In der vorliegenden Hausarbeit betrachte ich die demokratische Gesellschaft im Athen der klassischen Zeit, also von den Reformen des Kleisthenes 510 v.Chr. bis zum Ende der Athenischen Selbstbestimmung 322 v.Chr. Dabei werde ich die Integration der Bürger im politischen, im wirtschaftlichen und im sozialen Bereich beleuchten. Das Handwerk interpretiere ich in dieser Hausarbeit als das produzierende Gewerbe und schließe die bei den Griechen ebenfalls unter diesen Sammelbegriff fallenden Seher, Herolde, Ärzte und andere damit aus.
Ich habe mich für die Polis Athen entschieden, weil zum einen Auswahl der zur Verfügung stehenden Quellen die Größte ist, zum anderen aber auch, weil die spezielle Form der Athenischen Demokratie ein Höchstmaß an Heterogenität innehatte. Am Beispiel Athens kann man sehr gut die verschiedenen Formen von Integration in die Gemeinde, genauso gut aber auch die Abgrenzung gegenüber bestimmten Gruppen deutlich machen. In dem in vielleicht ähnlicher Weise dokumentierten Fall Sparta würde der Fokus zwangs-läufig mehr auf dem Bereich Abgrenzung liegen, was in der speziellen Ausprägung des Lakedämonischen Staates begründet ist.
Dabei ist mein Erkenntnisinteresse auf drei Dinge gerichtet:
- Was waren die strukturellen Bedingen, unter denen eine Teilnahme von Handwerkern am öffentlichen Leben stattfinden konnte?
- Wie wirkte sich die Dualität zwischen dem privaten Bereich des Oikos und dem öffentlichen Bereich der Polis auf die Integration aus?
- In welcher Form konnten auch Nichtbürger am öffentlichen Leben partizipieren?
Integration in das Gemeinwesen definiere ich dabei nicht nur als Teilhabe am politischen Prozess, was große Gruppen der Einwohner Athens, wie z.B. die Frauen und die Auslän-der, ausschließen würde, sondern auch als Interaktion im wirtschaftlichen und sozialen Leben der Stadt. Um in der modernen Politikwissenschaft zu sprechen wäre eine Reduktion nur auf den Staatsbürger unter Weglassen des Wirtschafts- und Sozialbürgers eine zu enge Sichtweise. Dabei treffen auf die Handwerker spezielle Merkmale zu, da gerade hier alle in Athen lebenden Gruppen (Bürger, Metöken und Sklaven) vertreten waren. Somit bilden die Handwerker die gesamte Bevölkerung ab, bilden daneben einen Teil des Bürgerstaates, sind aber trotzdem speziellen Ausgrenzungen von politischer Partizipation und sozialer Anerkennung ausgesetzt. Gerade diese Ambivalenz macht die Handwerker so Interessant für meine Hausarbeit.
Inhaltsverzeichnis
1. Einleitung
2. Politische Integration
2.1. Der Oikos als Keimzelle der Athenischen Demokratie
2.2. Die Polis als öffentlicher Raum: politische Strukturen, Eliten und die Masse
2.3. Die Handwerker im Spannungsfeld zwischen Ausgrenzung und politischer Partizipation
3. Wirtschaftliche Integration
3.1. Die Arbeitsverhältnisse und die „Wirtschaft“ im klassischen Athen
3.2. Das Handwerk in Athen: Bürger und Metöken
4. Soziale Integration
4.1. Kult und Religion
4.2. Feste und soziale Aktivitäten
4.3. Organisation und Zusammenschluss der Handwerker in Athen
5. Zusammenfassung
Zielsetzung & Themen
Die Arbeit untersucht die Stellung der Handwerker im Athen der klassischen Zeit (510–322 v. Chr.) unter Berücksichtigung ihrer politischen, wirtschaftlichen und sozialen Integration sowie der Spannungsfelder, die durch Ausgrenzungsmechanismen in einer demokratischen Gesellschaft entstanden.
- Politische Partizipation und die Rolle des Handwerks
- Wirtschaftliche Bedeutung des Handwerks innerhalb des Oikos-Systems
- Soziale Integration durch Kult und religiöse Teilhabe
- Das Spannungsverhältnis zwischen Bürgern und Metöken im Handwerk
Auszug aus dem Buch
Die Handwerker im Spannungsfeld zwischen Ausgrenzung und politischer Partizipation
Wie bereits im Abschnitt 2.1 dargestellt bildete die landwirtschaftliche Tätigkeit im eigenen Betrieb die Grundlage der gesellschaftlichen Struktur. Handwerker waren im Allgemeinen nur auf Zeit zum Zwecke der Erfüllung einer bestimmten Aufgabe im oikos geduldet. Da sich auch die politische Partizipation am bestehen eines eigenen Haushaltes orientierte, waren Handwerker, die ausschließlich darauf angewiesen waren, in der archaischen Zeit von der politischen Partizipation ausgeschlossen. Aristoteles beschreibt dies in seiner Politik: „Deshalb waren in manchen Staaten vor alters die Gewerbetreibenden auch von der Teilnahme an den Staatsämtern ausgeschlossen und bleiben es, bis die äußerste Demokratie eintrat.“ Dies änderte sich auch nicht mit den Reformen des Solon, da auch dort ausschließlich die Einkünfte aus der Landwirtschaft zu Grunde gelegt wurden. Dies bedeutete nicht, dass Handwerker prinzipiell von der Politik ausgeschlossen waren, da anzunehmen ist, dass die meisten Handwerker zumindest über ein kleines Stückchen Land verfügten, aber die reichte nicht aus, den Status eines Zeugiten zu erreichen, der für die volle politische Betätigung notwendig war. Um bei Aristoteles anzuschließen, bedeutete das für ihn auch, dass es keine Staatsbürger waren: „Der Staatsbürger schlechthin lässt sich nun durch nichts anderes bestimmen als dadurch, dass er am Gerichte und an der Regierung teilnimmt.“
Auch aus anderen Gründen waren die Athener in der Anfangszeit nicht gewillt, den Handwerkern die vollen politischen Rechte zuzuerkennen. Das Streben des oikos war die autarkia, die weitgehende Unabhängigkeit des Einzelnen von den Anderen, d.h. die Möglichkeit, alles Notwendige selbst zu erstellen bzw. zu produzieren. Aus diesem Grunde waren die Handwerkskünste (technai) an sich hoch geschätzt, wie bereits Homer darstellt, wo sich Odysseus damit brüstet, sein Schlafzimmer selbst hergestellt zu haben und dabei verschiedene Fertigkeiten nennt.
Zusammenfassung der Kapitel
1. Einleitung: Definiert das Thema der Integration der Handwerker im klassischen Athen und legt das dreifache Erkenntnisinteresse bezüglich struktureller Bedingungen, Oikos-Dualität und Partizipation von Nichtbürgern fest.
2. Politische Integration: Beleuchtet die Entwicklung von der Oikos-basierten archaischen Struktur hin zur politischen Einbindung in der Demokratie, wobei der Fokus auf dem Spannungsfeld zwischen Elite und Masse liegt.
3. Wirtschaftliche Integration: Analysiert die Arbeitsverhältnisse und die wirtschaftliche Stellung des Handwerks, das trotz hoher Bedeutung für die Versorgung oftmals als unfrei wahrgenommen wurde.
4. Soziale Integration: Untersucht, wie Kulte, Feste und berufliche Zusammenschlüsse Handwerker in die Gemeinschaft der Polis integrierten oder von ihr abgrenzten.
5. Zusammenfassung: Resümiert, dass Handwerker zwar Partizipation am Staat erreichten, eine tiefgreifende soziale Anerkennung jedoch aufgrund der ambivalenten Stellung zwischen Oikos und Öffentlichkeit schwierig blieb.
Schlüsselwörter
Athen, Demokratie, Handwerk, Integration, Ausgrenzung, Oikos, Polis, Politische Partizipation, Wirtschaft, Metöken, Bürger, Soziale Struktur, Arbeitsteilung, Autarkia, Klassische Antike
Häufig gestellte Fragen
Worum geht es in dieser Arbeit grundsätzlich?
Die Arbeit analysiert die gesellschaftliche und politische Stellung von Handwerkern im klassischen Athen und wie diese Gruppe trotz systemischer Ausgrenzung in die demokratische Polis integriert wurde.
Was sind die zentralen Themenfelder?
Die zentralen Felder sind die politische Einbindung, die wirtschaftliche Organisation des Handwerks (im Vergleich zum Oikos) und die soziale Integration durch Religion und Gemeinschaftsfeste.
Was ist das primäre Ziel der Untersuchung?
Das Ziel ist es, die strukturellen Bedingungen zu beleuchten, die Handwerkern eine Teilnahme am öffentlichen Leben ermöglichten, und die Diskrepanz zwischen wirtschaftlicher Relevanz und mangelnder sozialer Anerkennung aufzuzeigen.
Welche wissenschaftliche Methode wird verwendet?
Es handelt sich um eine historische Analyse, die auf der Auswertung antiker Quellen (u.a. Aristoteles, Homer, Xenophon) und moderner politikwissenschaftlicher sowie historischer Sekundärliteratur basiert.
Was wird im Hauptteil behandelt?
Der Hauptteil gliedert sich in drei Bereiche: Politische Integration (Oikos-Strukturen und Demokratie), Wirtschaftliche Integration (Arbeitsverhältnisse) und Soziale Integration (Kult und Feste).
Welche Schlüsselwörter charakterisieren die Arbeit?
Die wichtigsten Begriffe sind Athen, Demokratie, Handwerk, Integration, Ausgrenzung, Oikos, Polis, Metöken und Partizipation.
Warum spielt der Begriff „Oikos“ eine so zentrale Rolle in der Argumentation?
Der Oikos diente im klassischen Griechenland als ökonomische und soziale Keimzelle; da das Handwerk als Gegenteil der autarken (selbstversorgenden) Lebensweise des Oikos interpretiert wurde, erklärt dies die soziale Abwertung der Handwerker.
Inwieweit beeinflusste das Militär die Integration der Handwerker?
Der Ausbau der athenischen Flotte bot den Handwerkern (als Theten) die Möglichkeit, als Ruderer am Kriegsdienst teilzunehmen, was ihnen im Gegenzug politische Rechte sicherte.
- Citation du texte
- Dipl. Verwaltungswirt Jürgen Dibbelink (Auteur), 2010, Handwerker im klassischen Athen, Munich, GRIN Verlag, https://www.grin.com/document/174435