Abstrakt/Kommentar des Dozenten: "In dieser Hausarbeit wird die englische Königin Elisabeth einer eigehenden Analyse unter dem Gesichtspunkt der Moral unterzogen. Die dabei zugrunde gelegten Kategorien der Fremdbestimmung und der Selbstbestimmung bzw. Autonomie ermöglichen eine genaue und plausible Erörterung von Elisabeths Motiven und ihrem Handeln. Dabei wird deutlich, dass sie der Hinrichtung Marias aus freiem Willen heraus zustimmt und ihre Selbsteinschätzung der als heteronom Handelnden nur vorgeschützt ist. Insgesammt eine sehr gute Analyse."
Inhaltsverzeichnis
I. Einleitung
II.1 Vorbetrachtung
II.2 Die moralvergessene Königin
II.3 Elisabeths partielle Entlastung
III. Abschlussbetrachtung
Zielsetzung & Themen
Die vorliegende Arbeit verfolgt das Ziel, eine kritische moralische Analyse der Figur der Elisabeth in Friedrich Schillers Trauerspiel "Maria Stuart" durchzuführen. Im Zentrum steht dabei die Untersuchung, inwiefern die Unterzeichnung des Todesurteils gegen Maria Stuart als Ausdruck persönlicher Rache oder als fremdbestimmte Notwendigkeit zu bewerten ist und ob die englische Königin eine autonome moralische Verantwortung für ihr Handeln trägt.
- Kritische Analyse der Handlungsautonomie Elisabeths
- Untersuchung der Beweggründe für die Unterzeichnung des Todesurteils
- Kontrastierung von Elisabeths öffentlicher Inszenierung und privater Intention
- Evaluation der moralischen Belastung versus partieller Entlastung der Figur
- Einordnung in Schillers klassisches Kunstverständnis und Menschenbild
Auszug aus dem Buch
II.2 Die moralvergessene Königin
Als erster Untersuchungsaspekt soll die Frage erörtert werden, ob Elisabeths unvermittelter Tränenausbruch im zweiten Akt tatsächlich als ein Zeichen ihres Mitgefühls mit der schottischen Königin zu interpretieren ist, wie das Talbot nahelegt, oder nicht. Denn sofern ihre Tränen aus Mitleid vergossen wurden, wären diese als Zeichen ihrer Menschlichkeit zu werten. Nachdem Elisabeth aus Paulets Hand den an sie adressierten Brief der Maria empfangen und gelesen hat, reflektiert sie unter Tränen:
ELISABETH (nachdem sie den Brief gelesen, ihre Tränen trocknend).
Was ist der Mensch! Was ist das Glück der Erde!
Wie weit ist diese Königin gebracht,
Die mit so stolzen Hoffnungen begann.
(II, 4, V. 1528-1530)11
Auf den ersten Blick scheint diese Textstelle der sonst so gefühlskalt wirkenden Königin ein Beleg für eine aufrichtige Anteilnahme am leidvollen Schicksal ihrer Blutsverwandten zu sein, da ein plötzlicher Tränenausbruch nur schwer vorgetäuscht werden kann. Genauer besehen wird diese effektvoll inszenierte Theaterszene allerdings erst durch Talbots anschließenden Ausruf, „O Königin! Dein Herz hat Gott gerührt“ (II, 4, V. 1543), von den Zuschauern als Zeichen von Elisabeths lauterem Mitgefühl wahrgenommen. Unmittelbar nachdem Elisabeth den Brief gelesen hat gelten ihre ersten Gedanken jedoch nicht der Maria, sondern vielmehr dem allgemeinen Schicksal der Menschen, die als Spielball der Fortuna erscheinen, welche auch Königinnen nicht verschont. Demzufolge ist nicht anzunehmen, dass ihre Tränen aus Mitleid vergossen wurden. Diese starken Gefühlsregungen sind vielmehr der schockierenden Erkenntnis geschuldet, dass auch ihre eigene Existenz als Königin von England nicht gesichert ist, was ihr durch den tiefen Fall ihrer Verwandten lebhaft vor Augen getreten ist.
Zusammenfassung der Kapitel
I. Einleitung: Diese Einleitung führt in die Entstehungsgeschichte von Schillers "Maria Stuart" ein und umreißt die zentrale Forschungsfrage nach der moralischen Beurteilung der Elisabeth.
II.1 Vorbetrachtung: Das Kapitel reflektiert die bisherige Forschungslage und betont die Notwendigkeit, zwischen der historischen Elisabeth Tudor und Schillers dramatischer Figur zu unterscheiden.
II.2 Die moralvergessene Königin: Hier wird analysiert, ob Elisabeths Handeln, insbesondere die Unterzeichnung des Todesurteils, durch persönliche Rachegelüste oder tatsächliche politische Notwendigkeiten motiviert ist.
II.3 Elisabeths partielle Entlastung: Dieses Kapitel untersucht entlastende Argumente und die komplexe Rollenverteilung im Drama, um ein einseitiges Urteil über die Figur der Elisabeth zu vermeiden.
III. Abschlussbetrachtung: Das Fazit zieht die Bilanz aus den Untersuchungen und kommt zu dem Schluss, dass Elisabeth moralisch stark belastet, aber nicht als rein bösartige Schurkin zu betrachten ist.
Schlüsselwörter
Maria Stuart, Friedrich Schiller, Elisabeth Tudor, moralische Analyse, Schuld, Notwendigkeit, Autonomie, Rache, Gewissensentscheidung, Macht, Volksgunst, Theaterfigur, literarische Analyse, Schuldverstrickung, Klassik.
Häufig gestellte Fragen
Worum geht es in der Arbeit grundsätzlich?
Die Arbeit beschäftigt sich mit einer kritischen moralischen Analyse der Figur der Elisabeth in Friedrich Schillers Trauerspiel "Maria Stuart".
Was sind die zentralen Themenfelder der Untersuchung?
Zentrale Themen sind die Handlungsautonomie der Regentin, die Motivation hinter der Unterzeichnung des Todesurteils sowie das Spannungsfeld zwischen persönlicher Rache und politischem Kalkül.
Was ist das primäre Ziel oder die Forschungsfrage?
Das primäre Ziel ist zu klären, ob Elisabeths Handeln moralisch verwerflich ist und ob sie die Verantwortung für ihre Entscheidungen trägt oder durch äußere Zwänge determiniert wird.
Welche wissenschaftliche Methode verwendet die Autorin?
Die Arbeit nutzt eine literaturwissenschaftliche Analyse des Primärtextes unter Berücksichtigung von Dramenkonventionen, historischen Abweichungen und dem Einbezug relevanter Forschungsliteratur.
Was wird im Hauptteil der Arbeit behandelt?
Der Hauptteil gliedert sich in eine Vorbetrachtung zur Rezeption, eine kritische Beleuchtung der belastenden Motive Elisabeths sowie eine Untersuchung entlastender Aspekte ihrer Rolle.
Welche Schlüsselwörter charakterisieren die Arbeit?
Schlüsselbegriffe sind unter anderem "Maria Stuart", "Elisabeth", "moralische Schuld", "Notwendigkeit", "Autonomie" und "Machtanspruch".
Warum wird Elisabeths Tränenausbruch im zweiten Akt hinterfragt?
Der Ausbruch wird kritisch untersucht, da der Text darauf hindeutet, dass die Tränen nicht aus echtem Mitleid für Maria, sondern aus Angst um die eigene Machtposition resultieren.
Welche Rolle spielt die "Notwendigkeit" im Drama?
Der Begriff dient Elisabeth als rhetorisches Mittel, um sich von der moralischen Verantwortung für ihre Taten zu dispensieren und diese als zwingend vorzugeben.
Wird Elisabeth als "Theaterbösewicht" eingestuft?
Nein, die Arbeit kommt zu dem Schluss, dass Elisabeth zwar moralisch schwer belastet ist, aber aufgrund ihrer komplexen Darstellung nicht mit einem rein bösartigen Schurken wie etwa Iago gleichgesetzt werden kann.
Gibt es eine moralische Ausgewogenheit zwischen Maria und Elisabeth?
Die Arbeit verneint dies, da im Gegensatz zu Maria bei Elisabeth keine Anzeichen einer späten Reue zu finden sind, was das moralische Gleichgewicht zu Ungunsten Elisabeths verschiebt.
- Citar trabajo
- Dominik Gerhard (Autor), 2011, Eine moralkritische Analyse der Elisabeth in Schillers "Maria Stuart", Múnich, GRIN Verlag, https://www.grin.com/document/174304