Einleitung:
Vor nunmehr zwanzig Jahren wurde ein Kapitel der Deutschen Geschichte geschlossen, indem sich die Deutsche Demokratische Republik (DDR) und die damalige BRD zu einer Deutschen Einheit verbanden. Unter dem Einfluss von Michael Gorbatschow kam in den 1980er Jahren eine demokratische Reformbewegung ins Rollen, die erst die Mauer zwischen Ost- und Westdeutschland und später den gesamten Eisernen Vorhang einriss.
In der rund vierzigjährigen deutschen Trennungsgeschichte hatten sich Ost- und Westdeutschland unter zwei grundsätzlich unterschiedlichen Vorzeichen entwickelt.
Während 1949 in Westdeutschland nach dem Rückzug der westlichen Besatzungsmächte ein demokratischer und sozialer Bundesstaat auf der Grundlage von westlich-demokratischen und marktwirtschaftlichen Prinzipien ausgerufen wurde, bildete sich in Ostdeutschland durch die Bemühungen der sowjetische Besatzungsmacht die „antifaschistisch-parlamentarisch-demokratische Republik“ auf den Prinzipien des Marxismus-Leninismus bzw. des Sozialismus. Vierzig Jahre lang wurden die Menschen von dem System und den jeweiligen Werten geprägt in dem sie lebten. (vgl. Meulemann 1996: 270).
Heute scheint die Überleitung bzw. Transformation des Systems der DDR zur BRD auf Grund der seit dem Mauerfall vergangenen Zeit abgeschlossen zu sein, doch neben der systemischen Komponente eines Prozesses muss ebenso die gesellschaftliche betrachtet werden. Aus Umfragen der letzten Zeit geht hervor, dass die Menschen in Ost und West noch immer nicht zu einer Gesellschaft zusammen gewachsen sind (vgl. Bunke 2005: 9; siehe auch Förster 2003: 10). In der Wissenschaft wird dies bezüglich u. a. diskutiert, inwie-weit die Bildung und Erziehung der Menschen in den ehemaligen Teilstaaten an der Prägung der Werte beteiligt sind und ob in diesem Zusammenhang die Transformation hätte anders verlaufen müssen (vgl. Bunke 2005: 9, siehe Klier 1990: 13).
Die Veränderungen durch den Transformationsprozess haben vorwiegend im damaligen Bereich der DDR und heutigen ostdeutschen Bundesländern statt gefunden, deshalb soll die schulische Bildung in der DDR als Ausgangspunkt des ersten Teils dieser Arbeit, der fachwissenschaftlichen Recherche, behandelt werden. Aus ihrer Entwicklungsgeschichte, die maßgeblich durch den sich ausweitenden Machtbereich der Sozialistischen Einheitspartei Deutschland (SED) seit 1948 beeinflusst wurde, ging das Fach Staatsbürgerkunde als markantestes Element der ideologischen Werteerziehung hervor.
Inhaltsverzeichnis
1 Einleitung
2 Das Bildungswesen der DDR
2.1 Ideologische Voraussetzungen und Bedingungen
2.1.1 Grundlagen bei Marx und Engels
2.1.2 Grundlagen des Marxismus-Leninismus
2.2 Zur Entwicklung des Bildungswesens der DDR
2.2.1 Antifaschistisch-demokratische Schulreform
2.2.2 Aufbau der sozialistischen Schule
2.2.3 Das einheitlich sozialistische Bildungssystem von 1965
3 Politische Bildung im Schulsystem der DDR – Ideologische Erziehung und das Unterrichtsfach Staatsbürgerkunde
3.1 Ziele der politisch - ideologischen Erziehung in der DDR
3.1.1 Entwicklung zur allseitig entwickelten sozialistische Persönlichkeit
3.1.2 Ideologische Grundsätze der sozialistischen Erziehung
3.2 Entwicklung der schulischen staatsbürgerlichen Erziehung
3.2.1 Gegenwartskunde als Unterrichtsprinzip 1945-1956
3.2.2 Staatsbürgerkunde1957-1990
3.2.3 Ziele und Aufgaben des Staatsbürgerkundeunterrichts
3.3 Lehrplan und Lehrplanvorgaben der Staatsbürgerkunde
3.3.1 Bedeutung des Lehrplans in der DDR
3.3.2 Struktur des Lehrplans
3.3.3 Lehrplanvorgaben
4 Die Transformation der Staatsbürgerkunde als Herzstück der politischen Bildung der DDR im Rahmen der Deutschen Wiedervereinigung 1989/90
4.1 Die Situation der DDR Ende der 1980er Jahre
4.1.1 Reformversuche der Staatsbürgerkunde
4.2 Rahmeninformationen zum Transformationsprozess
4.2.1 Etablierung der politischen Bildung im Westen nach 1945
4.2.2 Einordnung und Definition des Transformationsprozess
4.3 Transformationsverlauf seit dem Mauerfall
4.3.1 Staatsrechtliche Bedingungen zur Wiedervereinigung (Phase 1)
4.3.2 Transformationsverlauf und Vorgaben der KMK (Phase 2-3)
4.3.3 Transformationsverlauf im Lande Thüringen (Phase 1-3)
5 Geglückte Transformation im wiedervereinten Deutschland?
5.1.1 Zur Situation der politischen Bildung im vereinten Deutschland
5.1.2 Zur Situation der Gesellschaft im wiedervereinten Deutschland
6 Zusammenfassung und Fazit
7 Bedingungsanalyse
7.1 Analyse der Klassen- und Schülersituation
7.2 Analyse der Kompetenzen der Schüler
7.3 Analysen der Kompetenzen der Lehrkraft
7.4 Institutionelle Rahmenbedingungen
8 Richtlinienanalyse
8.1 Themeneinordnung in die Richtlinien
9 Didaktische Analyse
9.1 Sachstruktur (Fachstruktur)
9.2 Didaktische Struktur (Makrostruktur)
9.3 Auswahl- und Reduktionsentscheidungen
9.3.1 Auswahlentscheidung
9.3.2 Reduktionsentscheidung
9.4 Intention
9.4.1 Qualifikationen
9.4.2 Kompetenzen
9.4.3 Lernziele
9.5 Methodische Überlegungen
10 Geplante Unterrichtsstruktur (Mikrostruktur)
11 Anlagen
11.1 Anlage 1: Tafelaufteilung
11.2 Anlage 2: Tafelbild 1
11.3 Anlage 3: Arbeitsauftrag 1
Zielsetzung & Themen
Die Arbeit analysiert die Rolle der ideologischen Erziehung und des Unterrichtsfachs Staatsbürgerkunde in der DDR, um dessen Transformationsprozess zur politischen Bildung im vereinten Deutschland nachzuvollziehen. Dabei wird untersucht, wie eine autoritär geprägte Bildungskultur auf demokratische Anforderungen reagierte und welche Herausforderungen bis heute in der politischen Bildung bestehen.
- Historische Entwicklung des Bildungswesens und der ideologischen Erziehung in der DDR
- Entstehung und Funktion des Faches "Staatsbürgerkunde" als ideologisches Herzstück
- Transformation der Staatsbürgerkunde zur politischen Bildung nach der Wiedervereinigung 1989/90
- Herausforderungen einer demokratischen politischen Bildungskultur in Ostdeutschland
- Erstellung einer fachdidaktischen Expertise für den Politikunterricht im Sekundarbereich II
Auszug aus dem Buch
2.1.1 Grundlagen bei Marx und Engels
Frühe Lehren des Sozialismus wie die von Saint-Simon (1760-1825) und Charles Fourier (1772-1837) bis zur ersten Hälfte des 19. Jahrhundert in Frankreich, wurden von Marx und Engels als „utopischer Sozialismus“ abgetan (vgl. Niermann 1972: 8 f.). Saint-Simon war der Auffassung, dass die voranschreitende Industrialisierung politische und gesellschaftliche Mächte hervorbringe, die bekämpft werden müssen, indem sich alle an der industriellen Produktion beteiligten Akteure solidarisch vereinen. Fourier sah hierzu ergänzend, dass der Grund für „[…]allen sozialen Übel[…]“ der „[…]Parasitismus des Handels[...]“ sei und nur durch eine „[…]Wiedervereinung von Erzeugung und Verbrauch[…]“ soziale Gerechtigkeit hergesellt werden könne (Hillmann 2007 (b): 820 f.). Der gesellschaftliche Veränderungswillen von Marx und Engels geht über diese Ansätze hinaus, da sie hierin keine Realisierungschance ihrer Ziele sahen. Daher bemühten sie sich gemeinsam seit den 1840er Jahren um eine neue Form des Sozialismus, dem so genannten „wissenschaftlichen Sozialismus“ (vgl. Niermann 1972: 8 f.). Die Zielsetzung des von ihnen geprägten wissenschaftlichen Sozialismus ist allgemein beschrieben eine umfangreiche Aufklärung über die in der Gesellschaft wirkenden Kräfte, deren Nutzen nach historischen Gesetzmäßigkeiten darin liegt, den Sozialismus als Vorstufe des Kommunismus hervorzubringen (vgl. Hillmann 2007 (b): 820 f.). Konkret soll der Sozialismus als „Richtschnur“ zur Entwicklung einer neuen kommunistischen Weltordnung mit dem von ihm geprägten Menschenbild die kapitalistische Gesellschaft ersetzten (vgl. Niermann 1972: 9), deren erste Phase dadurch gekennzeichnet ist, dass die aus dem Kapitalismus entstehende „Diktatur des Proletariats“ überwunden wird. Nach der Auffassung Marx und Engels birgt der voranschreitende Kapitalismus und der aus ihr resultierenden der Gesellschaft eine klare Konsequenz in sich, nämlich eine soziale Revolution von Seiten der Arbeiterklasse. Der Arbeiter sei ein Knecht der kapitalistischen industriellen Produktion, wenn er sich nicht gegen die aus ihr erwachsenen Verhältnisse der bürgerlich-kapitalistischen Gesellschaft auflehnen und diese Lebensform überwinden würde (vgl. Marx 1966: 336, zit. nach Niermann 1972: 8).
Zusammenfassung der Kapitel
1 Einleitung: Die Einleitung umreißt die historische Zäsur durch die deutsche Wiedervereinigung und stellt die fachwissenschaftliche Analyse der Staatsbürgerkunde in den Kontext der schulischen politischen Bildung.
2 Das Bildungswesen der DDR: Dieses Kapitel erläutert die ideologischen Grundlagen des Marxismus-Leninismus und die dreiphasige Entwicklung des DDR-Bildungssystems, das stark von sowjetischen Modellen geprägt war.
3 Politische Bildung im Schulsystem der DDR – Ideologische Erziehung und das Unterrichtsfach Staatsbürgerkunde: Der Fokus liegt auf der Instrumentalisierung der Schule zur Erziehung zur "sozialistischen Persönlichkeit" und der Funktion der Staatsbürgerkunde als schulisches Machtinstrument.
4 Die Transformation der Staatsbürgerkunde als Herzstück der politischen Bildung der DDR im Rahmen der Deutschen Wiedervereinigung 1989/90: Es wird der Übergang von der Staatsbürgerkunde zur demokratischen politischen Bildung analysiert, geprägt durch den Zusammenbruch der DDR-Doktrin und die institutionelle Übernahme westdeutscher Konzepte.
5 Geglückte Transformation im wiedervereinten Deutschland?: Hier wird kritisch hinterfragt, ob die Transformation der politischen Bildungskultur in Ostdeutschland als erfolgreich bezeichnet werden kann und welche Identitätsprobleme fortbestehen.
6 Zusammenfassung und Fazit: Das Fazit zieht eine Bilanz der Transformation und plädiert für eine verstärkte Auseinandersetzung mit der Vergangenheit für ein zukünftiges Zusammenwachsen.
7 Bedingungsanalyse: Dieses Kapitel analysiert die konkrete Ausgangslage der Klasse FOT0B an der Fachoberschule Technik in Celle für die geplante Unterrichtssequenz.
8 Richtlinienanalyse: Es werden die curricularen Vorgaben der niedersächsischen Rahmenrichtlinien für das Fach Politik in berufsbildenden Schulen dargelegt.
9 Didaktische Analyse: Hier wird das Thema in einen fachdidaktischen Kontext gesetzt, basierend auf Klafkis fünf Grundfragen, inklusive der Auswahl- und Reduktionsentscheidungen.
10 Geplante Unterrichtsstruktur (Mikrostruktur): Dieses Kapitel enthält den tabellarischen Unterrichtsverlauf der geplanten Sequenz.
11 Anlagen: Die Anlagen enthalten das Tafelbild sowie den Arbeitsauftrag für die Schüler.
Schlüsselwörter
DDR, Staatsbürgerkunde, Politische Bildung, Transformation, Marxismus-Leninismus, SED, Sozialistische Persönlichkeit, Wiedervereinigung, Schulreform, Bildungsgeschichte, Sozialkunde, Didaktik, Politikunterricht, Fachoberschule, Politische Kultur
Häufig gestellte Fragen
Worum geht es in dieser Arbeit grundsätzlich?
Die Hausarbeit untersucht die Rolle und Entwicklung des Fachs Staatsbürgerkunde im DDR-Bildungssystem sowie dessen Transformation zur demokratischen politischen Bildung nach der Wiedervereinigung.
Was sind die zentralen Themenfelder der Arbeit?
Zu den zentralen Themen gehören die ideologischen Grundlagen der DDR-Bildungspolitik, die Struktur der Staatsbürgerkunde, der Transformationsprozess nach 1989 und die heutige politische Bildung in Ostdeutschland.
Was ist das primäre Ziel oder die Forschungsfrage der Arbeit?
Das Ziel ist es, den Charakter des Transformationsprozesses der politischen Bildung in den neuen Bundesländern zu analysieren und zu prüfen, inwieweit das Ziel einer mündigen demokratischen Erziehung erreicht wurde.
Welche wissenschaftliche Methode wird in der Arbeit verwendet?
Die Arbeit stützt sich auf eine fachwissenschaftliche Literaturrecherche zur Bildungsgeschichte der DDR sowie auf eine fachdidaktische Analyse zur Vorbereitung einer Unterrichtssequenz.
Was wird im Hauptteil der Arbeit behandelt?
Der Hauptteil gliedert sich in eine fachwissenschaftliche Aufarbeitung des DDR-Bildungswesens und der Staatsbürgerkunde sowie eine anschließende fachdidaktische Expertise für eine 12. Klasse an einer Fachoberschule.
Welche Schlüsselwörter charakterisieren die Arbeit?
Schlüsselbegriffe sind unter anderem: DDR, Staatsbürgerkunde, Politische Bildung, Transformation, Sozialistische Persönlichkeit, SED und Bildungsgeschichte.
Inwiefern hat die "Stabü" die Identität von Schülern geprägt?
Die Staatsbürgerkunde (umgangssprachlich "Stabü") diente als zentrales Instrument der SED, um durch ideologisierte Freund-Feind-Bilder und die Vermittlung marxistisch-leninistischer Dogmen ein konformes gesellschaftliches Bewusstsein zu erzwingen.
Warum war der Transformationsprozess für die Lehrer der DDR so schwierig?
Die ehemaligen Lehrer sahen sich mit dem Verlust ihrer bisherigen ideologischen Grundlage konfrontiert und mussten sich in einem völlig neuen, demokratischen Politikverständnis zurechtfinden, für das sie oft nicht ausreichend ausgebildet waren.
- Citar trabajo
- Linda Schiksnus (Autor), 2010, Damals in der DDR! - Ideologische Werte und ihre Transformation im Politikunterricht, Múnich, GRIN Verlag, https://www.grin.com/document/174489