Das 18. Jahrhundert kann in jeder Hinsicht als ein Wendepunkt der europäischen Geschichte bezeichnet werden, da es die europäische Gesellschaft von der Frühen Neuzeit in die Moderne transformierte, neue Strukturen etablierte und das Parkett der staatlichen Protagonisten erweiterte. Zunächst einmal hat es jedoch als ein Zeitalter der Kriege beziehungsweise der Weltkriege zu gelten, da sowohl im Spanischen Erbfolgekrieg (1701-1714) als auch im
Siebenjährigen Krieg (1756-1763) alle Weltmächte ihrer Zeit involviert waren und die militärischen Auseinandersetzungen auf Kriegsschauplätzen stattfanden, die über den gesamten Erdball verteilt waren, wobei aufgrund der Erfahrungen der Religionskriege in den vorangegangen Jahrhunderten seit dem Westfälischen Frieden vor allem Kabinettskriege dominierten, die (zumindest in der Theorie) durch die (weitgehende) Schonung der Zivilbevölkerung, durch kleine stehende Heere und das Streben nach einer Entscheidungsschlacht typisiert werden können. Das 18. Jahrhundert stand unter dem Signum der Konfrontation, von der vor allem zwei Mächte profitierten: Zunächst England, das sich gegen Spanien, die Vereinigten Niederlande und schließlich Frankreich als dominierende See- und Landmacht durchsetzen konnte, des weiteren Preußen, das 1701 zum Königtum aufgewertet wurde (wobei der brandenburgische Kurfürst freilich als König in und nicht von Preußen titelte) und seit dem Friedensvertrag von Aachen, spätestens jedoch seit
1763, als europäische Großmacht gelten konnte.
Das 18. Jahrhundert war aber zugleich auch das Jahrhundert der Aufklärung und der damit verbundenen Entdeckung des Individuums, was schlussendlich die Strukturen der Moderne determinierte und mit der Französischen Revolution ein neues Zeitalter einläutete.
Eng verflochten mit der Aufklärung zeigte sich die Anglophilie, da England als „Mutterland“ aufklärerischer Strukturen tatsächlich in vielen Bereichen fortschrittlicher erschien als die absolutistischen Mächte des Festlandes und dementsprechend Begehrlichkeiten weckte.
Die vorliegende Hausarbeit möchte das Phänomen der zunehmenden Anglophilie im deutschsprachigen Raum zur Zeit des Siebenjährigen Krieges analysieren, wobei nach kurzen Begriffsbestimmungen vor allem die Gründe, die Zentren und die Dimensionen beleuchtet
werden sollen und der Frage nachgegangen werden soll, inwiefern der französisch-englische Dualismus und die Dominanz der französischen Kultur die Ausbreitung anglophilen Gedankenguts forcierten.
Inhaltsverzeichnis
Einleitung
1.) Zum Begriff der Anglophilie
1.1) Definition und Begriffsbestimmung
1.2) Anglophilie als mehrdimensionaler Begriff
2.) Der englisch-französische Dualismus und das „balance of powers“-Konzept
2.1) England und Frankreich nach dem spanischen Erbfolgekrieg
2.2) Das Konzept der balance of powers
2.3) Das renversement des alliances und die Folgen des Siebenjährigen Krieges
2.4) Die englische Hegemonialstellung als Wegbereiter der Anglophilie
3.) Zentren der Anglophilie im deutschsprachigen Raum
3.1) Die Hansestädte
3.2) „Das Tor nach England“
3.3) Kurfürstentum Braunschweig-Lüneburg
3.4) Fürstentum Braunschweig-Wolfenbüttel
3.5) Preußen unter Friedrich II. dem Großen
3.6) Zusammenfassung
4.) Ursachen der Ausbreitung und Etablierung der Anglophilie
4.1) veränderte politische Bedingungen Norddeutschlands
4.2) England als Hort der politischen und religiösen Freiheit
4.3) Zunahme des Englandwissens und der Reisefreudigkeit
4.4) Anglophilie als Gegenpol zur Frankophobie
4.5) Der kulturelle Einfluss von Paris
4.5.1) Rezeption Englands in der französischen Aufklärung durch Muralt, Voltaire und Montesquieu
4.6) Zusammenfassung: Die Wegbereiter der Anglophilie
Abschließende Betrachtung
Zielsetzung & Themen
Die vorliegende Arbeit analysiert das Phänomen der zunehmenden Anglophilie im deutschsprachigen Raum zur Zeit des Siebenjährigen Krieges. Ziel ist es, die Gründe, Zentren und Dimensionen dieser Entwicklung zu beleuchten sowie die Forschungsfrage zu beantworten, inwiefern der französisch-englische Dualismus und die Dominanz der französischen Kultur die Ausbreitung anglophilen Gedankenguts forciert haben.
- Dimensionen und Definition des Begriffs Anglophilie im 18. Jahrhundert
- Die Rolle des englisch-französischen Dualismus und das Konzept des "balance of powers"
- Regionale Zentren der Anglophilie: Hansestädte, Hannover, Braunschweig und Preußen
- Ursachen wie politische Freiheit, Industrialisierung und zunehmendes Englandwissen
- Der ironische Einfluss der französischen Kultur als "Geburtshelfer" der Anglophilie
Auszug aus dem Buch
1.1) Definition und Begriffsbestimmung
Unter dem Begriff der Anglophilie kann die Vorliebe von Nichtengländern für alles „Englische“, den englischen Lebensstil, England an sich, oder für die Engländer als Volk verstanden werden.
Anglophilie tritt als kulturelles Phänomen der Neuzeit immer wieder in unterschiedlicher Ausprägung und aus unterschiedlichen Motiven heraus hervor, wobei die Fürstentümer Norddeutschlands, vor allem die Hanseatischen, wohl aufgrund ihrer geographischen Nähe stärker von anglophilen Tendenzen geprägt waren.
Vor allem im 18. Jahrhundert scheint England eine starke Ausstrahlung gehabt zu haben, die überall in Europa zu spüren war und kulturell wie politisch ihre Spuren hinterlassen hat. Kennzeichnend war, dass sie eben nicht nur einzelne Personen erfasste, sondern ganze Bevölkerungsschichten, wenngleich in unterschiedlichem Ausmaß.
Eng verknüpft mit dem Begriff der Anglophilie war die Aufklärung, die als Epoche des „beschleunigten historischen Wandels, des Nachlassens von Traditionsbindungen, des Selbsttätigwerdens der menschlichen Vernunft […] außerdem [des] Drängen[s] auf Umsetzung des als vernunftgemäß Erkannten in die Lebenswirklichkeit“ charakterisiert werden kann.
Zusammenfassung der Kapitel
Einleitung: Diese Einleitung ordnet das 18. Jahrhundert als Wendepunkt der europäischen Geschichte ein und stellt die Forschungsfrage zur Entwicklung der Anglophilie im Kontext des französisch-englischen Dualismus.
1.) Zum Begriff der Anglophilie: Dieses Kapitel definiert Anglophilie als mehrdimensionales kulturelles Phänomen und zeigt die enge Symbiose mit der Aufklärung auf.
2.) Der englisch-französische Dualismus und das „balance of powers“-Konzept: Hier werden die machtpolitischen Konstellationen nach dem Spanischen Erbfolgekrieg analysiert, die England zur dominierenden Weltmacht aufsteigen ließen.
3.) Zentren der Anglophilie im deutschsprachigen Raum: Das Kapitel untersucht regionale Schwerpunkte der Anglophilie, wie die Hansestädte, Hannover, Braunschweig-Wolfenbüttel und Preußen.
4.) Ursachen der Ausbreitung und Etablierung der Anglophilie: Diese Sektion reflektiert explizite Gründe wie politische Freiheiten, steigendes Englandwissen und die paradoxe Rolle der französischen Dominanz bei der Verbreitung anglophiler Ideen.
Abschließende Betrachtung: Das Fazit fasst zusammen, dass die Anglophilie auf deutschem Boden sowohl durch norddeutsche Netzwerke als auch paradoxerweise durch die französische Hegemonie gefördert wurde.
Schlüsselwörter
Anglophilie, Aufklärung, Siebenjähriger Krieg, England, Frankreich, balance of powers, Hannover, Hansestädte, Kulturtransfer, Geistesgeschichte, Voltaire, Montesquieu, bürgerliche Freiheit, 18. Jahrhundert, Dualismus.
Häufig gestellte Fragen
Worum geht es in dieser Arbeit grundsätzlich?
Die Arbeit untersucht das kulturelle und politische Phänomen der Anglophilie im deutschsprachigen Raum während des 18. Jahrhunderts, insbesondere zur Zeit des Siebenjährigen Krieges.
Was sind die zentralen Themenfelder?
Zu den Schwerpunkten zählen die Wechselbeziehung zwischen Aufklärung und Anglophilie, die machtpolitischen Konstellationen in Europa sowie die Verbreitung englischer Werte in norddeutschen Zentren.
Was ist das primäre Ziel der Arbeit?
Das Ziel ist es, zu analysieren, warum und wie die Begeisterung für alles Englische trotz (oder gerade wegen) der kulturellen Dominanz Frankreichs im deutschsprachigen Raum Fuß fassen konnte.
Welche wissenschaftliche Methode wird verwendet?
Die Arbeit basiert auf einer historischen Analyse, die zeitgenössische Quellen, Reiseberichte und wissenschaftliche Literatur nutzt, um das Englandbild des 18. Jahrhunderts zu rekonstruieren.
Was wird im Hauptteil behandelt?
Der Hauptteil behandelt die theoretische Begriffsbestimmung, die Analyse des englisch-französischen Machtdualismus, die Identifikation regionaler anglophiler Zentren sowie die Ursachenforschung für die Ausbreitung dieser Bewegung.
Welche Schlüsselwörter charakterisieren die Arbeit?
Zentrale Begriffe sind Anglophilie, Aufklärung, das Konzept des "balance of powers", der Einfluss von Paris und die Rolle englischer politischer Strukturen.
Welche Rolle spielte die Personalunion mit Hannover?
Die Personalunion zwischen Hannover und Großbritannien (1714-1837) fungierte als direkter politischer und kultureller Kanal, der Hannover zu einem der wichtigsten Einfallstore für englische Einflüsse in Norddeutschland machte.
Wie trugen Voltaire und Montesquieu zur Anglophilie bei?
Diese französischen Denker präsentierten England als Vorbild für Freiheit, Gewaltenteilung und Fortschritt, was durch ihr hohes Ansehen in Europa auch in Frankreich und den deutschen Gebieten anglophile Tendenzen massiv beförderte.
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- Joachim Graf (Autor), 2010, Anglophilie im deutschsprachigen Raum zur Zeit des Siebenjährigen Krieges, Múnich, GRIN Verlag, https://www.grin.com/document/174330