Jahrhunderte bei der Vorstellung, man müsse Kinder zu ihrem eigenen Wohl zu Disziplin und blindem Gehorsam erziehen. Diese Hausarbeit widmet sich der Frage, welche Methoden der schwarzen Pädagogik in der Geschichte der Erziehung angewandt werden und in welcher Form sie noch heute angewandt wird.

Was ist „schwarze Pädagogik“ und wodurch wird sie gekennzeichnet? Mit der Antwort dieser Frage wollen wir beginnen, ehe wir uns der ersten Zeitepoche widmen: Dem Mittelalter, in dem die Erziehung noch keine große Rolle gespielt hat. Mit Beginn der Neuzeit kamen die ersten pädagogischen Schriften und Theorien in die Öffentlichkeit. Hierbei erwähnen wir Erasmus von Rotterdam und Michel de Montaigne. Die beiden hatten eher wenig mit „schwarzer Pädagogik“ zu tun und ihre Theorien hatten eher ein humanes Ziel, als das Ziel der Unterdrückung, aber es zeigt recht gut, dass die Menschen für eine solche Form der Erziehung damals noch nicht bereit waren. Des Weiteren befassen wir uns mit Martin Luther und Rousseau, die dem Volk die Macht über ihre Kinder gaben und es somit für sich gewinnen konnten, und mit Pestalozzi, der mit seiner Erziehung einen Meilenstein für heutige Militärschulen setzte.

Außerdem haben wir uns mit den Erziehungsmethoden des Nationalsozialismus und der daraus resultierenden Gegenbewegung der 68er befasst.

Auch in der heutigen Erziehung lassen sich Spuren der Schwarzen Pädagogik finden, welche wir mit Hilfe von Foucault erklären und darstellen.

2. Entstehung des Begriffs „Schwarze Pädagogik“

Das Problem der Schwarzen Pädagogik ist ein Problem der Begriffsdefinition. Der Begriff wird durch die Generation der 68er geprägt. Speziell die Quellensammlung Katharina Rutschkys über Erziehungsmethoden im 18. und 19. Jahrhundert tragen zur Prägung des Begriffs bei. Dabei handelt es sich um eine Sammlung, in der über brutale, grausame und demütigende Formen der Erziehung berichtet wird, wie sie im 18. und 19. Jahrhundert praktiziert und durch Pädagogische Theorien legitimiert werden.

Die Beschäftigung der Nachkriegsgenerationen mit dem Thema resultiert aus der Suche nach Gründen für den Nationalsozialismus, wie es in Alice Millers Buch “Am Anfang war Erziehung” deutlich wird. Im Rahmen der 68er wird der bisherige autoritäre Erziehungsstil kritisiert und neue Formen der Erziehung erarbeitet. In diesem Zusammenhang gesehen wird der Begriff der Schwarzen Pädagogik als Begriff für jede Form der autoritären Erziehung verwendet (vgl. Miller, 1980, S.119). Somit richtet er sich hier auch gegen die Generation der Eltern und Großeltern der Generation der 68er.

Somit hat der Begriff der Schwarzen Pädagogik immer zwei Dimensionen. Er belegt die Pädagogische Theorie und Praxis, in der Schläge und Disziplin zum Erziehungsalltag gehören, wie es im 18. und 19. Jahrhundert der Fall war und er beschreibt die Wende die sich im 20. Jahrhundert ereignet und eine neue Sensibilität für das Thema des Kindesmissbrauchs schafft.

Um zu erklären was in dieser Hausarbeit unter schwarzer Pädagogik verstanden wird, sollen hier einige Methoden der Schwarzen Pädagogik dargestellt und erläutert werden.

Das Kind wird als absichtlich böse betrachtet. Man glaubt, dass es den Eltern schaden und ihnen in vollem Bewusstsein Schaden zufügen will. Erstaunlich dabei ist, dass sich diese Aussagen bereits auf Kinder unter drei Jahren beziehen. “Aber es ist recht und billig, sie wegen all dieser Verbrechen, ja wegen noch anderer Kleinigkeiten zu schlagen, wenn sie es aus Bosheit getan haben.” (J. Krüger, Gedanken von der Erziehung der Kinder, 1752, S. 170. zit. n. Rutschky, 2001) Alice Miller beschreibt, dass diese Techniken bereits ab dem 5. Monat angewandt werden (vgl. Miller, 1980, S.19). Die so konditionierten Kinder können sich an die Erziehungsmethoden später nicht erinnern, sie spalten die unerlaubten Gefühle von Hass, Zorn und Angst gegenüber den Eltern ab, was im späteren Leben zu psychischen Krankheiten führen kann (vgl. Miller, 1980, S. 93/ 107).

Legitimiert wird die Macht der Eltern über ihre Kinder vielfach durch die Kirche. Der Vater tritt seinen Kindern gegenüber als Stellvertreter Gottes auf (vgl. Miller, 1980, S. 61). Gesellschaftlich wird das Schlagen von Kindern dadurch erlaubt, dass man es, als zum eigenen Besten des Kindes betrachtet (vgl. Miller, 1980, S. 31). Die Eltern bleiben dabei von Vorwürfen der Kinder unberührt. Sie müssen vom Kind geliebt werden. Auch diese Regel wird den Kindern so früh wie möglich beigebracht. “Die Freundlichkeit der Erwachsenen” ist das Einzige woran sich das Kind erinnert. “Gepaart mit einer zuverlässigen Hörigkeit des “kleinen Verbrechers” “ (Miller, 1980, S. 40).

Die größte Sorge der Erzieher des 16. und 17. Jahrhunderts ist der Eigensinn des Kindes. Dieser muss in jedem Fall ausgetrieben werden (vgl. Miller, 1980, S.18). “Sind aber die Eltern so glücklich, dass sie ihnen gleich anfangs durch ernstliches Schelten und durch die Rute den Eigensinn vertrieben, so bekommen sie gehorsame, biegsame und gute Kinder,” (J. Sulzer, Versuch von der Erziehung und Unterweisung der Kinder, 1748, zit. n. Rutschky, Schwarze Pädagogik, S. 173). Beschrieben wird die Erziehung von Kinder unter einem Jahr.

Auch die Unterdrückung der kindlichen Sexualität spielt in der Erziehung lange Zeit eine wesentliche Rolle. So beschreibt Villaume 1787 wie man Kindern ein Geständnis der Onanie abringen könne, er verwendet hierfür die Drohung mit unheilbaren Krankheiten und dem Tod (vgl. P. Villaume, 1787, zit.n. Rutschky, 2001, S. 19ff). “Mit Leichenbildern gegen den Geschlechtstrieb an zu kämpfen gilt als ein legitimes Mittel um die “Unschuld” zu schützen” (Miller, 1980, S. 64). “Auch der systematisch gezüchtete Ekel vor dem eigenen Körper erfüllt diese Funktion.” (Miller, 1980, S. 64). “Beschämung” (Miller, 1980, S. 64) wird ebenfalls als Erziehungsmethode angewandt.

Das Kind soll vor allem ruhig und beherrscht sein und den Eltern möglichst wenig Arbeit bereiten. Das wiederholte Stellen von Fragen wird daher ebenfalls von den Eltern untersagt. Laut Miller ist dieses Unterdrücken des Wissensdrangs Teil des Erziehungsklimas, das die frühen Misshandlungen in der Erziehung verheimlichen soll. “Das Wissenwollen muß vom Pädagogen sehr früh unterbunden werden.” (Miller, 1980, S. 50)

Das Kind soll zum Schweigen und Warten erzogen werden (vgl. J. Sulzer, 1748, zit. N. Rutschky, 2001, S. 362). Es soll Enthaltung lernen. Nicht nur der Entzug von Nahrung, sondern auch der Entzug von Liebe, sind Teil der Pädagogik (vgl. Miller, 1980, S. 58). Ziel ist eine angeblich im Sinne des Kindes geschehende Abhärtung, die auf das Leben vorbereitet. “Setzt auch ihren Leib, soviel es die Gesundheit erlaubt, auf die Probe, laßt sie hungern, dürsten, Hitze und Frost ausstehen, harte Arbeit verrichten; doch daß es mit guter Einwilligung des Kindes geschehe.” (J. Sulzer, 1748 zit.n. Rutschky, 2001, S. 362)

Diese “Einwilligung des Kindes” bildet das Kernstück der Schwarzen Pädagogik. Ziel ist es, dass das Kind die vom Erwachsenen geforderten Erziehungsmaßnahmen selbst will. Diese Form der Manipulation beschreibt eine völlige Fremdbestimmtheit, der das Kind ausgesetzt ist. “Aber neben der Prügelstrafe gibt es eine ganze Skala von raffinierten Maßnahmen “zum Wohle des Kindes” “(Miller, 1980, S. 33). Neben dem Körper sollen auch die Gefühle des Kindes kontrolliert werden. Besonders deutlich zeigt sich das im Verbot des Weinens: “Das Weinen als natürliche Reaktion auf den Schmerz muß mit neuer Züchtigung unterdrückt werden.” (Miller, 1980, S. 40). Gefühlsregungen bei Kindern werden als “Heftigkeit” bezeichnet, die es zu vermeiden gilt. S. Landmann hat dem Thema ein Erziehungsbuch gewidmet: Über den Kinderfehler der Heftigkeit sagt er “von dem Kind soviel als möglich alle Einwirkungen fern zu halten, die mit der Erregung irgendeines Gefühls, eines wohltuenden oder schmerzlichen verbunden sind.” (S. Landmann, 1896, zit. n. Rutschky, 2001, S. 364ff). Affektbekämpfung und absolute Selbstbeherrschung sollen gelernt werden (vgl. Miller, 1980, S. 43).

Die als Schwarze Pädagogik bezeichneten Erziehungsmaßnahmen gründen auf der Annahme, dass das Kind, wenn es nicht erzogen wird, böse und entartet sei. Die Macht der Eltern wird als gottgegeben betrachtet und kann somit nicht in Frage gestellt werden. Die Eltern unterdrücken den “Eigensinn”, die Sexualität und die Gefühle des Kindes bis es selbst die Erziehung als notwendig und gut betrachtet und seinen Eltern für diese dankbar ist. Besonders die Gefühlskälte und die manipulativen Methoden des überlegenen Erwachsenen machen hierbei die Schwarze Pädagogik aus.

3. 16. bis 19. Jahrhundert

Man kann den Zeitraum, in der Schwarze Pädagogik ausgeübt wurde, nicht klar umreißen. Das Schlagen von Kindern war schon lange bevor es genaue Aufzeichnungen darüber gibt verbreitet. Die Rolle des Kindes entwickelt sich jedoch erst. Bis zum 4. Jahrhundert wurde das Töten und Aussetzen von Kindern nicht als Straftat betrachtet. So werden unerwünschte oder behinderte Kinder oft getötet oder ausgesetzt. Auch die Bibel legt nahe, dass Kinder bereits im Altertum Opfer von grausamen Erziehungsmethoden werden. “Wer sein Kind lieb hat, der hält es stets unter der Rute, dass er hernach an ihm erlebe.” (Sirach 30.1)

3.1 Mittelalter

Das Mittelalter erstreckt sich als historischer Zeitraum vom 6. bis zum 15. Jahrhundert. In dieser Zeit, nach dem Zerfall des Römischen Reiches, erleben die Menschen große Umbrüche und Nöte. Europa ist in eine Vielzahl kleiner Feudalstaaten aufgeteilt. Die Gesellschaft ist ständisch organisiert, es gibt kaum Möglichkeiten, innerhalb dieses Systems aufzusteigen. Das Leben ist geprägt durch die starke Frömmigkeit der Menschen. Die Kirche ist das Fundament der Gesellschaft.

Nach dem Verschwinden der römischen Schulen sinkt der Bildungsstand der Bevölkerung Europas dramatisch. Anstelle der römischen Staatsschule treten die Kloster- und Domschulen in Kraft. Diese Schulen sollen zunächst nur den Nachschub an Priestern und Missionaren sichern. Doch bald werden auch Kinder Adliger angenommen. Die Qualität dieser Ausbildung ist jedoch nicht mehr mit der, der griechischen und römischen Schulen vergleichbar. Gelehrt werden die, aus dem Latein übernommenen Artes liberales, die aus dem Trivium, das Grammatik, Rhetorik und Dialektik beinhaltet und dem Quadrivium bestanden, das Geometrie, Arithmetik, Astronomie und Musik umfasst. Diese lateinische Ausbildung wird bald zur Grundbildung. Hat man sie so weit durchlaufen, kann man das Studium der Theologie, des Rechts oder der Medizin beginnen. Da es Schulen fast ausschließlich in den Städten gibt, und die Qualität stark variiert, bringen sich einzelne Schulen auf einem Gebiet oder durch einen Lehrer besonders hervor. Dadurch wurde die Lehre zu einer Wanderschaft (Vgl. Konrad 2007). Berichte hierüber gibt es zum Beispiel von Thomas Plattern (1499 - 1582): “Am nächsten Morgen brach die Schar frühzeitig auf. Es waren insgesamt sieben Bacchanten und vier Schützen. Zählet Hainer, der kleinste Schütze, erst zehn Jahre, so der älteste Bacchant, dem das freie umherschweifen richtig behagte, schon an die zwanzig.” (Pleticha, 1965, S. 77 zit. n. Plattern). Um dieser umherziehenden Schülerzahlen Herr zu werden, werden auch Schläge angewandt (vgl. Aries, 1978, S. 442f).

Auch in der mittelalterlichen Familie sind Schläge als Strafe ein gängiges Mittel. Das Narrenschiff beschreibt als mittelalterliche Dichtung den Bettler, der sich der Arbeit verweigert und dennoch besser lebt als die armen Arbeiter. Er erzieht bereits seine Kinder zum Betteln: “Seine Kinder müssen's jung verstehn,/ Ohn' Unterlaß zum Bettel gehn/ Und lernen wol den Bettelschrei,/ Sonst bräch' er ihnen den Arm entzwei/ Und ätzte ihnen Wunden und Beulen,/ Damit sie könnten schrein und heulen.” (Das Narrenschiff). Doch auch in den Schulen kann es entsprechend zugehen. “Prügel gab es sowiso bei jeder Gelegenheit, nahmen doch die Lehrer allerorten die biblischen Sprüche, nach denen schon die Kinder Israels erzogen worden waren, sehr ernst und schonten die Rute nicht.” (Pleticha, 1965, S. 84, zit. N. Plattern)

[...]

Ende der Leseprobe aus 30 Seiten

Details

Titel
Schwarze Pädagogik in der Geschichte der Erziehung
Hochschule
Universität Duisburg-Essen
Veranstaltung
Geschichte der Sozialen Arbeit
Note
2,3
Autoren
Jahr
2010
Seiten
30
Katalognummer
V174053
ISBN (eBook)
9783640944521
ISBN (Buch)
9783640944675
Dateigröße
500 KB
Sprache
Deutsch
Schlagworte
Geschichte der sozialen Arbeit, schwarze Pädagogik, Rousseau, Pestalozzi, Martin Luther
Arbeit zitieren
Andrea Thobe (Autor)Sonja Lintner (Autor), 2010, Schwarze Pädagogik in der Geschichte der Erziehung , München, GRIN Verlag, https://www.grin.com/document/174053

Kommentare

  • Noch keine Kommentare.
Im eBook lesen
Titel: Schwarze Pädagogik in der Geschichte der Erziehung



Ihre Arbeit hochladen

Ihre Hausarbeit / Abschlussarbeit:

- Publikation als eBook und Buch
- Hohes Honorar auf die Verkäufe
- Für Sie komplett kostenlos – mit ISBN
- Es dauert nur 5 Minuten
- Jede Arbeit findet Leser

Kostenlos Autor werden