Uncertainty Effect - Ein neuer Erklärungsansatz


Bachelorarbeit, 2010
56 Seiten, Note: 1,7

Leseprobe

Inhaltsverzeichnis

Abkürzungsverzeichnis

1. Einleitung

2. Ein Zugang zur Thematik des Uncertainty Effect
2.1. Der Uncertainty Effect
2.2. Die Untersuchungen von Gneezy, List und Wu
2.3. Die Untersuchungen von Simonsohn
2.3.1. Experiment 1
2.3.2. Experiment 2
2.4. Weitere Forschungen zum Uncertainty Effect
2.5. Zusammenfassung

3. Eigene theoretische Erklärung für den Uncertainty Effect
3.1. Grundlagen der theoretischen Erklärung
3.2. Phantom Alternativen S eite 16
3.3. Die theoretische Annahme
3.3.1. Bedingungen
3.3.2. Hypothesen
3.4. Zusammenfassung

4. Die Methode der Untersuchung
4.1. Das Untersuchungsdesign
4.2. Das Untersuchungsinstrument
4.3. Die Durchführung

5. Die Ergebnisse der Untersuchung
5.1. Die Stichprobe
5.2. Relevante Ergebnisse

6. Diskussion

7. Schlussbetrachtung

Literaturverzeichnis

Anhang

Abkürzungsverzeichnis

Abbildung in dieser Leseprobe nicht enthalten

1. Einleitung

Wie würde Ihre Antwort auf die Frage, was Ihnen ein Gutschein in Höhe von 50 Euro für eine Buchhandlung Ihrer Wahl wert ist, ausfallen? Wären Sie bereit für diesen Gutschein 40 Euro zu investieren oder eventuell doch nur 35 Euro? Oder wären Sie sogar bereit 50 Euro aufzuwenden? Wäre Ihnen der Gutschein tatsächlich 50 Euro wert, so könnten Sie auch gleich mit dem entsprechenden Geldschein in eine Buchhandlung gehen und sich Ihre Lieblingsliteratur kaufen. Wäre Ihr Vorgehen differenzierter, wenn Sie an einer Lotterie teilnehmen und mit Sicherheit gewinnen würden? Was wäre Ihnen die Teilnahme an einer Lotterie wert, in der Sie auf jeden Fall entweder 50 Euro oder 100 Euro in Form eines Gutscheines für eine Buchhandlung Ihrer Wahl gewinnen können? Sie gewinnen in jeden Fall!

Die meisten Modelle zur Beantwortung dieser Frage gehen davon aus, dass der Wert einer riskanten Entscheidung zwischen dem Wert des Nutzens höchstem und niedrigstem Ergebnis liegt.[1] In diesem Falle wäre das niedrigste Ergebnis der Gutschein über 50 Euro und das höchste Ergebnis der Gutschein über 100 Euro. Daraus resultierend müsste die zu erwartende Antwort des Entscheidungsträgers in einen Bereich zwischen 50 Euro und 100 Euro liegen. Obwohl diese Anforderung für jede Theorie der riskanten Entscheidung wesentlich erscheint, dokumentierten Gneezy, List und Wu (2006) einen Verstoß gegen diese Bedingung, in dem Individuen eine riskante Erwartung weniger bewerteten, als den schlechtmöglichsten Gewinn. Sie fanden heraus, dass Personen bereit wären für einen Büchergutschein in Höhe von 50 Dollar im Durchschnitt 26 Dollar zu zahlen, jedoch nur 16 Dollar, wenn sie mit gleicher Wahrscheinlichkeit einen Büchergutschein in Höhe von entweder 50 Dollar oder 100 Dollar gewinnen würden. Die Ergebnisse der Forschung von Gneezy et al. legen nahe, dass es Situationen der Wahl geben muss, in denen Entscheidungsträger Lotterien oder riskante Aussichten im Wert herabsetzen und dies in einer Weise, welche nicht in Standardmodelle passen. Dieses Phänomen bezeichnen sie als den Uncertainty Effect (im Folgenden auch UE genannt).[2] Dieser Effekt der Unsicherheit wurde im Zuge der Untersuchungen von Gneezy et al. auch von weiteren Forschungsgruppen näher betrachtet. Alle Studien zeigten, dass Personen bei riskanten Aussichten bzw. bei Lotterien den Wert herab setzten, der sich nicht mehr zwischen dem niedrigsten und höchsten möglichen Gewinn befand. Dabei wurde der UE als Ursache identifiziert. Doch enthält nicht jede Lotterie oder unsichere Aussicht ein gewisses (theoretisches) Risiko? Nach Gneezy et al. würde für jegliche riskante Entscheidung der UE Anwendung finden. Jede Entscheidung eines Individuums bei einer risikoreichen Aussicht würde durch den UE erklärt werden. Auf diese Weise wäre jedoch noch nicht der Prozess beschrieben, der während einer Entscheidung beim Entscheidungsträger stattfindet.

In der vorliegenden Arbeit soll ein anderer Erklärungsansatz des UE dargeboten werden. Es wird angenommen, dass nicht die Unsicherheit der wesentliche Punkt in der Bewertung der Lotterie ist, sondern die Möglichkeit des Vergleichs. Sobald einer Person die Wahl von Alternativen aufgezeigt wird, erfolgt ein Vergleich dieser Möglichkeiten. Zur ausführlichen Beschreibung meines Erklärungsansatzes werde ich ein Phänomen einbeziehen, welches sich Phantom Alternativen nennt. Dabei werde ich davon ausgehen, dass durch das Vorhandensein eines (attraktiveren) Phantoms ein Bezugspunkt zur Bewertung geschaffen wird, welches die anderen verfügbaren Alternativen im Vergleich zum Phantom als weniger attraktiv und interessant darstellen lässt. Durch die Darbietung eines Phantoms ändert sich die Wahrnehmung und Einschätzung von verfügbaren Optionen, so dass eben diese verfügbaren Optionen als weniger attraktiv angesehen werden.[3] Mit dieser Überlegung soll erklärt werden, warum Personen eine Lotterie mit dem Gewinn eines Büchergutscheins im Wert von 50 Euro oder 100 Euro weniger attraktiv finden und demnach bewerten, als nur einen Büchergutschein in der Höhe von 50 Euro.

Am Anfang dieser Arbeit steht zunächst ein Zugang zur Thematik des UE. Dabei soll vor allem auf das theoretische Konstrukt nach Gneezy, List und Wu eingegangen werden. Im Rahmen dieser Auseinandersetzung werden verschiedene Forschungen über das erst seit jüngster Zeit aufgegriffene Thema des UE kurz dargestellt. Mit einer Zusammenfassung soll der theoretische Abschnitt über den Effekt der Unsicherheit abgeschlossen werden. Der Schwerpunkt dieser Arbeit liegt auf dem eigenen Erklärungsansatz, sowie dessen Untersuchung. Aus diesem Grund erfolgt im dritten Abschnitt die eigene theoretische Erklärung bzw. das eigene theoretische Konstrukt für den neuen Ansatz. Dabei soll das Thema der Phantom Alternativen aufgegriffen und vertieft werden. Weiterhin werden Grundlagen des neuen Ansatzes geliefert, sowie die Bedingungen und Hypothesen dargestellt. Die sich daraus entwickelte Untersuchung soll im vierten Abschnitt betrachtet werden. Dazu wird die Methode der Untersuchung dargeboten, insbesondere das Untersuchungsdesign und -instrument, sowie die Durchführung der Untersuchung. Im Anschluss werden die Ergebnisse der Untersuchung für den neuen Ansatz aufgezeigt, um dann diese Erkenntnisse im Zuge der vorliegenden Bachelorarbeit zu diskutieren. Mit einer kurzen Schlussbetrachtung soll diese Arbeit beendet werden.

2. Ein Zugang zur Thematik des Uncertainty Effect

Warum würden Menschen vorzugsweise für einen 50 Dollar Büchergutschein bezahlen, als für die Möglichkeit bei einer Lotterie einen Büchergutschein über 50 oder 100 Dollar zu erhalten, selbst wenn die Wahrscheinlichkeiten gleich verteilt wären und mit Sicherheit einer der beiden Gutscheine gewonnen wird? Dieser Frage widmeten sich Gneezy, List und Wu (im Folgenden auch GLW bezeichnet) in ihren ersten empirischen Erforschungen zu diesem Phänomen. Dabei stellten sie heraus, dass es Gegebenheiten der Wahl geben muss, in denen der Entscheidungsträger eine Lotterie oder eine riskante Aussicht im Wert herabsetzt, welche nicht in Standardmodelle der unsicheren Wahl (risky choice) passen. Somit soll im folgenden Abschnitt der UE näher betrachtet werden. Dabei werden die Untersuchungen von GLW in Teilen dargeboten, welche den UE in einer Reihe von Studien demonstrierten, die hypothetische und echte Preiskalkulations- und Wahlaufgaben einschlossen, um Grundlagen für weitere Betrachtungen zu schaffen, da auch noch andere Studien auf die Ergebnisse von GLW zurück greifen. Weiterhin erfolgt eine Darstellung der Studien von Simonsohn (2009). Er hat in seinen Forschungen drei wesentliche Mechanismen für den dokumentierten UE herausgearbeitet und greift die These auf, dass der UE durch eine generelle Abneigung gegenüber Unsicherheit hervorgerufen wird. Weitere Untersuchungen wurden u.a. von Ortmann, Prokosheva, Rydval und Hertwig (2007) durchgeführt. Auch diese Studien sollen im Rahmen der theoretischen Auseinandersetzung mit dem UE angesprochen werden. In einer kurzen Zusammenfassung werden wichtige Kernpunkte des Effektes zusammen getragen.

2.1. Der Uncertainty Effect

Die meisten wichtigen Entscheidungen enthalten diverse Risiken. Demzufolge ist es nicht verwunderlich, dass eine erhebliche Menge an Forschung versucht hat zu verstehen, wie Entscheidungsträger Risiken in ihre Entschlüsse einbeziehen. Die meisten Modelle zur risky choice, ob normativ oder deskriptiv, nehmen an, dass Individuen eine riskante Aussicht oder Lotterie durch irgendeine Art von gewichtetem Durchschnitt einschätzen, wodurch der Ausgleich der Möglichkeiten auf relativ gute Resultate mit den Möglichkeiten relativ schlechter Resultate erfolgt. Die ausgeglichene Operation aktiviert eine grundlegende und fundamentale Voraussetzung: Der Wert einer unsicheren Aussicht muss zwischen dem Wert des höchsten und des niedrigsten Ergebnisses liegen. Diese wichtige Anforderung nennen GLW Internality Axiom (im Folgenden auch IA genannt). Eine solche Prämisse scheint in der Tat so notwendig zu sein, dass viele empirische Messverfahren nach GLW den Verstoß gegen dieses Axiom bzw. diesen Grundsatz ausschließen (siehe z. B. Gonzales/Wu 1999). Jedoch zeigten die Untersuchungen von GLW eine Verletzung gegen die Annahme des IA, in dem die Probanden eine riskante Annahme weniger bewerteten, als das schlechtmöglichste Ergebnis bzw. den schlechtmöglichsten Gewinn.[4] Diese Erscheinung identifizierten Sie als den UE und erklärten damit die auftretenden Ergebnisse ihrer Untersuchungen.

2.2. Die Untersuchungen von Gneezy, List und Wu

Wie bereits erwähnt waren die Untersuchungen von GLW die ersten empirischen Forschungen, in Folge dessen der UE ausgemacht wurde. In ihren verschiedenen Studien schlossen sie eine Reihe von hypothetischen und echten Preiskalkulationsaufgaben ein. Die Beteiligten aller durchgeführten Studien waren Studenten der Universität von Chicago. Den Teilnehmern in den hypothetischen Preiskalkulationsstudien wurde ein Dollar für die Beantwortung jeder Frage bezahlt. In den hypothetischen Fragen über einen Gutschein für einen Buchladen wurden die Probanden gebeten, ihre Bereitschaft zu zahlen (Willing-to-pay, im Folgenden auch WTP bezeichnet) anzugeben. Es handelte sich dabei entweder um einen 50 Dollar Gutschein für die Buchhandlung Barnes & Noble, einen 100 Dollar Barnes & Noble Gutschein oder eine von fünf Lotterien, bei denen sie entweder den 50 Dollar oder den 100 Dollar Büchergutschein gewinnen konnten. Die Wahrscheinlichkeiten auf den Büchergutschein im Wert von 100 Dollar beliefen sich auf 99 Prozent, 60 Prozent, 50 Prozent, 40 Prozent und 1 Prozent. Den Teilnehmern wurde weiterhin verdeutlicht, dass der Gutschein innerhalb der nächsten zwei Wochen einzulösen ist. Nach dem IA wird verlangt, dass der WTP für die fünf Lotterien zwischen den zwei sicheren Resultaten liegen muss (in diesem Falle zwischen 50 Dollar und 100 Dollar). Aber das Gegenteil war der Fall, denn GLW kamen zu der Erkenntnis, dass die durchschnittliche Zahlungsbereitschaft für die 50:50 Lotterie (M = 16.1) signifikant niedriger ist, als der durchschnittliche WTP für den 50 Dollar Büchergutschein (M = 26.1). Weiterhin wurde der UE auch für die 40:60 Lotterie (M = 16.0) und für die 60:40 Lotterie (M = 20.8) beobachtet. Lediglich für die 1:99 Lotterie (M = 29.7) und für die 99:1 Lotterie (M = 39.6) kam der UE nicht zum Tragen.[5] Auch die Resultate für die echte Preiskalkulationsstudie wiederholten die Ergebnisse der hypothetischen Studie. Somit präsentierten die Daten eine systematische Übertretung des IA und der UE wird nach Meinung von GLW als Begründung dafür wirksam.

2.3. Die Untersuchungen von Simonsohn

Simonsohn (2009) untersuchte in seinem Artikel ,Direct Risk Aversion - Evidence From Risky Prospects Valued Below Their Worst Outcome' auch das Phänomen des UE und dokumentierte drei Mechanismen. Zum Einen könnte der UE durch direct risk aversion verursacht werden. Dies würde bedeuten, dass eine generelle Abneigung gegenüber Unsicherheit existiert. Zum Anderen ist ein weiterer Grund für diesen Effekt das Wissen, dass ein hochwertiges Ergebnis möglich ist und somit die Wertung des schlechtmöglichsten Ergebnisses der Lotterie vermindert bzw. abgewertet wird. Das führt zu einer Fehlbewertung der ganzen Lotterie. Eine letzte Ursache für das Auftreten des UE nach GLW sieht Simonsohn in der Annahme, dass die Teilnehmer in den Untersuchungen von GLW fälschlicher Weise durch die Lotteriebeschreibungen glaubten, die Lotterie könnte auch mit einem null Dollar Ergebnis für Sie enden.[6]

2.3.1. Experiment 1

Insgesamt beschreibt Simonsohn zwei Experimente für seine Annahmen. Das Design für die erste Untersuchung beinhaltete zwei erwähnenswerte Veränderungen verglichen mit dem Experiment von GLW. Die erste Veränderung bestand darin, dass die Teilnehmer in der sicheren Bedingung ihren WTP nicht nur für ein Ergebnis, sondern für zwei Ergebnisse bzw. Bewertungen angaben. Die zweite Abweichung gegenüber dem Experiment von GLW war die leicht veränderte Lotteriebeschreibung. Es wurde dabei ausgeschlossen, dass die Teilnehmer glauben konnten, ein null Dollar Ergebnis wäre möglich. Es wurden insgesamt 279 Teilnehmer gegen Bezahlung befragt, wobei es sich hauptsächlich um Studenten der Universität von Pennsylvania handelte. Das Experiment hatte ein 6x2 between-subject Design, in dem sechs Bedingungen gegeneinander in einem Erhebungsmodus verglichen wurden. Jede Bedingung zeigte ein unterschiedliches Paar von niedrigen und hochwertigen Gegenständen an. Die Probanden gaben ihren WTP für jeden der beiden Gegenstände (certainty condition) oder für die zugehörige 50:50 Lotterie (uncertainty condition) an. Die sechs Gegenstandspaare waren eine Kombination aus 50 Dollar und 100 Dollar Geschenkgutscheine für einen Buchladen mit dem Namen Barnes & Noble, 50 Dollar und 100 Dollar Restaurantgutscheine für ein Asia Restaurant in der Nähe der Universität Pennsylvania und ein kostenloses Dreigänge-Menü für entweder zwei oder vier Personen für das Asia Restaurant. Ein fundamentales Merkmal dieses Designs war, dass die Befragten in der certainty condition von beiden Gegenständen wussten, bevor sie ihren WTP Bewertung für den ersten Gegenstand abgeben mussten. Wäre dem nicht so gewesen, wäre die Bewertung für den ersten Gegenstand nicht mit der Zweiten verbunden gewesen.[7] In Tabelle 1 werden Teilergebnisse aus dem Experiment 1 zusammengefasst:

Abbildung in dieser Leseprobe nicht enthalten

Tabelle 1 Teilergebnisse von Experiment 1: WTP für die binäre Lotterie und für ihre jeweiligen Ergebnisse der Bewertungen

Der UE wurde im Durchschnitt der WTP für alle sechs Gegenstandspaare beobachtet. Die wichtigsten Ergebnisse von diesem Experiment sind nach Simonsohn, dass a) der UE von dem Fakt ausgelöst wird, dass die Lotterie ein überdurchschnittliches Ergebnis erzielen kann, was die Bewertung des niedrigwertigen Gegenstandes reduzieren könnte, b) der UE ein großes Ausmaß bzw. Ausdehnung hat und c) der UE unter den Teilnehmern weit verbreitet ist.[8]

2.3.2. Experiment 2

Das zweite Experiment beschäftigte sich mit der Möglichkeit, dass Menschen eine binäre Lotterie weniger schätzen als ihr schlechtmöglichstes Ergebnis und dies nicht wegen der direct risk aversion - der generellen Abneigung gegenüber Unsicherheit - sondern weil sie vermeintlich glaubten, ein mögliches Ergebnis der Lotterie könnte ein null Dollar Resultat sein. Wenn die Teilnehmer irrtümlicher Weise annehmen, dass (wie in den meisten Lotterien gängig) ein null Dollar Ertrag ein mögliches Ergebnis sein könnte, wäre es nicht überraschend, dass sie weniger für die Lotterie zahlen würden, als ihr schlechtmöglichstes Ergebnis. In Anbetracht dieser Tatsache beinhaltete das zweite Experiment zwei alternative Verständnisfragen, um zu erkennen, ob die Teilnehmer fälschlicher Weise annahmen, dass Sie weniger gewinnen könnten, als die Lotterie auszahlen würde. In einer Bedingung wurden die Teilnehmer nach der kleinsten möglichen Lotterieauszahlung bzw. dem kleinstmöglichen Gewinn gefragt. Die Antwort auf diese Frage stellte die einfache Grundlage dar, den Teil der Personen zu erkennen, die davon ausgehen weniger erzielen zu können, als die Lotterie auszahlen würde. In der anderen Bedingung wurde den Teilnehmern eine richtig/falsch Frage gestellt, um zu überprüfen, ob sich die Teilnehmer bewusst waren, dass die Lotterie ihnen eine hundertprozentige Sicherheit für wenigstens einen 50 Dollar Gutschein für einen Buchladen bot.[9]

Insgesamt nahmen 196 Teilnehmer, überwiegend Studenten der Universität Pennsylvania, an dieser Studie teil. Die Experimente hatten ein between-subject Design mit zwei einfachen Bedingungen. Weiterhin erhielten die Probanden die beschriebene Verständnisfrage. Dann gaben sie ihren WTP für die Lotterie an, die entweder einen 50 oder einen 100 Dollar Gutschein von Barnes und Noble beinhaltete. Die Beschreibung aus Experiment 1 wurde hier wieder angewandt. Nach dieser Frage wurde den Teilnehmern die Verständnisfragen gestellt. Die eine Hälfte der Probanden wurde gefragt: „True/False: The lottery from the previous question offered me, with 100% certainty, at least $50 in gift certificates"[10]. Die andere Hälfte beantwortete die Frage: „What was the lowest possible payment the lottery could pay?"[11]. Diesen Teilnehmern der Verständnisfrage wurde ein Set von Multiple-Choice Antworten zur Verfügung gestellt, welche Gutscheinwerte von null Dollar bis 250 Dollar in 25 Dollar Schritten umfassten. Wichtig zu erwähnen ist, dass die Teilnehmer die Lotteriebeschreibung nicht mehr sehen konnten, als sie die Verständnisfrage beantworten mussten. Das wohl bedeutungsvollste Ergebnis und somit die wichtigste Erkenntnis ist nach Simonsohn die Tatsache, dass 97 Teilnehmer, die der Multiple-Choice Bedingung zugeteilt waren, 92 Prozent (n = 89) richtig geantwortet haben, dass 50 Dollar die kl einstmögliche Auszahlung sei. Nicht ein Teilnehmer hat als kl einstmöglichen Gewinn null Dollar geantwortet, dem Wert, der am meisten mit Missverständnissen assoziiert wurde. Zwei von acht Teilnehmern, die die Frage falsch beantworteten, äußerten bei der Verständnisfrage, dass die kleinstmögliche Auszahlung 25 Dollar wäre, wohin gegen die anderen sechs mit einer Auszahlung höher als 50 Dollar antworteten. Nach Simonsohn zeigt dies, wenn überhaupt, dass die Teilnehmer, die Instruktion falsch verstanden haben und das schlechtmöglichste Ergebnis der Lotterie überschätzten. Wahrscheinlicher ist jedoch, dass nicht ein Fehler im Verständnis liegt, wenn die Verständnisfrage nicht richtig beantwortet wurde, sondern dass die Aufgabe nicht richtig ernst genommen wurde. Viel wichtiger herauszufinden ist dabei, in welchem Ausmaß auch diese Teilnehmer den UE aufzeigten. Die Ergebnisse zeigen, dass der WTP für die Lotterie tatsächlich für die acht Teilnehmer viel niedriger war, die die Verständnisfrage falsch beantwortet haben, als unter den anderen 89 Probanden, die sie richtig beantwortet haben. Es ist nach Simonsohn naheliegend, dieses Resultat so zu interpretieren, dass das Missverständnis in den Instruktionen tatsächlich eine Rolle im UE spielt.[12]

Ein größerer Teil der Befragten der richtig/falsch Bedingung (21 von 99 Probanden) beantwortete die Verständnisfrage falsch, als bei der Multiple-Choice Bedingung. Dieser Unterschied war statistisch signifikant. Es bestätigt die Mutmaßung, dass die richtig/falsch Frage schwerer zu verstehen war, besonders in Bezug darauf, dass die 50 Dollar (oder mehr) Antwort logisch äquivalent zu der richtigen Antwort der richtig/falsch Frage ist. Zusammengefasst lässt das Experiment vermuten, „that the mechanism behind the UE is not the erroneous belief that lotteries may pay a counterfactually low outcome"[13]. Der UE - eine risikoreiche Aussicht unter ihrem schlechtmöglichsten Ergebnis zu bewerten - ist nach Simonsohn eine Konsequenz der direct risk aversion. Risk aversion, die eher aus einer generellen Abneigung von Unsicherheit entsteht, als indirekt als Konsequenz von der Art und Weise, wie Menschen Resultate bewerten oder Wahrscheinlichkeiten einschätzen. Obwohl direkt risk aversion schon früher erwähnt wurde, ist es nicht in das Mainstream Bewusstsein von risk aversion Verhalten vorgedrungen. Die Robustheit, die Magnitude und die Prävalenz des UE weisen darauf hin, dass dies ein großer Mangel im aktuellen Verständnis von Risikoentscheidungen ist.[14]

2.4. Weitere Forschungen zum Uncertainty Effect

Weitere Untersuchungen in diesem Bereich wurden beispielsweise von Ortmann, Prokosheva, Rydval und Hertwig (2007) durchgeführt. Sie entwickelten ebenfalls eine Studie zum Thema des UE und zeigten mit ihren Ergebnissen, dass die IA Verletzungen, die durch GLW dokumentiert wurden, durch Umformulierungen der Lotteriebeschreibung rückgängig gemacht werden können. Sie gingen davon aus, dass die auffälligen empirischen Befunde von GLW eine sorgfältige Prüfung verdienten und vermuteten, dass die Ergebnisse von GLW durch ihre Lotteriebeschreibungen ausgelöst wurden. In ihren Studien prüften sie, ob die Vereinfachung der Lotteriebeschreibungen von GLW die IA Verletzungen vermindern. Dabei konzentrierten sie sich auf die Bewertungsaufgabe des Büchergutscheins für Barnes & Noble von den Studien von GLW.[15] Die Lotteriebeschreibung von GLW nannten Ortmann et al. für ihre Studie Replication.

„Imagine that we offer you a lottery ticket that gives you a 50 percent chance at a $50 gift certificate for Barnes and Noble, and a 50 percent chance at a $100 gift certificate for Barnes and Noble. Whichever gift certificate you win is good for use within the next two weeks. What is the highest amount of money you would be willing to pay for this lottery ticket?"[16]

Ortmann et al. formulierten die Lotterieanweisung von GLW um und bezeichneten diese als Rewording:

„Imagine that we offer you a gift certificate for Barnes and Noble. With a chance of 50 percent it is a certificate worth $50, and with a chance of 50 percent it is a certificate worth $100. Whether the gift certificate is worth $50 or $100 is determined by flipping a fair coin. Whichever gift certificate you receive will be good for use within the next two weeks. What is the highest amount of money you would be willing to pay for this gift certificate?"[17]

Sie nahmen an, dass durch die Umformulierung der Lotteriebeschreibung weniger Verletzungen der IA im Vergleich zu den ursprünglichen Instruktionen in den Studien von GLW produziert werden. Um diese Hypothese zu testen, führten sie zwei between- subject Bedingungen mit den ursprünglichen Formulierungen von GLW und ihren umformulierten Lotterieanweisungen ein. In beiden Versuchsgruppen wurde Barnes & Noble ersetzt durch ,Luxor Book Palace at Wenceslas Square', eine alternative Buchhandlung, die bei den Probanden als bekannt galt und eine ähnliche Produktvielfalt wie Barnes & Noble aufwies. Weiterhin wurden die Büchergutscheine in der lokalen Währung entsprechend der lokalen Kaufkraft der GLW Gutscheine im Wert von 500 CZK und 1000 CZK angepasst. Für jede Bedingung wurden 32 Teilnehmer rekrutiert. Alle Befragten waren Studenten des Instituts für Wissenschaft an der Fakultät für Sozialwissenschaften der Charles Universität in Prag. Jeder Proband erhielt eine monetäre Vergütung von 100 CZK (ca. 10 Dollar). Wie auch GLW verwendeten Ortmann et al. für ihre Untersuchungen ein pen-and-paper Design. Die Teilnehmer füllten zunächst einen anonymen demographischen Fragebogen aus und erhielten dann die Anweisungen, ihren WTP aufzuschreiben. In der Bilanz stellte sich heraus, dass Ortmann et al. auffallend höhere Zahlungsbereitschaften bei der Replication bekamen verglichen mit den GLW Resultaten. Ein Augenmerk sollte auf das zentrale Ergebnis gelegt werden, welches die Wirkung der Umformulierung auf den WTP beschreibt. Der WTP ist signifikant höher in der Umformulierung (Rewording) als in der Replication. Somit konnte bewiesen werden, dass die Umformulierung im Wesentlichen die Möglichkeit einer IA Verletzung beseitigt und somit der UE nach GLW nicht zum Tragen kommt.[18]

2.5. Zusammenfassung

Der UE fand erstmals Erwähnung in den Studien von GLW (2006). In ihren Untersuchungen fanden sie heraus, dass entgegen der meisten Modelle der risky choice bei ihren Ergebnissen eine Verletzung des IA vorlag. Normalerweise erfordert jede Theorie der riskanten Entscheidung die Anforderung, dass Personen unter unsicheren Aussichten wählen, in dem sie den Wert der möglichen Folgen erwägen. Dabei wird verlangt, „that the value of a risky prospect lie between the value of that prospect's highest and lowest outcome"[19]. Die Studien von GLW zeigten jedoch, dass Personen bei riskanten Aussichten bzw. bei Lotterien den Wert herab setzten, der sich nicht mehr zwischen dem niedrigsten und höchsten Resultat befand. Dies wurde als UE identifiziert. Jedoch gab es gegen diese Erkenntnisse berechtigte Beanstandungen. Es wurde vermutet, dass die Feststellungen von GLW mit dem UE durch missverständliche Lotteriebeschreibung und deren falscher Interpretation erklärt werden könnte. Die Wahrscheinlichkeit, dass die Resultate von GLW auf dem Missverständnis ihrer unklaren Lotteriebeschreibung beruhen, wurde von zwei unabhängigen Untersuchungen weiter geführt. Dies ist zum Einen die Untersuchung von Keren/Willemsen (2009)[20] und die Studien von Ortmann et al. (2007).[21] Die Ergebnisse von Ortmann et al. konnten beweisen, dass durch die Umformulierung der Fragen im Wesentlichen die Möglichkeit einer IA Verletzung beseitig wird und somit der UE nach GLW in Frage gestellt werden kann. Auch Simonsohn (2009) hat sich mit der Möglichkeit auseinander gesetzt, dass der von GLW dokumentierte UE lediglich durch die Lotteriebeschreibung, die nicht die Möglichkeit ausschloss null Dollar zu gewinnen, begründet werden muss. Er geht davon aus, dass der UE durch direct risk aversion verursacht wird. Dies würde bedeuten, dass bei Menschen eine generelle Abneigung gegenüber Unsicherheit existiert und daher dieser Effekt ausgelöst wird. Auch schließt er nicht aus, dass durch das Wissen, dass ein hochwertiges Ergebnis möglich ist, die Wertung des schlechtmöglichsten Ergebnisses der Lotterie herabgesetzt wird. "The fact that a lottery includes a similar yet superior outcome, therefore, may diminish the perceived value of the worse outcome. This mechanism provides a plausible uncertainty-independent explanation for the UE"[22].

3. Eigene theoretische Erklärung für den Uncertainty Effect

In diesem Abschnitt erfolgt die eigene theoretische Erklärung für das beschriebene Phänomen des UE. Dabei sollen zunächst Grundlagen meines Erklärungsansatzes kurz dargestellt und erste Überlegungen skizziert werden, um dann in die Beschreibung der Phantom Alternativen überzugehen. Es werden die wissenschaftlichen Erkenntnisse für Phantom Alternativen aufgezeigt und wichtige Aspekte für die vorliegende Arbeit zusammengetragen. Aufbauend dazu wird im weiteren Verlauf meine theoretische Annahme begründet und dargelegt. Dabei stelle ich die Bedingungen für den neuen Ansatz dar und werde die Hypothesen vorstellen. Am Ende dieses Abschnittes erfolgt eine kurze Zusammenfassung.

[...]


[1] vgl. Gneezy/List/Wu 2006, S. 1283

[2] vgl. Gneezy/List/Wu 2006, S. 1283/1287

[3] vgl. Farquhar/Pratkanis 1992, S. 113-115

[4] vgl. Gneezy/List/Wu 2006, S. 1283-1284

[5] vgl. Gneezy/L ist/Wu 2006, S. 1286-1289

[6] vgl. Simonsohn 2009, S. 686

[7] vgl. Simonsohn 2009, S. 689

[8] Simonsohn 2009, S. 690

[9] Simonsohn 2009, S. 690

[10] vgl. Simonsohn 2009, S. 690

[11] Simonsohn 2009, S. 691

[12] vgl. Simonsohn 2009, S. 690-691

[13] vgl. Ortmann/Prokosheva/Rydval/Hertwig 2007, S. 2-3

[14] Gneezy/List/Wu 2006, S. 1301-1302

[15] Ortmann/Prokosheva/Rydval/Hertwig 2007, S. 4

[16] vgl. Ortmann/Prokosheva/Rydval/Hertwig 2007, S. 4-6

[17] Gneezy/List/Wu 2006, S. 1283

[18] vgl. Keren/Willemsen 2009

[19] vgl. Simonsohn 2009, S. 687

[20] Simonsohn 2009, S. 687

[21] vgl. Simonsohn 2009, S. 687

[22] Simonsohn 2009, S. 687

Ende der Leseprobe aus 56 Seiten

Details

Titel
Uncertainty Effect - Ein neuer Erklärungsansatz
Hochschule
Helmut-Schmidt-Universität - Universität der Bundeswehr Hamburg  (Sozialpsychologie)
Note
1,7
Autor
Jahr
2010
Seiten
56
Katalognummer
V174200
ISBN (eBook)
9783640945764
ISBN (Buch)
9783640946082
Dateigröße
910 KB
Sprache
Deutsch
Schlagworte
Unsicherheit, Uncertainty Effect, Gneezy, List, Wu, Internality Axiom, Grundsatz, Phantom Alternative, Urteilswert, Erwartungswert, Lotterie, Gutschein, Büchergutschein, Dollar, UE, Simonsohn, Ortmann, Prokosheva, Rydval, Hertwig, Gewinn, Willing-to-pay, aversion, risk, direct risk aversion, Replication, Rewording, Phantom, Farquhar, Pratkanis, far phantom, close phantom, Uncertainty, Effect, Effekt
Arbeit zitieren
Carolin Bengelsdorf (Autor), 2010, Uncertainty Effect - Ein neuer Erklärungsansatz, München, GRIN Verlag, https://www.grin.com/document/174200

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