Die dürftige Datenlage erschwert die Analyse der wirtschaftlichen Entwicklung der deutschen Milchwirtschaft von 1871-1913 in außerordentlicher Weise. Gleichwohl kann festgehalten werden das, ähnlich wie der Getreidemarkt, auch der Markt für Milch nicht völlig von Schwankungen verschont blieb. Von kurzfristigen, im Wesentlichen wohl meteorologisch verursachten Schwankungen des Angebots abgesehen, ist aber eine kontinuierliche Aufwärtsentwicklung von Produktion und finanziellem Ertrag zu konstatieren. Die Preissteigerungen für landwirtschaftliche, aber andere Produkte im Gefolge der Zollerhöhungen von 1906 suggerieren ein erhöhtes Wachstum ab diesem Zeitpunkt, die Berücksichtigung der nach der Jahrhundertwende zu beobachtenden inflationären Tendenzen der gesamten Volkswirtschaft relativiert diese Beobachtung aber. Insbesondere die markante, krisenhafte Entwicklung der Milchwirtschaft in den frühen 90er Jahren des 19. Jahrhunderts hatte in der Gründung des Bundes der Landwirte allerdings langfristige Folgen.
Inhalt
1 Summary
2 Einleitung / Forschungsstand
3 Quellen zu Milchproduktion und Milchmarkt
4 Milchmarkt und Milchpreise
5 Milchproduktion
6 Möglichkeiten und Grenzen der Vorgehensweise
7 Literatur
1 Summary
Die dürftige Datenlage erschwert die Analyse der wirtschaftlichen Entwicklung der deutschen Milchwirtschaft von 1871 – 1913 in außerordentlicher Weise. Gleichwohl kann festgehalten werden das, ähnlich wie der Getreidemarkt, auch der Markt für Milch nicht völlig von Schwankungen verschont blieb. Von kurzfristigen, im Wesentlichen wohl meteorologisch verursachten Schwankungen des Angebots abgesehen, ist aber eine kontinuierliche Aufwärtsentwicklung von Produktion und finanziellem Ertrag zu konstatieren. Die Preissteigerungen für landwirtschaftliche, aber andere Produkte im Gefolge der Zollerhöhungen von 1906 suggerieren ein erhöhtes Wachstum ab diesem Zeitpunkt, die Berücksichtigung der nach der Jahrhundertwende zu beobachtenden inflationären Tendenzen der gesamten Volkswirtschaft relativiert diese Beobachtung aber. Insbesondere die markante, krisenhafte Entwicklung der Milchwirtschaft in den frühen 90ger Jahren des 19. Jahrhunderts hatte in der Gründung des Bundes der Landwirte allerdings langfristige Folgen.
2 Einleitung / Forschungsstand
Trotz der großen und im Zeitverlauf größer werdenden ökonomischen Bedeutung des Marktes für Milch und ihren weiteren Verarbeitungen (Butter, Käse…) existieren zwar zahllose zeitgenössische Veröffentlichungen zu diesem Thema, aber die neuere historische Forschung hat sich, wohl auch auf Grund der mangelhaften Quellenlage, nur selten systematisch mit diesem Thema beschäftigt.1 2 Dabei ist die Relevanz, gerade auch bei volkswirtschaftlichen Betrachtungen, unübersehbar. Schon Bittermann geht von einem Anteil der Milchwirtschaft von 25 % an der Nettoproduktion der Landwirtschaft aus, ebenso berücksichtigt Hoffmann, häufig auf der Grundlage nahezu tollkühner Konstruktionen, die Milchproduktion beim Versuch seiner historischen Volkswirtschaftliche Gesamtrechnung und auch Grant konstatiert in jüngerer Zeit Unsicherheitsgrade, die man eigentlich nur mit dem Satz zusammenfassen kann: Ich weiß es doch auch nicht !3
Bei der Berechnung der Brutto- bzw. Nettoproduktion an Milch durch die deutsche Landwirtschaft sind letztlich für die jeweiligen Zeitpunkte oder -räume 3 Fragen zu klären:
- Wie viele Milchkühe gab es im Deutschen Reich
- Wie hoch war die durchschnittliche Milchproduktion eines Tieres
- Welchen Preis konnten die Produzenten erzielen
Zu diesen drei Komplexen existieren, in deutlich differierender Genauigkeit und Verwertbarkeit, regional außerordentlich differenziert, eine ganze Reihe von Quellen und statistischen Zahlenwerken. In der Folge wird also in Kapitel 3 ein Überblick über die genaue Quellenlage zu den 3 Fragekomplexen versucht, in Kapitel 4 werden dann der Milchmarkt und in diesem Zusammenhang auch die Milchpreise in ihren, auch regionalen, Besonderheiten beleuchtet. Im Kapitel 5 wird dann versucht die Gesamtproduktion von Milch von 1871 bis 1913 zu berechnen, Kapitel 6 ist es dann vorbehalten, die Möglichkeiten und Grenzen der geschilderten Vorgehensweise zu diskutieren.
3 Quellen zu Milchproduktion und Milchmarkt
Zahl der Tiere
Die landwirtschaftlichen Viehzählungen erfolgten im Deutschen Reich bis zur Jahrhundertwende nur sporadisch. Reichsweite Viehzählungen wurden 1873, 1883, 1892, 1893 als Teilzählung, 1897, 1900, 1904, 1907 und 1913 durchgeführt, also insbesondere in den ersten beiden Jahrzehnten des Deutschen Reiches nur etwa alle 10 Jahre. Nach der Jahrhundertwende haben einige bedeutende Flächenstaaten darüber hinaus zusätzliche eigene Viehzählungen vorgenommen:
Preußen zusätzlich 1902 und ab 1906 jährlich, Sachsen 1906 – 1911 jährlich, vor allem aber liegen für Baden seit 1871 lückenlose Viehzählungen für alle Hauptvieharten vor. (Rinder, Schweine, Pferde, Schafe und darüber hinaus auch Ziegen). Mit Hilfe der preußischen Daten ist es möglich hinreichend repräsentative Hochrechnungen für den Viehbestand des Deutschen Reiches ab der Jahrhundertwende vorzunehmen, während im Zeitraum zuvor die Zahl der Tiere zunächst nur interpoliert werden kann. Das ist umso problematischer, als an Hand der badischen Daten, die für das Deutsche Reich auf Grund der mangelnden Repräsentativität der badischen Landwirtschaft keinesfalls einfach hochgerechnet werden können, gezeigt werden kann, das ein unmittelbarer Zusammenhang von Heuernte und Rinderbestand existierte.4
Abb. in Leseprobe nicht enthalten
Man kann den Zusammenhang von Heupreisen bzw. Heuernten und Viehbestand in vielen Jahren unmittelbar erkennen. Gleichwohl kann es bei dieser monokausalen Erklärung von Schwankungen des Milchviehbestandes kaum bleiben. Auch die Seuchengänge der Maul- und Klauenseuche haben, nachweisbar seit der systematischen Erfassung seit Mitte der 80ger Jahre, unmittelbare Auswirkungen auf die Zahl der Rinder gehabt:5
Abb. in Leseprobe nicht enthalten
Wichtig ist es an dieser Stelle festzuhalten, dass eine einfache Interpolation der Daten zwischen den Viehzählungen zu fehlerhaften Ergebnissen relevanten Ausmaßes führen würde und daher zu vermeiden ist.
Milchleistung
Es existieren keine amtlichen Messungen über die Milchleistung von Kühen im Deutschen Reich für den Zeitraum von 1871 bis 1913. Die zunehmende Bedeutung der Milch- und Butterproduktion führte ab der Jahrhundertwende zur Gründung einer Vielzahl von als „Kontrollverein„ firmierenden, in der Regel genossenschaftlich organisierten Bestrebungen, die neben der Kontrolle der Milchleistung auch die möglichst rationelle Milchproduktion bzw. ihre Steigerung zum Ziel hatten.6 Auch die Entwicklung der Milchleistung von Kühen auf Versuchsgütern wurde vielfach, teilweise schon ab Mitte der 80ger Jahre, aufgezeichnet.7
Es ist naturgemäß zu vermuten, dass die Milchleistungsergebnisse, die in diesem Zusammenhang gemessen wurde, nicht dem durchschnittlichen Milchertrag im Deutschen Reich entsprachen, sondern deutlich höher gewesen sein sollten. Ohnehin sind solche Aufzeichnungen, insbesondere für die Periode von 1871 bis 1890, nicht in großer Breite überliefert.8
Abb. in Leseprobe nicht enthalten
Obwohl es eine ganze Reihe von zeitgenössischen Hinweisen über den Zusammenhang von Größe der jährlichen Heuernte und dem jeweiligen Milchertrag gibt, lässt sich an Hand der vorhandenen kursorischen Daten für das Deutsche Reich ein unmittelbarer, berechenbarer Zusammenhang von Schwankungen des Milchertrags und Heuernte nicht beweisen, wobei allerdings die Trendlinien der langfristigen Entwicklung deutliche Analogien aufweisen.9 10 Anders als bei der Schweinezucht, bei der sich die Produktion durch umfangreiche Importe von Futtermitteln schon vor der Jahrhundertwende von Ernteergebnissen unabhängig machen konnte, war eine solche Loslösung im Bereich der Milchviehhaltung wegen des unabweisbaren Rauhfutterbedarfs so nicht möglich, sodass die jeweilige Heuernte als Einflussfaktor für die Höhe der Milchproduktion mit in Rechnung gestellt werden muss.
Preise
Die Unterscheidung zwischen Großhandelspreisen, Einzelhandelspreisen und Erzeugerpreisen, wie sie noch Hoffmann in seiner Veröffentlichung unbesehen vornimmt, ist für den Milchmarkt bis 1913 nicht unproblematisch. Zeitgenössisch wird in der Regel zwischen Einzelhandelspreisen und Produzentenpreisen unterschieden, ein Großhandel mit Milch selbst ist aus Gründen der mangelnden Haltbarkeit aus nahe liegenden Gründen nicht wirklich möglich. Im städtischen und vor allem großstädtischen Umfeld bildeten sich vermittelnde Handelsorganisationen, die als Großhandel bezeichnet werden können, aber eine wirkliche Pufferfunktion in zeitlicher bzw. mengenmäßiger Dimension zwischen Produzenten und Einzelhandel konnten diese Unternehmen in der Regel nicht leisten.11
Das gilt selbstverständlich nicht für die Weiterverarbeitungen von Milch (Butter, Käse etc.).12
Zu unterscheiden sind also Informationen über Einzelhandels- und Großhandelspreisen bzw. Produzentenpreisen. Zu Großhandelspreisen existieren nur einige wenige langfristige Preisreihen über den gesamten Betrachtungszeitraum, etwa aus dem Allgäu und Ostpreußen, also sehr marktfernen Regionen mit sehr spezifischer Produktionsstruktur.13 Ergänzt werden können diese Daten durch vorhandene städtische Abnahmepreise von großen Milchhandelsorganisationen für Berlin und Hamburg.14 Darüber hinaus sind einige regionale Verwertungspreise von Molkereien überliefert, die aber zum einen nicht den gesamten Beobachtungszeitraum abdecken und zum anderen wegen der unklaren Vertragslage in Bezug auf die Rücklieferung von Magermilch kaum verwertbar sind.15
Ein wirklich repräsentativer Erzeugerpreis ist auf dieser Datenbasis kaum ermittelbar.
Zusätzlich existieren eine ganze Reihe von Angaben über Verbraucherpreise.16 In jeder Hinsicht vorbildlich ist in diesem Zusammenhang die bayrische Statistik, die seit den frühen 70ger Jahren zunächst nur einzelne, später landesweite Aufzeichnungen über lokale Milchpreise zur Verfügung stellt und darüber hinaus auch Zusammenfassungen z. B. auf Regierungsbezirksebene vornimmt.17
Auch für das Königreich Württemberg liegen für eine Reihe von Gemeinden kontinuierliche Preisreihen ab 1871 vor, für Hessen berichtet das Statistische Jahrbuch für eine ganze Reihe von Jahren die Landesdurchschnittspreise, das gleiche gilt für Baden ab 1897.18 Für alle anderen Gebiete nördlich der Mainlinie liegen nur vereinzelte Notierungen vor, so dass die Repräsentativität der Verbraucherpreise für Milch in regionaler Hinsicht problematisch ist. Für eine ganze Reihe von Kommunen verbessert sich die Datenlage ab 1890.19
Hoffmann hat in seiner Berechnung der Nettoproduktion der Landwirtschaft nur Milchpreise berücksichtigt, die Preise für weiterverarbeitete Produkte aber nicht betrachtet.20 Darüber hinaus verwendete er ausschließlich die Daten eines einzigen milchverarbeitenden Betriebes im Allgäu und übersah daneben auch noch die Relevanz von Rücklieferungen von Magermilch an die Produzenten. Das ist angesichts der Notwendigkeit in marktfernen Regionen durch die Weiterverarbeitung zu Butter oder Käse, teilweise in den bäuerlichen Betrieben selbst, Marktfähigkeit überhaupt erst herzustellen, verfehlt.
Einzelhandelspreise für Butter stehen fast für das gesamte Deutsche Reich seit Beginn der 70ger Jahre zur Verfügung.21 Die größten Großhandelsmärkte für Butter, teilweise auch mit internationalem Bezug, waren in Deutschland Berlin, Hamburg, Köln und Kempten.22 Für alle genannten Orte außer Köln liegen langjährige Großhandelspreisreihen vor.23 Schon jetzt sei aber darauf hingewiesen, dass sowohl für die Einzelhandelspreise als auch für Großhandelspreise die mangelnde Homogenität des Produktes Butter und die problematischen Methoden und Bedingungen der Preisfeststellung für die Bewertung von Preisentwicklungen hinderlich ist.
Preisreihen für Käse fehlen fast vollständig.24
4 Milchmarkt und Milchpreise
Trinkmilch
Die Agrarmärkte im Deutschen Reich wiesen sehr differenzierte Strukturen auf. Während für einige Produkte die Existenz eines uneingeschränkter Weltmarktes zu konstatieren ist (Weizen, Mais ), andere sich als national beschreiben lassen (z.B. Schweinefleisch), sind die Märkte vieler großvolumiger Produkte weiterhin als eher lokal oder allenfalls regional zu charakterisieren.25 Der Markt für Milch und Milchprodukte ist in dieser Hinsicht als hybrid zu bezeichnen. Der Markt für Trinkmilch entwickelte sich, analog der zunehmenden Verstädterung des Deutschen Reiches, von einem lokalen hin zu einem regionalen Markt, der nur in extremen Ausnahmefällen, häufig eher temporär, einen nationalen oder gar internationalen Bezug aufwies.26
Allerdings kann bei der Versorgung der Städte mit Trinkmilch nicht wirklich von einem Markt im klassischen Sinne gesprochen werden. Vielfältige Formen der Organisation von Märkten waren an der Tagesordnung. Neben lokalen, monopolartigen Organisationen (z. B. Bolle in Berlin und Pfund in Dresden), Zusammenschlüssen von Produzenten und Händlern, sowohl Kleinhändlern, als auch „Großhändlern“, die sich im Zusammenhang mit der Preisfestlegung vielfach „ Milchkriege“ lieferten, spielten auch die Kommunen, insbesondere bei der Regulierung und Überwachung des Milchhandels, eine dominierende Rolle.27
In räumlicher Hinsicht dominierte das Stadt-Land-Gefälle der Preise. Im städtischen Kontext waren kurz vor dem ersten Weltkrieg Endverbraucherpreise in Großstädten um ca. 4 – 6 Rpf, also 20 – 30 % höher als in ländlichen Regionen, was wesentlich der komplexeren Produktions- bzw. Lieferungsstruktur geschuldet war.28
Die vorhandenen Preisreihen erlauben es nicht, für das gesamte deutsche Reich sichere Aussagen über das Maß an Markt- und damit Preisintegration zu machen, allerdings deuten die vorhandenen Kartendarstellungen über die Einzugsbereiche der städtischen Milchmärkte auf immer größer werdende Einzugsbereiche hin. Für Bayern kann die beginnende Überschneidung städtischer Milchmärkte konstatiert werden.29 30
Abb. in Leseprobe nicht enthalten
Bestätigt wird die These der sich entwickelnden Marktintegration auch bei Trinkmilch durch die Statistik der Milchpreise in den bayrischen Bezirken. Der Variationskoeffizient sinkt seit Beginn der vollständiger werdenden Aufzeichnungen 1880 von 0,125 auf 0,75 (1913). Zeitlicher Schwerpunkt der Entwicklung ist die Zeit nach 1908. Der Variationskoeffizient von Trinkmilch unterscheidet sich seit dieser Zeit zwar immer noch deutlich von denen anderer, international gehandelter, landwirtschaftlicher Produkte wie z.B. Weizen, erreicht aber doch ähnliche Dimensionen, wie sie etwa bei Kartoffeln zu konstatieren sind.31
Butter
In Bezug auf den Umfang der Produktion von Butter gibt es eine ganze Reihe von Annahmen, die erhebliche Unsicherheitsgrade aufweisen. Zusammenfassend kann folgende Entwicklung als wahrscheinlich angenommen werden:32
Abb. in Leseprobe nicht enthalten
In diesem Zusammenhang sind zwei sich widersprechende Tendenzen zu konstatieren. Die deutlich zunehmende Zahl der Molkereien bzw. Molkereigenossenschaften deutet auf eine zunehmende Externalisierung und Professionalisierung der Vermarktung und Weiterverarbeitung von Milch hin – 1910 gab es z. B. immerhin 3382 Molkereigenossenschaften, während die deutliche Zunahme des Besitzes von Milchzentrifugen in landwirtschaftlichen Betrieben (1895: 87987, 1907: 336.906, 1913: (extrapoliert) 461.366) auf eine weit verbreitete bäuerliche Produktion und damit auch lokale Vermarktung von Milchprodukten schließen lässt.33
Es ist wahrscheinlich das, insbesondere in den bäuerlichen Betrieben, der Butter- aber auch der Käseproduktion bei Ertragsschwankungen eine Pufferfunktion zukam.
Bedauerlicherweise weist die Eisenbahnstatistik – nur dieses Verkehrsmittel kommt für den überregionalen Transport von Butter oder Käse in Frage – keine gesonderten Daten zu Milchprodukten aus, sodass die Informationen über das Volumen des überregionalen Handels mit Butter nur vergleichsweise fragmentarisch vorliegen.
Diese Lücke kann die Außenhandelsstatistik allerdings teilweise schließen:34
Abb. in Leseprobe nicht enthalten
Es wird deutlich, dass es schon in den frühen 70ger Jahre eine Außenhandelsinfrastruktur gegeben hat, die ihren Reflex auch im innerstaatlichen Handel gehabt haben muss. Die Butterbörse in Hamburg und ihre vielfältigen Beziehungen zur Landwirtschaft in Holstein und Schleswig ist dafür z. B. ein prominentes Beispiel.35 Der Außenhandel verändert sich aber im Zeitverlauf deutlich, während das Deutsche Reich bis Ende der 80ger Jahre Nettoexporteur von Butter war und bis Mitte der 90ger Jahre noch eine ausgeglichene Handelsbilanz vorlag, so wandelte sich das Bild bis zu 1. Weltkrieg deutlich. 1913 importierte das Deutsche Reich, trotz des Butterzoll in Höhe 7 bis 9 % des Warenwertes, mit über 54.000 t immerhin deutlich über 10% des Gesamtverbrauchs an Butter und wurde nach Großbritannien zum zweitwichtigsten Importeur weltweit.36 Auch wenn man davon ausgehen kann, das der ländliche und kleinstädtische Raum von diesen Importen deutlich weniger berührt wurde als der großstätische Raum, so ist doch von einer zunehmenden Marktdurchdringung auf dem Buttermarkt auszugehen.37
Abb. in Leseprobe nicht enthalten
Diese Marktintegration findet ihren Widerhall in der Preisentwicklung. Der Variationskoeffizient für bayrische Einzelhandelsbutterpreise (Bezirksvergleich) sinkt von 1880 – 1913 von 0,069 auf 0,041und für das Deutsche Reich (1871: 0,078, 1910: 0,048) kann dann eine analoge Entwicklung sogar seit 1871 konstatiert werden, sofern man die problematischen Angaben zu Butterpreisen in Ostpreußen nicht berücksichtigt.38
Die Großhandelspreise von Hamburg, Berlin und München gleichen sich, mit dem Schwerpunkt nach 1890, immer mehr an. Auf der anderen Seite bleiben zwischen den Nachfragezentren und den regionalen Schwerpunkten der Produktion erhebliche Preisdifferenzen bestehen. So weist Hamburg im Jahr 1890 einen durchschnittlichen Großhandelspreis von 101,1 RM/50 kg aus, Berlin von 107,9 RM/50 kg und Kempten von 87,43 RM/50 kg, für 1909 sind die entsprechenden Zahlen 121,5 RM/50 kg (Hamburg und Berlin) und 103,9 RM/50 kg (Kempten).39
In wie weit Preisdifferenzen zwischen den Regionen auch noch nach der Jahrhundertwende auch auf Qualitätsunterschiede bei den verwendeten Notierungen zurückzuführen sind, ist allerdings kaum abschließend zu sagen. Mindestens beim Berliner Butterpreis verschwinden etwa seit der Jahrhundertwende die Preisdifferenzen der verschiedenen Qualitätsstufen, was für eine Homogenisierung bzw. Standardisierung des Produktes spricht.40 41
Abb. in Leseprobe nicht enthalten
Anders als bei Trinkmilch, bei der jährliche Vereinbarungen über die Höhe der Preise zwischen Produzenten und Verbraucher mindestens im städtischen Kontext dominieren, sind die jahreszeitlichen Schwankungen der Butterpreise, auch international, ausgeprägt. Die höhere Milchmenge im Frühjahr und Sommer führt regelmäßig zu deutlich sinkenden Großhandelspreisen, im Allgäu wird in diesem Zusammenhang von regelrechten Winter- und Sommerpreisen für Milch berichtet.42
Käse und Milchnebenprodukte 43
Preise für Käse liegen nur sehr sporadisch und lokal vor, die Importpreise beziehen sich häufig auf besonders hochwertige Käsesorten, sodass sinnvolle Preisbetrachtungen im Vergleich zu Inlandspreisen kaum möglich sind. Es deutet sich an, dass die Preise für Käse analog den Preisen für andere Milchprodukte deutlich gestiegen sind, eine Differenzierung der Entwicklung zwischen Hart- und Weichkäse, Hartkäse stieg seit der Jahrhundertwende deutlich im Preis, während bei Weichkäse diese Entwicklung so nicht festzustellen ist, ist wahrscheinlich notwendig.
Ökonomisch bedeutsam ist der Markt für Magermilch. Kuczynski geht in diesem Zusammenhang von einer „Produktion“ von Magermilch in Höhe von 1,76 Mill t kurz vor dem ersten Weltkrieg, eine ähnliche Menge sei zu Käse verarbeitet worden.44 In einer Untersuchung aus dem Jahr 1912 geht Knoch von Verwertungspreisen von Magermilch in Höhe von 7 – 8 Rpf/l aus, eine Zahl die durch Angaben aus durch die parallelen Angaben zu Milch und Magermilch aus den Städten Dresden (1894 – 1913) und Königberg (1902 – 1908) bestätigt wird. Der Restwert der Magermilch betrug, sofern der entsprechende Markt vorhanden war, also zwischen 45 und 50 % des Ursprungswertes.45
5 Milchproduktion
Abb. in Leseprobe nicht enthalten
Obige Darstellung ist entstanden aus den Daten von Wagner zur Anzahl der Milchkühe in Relation zum Gesamtviehbestand, einer Korrektur der Daten für die Seuchengänge der frühen und späten 90ger Jahre und einer Anpassung auf Grundlage der zusätzlichen länderspezifischen Viehzählungen seit der Jahrhundertwende. Es fehlt die Korrektur um die Auswirkungen von Schwankungen der Heuernte.46 47
Abb. in Leseprobe nicht enthalten
Setzt man die jährlichen Schwankungen der Heupreise und des Rinderbestandes in Baden miteinander in Beziehung so wird deutlich ein, dass sich die Schwankungen, mindestens bis zur Jahrhundertwende, auch unter Berücksichtigung der erwartbaren Time-lags, ungefähr im Verhältnis von 1:5 verhalten, also bei einem um 10 % erhöhtem Heupreis ist von einem ca. 2 % geringeren Rinderbestand auszugehen. In wie weit in diesem Zusammenhang auch die Quote von Milchvieh im Verhältnis zum Gesamtbestand an Rindern schwankt ist statistisch nicht festzustellen, man kann aber unterstellen, dass bei einem Mangel an Rauhfutter der Milchviehbestand in unterdurchschnittlichem Maße zurückgeht. Darüber hinaus sollten die badischen Verhältnisse auf das Deutsche Reich übertragbar sein.48
Abb. in Leseprobe nicht enthalten
Korrigiert man die geschätzte Anzahl der Milchkühe um den oben genannten Faktor so wird deutlich, dass neben den immerhin relevanten Schwankungen der Milchviehbestände in den 70ger Jahren vor allem der starke Einbruch in den Jahren 1893 und 1894 auffällt. Die ohnehin unterstellten Effekte der Maul- und Klauenseuche wurden nochmal verstärkt durch die schlechte Heuernte bzw. durch die hohen Heupreise.49
Abb. in Leseprobe nicht enthalten
Auch in dieser Modelrechnung wird ein Faktor von Ernte- bzw. Preisschwankungen und Schwankungen der Milchmenge/Kuh von 0,2 unterstellt. In vielen Jahren ist der erwartbare time-lag zwischen Ernteertrag und Preisschwankung feststellbar. Zum Ende der Beobachtungsperiode scheint sich der Zusammenhang von Ernteertrag und Preisschwankungen zu verlieren, die berechneten Schwankungen der Milchmenge scheinen nach Korrektur durch schwankende Ernteerträge deutlich höher zu sein, als bei Korrektur durch sich verändernde Preise.50 51
Abb. in Leseprobe nicht enthalten
Die Trends der Entwicklung der Milchproduktion von Hoffmann, meiner Schätzung aus dem Jahr 2019 und die aktuelle Schätzung sind sehr ähnlich. Allerdings gelingt es bei Berücksichtigung der Heuernten die doch relevanten Schwankungen der Milchproduktion, inklusive des bedeutenden Einbruchs der Jahre 1893 und 1894, in den Blick zu bekommen. Die zunehmenden Differenzen meiner Berechnungen zu den hoffmannschen, beginnend mit dem Jahr 1904, beruhen im Wesentlichen auf unterschiedlichen Annahmen zur Milchleistung von Kühen.
Preise
Die methodischen Herausforderungen bei der Berechnung eines reichsdurchschnittlichen Großhandels- bzw. Erzeugerpreises für Milch sind angesichts der zur Verfügung stehenden Daten evident. Hoffmann hat sich in diesem Zusammenhang dazu entschlossen, die Daten eines einzigen Betriebes als repräsentativ zu bewerten, andere zur Verfügung stehende Datenreihen, etwa eine weitere aus dem Allgäu, aus Ostpreußen, aber auch Notierungen aus Großstädten kannte er offensichtlich nicht.52 Darüber hinaus bleibt unklar, ob er die von ihm dokumentierten „Großhandelspreise“ noch um weitere 20 % reduzieren wollte um sie als „Erzeugerpreise“ zu verwenden, wie er es im Text angekündigt hat.53 Bei der Berechnung der Einzelhandelspreise, in diesem Zusammenhang rechnet er alle Milchprodukte auf Milch zurück, konstruiert er einen virtuellen Einzelhandelspreis für Milch, der eingestandenermaßen deutlich unter den aus dem städtischen Kontext bekannten Preisen liegt.54
Will man die in deutlich größerer Breite vorhandenen Einzelhandelspreise für Milch in die Betrachtung mit einbeziehen, sind folgende Überlegungen relevant:
1910 wurden in der Milchzeitung Daten des Frankfurter statistischen Amtes veröffentlich. Gegenstand waren die Preisangaben zu Produzentenpreisen und Einzelhandelspreisen in 24 deutschen Großstädten.55 Für die Monate März und April des Jahres 1910 wurden Produzentenpreise von durchschnittlich 14,9 Rpf ermittelt und Einzelhandelspreise von 20,7 Rpf, die Preisspanne betrug also 5,8 Rpf. pro Liter.
Es ist plausibel davon auszugehen, dass in kleineren Städten bzw. auf dem Land diese Preisspanne auf Grund der deutlich weniger komplexen Lieferwege und Handelsstrukturen deutlich geringer war, im dörflichen Bereich ist davon auszugehen, dass es einen geordneten, an Läden gebundenen Handel mit Milch gar nicht gab, Großhandelspreis, Einzelhandelspreis und Erzeugerpreis also zusammenfielen. Das gilt auch insgesamt für die Zeit vor 1910. Die deutlich kleineren Milcheinzugsbereiche der noch wesentlich bevölkerungsärmeren Städte deuten auf mutmaßlich geringere Preisspannen vor der Jahrhundertwende hin.56
Abb. in Leseprobe nicht enthalten
Für den 30 jährigen Durchschnitt die geht die bayrische Statistikbehörde 1913 von Einzelhandelspreisen von Milch von 15,5 (Städte bis 5000 Einwohner), 15,6 (Städte von 5.000 bis 10.000 Einwohner, 17,3 (Städte von 10.000 bis 20.000 Einwohner), 17,4 (Städte von 20.000 bis 50.000 Einwohner und 18,4 (Städte über 100.000 Einwohner) aus, also Differenzen von maximal 2,9 Rpf./Liter.57 Ausweislich der obigen Darstellung sollte sich dieser Unterschied kurz nach der Jahrhundertwende auf etwas über 2 Rpf./Liter reduziert haben.58
Abb. in Leseprobe nicht enthalten
Die Hamburger und Berliner Preise repräsentieren lokale Großstadtankaufspreise für Trinkmilch, während die Allgäuer und Königsberger Preise eher für Großhandelspreise im Zusammenhang mit Butter- bzw. Käseproduktion stehen. Neben der beobachtbaren Differenz zwischen den Preisen fällt insbesondere auf, dass sich diese Differenz ab dem ersten Jahrfünft des neuen Jahrhunderts deutlich verringert. Diese Entwicklung korrespondiert mit den zunehmenden Butterimporten seit der Jahrhundertwende und der damit einhergehenden zunehmenden Wirksamkeit des Butterzolls ab diesem Zeitpunkt.59 Gleichwohl bleibt es bei der differierenden Rentabilität der Milchproduktion abhängig vom Vermarktungsweg. Die starken Schwankungen der Allgäuer Preise sind auch Resultat der großen Zahl an Nachfragern für „Werkmilch“ durch zahllose Neugründungen von Molkereien.60
Zur Berechnung eines durchschnittlichen Einzelhandels- bzw. Großhandelspreis auf Reichsebene kann nun so vorgegangen werden, dass die bekannten, bedauerlicherweise im Wesentlichen Süddeutschen Notierungen in Bezug auf Einzelhandelspreise zum einen durch einen größer werdenden Abschlag zu Großhandels- bzw. Erzeugerpreise (Produzentenpreisen) zurückgerechnet werden. Da die Verwertung im Rahmen der Butter- bzw. Käseproduktion stets, aber im Zeitverlauf geringere Abschläge notwendig macht, wird auch hier ein korrigierender Faktor in Rechnung gestellt.61
Die Einzelhandelspreise können allerdings nicht in allen Fällen unbesehen zur Berechnung herangezogen werden:62
Abb. in Leseprobe nicht enthalten
Landesdurchschnittspreise wurden bis 1913 immer nur als arithmetisches Mittel berechnet, der Münchner Preis für Trinkmilch hat also einen genau so großen Einfluss auf die Berechnung des Landesdurchschnitts wie sehr viel kleinere bayrische Orte. Allerdings wird der Milchpreis in allen Fällen auch immer ohne Berücksichtigung der dörflichen Verbraucher berechnet. Im Regelfall nimmt die Zahl der berücksichtigten kleineren Orte im Zeitverlauf zu, sodass auch diese Entwicklung bei der Berechnung reflektiert und ggf. korrigiert werden muss.
Die bayrischen Daten werden daher erst ab 1880 unbesehen übernommen. Für den Zeitraum von 1875 bis 1879 werden die Landesdurchschnittszahlen wegen des durch die Vermehrung der Zählorte hervorgerufenen deutlichen Preissprunges von 1879 auf 1880 korrigiert und für den Zeitraum von 1871 bis 1874 liegen nur die Münchner und Nürnberger Zahlen vor, deren Mittelwert durch den gleichen Abschlag reduziert wird. Die Daten bis 1880 sind also deutlich weniger valide als die Zahlen von 1880 – 1913.
Die Hessischen Landesdurchschnittspreise liegen nur von 1878 – 1907 vor. Im gesamten Zeitraum beträgt die Differenz zum bayrischen Landesdurchschnitt im Mittel – 0,73 Rpf/l. Dieser Unterschied wird auch bei den fehlen statistischen Angaben unterstellt.
Für das Großherzogtum Württemberg liegen Daten über den gesamten Zeitraum für die Städte über 20.000 Einwohner vor und zusätzlich Daten von 1896 – 1912 für den Landesdurchschnitt. Diese letztgenannten Daten werden übernommen, und die anderen um den durchschnittlichen Unterschied in Höhe von 2,1 Rpf/l korrigiert.
Die Daten aus Oldenburg, hier liegen, vielfach in 5 Jahres- Abständen, Daten aus nur wenigen Orten vor und die Badener Daten, erhoben erst seit 1897, gehen nicht in die Berechnung ein und haben nur illustrierenden Charakter, bestätigen aber die Richtigkeit der Berechnungen.
Für die deutliche Differenz der Daten aus dem Großherzogtum Württemberg im Vergleich zu allen anderen Zahlenreihen, verstärkt noch durch die Korrektur der Daten wegen der notwendigen Berücksichtigung des Preisgefälles von großen und kleinen Kommunen gibt es keine naheliegende ökonomische Erklärung. Sie muss aber hingenommen werden.63
Abb. in Leseprobe nicht enthalten
Bei dieser an Einzelhandelspreisen für Trinkmilch orientierten Art der Berechnung werden Schwankungen von Preisen nur unzureichend reflektiert. Eine Reaktion auf unterschiedliche Ernteausfälle ist z. B. nur für die Jahre 1893/94 feststellbar. Auch die Preisbewegungen der mindestens partiell vom europäischen Markt beeinflussten Butterpreise gehen nur bedingt in die Darstellung ein. Allerdings sind die Unsicherheiten auf den anderen Teilmärkten für Milchprodukte, auch und besonders im Hinblick auf mutmaßlich schwankende Größe der Teilmärkte, aber auch was Mengen und Preise auf dem Käsemarkt angeht, so erheblich, das diese Vorgehensweise geraten erscheint.64 Klar ist, dass auf diese Weise alle Tätigkeiten, die in landwirtschaftlichen Betrieben zur Vermarktung von Milch oder Milchprodukten dienen, aus dem Blick geraten - die große Anzahl von Milchzentrifugen zur Butterproduktion in landwirtschaftlichen Betrieben wurde ja schon erwähnt.
Abb. in Leseprobe nicht enthalten
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Abb. in Leseprobe nicht enthalten
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Die beiden Berechnungsmethoden zur Feststellung der Nettoproduktion, zum einen mittels separater Betrachtung der Teilmärkte, zum anderen durch einfache Berechnung des Wertes der Milch, führen zu sehr ähnlichen Ergebnissen, die Trendlinien sind nahezu identisch, und stützen sich daher. Mittels der Berücksichtigung von Faktoren, die schwankende Milchproduktion nach sich ziehen, ist es allerdings möglich, die Volatilität der Nettoproduktion deutlicher herauszuarbeiten. Insbesondere die sich negativ überlagernden Effekte der Seuchengänge und schlechten Heuernten der frühen 90ger sorgten für eine pointierte, kurzfristige, krisenhafte Entwicklung auf dem Milchmarkt. Nach beiden Berechnungsmethoden bildet die Jahrhundertwende scheinbar eine deutliche Zäsur. Die nominelle Wachstumsrate der Milchproduktion stieg dauerhaft bis zum 1. Weltkrieg. Die Berücksichtigung der inflationären Tendenzen nach der Jahrhundertwende macht aber deutlich, dass diese Entwicklung keine Entsprechung im realen Wachstum hatte. Die Trendkanäle von nomineller und realer Entwicklung sind nahezu identisch.
Die exceptionelle Steigerung der Nettoproduktion in den Jahren 1912 und 1913 beruht auf einer Kombination von sehr guten Heuernten und stabilen, teilweise sogar noch steigenden, Milchpreisen.
6 Möglichkeiten und Grenzen der Vorgehensweise
Bei problematischer, historischer Datengrundlage sind Berechnungen von Nettoproduktion niemals mit der Sicherheit vorzunehmen, die moderne volkswirtschaftliche Gesamtrechnung als Standard definiert hat. Allerdings kann die möglichst genaue Kenntnis und Berücksichtigung von Markt- und Produktionsbedingungen zu deutlich besseren Ergebnissen führen als jede bloß an mathematischen Modellen orientierte Vorgehensweise. Die gleichwohl bedeutenden verbleibenden Unsicherheitsfaktoren können nicht wirklich exakt quantifiziert werden.
Konkret: Während man sich dem Problem unsicherer Durchschnittspreise auf dem reichsdeutschen Milchmarkt immerhin soweit nähern kann, dass hinreichend valide Aussagen möglich werden und auch die Schwankungen der Zahl der Milchkühe an Hand der badischen Daten gut berücksichtigt werden können befindet man sich bei den Schätzungen der jeweiligen Leistung/Kuh im gesamten Zeitraum auf extrem unsicherem Terrain.
Als sicher nur ungefähre Annahme wird es richtig sein, die Unsicherheitsfaktoren im Hinblick auf Preise von Milch und Anzahl der Milchkühe auf ca. 5 % zu schätzen, in einigen Jahren vielleicht bis zu 10 %, während die Unsicherheit in Bezug auf den Milchertrag – während des gesamten Zeitraums – eher doppelt so hoch ist. In Bezug auf das Volumen der Gesamtproduktion ergeben sich dadurch maximal mögliche Unsicherheiten von 20 – 30 %, sofern alle Unsicherheitsfaktoren in die gleiche Richtung ausschlagen.
Dieses Maß an Unsicherheit ist allerdings im Kontext der Berechnung von landwirtschaftlicher Produktion von 1871 – 1913 nicht singulär. Während das Volumen und der Wert der pflanzlichen Produktion relativ sicher berechnet werden kann, sind Unsicherheiten bei der Berechnung der Fleischproduktion wegen Unklarheiten bei Qualitätsangaben und Unsicherheiten zur Frage der Repräsentativität von Großhandelspreisen ähnlich hoch wie bei Milch.67
Gleichwohl lohnt sich der Aufwand: Insbesondere die Feststellung einer krisenhaften Entwicklung der Milchwirtschaft in den Jahren 1892 – 1894 korrespondiert mit einer analogen ernteausfall- und welthandelsgetriebenen Entwicklung auf dem Getreidemarkt und führte zusammen mit anderen Faktoren, etwa der Entlassung Bismarcks als Reichskanzler und der Senkung der Agrarzölle im Zeitraum von 1891 – 1894 zur Gründung des Bundes der Landwirte.68 Das Krisenempfinden war keinesfalls auf die Großagrarier Ostelbiens beschränkt und ermöglichte so die Entstehung einer Massenbasis mit großer politischer Durchschlagskraft. Außer bei der Fleischproduktion erweisen sich die frühen 90ger Jahre auch objektiv als für weite Teile der Landwirtschaft problematische Phase, was zur Mobilisierung auch der Eigentümer kleiner landwirtschaftlicher Betriebe wesentlich beitrug.69
7 Literatur
Quellen und statistische Zahlenwerke
Berliner Milch-Zeitung, Herausgegeben im Auftrag des Vereins Berliner Milchpächter, 1893
Statistisches Amt der Stadt Frankfurt, Die Versorgung der Stadt Frankfurt / Main mit Milch und Fleisch in: Beiträge zur Statistik der Stadt Frankfurt / M., Frankfurt/M 1911, S. 3ff
Großherzogliche hessische Zentralstelle für die Landesstatistik (Hrsg.), Statistisches Handbuch für das Großherzogtum Hessen, Darmstadt 1909
ders., Mitteilungen zur Landesstatistik, verschiedene Jahrgänge
Hoffmann, Walther, G., Das Wachstum der deutschen Wirtschaft seit der Mitte des 19. Jahrhundert, Berlin 1965
Jacobs, A., Richter H., Die Großhandelspreise in Deutschland von 1792 – 1934 in:
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[...]
1 Dieser Aufsatz stellt eine Erweiterung und Präzisierung des Kapitels 5.1 meiner Arbeit zu Agrarmärkten und Agrarproduktion im Deutschen Reich von 1871 – 1913 dar.
2 Eine wirklich umfassende Bibliographie zum Thema aus der Sicht des Jahres 1936 liegt vor bei: Winkler, Handbuch, S. 258 – 298. Darüber hinaus liegt für die Dr. Herz-Bibiliothek in Kempten unter http://www.butterkaesebörse.de ein Inhaltsverzeichnis der entsprechenden Bibliothek vor, das schwer zu findende zeitgenössische Literatur enthält. Darüber hinaus sind die Darstellungen zu verschiedenen Aspekten insbesondere der Milchversorgung der Städte Legion. Hingewiesen sei in diesem Zusammenhang besonders auf die Veröffentlichung in den Schriften des Vereins für Sozialpolitik, Band 140 und Altrock, Beiträge. Als aktuellere Darstellung mit teilweise regionalem Fokus sind Reif, Milchproduktion, Comberg, Tierzucht und Blum, Milchwirtschaft zu nennen.
3 Vergleiche Bittermann, Produktion, S. 91, Hoffmann, Wachstum, S. 560, insbesondere seine Berechnung der Nettoproduktion an Hand der Milchpreise eines einzigen Allgäuer Betriebes ist tollkühn zu nennen und auch Grant geht in seiner Arbeit zu Berechnung der Produktion der deutschen Landwirtschaft in Bezug auf die wertmäßige Milchproduktion von einem sehr hohem Unsicherheitsfaktor aus. Vergleiche Grant, Productivity, S. 12f und S. 19 .
4 Statistisches Jahrbuch des Großherzogtums Baden, verschiedene Jahrgänge
5 Statistisches Jahrbuch des Großherzogtums Baden, verschiedene Jahrgänge. Zu den ökonomischen Auswirkungen dieser Seuchengänge vergleiche: Bley, Agrarmärkte, S. 226, besonders Anmerkung 592, und die dort verwendete Literatur.
6 Vergleiche die in der Regel nur regionalen Veröffentlichungen z.B. von: Ströbele, Ergebnisse (Württemberg), Brilling, Herdbuch (Ostpreußen), Dettinger, Kontrollvereine (Rheinland), Werkmeister, Leistungsprüfung (Baden), Friede, Entwicklung (Allgäu) und überregional Hansen, Milchkontrollvereine. Eine zusammenfassende Darstellung liegt vor bei Bley, Agrarmärkte, S. 226ff
7 So zum Beispiel die von Wilhelm Fleischmann wissenschaftlich begleitete Herde in Klein Tapiau. Vergleiche Hahn, Pfennigartikel, S. 50f
8 Bis 1914 liegt die Anzahl der kontrollierten Kühe, mit regionalen Spitzen (Ostpreußen), sicher unter 5 %. Vergleiche Hansen, Milchkontrollvereine, S. 2. Sporadisch wurden auch in der Milch-Zeitung Ergebnisse von Milchleistungsmessungen veröffentlicht. Vergleiche z.B den Artikel von Ableitner , Nr. 185, S. 1906ff. , Milch-Zeitung vom 12.2.1890, S. 125ff , Milch-Zeitung vom 10.11.1894, S. 719,
9 Daten zur Heuernte aus dem Statistischen Jahrbuch des Deutschen Reiches, verschiedene Jahrgänge, Daten zum Milchertrag: Geiger, Molkereiwesen, Wilken, Theorie, Comberg, Tierzucht, Doose, Entwicklung, Sudhoff, Milchviehhaltung,
10 Vergleiche z.B. Milchzeitung, 1909, S. 181ff. Im Artikel werden sowohl Angaben zur Ertragsminderung durch die Maul- und Klauenseuche, als durch den Futtermangel gemacht. Im Extremfall wird von einer Minderlieferung wegen Futtermangels in Höhe von 20 % ausgegangen.
11 Interessant in diesem Zusammenhang auch die Klagen in der Berliner Milch-Zeitung über eine immer wiederkehrende „Milchschwemme“ während der Weihnachtstage. Da die Verbraucher während der Feiertage, auch wegen der geschlossenen Geschäfte, keine Milch abnahmen und Großhändler, anders als Molkereien, keine anderweitigen Verwertungsmöglichkeiten für die verpflichtend abzunehmende Milch blieben, war die Verwertung für reine Großhandler regelmäßig ein Problem. Vergleiche Berliner Milch-Zeitung, 1893, S. 412
12 Den Begriff Produzentenpreise verwenden z. B. Arnoldi, Milchversorgung,
13 Luible, Käseerzeugung (Allgäu) , Geiger, Molkereiwesen, Jacobs/Richter, Großhandelspreise (Allgäu), Arnoldi, Milchversorgung (Königberg)
14 Jahn, Versorgung (Berlin) und Vogt, Versorgung (Hamburg)
15 Vergleiche z.B. Blum, Milchwirtschaft, S.94, Winkler, Genossenschaftsmolkereien, S. 81f
16 Eine sehr gute Übersicht über die offiziellen Notierungen für Butter und Milch bieten Altrock, Beiträge, S. 20ff
17 Königlich Statistisches Landesamt, Milchwirtschaft und ergänzend für die Jahre ab 1910: Beckh, Milchwirtschaft
18 Statistisches Jahrbuch des Königreichs Württemberg, verschiedene Jahrgänge, Statistisches Handbuch des Großherzogtums Hessen, S. 120f
19 Vergleiche: Schriften des Vereins für Sozialpolitik, Bd. 140. Kollmann liefert für das Großherzogtum Oldenburg Daten von 1870 – 1888 in der Regel in 5-Jahres Abständen. Vergleiche: Kollmann, Herzogtum, S. 438
20 Hoffmann, Wachstum, S. 556ff
21 Für Preußen: Preußisches Statistisches Landesamt, Markt- und Kleinpreise, für Bayern vergleiche Anmerkung 14, für Baden: Statisches Jahrbuch des Großherzogtums Baden, für Württemberg (Stuttgart) Statisches Jahrbuch des Königreichs Württemberg. Zusammenfassend zur Quellenlage kurz vor dem 1. Weltkrieg: Altrock, Beiträge, S.20ff
22 Conring, Butterhandel, S. 13. In wie weit Köln tatsächlich noch ein so bedeutender Marktort war, bleibt dahingestellt. Die Milch-Zeitung veröffentlichte über eine Vielzahl von Jahren für das Deutsche Reich kontinuierlich nur aus Berlin, Hamburg und Kempten Marktberichte.
23 Berlin: Jacobs, Richters, Großhandelspreise, S. 58f und für die verschiedenen Butterqualitäten in Berlin, Soxhlet, Kampf, S. 193ff und Feld, Margarineindustrie, Hamburg: Jacobs, Richters, Großhandelspreise, S. 58f , München: Sering, Preisbewegung S. 172 und Statistisches Jahrbuch des Deutschen Reiches, verschiedene Jahrgänge und Kempten: Lindner, Geschichte, S. 521
24 Die noch vollständigsten Daten liefern Luible, Käseerzeugung S. 98ff, im Wesentlichen für das Allgäu und auch mit für in vielen Jahren fehlenden Angaben und Geiger, Molkereiwesen, S. 253f ab dem Jahr 1896.
25 Eine ausführliche Darstellung zu diesem Komplex liegt vor in Bley, Agrarmärkte S. 393ff
26 So sind z.B. im Rahmen des „Berliner Milchkrieges“ Milchtransporte aus Dänemark nach Berlin organisiert worden. Einen anderen Charakter hatten die dänischen Milchtransporte nach Schleswig-Holstein. Sie fanden statt um den deutschen Butterzoll zu umgehen. Vergleiche Teichmann, Politik, S. 548 bzw. Ausschuss, Lage, S. 2
27 Zu unterscheiden ist darüber hinaus, auf welchem Wege die Milch in die Gemeinde gelangte. Sogenannte Wagenmilch wurde vielfach von eigentlich als Transportunternehmen tätigen „Großhändlern „ in die Stadt gebracht – der Milchhandel war dann im Grunde genommen nur ein Zweig eines Transportgewerbes - während Bahnmilch auf Grund des deutlich komplexeren Geschäftsmodells deutlich eher als Gegenstand eines Großhandels angesprochen werden kann. In nicht wenigen Fällen unterschiede sich auch die Preise für diese Milchkategorien. Vergleiche z.B. : Mintrop, Untersuchungen
28 Zur Differenzierung der Preise zwischen Stadt und Land vergleiche für Bayern Bechk, Milchwirtschaft, S. 677, zur Unterschiedlichen Produktionsweise, mindestens für das Ruhrgebiet Reif, Pomp, Milchproduktion, S. 105f. Spiekermann behauptet in seiner Arbeit ein West-Ost bzw. Süd- Nordgefälle von Milchpreisen, das ist allerdings statistisch nicht sicher zu bestätigen. Vergleiche Spiekermann, Geschichte, Anmerkung 60.
29 Vergleiche Bley, Agrarmärkte, Anhang 10.6, Lokale Strukturen der Milchversorgung und Petersilie, Milchversorgung
30 Vergleiche zu den zugrundeliegenden Daten: Königlich Statistisches Landesamt, Milchwirtschaft, S.92f und Beckh, Milchwirtschaft, S.677
31 Berechnet man die Varianz nicht aus den bezirklichen Durchschnitten, sondern aus den Originaldaten, die für den Zeitraum von 1880 – 1909 in genügender Anzahl vorliegen, so sind die Zahlen für 1880 0,188 und für 1909 0,134. Der Variationskoeffizient für Kartoffeln lag im Deutschen Reich 1871 bei 0,227 und 1913 bei 0,196, für Preußen waren die entsprechenden Zahlen 0,238 und 0,201. Vergleiche Statistisches Jahrbuch des preußischen Staates, verschiedene Jahrgänge und die entsprechenden Veröffentlichungen aus Baden, Bayern, Württemberg und Elsass-Lothringen und eigene Berechnungen.
32 Vergleiche Bley, Agrarmärkte, S. 232f
33 Mendelson, Entwicklungsrichtungen, S. 21 und eigene Berechnungen
34 Vergleiche Statistisches Jahrbuch des Deutschen Reiches, verschiedene Jahrgänge
35 Vergleiche z. B. Jaritz, Organisation, S. 19ff
36 Kuczynski, Tierische, S. 108 und Zimmermann, Handbuch, S. 776
37 Vergleiche preußisches und bayrisches statistisches Jahrbuch und eigene Berechnungen
38 Die ostpreußischen Notierungen können als Musterbeispiel für die Feststellungen über Preisentwicklungen bei Veredelungsprodukten dienen. Sie weichen seit 1883 bis 1906, also für über 20 Jahre, in völlig unerklärlicher Weise von den Preisen benachbarter Gebiete (Westpreußen bzw. Pommern) ab, ohne dass dafür eine Ursache genannt werden könnte. Zu vermuten ist, dass die ostpreußischen Behörden andere Qualitätskriterien als die anderen Provinzen verwendet haben, das ist aber nicht letztlich zu beweisen.
39 Vergleiche Milchzeitung vom 7.1.1891 und 5.2.1910. Die Zahlen für Berlin und Hamburg sind berechnet und gemittelt aus den deutlich differierenden Angaben aus Hamburg (vereinigte Butterhändler, Importeure und Exporteure bzw. Handelskammer), Berlin (Karl Mahlo für verschiedene Qualitäten und Markthallendirektion). Die Angaben zu den Kemptener Preisen sind Resultat einer durchaus umstrittenen und von ökonomischen Eigeninteressen geleiteten Kommission von Butterhändlern. Vergleiche: Leichtle, Butter- und Käsebörse. Darüber hinaus macht Leichtle darauf aufmerksam, dass vor dem 1. Weltkrieg im Allgäu die Verwendung von Überpreisen auf Grund der unklaren Qualitätsdefinitionen geradezu üblich war und so die Preisdifferenzen mindestens zum Teil erklären kann.
40 Soxhlet, Kampf, S. 193ff und Feld, Margarineindustrie, S. 154
41 Vergleiche Milchzeitung vom 4.1.1906, S. 2f
42 Geiger, Molkereiwesen, S. 243
43 Vergleiche zum gesamten Komplex Bley, Agrarmärkte, S. 259ff
44 Vergleiche Kuczynski, Versorgung, S. 121
45 Knoch, Magermilch-Verwertung, S.51. Zu den konkreten Zahlen aus den 2 genannten Städten vergleiche Stat. Jahrbuch der Stadt Königsberg 1908, S. 29, Statistisches Jahrbuch der Stadt Dresden, verschiedene Jahrgänge. Meinert kommt für Hamburg zu ähnlichen Zahlen, fügt aber noch Angaben zu „ Halbmilch“ hinzu, die nur wenig unter der von Vollmilch liegen. Vergleiche Meinert, Milchversorgung, S.38 analog der Artikel über den Hamburger Milchmarkt in der Milchzeitung 1890, S. 66 und ähnlich Schöne für Leipzig, Vergleiche Schöne, Milchversorgung, S. 226f Die allerdings nur kursorischen Angaben von Hofmann für Mannheim liegen höher. Vergleiche Hofmann, Milchpreise, S. 641 und 642. Klein geht von Preisen von 5 Rpf/l. (auf dem Land) und 9 Rpf/l. (in den Städten) aus, im Durchschnitt von 8 Rpf/l aus. Vergleiche Klein Milchwirtschaft, S. 248.
46 Vergleiche Bley, Agrarmärkte, S. 224
47 Statistisches Jahrbuch des Großherzogtums Baden, verschiedene Jahrgänge
48 Die berechnete Zeitreihe aus Bley, Agrarmärkte, S. 224 wurde bis 1899 durch 20 % der Schwankungen der Heuernte korrigiert. Nach 1899 lassen die Viehzählungen des Deutschen Reiches bzw. der deutschen Staaten hinreichend sichere Schlüsse auf die Zahl der Rinder zu. Per Bundesratsbeschluss wurde wegen der katastrophalen Futterernte 1893 eine Wiederholung der Viehzählung, die erst am 1.12.1892 stattgefunden hatte, zum gleichen Termin, also zum 1.12.1893 veranlasst, dezidiert zu dem Zweck, die Auswirkungen des Futtermangels auf den Viehbestand zu untersuchen. Die Viehzählung blieb auf Schweine und Rinder beschränkt. Vergleiche die entsprechende Bekanntmachung in der Berliner Milch-Zeitung, 1893, S. 366 bzw. Kuczynski, Grundlagen, S. 63 Die Zahl der Rinder ging im Deutschen Reich nach dieser Zählung insgesamt um 6,7 % zurück, bei den Tieren im Alter unter zwei Jahren betrug der Rückgang 17,1 %. Während einige Regionen von dieser Entwicklung fast komplett ausgeschlossen blieben und bei ihnen insgesamt sogar ein ganz leichter Anstieg der Rinderzahlen zu konstatieren war (Provinz Ostpreußen, Mecklenburg-Strelitz oder Schaumburg-Lippe) ging die Zahl der Rinder z. B. im Königreich Württemberg um 20,1 % zurück, bei den Tieren unter 2 Jahren waren es sogar 28,8 %, in Preußen waren es durchschnittlich 3,2% bzw. 13,4 % in Bayern waren es 10,4 % bzw. 17,9 %. Die gleichfalls gezählten Schweinebestände wuchsen im gleichen Zeitraum reichsweit um 0.3 %. Vergleiche Statistik des Deutschen Reiches, 1894/I, S. 125ff.
49 Vergleiche zur Begründung der Annahmen für die unkorrigierte Kurve: Bley, Agrarmärkte, S. 225ff.
50 Insgesamt ist fraglich, welchen Einfluss der Heupreis, im Unterschied zum Heuertrag, auf den Rinderbestand hatte. Ein sehr wesentlicher Anteil des Marktes für Heu bestand in der Ernährung von deutlich über 2 Millionen Pferden, die nicht in der Landwirtschaft verwendet wurden (Militär, Industrie und besonders Handel), auch ist davon auszugehen, der der Zukauf von Heu schon auf Grund der relativ hohen Preise mindestens in den klein- und mittelbäuerlichen Betrieben immer eine Ausnahme blieb. Zur Anzahl der gewerblich genutzten Pferde vergleiche Bley, Agrarmärkte, S. 217 Zeitgenössisch zu den konkreten Folgen der Maul- und Klauenseuche in einem Betrieb in Sachsen-Altenburg, auch auf den Milchertrag: Milch-Zeitung 21.3.1891, S. 265f. Systematisch untersucht Hoppe die wirtschaftlichen Folgen der Maul- und Klauenseuche. Er beziffert die Schäden für den Zeitraum von 1886 – 1906 auf insgesamt 679,7 Mill RM, davon entfielen 632,1 Mill RM auf den Rinderbestand. In einzelnen Jahren beliefen sich die Verluste nur wegen des Rindviehs auf 129,4 Mill RM (1892) bzw. 162,2 Mill RM (1899). Vergleiche Hoppe, Bedeutung, Tabelle 9 nach S. 54.
51 Hoffmann: Hoffmann, Wachstum, S. 307, Bley. Agrarmärkte: Bley, Agrarmärkte, S. 230. In der nun korrigierten Berechnung wurden die Annahmen über die Schwankungen der Zahl der Kühe und ihre Milchleistung integriert.
52 Vergleiche die Anmerkungen zu Großhandelspreisen in Kapitel 3
53 Hoffmann, Wachstum, S. 558ff
54 Hoffmann, Wachstum, S. 574ff
55 Milchzeitung, 1910, S. 534. Weitere Angaben für das Jahr 1911 in: Statistisches Amt der Stadt Frankfurt, Beiträge, S. 28
56 Vergleiche Königlich statistisches Landesamt, Milchwirtschaft, S. 208ff
57 Vergleiche Beckh, Milchwirtschaft, S.677. Die Daten vor 1880 sind auf Grund der geringen Anzahl dokumentierter Orte kaum repräsentativ und mit den Daten ab 1880 nicht wirklich vergleichbar.
58 Hamburg: Vogt, Versorgung, S. 62f und Gläsel, Entwicklung, S. 13 und eigene Berechnungen, Berlin: Jahn, Versorgung, S. 52 , Allgäu: Geiger, Molkereiwesen, S. 243 und eigene Berechnungen, Ostpreußen: Arnoldi, Milchversorgung, S. 502
59 Vergleiche Bley, Agrarmärkte, S. 255. Die relative Entwicklung der deutschen und Londoner Preise für Butter legt diesen Schluss nahe.
60 Vergleiche Ausschuss, Lage, besonders die Karten im Anhang, die die geographische Verteilung der Molkereien im Deutschen Reich und speziell im Allgäu in den 20ger Jahren zeigen.
61 Es wurden zur Berechnung die Landesdurchschnittspreise von Bayern, Württemberg und Hessen im Verhältnis 3:1:1 gemittelt. Danach erfolgt ein linear interpolierter Abschlag von 3,0 Rpf. (1871) und 4,5 Rpf. (1913) als Abzug zur Ermittlung des Großhandelspreises für Trinkmilch. Um den durchschnittlichen Verwertungspreis für Milch zu ermitteln bedarf es noch eines Abschlages für die unterschiedlichen Verwertungsarten (Trinkmilch oder Weiterverarbeitung).Dieser erfolgt durch einen linear interpolierten Abschlag von 15% (1871) und 10 % (1913) für alle nicht als Trinkmilch verwertete Milch.
62 Bayern: Königlich Statistisches Landesamt, Milchwirtschaft, Beckh, Milchwirtschaft und eigene Berechnungen, Hessen: Statistisches Handbuch des Großherzogtum Hessens, 1909, Mitteilungen zur Landesstatistik, verschiedene Jahrgänge und eigene Berechnungen, Württemberg: Statistisches Jahrbuch Württemberg 1912/13 S. 180 und eigene Berechnungen, Baden: Statistische Mitteilungen über das Großherzogtum Baden, verschiedene Jahrgänge, Oldenburg: Kollmann, Herzogtum, S. 438 und eigene Berechnungen.
63 Preise von Hoffmann: Hoffmann, Wachstum, S. 559f und 585f
64 Anders noch in Bley. Agrarmärkte, S. 224ff. In dieser Darstellung werden die einzelnen Teilmärkte separat betrachtet und erst dann zu einem Gesamtergebnis zusammengefasst.
65 Berechnung aus Agrarmärkte: Bley, Agrarmärkte, S. 267
66 Verwendet wurde der Preisindex des Nettosozialproduktes von Hoffmann, Wachstum, S. 599ff
67 Es ist fraglich, ob die Großhandelspreise, die in der Regel nur für Berlin, Hamburg und München vorliegen wirklich geeignet sind, die reichsdurchschnittlichen Entwicklungen abzubilden. Jedenfalls ist ein Rekurs der auch für diese Produkte vorliegenden Einzelhandelspreise notwendig. Ein deutliches Beispiel für die Unsicherheiten in Bezug auf Produktqualität sind auch die britischen Notierungen zu Rindfleisch, die für den gesamten Zeitraum vorliegen. Die britische Statistik unterscheidet zwischen Rindfleisch mittlerer und hoher Qualität und macht damit z.B. Preisvergleiche zwischen dem britischen (Welt)-markt und dem Deutschen Reich schwierig. Vergleiche Bley, Agrarmärkte, S. 148ff, besonders S. 179 (Rindfleisch) und 166 (Schweinefleisch).
68 Zum Bund der Landwirte und besonders seiner Gründungsphase vergleiche Bley, Politik, S. 49ff, insbesondere die in Anmerkung 240 genannte, auch zeitgenössische, Literatur. Genannt seien hier nur stellvertretend: Rosenberg, Interessenorganisation und Depression, Puhle, Bund und Interessenpolitik, Flemming, Agrarstruktur.
69 Die Schweinefleischproduktion befand sich in den Jahren 1892-94 in Bezug auf die Preise im Rahmen des Schweinezyklus eher auf einem Hoch – damit natürlich auf einem Tief was den Umfang der Produktion anging, bei der Rindfleischproduktion kann man eher von einem überdurchschnittlichen Umfang der Produktion ausgehen. Vergleiche Bley, Agrarmärkte, S. 158ff bzw. S. 170.
- Quote paper
- Abel Bley (Author), 2026, Milchmarkt und Milchproduktion im Deutschen Reich 1871-1913, Munich, GRIN Verlag, https://www.grin.com/document/1743171