Kontrollgesellschaft, Kommunikation, Biomacht

Aspekte der Empiretheorie von Michael Hardt und Antonio Negri bei Kathrin Röggla


Seminararbeit, 2007
18 Seiten, Note: 1,7

Leseprobe

Inhalt

1. Einleitung

2. Empire. Die Theorie

3. Kontrollgesellschaft
3.1. Visuelle Überwachung
3.2. Der Mensch in der Datenbank
3.3. Klassifizierungen

4. Biomacht
4.1. Verlust der Menschlichkeit

5. Kommunikation
5.1. Das Zusammenspiel von Industrie und Kommunikation
5.2. Kommunikation des Einzelnen

6. Immaterielle Arbeit
6.1. Kommunikative Arbeit
6.2. Abstrakte Arbeit
6.3. Affektive Arbeit

7. Fazit

Literaturverzeichnis

1. Einleitung

Die zunehmende Ökonomisierung und Globalisierung macht auf keinem Gebiet halt. Rasant nimmt die Arbeit Abstand von ihrer Fabrikvergangenheit und entwickelt sich immer mehr auf den immateriellen Sektoren wie z.B. der Dienstleistung.

Hinzu kommt ein weltumspannendes Netzwerk der Kommunikation, dessen Verästelungen rapide zunehmen. Neben den rein positiven Seiten der globalen Wissensvernetzung erkennen Hardt und Negri auch das aufkommen einer Kontrollgesellschaft, die immer stärke in das Leben jedes Einzelnen eingreift.

Der Einfluss dieser Entwicklungen reicht in weite Gebiete unseres alltäglichen Lebens hinein. Auch macht er vor unserer Gegenwartsliteratur keinen Halt. Und dies soll auch das Ziel meiner Arbeit sein. Hierbei liegt der Betrachtung auf den Werken der Autorin Kathrin Röggla mit der Aufgabe, in Frage kommende Aspekte der Theorie des Empire von Hardt und Negri zu erkennen und zu erläutern.

Rögglas eigenwilliger Schreibstil verdeutlicht dabei die Dynamik unserer Tage und gaukelt dem Leser ein Mittendringefühl vor. Die Arbeit untersucht alle von ihr erschienenen Romane: Niemand lacht rückwärts (1995), Abrauschen (1997), Irres Wetter (2000), realy ground zero (2001), wir schlafen nicht (2004).

Doch vor der Betrachtung ihrer Werke werde ich die wesentlichen Aspekte der Empiretheorie darlegen und erläutern, um sie dann gezielt bei der Ausarbeitung der Romane anzuwenden.

Zunächst werde ich die Theorie an sich im Hinblick auf die für meine Arbeit wesentlichen Punkten darlegen, denn nicht jeder Punkt der Empiretheorie ist auch bei den Werken von Röggla aufzufinden. Eine vollständige Ausarbeitung würde auch schlicht den Rahmen dieser Arbeit sprengen. Hierauf folgt dann die Untersuchung der Romane unter den jeweiligen Aspekten der Theorie. Am Ende werden all diese Punkte folglich zu seinem Gesamtbild zusammengefasst und versucht, sie als komplettes Konstrukt in den gegebenen Rahmen eines Empires einzubauen.

2. Empire. Die Theorie

Bei dem Begriff des Empire bzw. des Imperiums mag der eine vielleicht an das Römische Reich denken, der andere an das British Empire und ein ganz anderer vielleicht an das böse Imperium aus Krieg der Sterne. Doch all diese Imperien haben Gemeinsamkeiten, die sie von dem einen Empire, welches Antonio Negri und Michael Hardt beschreiben, unterscheiden. Denn all diese Imperien hatten ein Zentrum, feste Grenzen und beschränkten sich meist auf eine oder wenige Nationen.

Anders jedoch das Empire von Hardt und Negri. Es besitzt keine Grenzen und vor allem kein Zentrum.[1] Die Wirtschaftsströme entgleiten den Nationalstaaten immer mehr, während das Empire deren Lenkung übernimmt. Eine neue Form von Souveränität entsteht, die den Namen Empire trägt.[2] Kapital häuft das Empire durch das an, „[…] was wir biopolitische Produktion nennen, durch die Produktion des gesellschaftlichen Lebens selbst. Darin überschneiden sich die Sphären des Ökonomischen, des Politischen und des Kulturellen zunehmend und schließen einander ein“[3].

Hardt und Negri sehen in Foucaults Werken, dass sich Gesellschaften in einem Wandel von einer Disziplinargesellschaft hin zu einer Kontrollgesellschaft befinden.[4] Während die Disziplinargesellschaft „[…] Verhaltensweisen, Gewohnheiten wie auch produktive Tätigkeiten hervorbringt und reguliert“[5], verteilt eine Kontrollgesellschaft ihre Herrschaftsmechanismen auf die Köpfe und Körper der Bürger und wirkt sich somit auf jeglichen Teil unseres Lebens aus.[6] Hinzu kommt eine durch Biopolitik bevölkerungsregulierende Biomacht, die gemeinsam mit den Herrschaftsmechanismen alle Register des sozialen Lebens erreicht.[7] Diese beiden Faktoren produzieren nun „Bedürfnisse, soziale Verhältnisse, Körper und Intellekte - sie produzieren mithin Produzenten“[8]. Die Konzerne und Unternehmen dienen dabei als die notwendigen Verbindungen innerhalb dieses biopolitischen Machtgeflechts[9] und bilden zusammen mit der Kommunikation das Grundgerüst dieses biopolitischen Feldes.

3. Kontrollgesellschaft

Bei Hardt und Negri basiert die Biomacht auf dem Gedanken der Kontrollgesellschaft. Im Gegensatz zu einer Disziplinargesellschaft bietet die Kontrollgesellschaft ihren Bürgern scheinbar mehr Freiheiten. Scheinbar deswegen, weil es sich hierbei um eine auferlegte Freiheit handelt. Denn die Leistungen der Arbeitnehmer stehen unter ständiger Beobachtung. Sei es durch Videokameras, Mitschnitte von Telefonaten oder Leistungsnachweiße im EDV Bereich. So hat man zwar die Freiheit seiner Tätigkeit Tag für Tag nachzugehen ohne Ausblick auf eine Prämie, Beförderung oder ähnlichem, oder aber man versucht seine Leistung zu erhöhen, bspw. durch Abendkurse oder Wochenendseminare und somit den Vorsitzenden positiv aufzufallen.

3.1. Visuelle Überwachung

Die Überwachung findet also in jedem unserer Bereiche statt. Im Beruf als auch im privaten Leben. Doch wie wird diese Observation von den Leuten aufgenommen? Einige akzeptieren die Tatsache einfach, dass jemand über ihr Leben quasi Buch führt „aber: >>frage: wird man dabei gefilmt?<< - >>antwort: die antwort wissen wir alle schon! und wir haben uns längst gut in ihr eingelebt.<<“[10]. Dies scheint ein neuer Trend des Menschen von heute zu sein. Man schwimmt mit dem Strom der Technik, man passt sich an und akzeptiert. Rückblickend auf das Jahr 1983 als Zehntausende von Menschen gegen eine einfache Volkszählung protestiert haben, eine erschreckende Entwicklung.[11] Aber auch Vertreter der Einhaltung des Datenschutzes sind bei Röggla natürlich zu finden:

er sei nämlich im gegensatz zu vielen von hier an datenschutz interessiert, er möchte nach wie vor wissen, was mit seinen daten passiere, auch wenn sie jetzt sag, das liege längst nicht mehr in der eigenen hand, was man von sich preisgebe. auch wenn sie jetzt sage, da würden ständig informationen von einem abgezockt, und man merkte es nicht, würde er dich gerne wissen, was mit seinen daten geschehe. denn am ende wunderten sich dann alle doch, er aber wundere sich dann mit sicherheit nicht.[12]

Die Überwachung ist teilweise schon so allgegenwärtig, dass man sie fühlen bzw. hören kann: „[…] technische geräusche, störgeräusche, geräusche, die lieber keiner beim namen nennt – überwachungsgeräusche, datenbeobachtungsgeräusche.“[13]

3.2. Der Mensch in der Datenbank

Natürlich gibt es in einer Kontrollgesellschaft nicht nur Überwachung auf dem visuellen Gebiet. Interessanter für die Unternehmen sind die Finanzwege und das Kaufverhalten der Leute: „und wie man über kreditkarten, versichertenkarten und scheckkarten permanent sichtbar sei.“[14] Deutlicher wird diese Aussage, wenn wir an die Kundenkarten wie z.B. Payback oder Happy Digits denken, die manche Unternehmensgruppen anbieten. Der Kunde erhält für jeden Einkauf eine gewisse Anzahl so genannter Treuepunkt, die er später für Prämien eintauschen kann. Dass mehr als einfache Kundenbindung dahinter steckt, ist den wenigsten bewusst. So wird nicht nur gespeichert was man kauft, sondern auch noch von wem. Hinzu kommen noch Kaufverhalten und Surfverhalten im Internet eines Einzelnen. Ist man z.B. bei Amazon.de registriert und durchstöbert das Angebot auf ihrer Homepage, so befinden sich beim nächsten Besuch automatisch Vorschläge auf der Startseite, die ihren Suchkriterien entsprechen. Möglich wird dies durch kleine Protokollierprogramme namens Cookies.[15] Welch Datenbankeinträge bei einer Fusion von Wissen von einer einzigen Person so zustanden kommen kann, zeigen die Kehrseite einer Kontrollgesellschaft.

3.3. Klassifizierungen

Aber nicht nur elektronisch wird man beobachtet. So muss der Partner Herr Gehrings die Mitarbeiter bewerten, benoten, kategorisieren. Sie werden in ein Hierarchiegefüge eingesetzt: „er müsse ja permanent einschätzungen treffen, er müsse ständig menschen bewerten. […] ja, er müsse noten verteilen, das gehöre eben auch zu seinem job, er müsse sich menschen ansehen und sie bewerten. und seine bewertungen hätten folgen.“[16] Nach dem Beobachtungs- und Bewertungsprozess werden die Leute klassifiziert: „also wir haben ein einfaches ranking gemacht. die a-personen, das sind unsere top-performer, […] dann gibt es welche, da sagen wir, die sind auch gut, […] und dann gibt es die c-personen. […] mit diesen leuten können wir nichts mehr anfangen.“[17]

4. Biomacht

Biomacht wird von Hardt und Negri als „[…] eine Form, die das soziale Leben von innen heraus Regeln unterwirft, es verfolgt, interpretiert, absorbiert und schließlich neu artikuliert“[18] beschrieben. Die Grenzen zwischen Arbeit und Privat verschwinden. Nationalstaaten verlieren ihre Funktion und werden zu Instrumenten der Konzerne.[19] Für meine Arbeit ist das Kapitel dahingehend interessant, dass der heutige Dienstleistender mit seiner immateriellen Arbeit den Fabrikarbeiter abgelöst hat.[20] Durch diesen neuen Arbeitssektor dient in der Biopolitik das Leben der Produktion und die Produktion dem Leben.[21]

[...]


[1] Vgl. Michael Hardt und Antonio Negri: Empire. Die neue Weltordnung. Frankfurt / New
York: Campus Verlag 2002. S. 11.

[2] Vgl. Ebd. S. 10.

[3] Ebd. S. 11.

[4] Vgl. Ebd. S. 37f.

[5] Ebd. S. 38.

[6] Vgl. Ebd. S. 38.

[7] Vgl. Ebd. S. 39.

[8] Ebd. S. 47.

[9] Vgl. Ebd. S. 46f.

[10] Kathrin Röggla: wir schlafen nicht. roman. Frankfurt am Main: Fischer Taschenbuch Verlag
2006. S. 43.

[11] Vgl. Artikel Volkszählung. In: Wikipedia. Die freie Enzyklopädie.
http://de.wikipedia.org/w/index.php?title=Volksz%C3%A4hlung&oldid=35983242
(27.08.2007).

[12] Röggla. 2006. S. 43.

[13] Kathrin Röggla: Irres Wetter. Salzburg und Wien: Residenz Verlag 2000. S. 156.

[14] Röggla. 2006. S. 161.

[15] Vgl. Dominik Cziesche / Andreas Ulrich / Markus Verbeet: Anarchie im Netz. Total unter
Kontrolle. In: Spiegel Spezial Nr. 3. (2007). S. 64ff.

[16] Röggla. 2006. S. 81.

[17] Ebd. S. 85.

[18] Hardt und Negri. 2002. S. 38.

[19] Vgl. Hardt und Negri. 2002. S. 46.

[20] Vgl. Ebd. S. 43.

[21] Vgl. Ebd. S. 47.

Ende der Leseprobe aus 18 Seiten

Details

Titel
Kontrollgesellschaft, Kommunikation, Biomacht
Untertitel
Aspekte der Empiretheorie von Michael Hardt und Antonio Negri bei Kathrin Röggla
Hochschule
Universität Mannheim  (Seminar für Deutsche Philologie)
Veranstaltung
Die Ökonomisierung des Körpers in der deutschsprachigen Gegenwartsliteratur
Note
1,7
Autor
Jahr
2007
Seiten
18
Katalognummer
V174509
ISBN (eBook)
9783640952304
ISBN (Buch)
9783640952113
Dateigröße
467 KB
Sprache
Deutsch
Schlagworte
kontrollgesellschaft, kommunikation, biomacht, aspekte, empiretheorie, michael, hardt, antonio, negri, kathrin, röggla
Arbeit zitieren
Marco Schmitt (Autor), 2007, Kontrollgesellschaft, Kommunikation, Biomacht, München, GRIN Verlag, https://www.grin.com/document/174509

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