Nach umfangreichen Ermittlungen durch den SS-Richter Konrad Morgen wird am 17. August 1944 Anklage gegen Karl Koch, den ersten Kommandanten des Konzentrationslagers Buchenwald sowie dessen Frau Ilse Koch, Martin Sommer, den Arrestaufseher sowie den Lagerarzt Dr. med. Waldemar Hoven durch das SS- und Polizeigericht z.b.V. erhoben. Die Vorwürfe lauten Korruption und Tötung von Häftlingen. Das vorliegende Buch beschäftigt sich mit dem Tötungskomplex und rückt auch die Opfer in den Blickpunkt.
Inhalt
1. Prolog
1. Das Jahr 1941
3. Buchenwald - Lublin und zurück
4. Der Tötungskomplex
5. SS-Standartenführer Karl Koch
6. SS-Hauptscharführer Martin Sommer
7. SS-Hauptsturmführer Waldemar Hoven
8. Der Prozess
9. Epilog
Anmerkungen
Abbildungen
Auszüge aus dem Buch
1. Das Jahr 1941
Zu Beginn des Jahres 1941 sind annähernd 8000 Häftlinge im Lager . Karl Koch hat sich als Kommandant etabliert und genießt bei seinen Vorgesetzten den Ruf eines energischen und tatkräftigen SS-Führers.
Er ist durch seine jahrelange Tätigkeit im KZ-Apparat gut vernetzt und ein Protegè des ersten Inspekteurs der Konzentrationslager (IKL), Theodor Eicke.
Das Verhältnis zu seinen Untergebenen ist distanziert und von Überheblichkeit geprägt. SS-Rottenführer Martin Sommer, der spätere Arrestaufseher gibt seine Begrüßung durch Koch in Buchenwald folgendermaßen wieder:
„Hier gelten meine Befehle, und wer nicht nach meinen Befehlen spurt, geht hier unter, der findet sich hinter dem Stacheldraht wieder.“ [2]
Bei den Häftlingen, auch anderer KZs, ist Koch bekannt und gefürchtet.
Abb. 1: Karl Koch und Theodor Eicke in Buchenwald 1938
Alfred Bunzol beschreibt den Kommandanten als
„...den berühmten hinterhältigen Mörder und hochmütigen Sadisten...“ [3]
Karl Koch lebt mit seiner Ehefrau Ilse und den drei Kindern in einer Villa auf dem Ettersberg direkt neben dem KZ. Im Frühjahr 1941 stirbt Gudrun Koch, drittes Kind der Familie Koch im Alter von 4 Monaten. Dennoch scheint Ilse Koch den gewonnenen Wohlstand und ihren Status als Frau des Kommandanten offen zu genießen. Obwohl sie keine Funktion im Lager besitzt, erscheint sie an Arbeitsstellen von Häftlingen, spaziert während der Appelle am Lagerzaun entlang und missbraucht ihre Macht. Bei Häftlingen ist sie gefürchtet.
Der langjährige Adjutant von Koch, SS-Obersturmführer Hermann Hackmann wird Ende 1940 nach Oranienburg kommandiert. SS-Obersturmführer Heinz Büngeler übernimmt ab Januar 1941 die Funktion des Adjutanten und Gerichtsoffiziers.
Als Lagerkommandant ist Koch auch für viele Verwaltungsvorgänge verantwortlich. Er erlässt Befehle und zeichnet zahlreiche Vorgänge ab. Ab Mitte Mai 1941 bricht dies jedoch ab. In den gesammelten Unterlagen des
Kommandanturstabes Buchenwald im Arolsen-Archiv sind von da ab alle Vorgänge vom Adjutanten Büngeler oder dem 1. Schutzhaftlagerführer Florstedt unterschrieben. Koch ist dienstlich bis Mitte Juli in den Niederlanden unterwegs, wobei Ilse Koch ihn begleitet und scheint für den Rest des Jahres im Lageralltag nicht mehr präsent. [4]
Im sorgsam angelegten Fotoalbum für den Sohn Artwin findet sich eine Seite für den 22. Juli 1941, bei der das Datum besonders hervorgehoben ist (siehe Abb. 2). Es ist weder erläutert, aus welchem Anlass die Fotos gemacht wurden, noch wer die Besucher der Familie Koch sind.
Das Datum passt auch zu keinem Familienjubiläum der Kochs. Der Krieg auf die Sowjetunion begann bereits am 22. Juni 1941. Auch ein anderes historisches Ereignis lässt sich zu dem Datum nicht finden.
Zwei Tage vorher jedoch , also am Sonntag dem 20. Juli, befindet sich Heinrich Himmler in Lublin und befiehlt die Errichtung eines großen Lagerkomplexes für zunächst 25.000-50.000 Häftlinge, dem späteren KZ Majdanek. Mit dabei sind wahrscheinlich auch Oswald Pohl und Hans Kammler. [5]
Abb. 2: Ilse und Karl Koch mit Besuchern in Buchenwald
Vielleicht wird Karl Koch am 22. Juli informiert, dass er als Kommandant für dieses neue Lager ausersehen ist. Jedenfalls geht am 14. September der erste Transport eines Häftlingskommandos von Buchenwald nach Lublin ab.
Man kann die Übertragung dieser Aufgabe an Karl Koch kaum als Strafe oder Degradierung werten. Sie stellt vielmehr den Höhepunkt seiner KZ-Laufbahn dar. Im Nachhinein betrachtet bildet sie aber auch den Wendepunkt seiner Karriere.
Die brutale und selbstherrliche Lagerführung Kochs, die zahlreichen Erschießungen von Häftlingen „auf der Flucht“, wie z.B. die Ermordung von 21 Juden am 9. November 1939, sind nicht unbemerkt geblieben. Ebenso die persönliche Bereicherung bei der Ausplünderung der „Novemberjuden“ im Herbst 1938.
Martin Sommer gibt an, bereits im Jahre 1940 in Buchenwald darüber offen mit einem Richter des SS-Gerichtes Düsseldorf gesprochen zu haben. [6]
Neben Gönnern wie Eicke, Pohl und Glücks hat Koch auch Widersacher. Einer von ihnen ist Josias Erbprinz zu Waldeck und Pyrmont, SS-Obergruppenführer und Höherer SS- und Polizeiführer des SS-Abschnittes Fulda-Werra mit Sitz in Kassel, zu dem auch der SS-Standort Buchenwald gehört. Er ist auch als Gerichtsherr für SS-Angehörige zuständig.
Waldeck hatte nach eigener Aussage 1941 „vertrauliche“ Mitteilung von „Unterschleifen und schwarzen Kassen“ des Kommandanten Koch bekommen. [7] Wahrscheinlich stammen sie von Angehörigen des Kommandanturstabes Buchenwalds.
Abb. 3: Josias zu Waldeck und Pyrmont
Diese „Mitteilung“ ist anscheinend beweiskräftig genug, um jetzt gegen Koch vorzugehen.
Im Dezember 1941 beordert Waldeck Karl Koch nach Kassel und konfrontiert ihn mit den Vorwürfen:
„Ich habe mir damals Koch kommen lassen und ihm die Unterschleife nachgewiesen, er gestand sie schließlich auch ein. Daraufhin habe ich ihn festgenommen wegen Verdunklungsgefahr.“ [8]
Koch wird am 17.12.1941 verhaftet.
Da Koch als KZ-Kommandant der Inspektion der Konzentrationslager untersteht, intervenieren Glücks und Pohl massiv bei Himmler. Obwohl Himmler am 18.12.1941 in der Wolfsschanze zum Führervortrag weilt, ist in seinem Dienstkalender „Verhaftung Koch“ und „Pohl“ vermerkt und bereits nach einem Tag Haft muss Koch wieder freigelassen werden. [9]
Himmler erlässt darauf einen Befehl, dass kein KZ-Kommandant ohne seine Zustimmung verhaftet werden darf („Lex Waldeck“). [10]
Am 21.12.1941 wird Hermann Pister als neuer Kommandant in Buchenwald eingeführt und Koch verabschiedet.
[...]
8. Der Prozess
Nachdem Mitte August 1944 die Anklageverfügung fertiggestellt ist, beginnt der Prozess gegen Ilse und Karl Koch sowie gegen Sommer und Hoven im September in Kranichfeld bei Weimar. [59] Verhandlungsort ist wahrscheinlich das Oberschloss, welches 1939 von der SS erworben wurde und in dem sich bis 1943 auch ein Häftlingskommando von Buchenwald befand.
Anwesend sind auch einige höhere SS-Führer.
Bis zu diesem Punkt waren zahlreiche Widerstände zu überwinden. Die Schlussfolgerung, die Morgen über die Beweggründe Hovens gibt, rütteln natürlich an den Grundlagen der Konzentrationslager. Sind doch Brutalität, Terror und Morde seit 1933 hier fest etabliert. Sowohl Pohl als auch Glücks und andere versuchen, weitere Ermittlungen zu blockieren und Morgen nach und nach kalt zustellen. [60]
Die Anklage wird zunächst durch Konrad Morgen vertreten, Richter ist SS-Obersturmbannführer Richard Ende. Sommer und Hoven streiten die konkreten Tötungsvorwürfe ab. Der Standpunkt Kochs wird von Zeugen unterstützt, die meinen, unter Eicke sei in den KZ’s die Devise gewesen, man müsse die Fehler der Justiz korrigieren. Nach etwa zehntägiger Beweisaufnahme und Zeugenbefragungen wird die Verhandlung am 10.9.1944 unterbrochen, um weitere Anklagepunkte zu klären.
Uneinigkeit gibt es im Gericht auch darüber, ob
“...sich ein KL-Arzt berechtigt fühlen dürfe, aus eigener Entschließung Häftlinge zu töten, u.a. auch aus angenommenen staatspolitischem Interesse.“ [61]
Sodann wird das Verfahren gegen Sommer und Hoven abgetrennt und ausgesetzt.
Am 19.12.1944 wird die Verhandlung am Landgericht Weimar gegen Ilse und Karl Koch fortgesetzt. Die Anklage übernimmt SS-Richter Dr. Hermann Hansen, da Konrad Morgen als Zeuge der Anklage aussagen soll. Nach dreitägiger Verhandlung wird Karl Koch dann am 22.12.1944 zweimal zum Tode verurteilt.
„Eine Verurteilung erfolgte wegen fortgesetzter Unterschlagung und Untreue unter Anwendung der strafverschärfenden Bestimmungen der Volksschädlingsverordnung, die weitere Verurteilung erfolgte wegen fortgesetzter Tötung und Misshandlung von Häftlingen…“ [62]
Abb. 11: Ehemaliges Landgericht Weimar
Die genaue Zahl der durch Koch getöteten Häftlinge kann nicht festgestellt werden und so werden die drei beschriebenen Fälle exemplarisch betrachtet. Der gesamte Tötungskomplex wird aber in die Betrachtung einbezogen. Als Beweggründe werden sowohl rein persönliche, z.B. Beseitigung von Zeugen, willkürliche Tötungen als Strafmaßnahmen, als auch die Beseitigung von Menschen, die von Koch als wertlos angesehen wurden, festgestellt. Sämtliche Fälle werden durch das Gericht als vorsätzliche und rechtswidrige Tötungen gewertet. Die Verurteilung erfolgt jedoch nur unter dem rechtlichen Gesichtspunkt des fortgesetzten militärischen Ungehorsams. [63]
Ilse Koch wird von der Anklage wegen Hehlerei mangels Beweisen freigesprochen und aus der Haft entlassen. Sie verlässt Weimar und begibt sich nach Ludwigsburg zu ihrer Schwägerin, die sich während der Inhaftierung der Kochs um die Kinder gekümmert hat.
Martin Sommer, Waldemar Hoven und Karl Koch bleiben weiter in Weimar in Haft
Im Herbst des Jahres 1944 wird noch eine große Zahl von Häftlingen, darunter auch ein Transport mit 200 Jugendlichen und Kindern, von Buchenwald nach Auschwitz zur Vernichtung deportiert. Am 1. Januar 1945 sind im Lager dann fast 26.000 Häftlinge eingepfercht und die Zahl steigt durch die Räumung von Auschwitz und anderen Lagern im Osten stetig weiter an. Ab Januar 1945 wird deshalb im Kleinen Lager der Seuchenblock 61 eingerichtet. Hier werden SS-Sanitäter in den nächsten Monaten viele hundert Häftlinge „abspritzen“, d.h. mit Injektionen töten.
Im Umfeld des Buchenwalder Korruptionsprozesses finden noch einige weitere Verfahren statt. Verurteilt werden Thilo Bornschein mit Ehefrau wegen Wirtschaftsvergehen sowie Hermann Hackmann und Hermann Florstedt wegen Korruption.
Ende März 1945 wird Waldemar Hoven aus der Haft entlassen und kehrt Anfang April in seine Position nach Buchenwald zurück. Hier versucht er sich mit den Häftlingen gut zu stellen.
Am 26./27. März wendet sich der Polizeipräsident in Weimar an das SS-Gericht in Kassel und das SS-Hauptamt Gericht in Prien mit der Bitte, die noch in Weimar einsitzenden Gefangenen Koch, Florstedt und Sommer abzuholen.
Sommer wird dann in eine SS-Bewährungseinheit versetzt und im Raum Eisenach am 8. April schwer verwundet. Er überlebt und wird in ein Lazarett nach Ilmenau gebracht.
Auch Hermann Hackmann, der in Dachau in Haft sitzt, wird entlassen.
Am 5. April wird Karl Koch von Weimar nach Buchenwald gebracht und dort standrechtlich erschossen. Am gleichen Tag wird vermutlich auch Hermann Florstedt in Buchenwald hingerichtet.
Das KZ Buchenwald wird am 11. April 1945 mit noch etwa 21.000 Gefangenen durch amerikanische Truppen befreit. Die US-Truppen beginnen, ein Lazarett aufzubauen um die kranken und ausgezehrten Häftlinge zu retten. Sie machen Fotos und Filmaufnahmen und zum ersten Mal sieht die Welt die Grauen eines deutschen Konzentrationslagers.
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- Jürgen Schulze (Autor), 2026, Die Affäre Koch, Múnich, GRIN Verlag, https://www.grin.com/document/1740880