Erinnern ist ein Prozess der Selektion. Im Vergleich zum Vergessen stellt er eher die Ausnahme als die Regel dar. Daraus kann man die grundsätzliche Frage ableiten, unter welchen Bedingungen erinnert wird oder anders gesagt: Weshalb bestimmte Ereignisse im Gedächtnis bleiben und andere nicht. Von Interesse ist dabei auch die weiterführende Problemstellung, wie sich Vergangenheit, die sich zunächst in Form von Gedächtnis, d.h. als von subjektiven Erinnerungen geprägtes Gebilde darstellt, zu einer allgemein akzeptierten Historiographie entwickelt.
Zunächst wird die Arbeit in das Konzept von Gedächtnis als Produkt von Erinnern und Vergessen einführen, um anschließend genauer auf den Unterschied zwischen Gedächtnis und Geschichte einzugehen. Hauptsächlich gestützt ist dieser erste Teil auf die Arbeit von Assmann (2007), in der ältere Ansätze der Gedächtnisforschung aufgegriffen, verarbeitet und zusammen gefasst sind.
Anschließend wird dieser theoretische Rahmen auf die Konstruktion von Geschichte in Japan angewendet. In der seit Jahrzehnten hitzig geführten Debatte um das japanische Geschichtsbild lassen sich exemplarisch die Spannungen zwischen Geschichte als objektivierter Historiographie und Geschichte im Sinne eines identitätsstiftenden Gedächtnisses beobachten. Die sog. Patriotismus-Debatte stellt sich als ein Versuch der Konservativen dar, die japanische Vergangenheit für die Durchsetzung von politischen Zielen zu instrumentalisieren, indem Geschichte durch Gedächtnis ersetzt werden soll. Eine aktuelle Ausprägung dieser Debatte ist im jüngsten Wiederaufflammen des Streites um Schulbücher zu erkennen. Spätestens seit den 1980er Jahren ist dieser Streit ein Feld der Auseinandersetzung zwischen der geschichtsrevisionistischen Rechten und Vertretern einer an objektivierten Fakten ausgerichteten Geschichtswissenschaft. Diese Arbeit wird sich auf einen Teilaspekt dieses Streites beziehen, namentlich auf die Ereignisse während der Schlacht um Okinawa.
Im Spannungsfeld zwischen Geschichte und Gedächtnis wird in dieser Arbeit auch die Frage angesprochen, ob sich ein nationales Gedächtnis herausbilden kann, wenn das kollektive Gedächtnis eines Teils der Bevölkerung demjenigen widerspricht, das ein anderer Teil der Gesellschaft als allgemein gültig postuliert und mit Hilfe der Regierung als nationales Gedächtnis von oben zu oktroyieren versucht.
Inhaltsverzeichnis
1. Einleitung
2. Erinnern und Vergessen: Zum Unterschied von Gedächtnis und Geschichte
2.1. Vergangenheit als soziales Konstrukt
2.2. Kollektives Gedächtnis nach Aleida Assmann
2.3. Gedächtnis und Geschichte
3. Japan: Geschichte und Patriotismus
3.1. Das japanische Geschichtsbild
3.1.1. Kollektive Identität als Antwort auf gesellschaftliche Unsicherheit
3.1.2. Debatte um Patriotismus und Geschichtsrevision
3.1.3. Japan im Krieg: Betonung der Opferrolle
3.1.4. Versuch einer Revision des japanische Geschichtsbilds
3.2. Okinawa
3.2.1. Annexion und Assimilierung: Ryûkyû shobun
3.2.2. Okinawa im Zweiten Weltkrieg
4. Bewahrung der Erinnerung an den Taifun aus Stahl
4.1. Organisation von Geschichte und Reproduktion von Erinnerung in Okinawa
4.2. Darstellung von Geschichte: Der Schulbuchstreit im Fall Okinawa
4.3. Okinawas kollektives Gedächtnis und Japans nationales Gedächtnis im Widerspruch
5. Ausblick
Zielsetzung & Themen
Die Arbeit untersucht das Spannungsfeld zwischen nationaler Geschichtspolitik und kollektiven Gedächtnissen am Beispiel der Schlacht um Okinawa. Im Zentrum steht die Frage, ob sich ein einheitliches nationales Gedächtnis etablieren lässt, wenn das regionale Gedenken an Traumata wie die Schlacht um Okinawa den revisionistischen Darstellungen der Zentralregierung widerspricht.
- Konstruktion von nationalem Gedächtnis vs. kollektives Gedächtnis
- Die japanische Patriotismus-Debatte und Geschichtsrevisionismus
- Die Schlacht um Okinawa und das Trauma der Zivilbevölkerung
- Machtkämpfe um Geschichtsbücher und staatliche Bildungssteuerung
- Bedeutung von Zeitzeugen und mündlicher Überlieferung für die Geschichtsschreibung
Auszug aus dem Buch
3.1.3. Japan im Krieg: Betonung der Opferrolle
Besonders in jüngster Zeit lässt sich in Japan eine Zunahme von opulenten Kriegsfilmen beobachten. Sie stehen in einer Tradition literarischer und medialer Verarbeitung des Zweiten Weltkriegs, in der der Schwerpunkt auf der militärischen Auseinandersetzung mit den USA liegt: Sei es die heldenhafte Rolle japanischer Soldaten im Kampf gegen einen übermächtigen Gegner, sei es das Leid der japanischen Zivilbevölkerung bei den Atombombenabwürfen auf Hiroshima und Nagasaki oder das Bombardement Tôkyôs, im Zuge dessen weite Teile der Stadt verbrannten (Pfeifer 2007: 90).
Nicht nur Filme, Manga und Romane sind oft in dieser Hinsicht einseitig. In Lehrbüchern für Geschichte finden sich Hinweise auf japanische Kriegsverbrechen im Gegensatz zur sonstigen visuellen und rhetorischen Darstellung des Krieges ebenfalls nur am Rande. Insgesamt entsteht so der Eindruck, die kaiserliche Armee habe einen Verteidigungskrieg geführt. Die Täter-Seite japanischer Kriegsführung kommt dagegen selten zur Sprache (Pfeifer 2007: 90f). Die Rekonstruktion des Krieges erfolgt stets aus der „Froschperspektive“ (Pfeifer 2007: 96) einer Bevölkerung, die unter heftigen Luftangriffen zu leiden hatte. Dass dies gleichzeitig die Schuld der eigenen Führung und der eigenen Militärs ignoriert (Pfeifer 2007: 96), soll offenbar durch das Bekenntnis zum Pazifismus kompensiert werden.
Zusammenfassung der Kapitel
1. Einleitung: Die Arbeit führt in die theoretischen Konzepte von Gedächtnis und Geschichte ein und benennt die Schlacht um Okinawa als Fallbeispiel für den Konflikt um die historische Aufarbeitung in Japan.
2. Erinnern und Vergessen: Zum Unterschied von Gedächtnis und Geschichte: Basierend auf Aleida Assmann wird der theoretische Rahmen definiert, der das kollektive Gedächtnis von der objektiven Historiographie abgrenzt.
3. Japan: Geschichte und Patriotismus: Dieses Kapitel analysiert die Patriotismus-Debatte in Japan, die durch Krisenbewältigung und revisionistische Tendenzen bei der Darstellung des Zweiten Weltkriegs geprägt ist.
4. Bewahrung der Erinnerung an den Taifun aus Stahl: Der Abschnitt fokussiert auf Okinawa und untersucht den Widerstand der lokalen Bevölkerung gegen die staatliche Umdeutung der Kriegserlebnisse, insbesondere im Schulbuchstreit.
5. Ausblick: Es bleibt offen, ob sich die revisionistische Geschichtsdarstellung durchsetzen wird oder ob das regionale Gedächtnis Okinawas als Korrektiv Bestand hat.
Schlüsselwörter
Okinawa, Kollektives Gedächtnis, Geschichtsrevisionismus, Patriotismus, Japan, Zweiter Weltkrieg, Schlacht um Okinawa, Zwangsselbstmord, Schulbuchstreit, Identität, Nationale Geschichte, Erinnerungskultur, Aleida Assmann, Zeitzeugen, Trauma.
Häufig gestellte Fragen
Worum geht es in der Arbeit grundlegend?
Die Arbeit analysiert, wie in Japan versucht wird, die nationale Identität durch eine Revision der Geschichtsdarstellung zu stärken und warum dies in der Präfektur Okinawa auf massiven Widerstand stößt.
Was sind die zentralen Themenfelder?
Die zentralen Felder umfassen die Theorie des kollektiven Gedächtnisses, die japanische Patriotismus-Debatte, das Trauma der Schlacht um Okinawa sowie die staatliche Kontrolle von Bildungsinhalten.
Was ist das primäre Ziel der Forschungsarbeit?
Das Ziel ist es zu untersuchen, wie das kollektive Gedächtnis einer Region (Okinawa) mit dem offiziellen, von der Zentralregierung propagierten nationalen Geschichtsbild kollidiert.
Welche wissenschaftliche Methode wird verwendet?
Es handelt sich um eine politikwissenschaftliche und kulturgeschichtliche Analyse, die auf dem theoretischen Rahmen der Gedächtnisforschung (insb. Aleida Assmann) basiert und diese auf aktuelle gesellschaftspolitische Diskurse in Japan anwendet.
Was wird im Hauptteil behandelt?
Der Hauptteil analysiert die Patriotismus-Debatte, die Rolle der japanischen Armee während des Krieges in Okinawa und den daraus resultierenden Schulbuchstreit zwischen der Zentralregierung und den Akteuren Okinawas.
Welche Schlüsselwörter charakterisieren die Arbeit?
Okinawa, kollektives Gedächtnis, Geschichtsrevisionismus, Schlacht um Okinawa, Zwangsselbstmorde, nationale Identität und Erinnerungskultur.
Welche Rolle spielt die Armee Okinawas im kollektiven Gedächtnis?
Die kaiserliche japanische Armee wird im kollektiven Gedächtnis Okinawas aufgrund der erzwungenen Selbstmorde und der Behandlung der Zivilbevölkerung nicht als Schutzmacht, sondern als Quelle von Verbrechen und Trauma erinnert.
Wie reagierte die japanische Regierung auf den Protest aus Okinawa?
Nach massiven Protesten und Kundgebungen in Okinawa lenkte das Erziehungsministerium ein und erlaubte den Verlagen, die Hinweise auf die erzwungenen Selbstmorde in die Schulbücher wieder aufzunehmen.
- Citation du texte
- M.A. Güde Thomas (Auteur), 2008, Erinnern an Okinawa, Munich, GRIN Verlag, https://www.grin.com/document/174189