Ein Bummel durch den Bazar gehört zum festen Besuchsprogramm von Touristen in einer orientalischen Stadt. Die malerische Kulisse, die bunten Farben sowie die zahlreichen Gerüche und Geräusche wirken verzaubernd und werden staunend wahrgenommen.
Dieses Buch bietet über diesen Aspekt der Faszination hinaus einen profunden wissenschaftlichen Einblick in die historisch-geographische Entwicklung des Bazars und zeigt dessen Strukturen auf. Dabei wird unter Bazar der im Zentrum gelegene traditionelle Geschäftsbezirk der orientalisch-islamischen Stadt verstanden.
Der Baubestand des Bazars ist funktionsbedingt sehr verschieden. Im räumlichen Nebeneinander und in mosaikartiger Verschachtelung können als wesentliche Gebäudetypen Bazargassen, Khane und Bazarhallen unterschieden werden, woraus sich die Idealvorstellung eines traditionellen Bazars ableitet. Bazare lassen sich modellhaft in Typen einteilen. Die formale Bestandstypisierung geht von der räumlichen Anordnung der Bazargassen und Khane aus und unterscheidet beispielsweise zwischen Linienbazar, Flächenbazar oder Kreuzbazar, während hingegen die funktionale Typisierung die Sonderfunktion eines Bazars (Pilgerbazar oder Handwerkerbazar) hervorhebt.
Auffälliges Kennzeichen des traditionellen Bazars sind die vielen, nebeneinander liegenden Geschäfte derselben Branche sowie die charakteristische, räumliche Branchensortierung. Neben der Branchentrennung und der Branchensortierung gibt es im Bazar als Ordnungsmuster zudem einige Vergesellschaftungen in Form horizontaler und vertikaler Verflechtung. Aus der räumlichen Anordnung der Branchen erschließt sich die Branchenwertigkeit. Diese unterliegt nach einem standortbedingten Ordnungssystem einer zentral-peripheren Abfolge.
Der typische Hauptbazar ist als zentraler Geschäftsbezirk wirtschaftliches Organisationszentrum der orientalischen Stadt und erfüllt verschiedenste Organisationsfunktionen. Darüber hinaus nimmt der Bazar auch im gesellschaftlichen und politischen Leben eine führende Stellung ein.
In den letzten Jahrzehnten ist es infolge der Verwestlichung zu einem Funktionswandel und Funktionsverlust des Bazars gekommen. Durch die Konkurrenz von neuen, westlich geprägten Geschäftsvierteln ist er nicht mehr das einzige Geschäftszentrum, wodurch eine zweipolige Stadt entstanden ist.
Inhaltsverzeichnis
1. Abgrenzung und Problematik
2. Idealschema des islamisch-orientalischen Stadt nach Dettmann
3. Gebäudetypen des Bazars
3.1 Bazargassen
3.2 Khane
3.3 Bazarhallen
3.4 Entstehung der Gebäudetypen
4. Bazartypen
4.1 Formale Bazartypen
4.1.1 Linienbazar
4.1.2 Flächenbazar
4.1.3 Zentraler Einzelhandelsbazar mit umgebenden Khanen
4.1.4 Kreuzbazar
4.2 Funktionale Bazartypen
4.2.1 Quartierbazar
4.2.2 Vorstadtbazar
4.2.3 Pilgerbazar
4.2.4 Handwerkerbazar
5. Branchensortierung und Branchenvergesellschaftung
5.1 Vorherrschende Branchen
5.2 Vergesellschaftung
6. Räumliche Anordnung der Branchen (Branchenwertigkeit)
7. Bazar als wirtschaftlich-gesellschaftlich-politisches Organisationszentrum
8. Ausblick: Thesen zum Funktionswandel des Bazars infolge Verwestlichung
Zielsetzung und thematische Schwerpunkte
Die vorliegende Arbeit untersucht den traditionellen Bazar als zentrales Geschäftsbezirk und wirtschaftliches Organisationszentrum der orientalisch-islamischen Stadt, analysiert dessen bauliche und funktionale Strukturen sowie dessen Wandel unter dem Einfluss der modernen Verwestlichung.
- Strukturelle Analyse der Gebäudetypen wie Bazargassen, Khane und Hallen.
- Klassifizierung der verschiedenen Bazartypen nach formalen und funktionalen Kriterien.
- Untersuchung der räumlichen Anordnung und Branchensortierung innerhalb des Bazars.
- Erörterung der wirtschaftlichen Organisationsmacht und gesellschaftlichen Funktion.
- Diskussion der Auswirkungen der Verwestlichung auf die zukünftige Entwicklung und Funktionsweise.
Auszug aus dem Buch
3.1 Bazargassen
Die 3 bis 4 Meter breiten Bazargassen sind die bevorzugten Standorte von Einzelhandel und Handwerk. Sie sind auf beiden Seiten von eingeschossigen, dicht gereihten Ladenboxen gesäumt, die oft bloß 1 bis 2 m Quadratmeter messen. Weder über dem Arbeits- bzw. Geschäftsraum noch zwischen den einzelnen Ladenboxen finden wir Wohnungen. Diese gänzlich fehlende Wohnfunktion ist der eklatante Unterschied zu unseren mittelalterlichen Städten.
In den orientalisch-islamischen Städten sind zumindest die zentraleren Abschnitte der Bazargassen überdacht oder überwölbt, sei es steinüberwölbt oder mit einem First- bzw. Flachdach. Die Überdachung wird durch die beidseitige, gleich hohe Bebauung begünstigt. Da die Überdachung nur mit wenigen Luken versehen ist, finden wir die so typische halbdunkle, anheimelnde Bazaratmosphäre vor. Die Überdachung gehört zwangsläufig zum Image einer gut ausgestatteten Bazargasse. Man ist dort zugleich vor Sonne als auch vor Regen geschützt. Die Kreuzungsstellen der Bazargassen werden durch kuppelartige Aufbauten oftmals architektonisch besonders hervorgehoben.
Eine gewisse Ausnahme stellen die Bazare von Afghanistan (vgl. Kapitel 4.1.4) dar.
Zusammenfassung der Kapitel
1. Abgrenzung und Problematik: Einleitung in die Definition des Bazars als traditionelles Handelszentrum und methodische Herangehensweise der Arbeit.
2. Idealschema des islamisch-orientalischen Stadt nach Dettmann: Darstellung der räumlichen Einbettung des Bazars in das Stadtmodell gemäß Dettmann.
3. Gebäudetypen des Bazars: Analyse der baulichen Grundelemente Gassen, Khane und Hallen sowie deren historischer Entstehung.
4. Bazartypen: Systematische Unterscheidung der Bazare nach ihrer formalen und funktionalen Ausprägung.
5. Branchensortierung und Branchenvergesellschaftung: Erklärung der räumlichen Zusammenfassung von Gewerben und der sozioökonomischen Hintergründe dieser Ordnung.
6. Räumliche Anordnung der Branchen (Branchenwertigkeit): Erörterung der Faktoren, die die Wertigkeit von Standorten innerhalb des Bazars bestimmen.
7. Bazar als wirtschaftlich-gesellschaftlich-politisches Organisationszentrum: Aufzeigen der steuernden Rolle des Bazars durch das System des Rentenkapitalismus.
8. Ausblick: Thesen zum Funktionswandel des Bazars infolge Verwestlichung: Synthese der Entwicklungstendenzen und Auswirkungen westlicher Stadtplanungsprinzipien.
Schlüsselwörter
Bazar, Orient, Stadtentwicklung, Gebäudetypen, Handwerk, Einzelhandel, Khane, Branchensortierung, Rentenkapitalismus, Wirtschaftsraum, Verwestlichung, Stadtmitte, Funktionalität, Sozialraum, Handelszentrum.
Häufig gestellte Fragen
Was ist das zentrale Thema dieser wissenschaftlichen Arbeit?
Die Arbeit befasst sich mit der Analyse des traditionellen Bazars als wirtschaftliches und gesellschaftliches Organisationszentrum in orientalisch-islamischen Städten.
Welche spezifischen Gebäudetypen werden im Text behandelt?
Im Zentrum stehen Bazargassen, Khane (Innenhofkomplexe) und Bazarhallen als essenzielle bauliche Elemente des Bazarsystems.
Welche wissenschaftliche Methode wird primär zur Untersuchung genutzt?
Es handelt sich um eine strukturgeographische Analyse, die auf der Auswertung etablierter Überblicksarbeiten und Fallstudien, wie dem Bazar von Tabriz, basiert.
Was unterscheidet das orientalische Bazarsystem von europäischen Märkten?
Ein Hauptmerkmal ist die strikte Trennung von Wohnen und Arbeiten sowie die spezifische räumliche Sortierung nach Branchen und die Organisation durch Rentenkapitalisten.
Wie verändert sich die Rolle des Bazars durch die Verwestlichung?
Durch moderne Geschäftsviertel verliert der Bazar seine Monopolstellung, es bilden sich zweipolige Stadtstrukturen und das Handwerk wird zunehmend an die Peripherie verdrängt.
Welche Bedeutung haben die sogenannten „Khane“?
Khane fungieren als Sitze des Groß- und Fernhandels sowie als Dreh- und Angelpunkt für die Organisation von Kreditwesen und Bauträgertätigkeiten.
Warum sind bestimmte Branchen an strategischen Orten innerhalb des Bazars angesiedelt?
Die Anordnung folgt wirtschaftlichen Logiken wie der Frequenz von Passantenströmen und der Nähe zu Haupteingängen, anstatt bloß der Ferne zur Moschee.
Welche Funktion hat der sogenannte „Dallal“ im Handwerkerbazar?
Der Dallal tritt als Vermittler zwischen den produzierenden Handwerkern und dem Handel auf, ähnlich einer genossenschaftlichen Organisationsstruktur.
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- Dr., M.A. Roland Engelhart (Author), 1983, Der traditionelle Bazar als zentraler Geschäftsbezirk und wirtschaftliches Organisationszentrum der orientalisch-islamischen Stadt, Munich, GRIN Verlag, https://www.grin.com/document/174436