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Entwicklungstendenzen und Widersprüche schulischer Sexualpädagogik in der DDR der 1960er und 1970er Jahre

Título: Entwicklungstendenzen und Widersprüche schulischer Sexualpädagogik in der DDR der 1960er und 1970er Jahre

Proyecto/Trabajo fin de carrera , 2022 , 76 Páginas , Calificación: 1,5

Autor:in: Johannes Ritter (Autor)

Pedagogía - Sistemas educativos, políticas educativas
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Diese Examensarbeit untersucht die Praxis schulischer Sexualpädagogik in der DDR mit Fokus auf die 1960er und 1970er Jahre. Neben einem historischen Abriss über die gesellschaftspolitischen Rahmenbedingungen schulischer Sexualpädagogik seit 1945 steht ein exemplarischer Schulversuch des Sexuologen Kurt Bach an einer Polytechnischen Oberschule in Hohenmölsen im Mittelpunkt der Analyse. So soll ein differenzierter Blick auf die Ziele und Konzepte der sich neu entwickelnden Sexualpädagogik in der DDR ermöglicht werden.

Wissenschaftliche Hausarbeit zur ersten Staatsprüfung für das Lehramt an Gymnasien

Extracto


Inhaltsverzeichnis

Einleitung

1 Prolog: Die Anfänge der deutschsprachigen Sexualwissenschaft

1.1 Die Entdeckung der Sexualität in der Weimarer Republik

1.2 Die Säuberung des Perversen unter faschistischen Vorzeichen

2 Rahmenbedingungen sexualwissenschaftlichen und -pädagogischen Arbeitens nach 1945

2.1 Umbrüche: die Nachkriegsjahre

2.2 Pädagogisierungen: die 50er Jahre

2.3 Pubertät der Republik: die 60er Jahre

2.3.1 Erste Schritte sexualpädagogischer Theorie und Praxis

2.3.2 Neuerungen in der Bildungs-, Familien- und Strafgesetzgebung

2.4 Tauwetter: die 70er Jahre

2.4.1 Das Gesetz über die Unterbrechung der Schwangerschaft

2.4.2 Das Jahrzehnt der Jugend

2.5 Zwischenresümee

3 Jugendsexualität Ost

3.1 Erwachsenwerden in der DDR

3.1.1 Die Bedeutung der Jugend für den Aufbau des Sozialismus

3.1.2 Politisierung jugendlicher Sexualität

3.2 Jugendsexualität als Forschungsobjekt

3.2.1 Sozialwissenschaftlicher Paradigmenwechsel

3.2.2 Das Zentralinstitut für Jugendforschung

3.3 Mediale Verarbeitungen jugendlicher Sexualität

3.3.1 Musik, Film und Funk

3.3.2 Aufklärungsbücher

3.3.3 „Unter vier Augen“

4 Sozialistisch arbeiten, lernen, lieben: schulische Sexualpädagogik made in GDR

4.1 Erziehung und Bildung als kollektiver Auftrag

4.1.1 Grundbausteine der Erziehung zur sozialistischen Persönlichkeit

4.1.2 Die sozialistische Persönlichkeit als sexuelles Wesen

4.2 Sexualpädagogik als schulpädagogisches Problem

4.2.1 Das Verhältnis von sexueller und Allgemeinerziehung und -bildung

4.2.2 Zur Didaktik schulischer Sexualpädagogik

4.2.2.1 Methoden und Formen

4.2.2.2 Prinzipien

4.2.2.3 Das Problem der „Erziehung der Erzieher“

4.2.3 Rahmenbedingungen der Kooperation

5 Das Hohenmölsener Modell (Kurt Bach)

5.1 Die Befragungen

5.1.1 Methodische Grundlagen

5.1.2 Einige wichtige Ergebnisse der Lehrer*innen- und Elternbefragung

5.1.3 Die Interessen, Wissensstände und Einstellungen der Schüler*innen

5.2 Ein Programm zur systematischen Geschlechtserziehung an der allgemeinbildenden polytechnischen Oberschule der DDR

5.2.1 Das sexualpädagogische Curriculum

5.2.2 Sexualpädagogik als umfassendes Unterrichtsprinzip

5.3 Zur Adaption des Modells an anderen Schulen

6 Epilog

6.1 Die Situation in der BRD

6.1.1 Neuanfänge: Brüche und Kontinuitäten

6.1.2 Die 68er-Bewegungen: zwischen Befreiung und Entgrenzung

6.2 Das Ende der Sexuologie: die 80er Jahre bis zur Staatsauflösung

7 Fazit

7.1 Widersprüchliche Entwicklungen und entwickelte Widersprüche

7.2 Sozialismus lernen? Zum Homo Germanicus Orientalis

7.3 Perspektiven

Zielsetzung und Themen

Das Hauptziel dieser wissenschaftlichen Hausarbeit ist es, die Entwicklungstendenzen und Widersprüche der schulischen Sexualpädagogik in der DDR während der 1960er und 1970er Jahre im historischen und gesellschaftlichen Kontext zu analysieren und dabei zu untersuchen, wie sich Sexualität aus einem rein medizinisch-biologischen Kontext zu einem umfassenden Bildungs- und Erziehungsproblem wandelte.

  • Historischer Wandel der Sexualwissenschaft und Sexualpädagogik von der Weimarer Republik über die NS-Zeit bis zum DDR-Sozialismus
  • Politisierung und Institutionalisierung jugendlicher Sexualität sowie die Rolle des Zentralinstituts für Jugendforschung (ZIJ)
  • Entwicklung schulischer Curricula, Lehrpläne und sexualpädagogischer Prinzipien im Rahmen der sozialistischen Persönlichkeitsbildung
  • Wissenschaftliche Evaluation des Praximodells von Kurt Bach an der Oberschule Hohenmölsen
  • Vergleichende Betrachtung paralleler Diskurse und Entwicklungen in der Bundesrepublik Deutschland (BRD)

Auszug aus dem Buch

Einleitung

Jede ernsthaft betriebene Wissenschaft ist gezwungen, ihren historischen Wandel und die Veränderung ihrer konkreten gesellschaftlichen Bedingungen zu reflektieren – gleichsam als Standortbestimmung und als Ausrichtung. Dies gilt insbesondere für die Sexualpädagogik als sexual- und erziehungswissenschaftliche Disziplin, welche in der jüngeren deutschen Vergangenheit zahlreichen Wandlungsprozessen unterworfen war; immerhin stand sie in ostdeutschland vor nicht allzu langer Zeit für vier Jahrzehnte unter dem Stern des Kommunismus, der „nicht Askese bringen“ sollte, „sondern Lebensfreude, Lebenskraft auch durch erfülltes Liebesleben“ (Zetkin 1975).

Indessen scheint die sexuologische Wissenschafts- und Bildungsgeschichte der DDR für einige Autor*innen und Herausgeber*innen vergleichsweise wenig interessant zu sein. Im über 700 Seiten starken Sammelband Geschichte der Sexualwissenschaft (2008, hrsg. von Volker Sigusch) bspw. findet sich gerade einmal ein Artikel, der sich resümierend mit der DDR-Sexualpädagogik auseinandersetzt; im Sammelband Sexuelle Revolution? Zur Geschichte der Sexualität im deutschsprachigen Raum seit den 1960er Jahren (2015, hrsg. von Peter-Paul Bänziger u.a.) wird die DDR (abgesehen von ein paar Verweisen und Fußnoten) gänzlich ausgeklammert. Langsam aber sicher scheint das Interesse an sexualwissenschaftlicher DDR-Forschung jedoch wieder in Mode zu kommen, wie bspw. die Beiträge im Sammelband Die deutschsprachige Sexualwissenschaft (2020, hrsg. von Heinz-Jürgen Voß) belegen. Die vorliegende Arbeit will zu dieser Entwicklung einen bescheidenen Beitrag leisten.

In den in überschaubarem Umfang vorliegenden Retrospektiven auf die sexuologische Wissenschaftsgeschichte der DDR zu Chancen und Herausforderungen, Errungenschaften und Verfehlungen in 40 Jahren ostdeutscher Sexualwissenschaft befragt, scheint für einige – Beteiligte wie Außenstehende – das Urteil wiederum äußerst durchwachsen auszufallen. Gudrun Jeschonek bspw. beklagt, dass während der Zeit ihrer sexualpädagogischen Tätigkeit in Ost-Berlin „keinerlei kommerzialisierte Sexualität gab, die „Pornographie in jeglicher Form, Sexspielzeug, auch Partnerschaftsvermittlung [...] nicht der (verordneten) sozialistischen Ideologie“ entsprochen hätten (Schmidt/Sielert/Henningsen 2017, S. 80). Kurt Bach (1993, S. 82) wiederum vermutet, die Autoritäten hätten eine „Libertinage“ gefürchtet, die eine „sich der Bevormundung und Kontrolle entziehende Entwicklung“ gezeitigt hätte. Für Kommentator*innen dieser Art scheint von der DDR also nicht viel mehr übriggeblieben zu sein als lästige Bevormundung und willkürliche Verordnungen.

Zusammenfassung der Kapitel

Einleitung: Die Einleitung stellt das Erkenntnisinteresse, den Forschungsstand sowie die Relevanz der Untersuchung zur historischen Entwicklung der DDR-Sexualpädagogik dar.

1 Prolog: Die Anfänge der deutschsprachigen Sexualwissenschaft: Dieses Kapitel beleuchtet die historischen Wurzeln der Sexualwissenschaft in der Weimarer Republik und deren radikale Zerstörung und Verfolgung durch das NS-Regime.

2 Rahmenbedingungen sexualwissenschaftlichen und -pädagogischen Arbeitens nach 1945: Es wird die historische Phasenverschiebung von den hygienisch geprägten Nachkriegsjahren über die 50er und 60er Jahre bis hin zum gesetzgeberischen Tauwetter der 70er Jahre nachgezeichnet.

3 Jugendsexualität Ost: Der Fokus liegt hier auf der Lebenswelt, der Politisierung und den empirischen Erforschungsmustern jugendlicher Sexualität in der DDR sowie deren medialer Vermittlung.

4 Sozialistisch arbeiten, lernen, lieben: schulische Sexualpädagogik made in GDR: Das Kapitel analysiert den schulischen Erziehungsauftrag, die Verortung im sozialistischen Kollektiv und die fachdidaktischen Anforderungen an den Unterricht.

5 Das Hohenmölsener Modell (Kurt Bach): Anhand eines konkreten Schulversuchs werden Befragungen, Curricula und die praktische Umsetzung sowie Adaption einer systematischen Geschlechtserziehung untersucht.

6 Epilog: Hier wird ein vergleichender Blick auf die parallelen Situationen, Brüche und Kontinuitäten in der BRD sowie das Ende der Sexuologie im Zuge der Wende geworfen.

7 Fazit: Das Fazit fasst die zentralen Ergebnisse zusammen, bewertet die widersprüchlichen Entwicklungslinien im ostdeutschen Bildungssystem und formuliert weiterführende Perspektiven.

Schlüsselwörter

Sexualpädagogik, DDR, Sexualwissenschaft, Geschlechtserziehung, Jugendsexualität, Sozialistische Persönlichkeit, Schulversuch, Oberschule, Sexualerziehung, Bildungspolitik, Lehrplan, Empirische Forschung, Kooperation, Weimarer Republik, BRD

Häufig gestellte Fragen

Worum geht es in der Arbeit im Kern?

Die Arbeit untersucht die historischen Entwicklungstendenzen, programmatischen Ansätze und inneren Widersprüche der schulischen Sexualpädagogik in der DDR während der 1960er und 1970er Jahre.

Welche zentralen Themenfelder werden bearbeitet?

Zu den Schwerpunkten gehören die historischen Vorläufer seit der Weimarer Republik, die gesetzlichen und gesellschaftlichen Rahmenbedingungen nach 1945, die empirische Erforschung der Jugendsexualität sowie die konkrete unterrichtliche Umsetzung an den Schulen der DDR.

Welches primäre Ziel oder welche Forschungsfrage wird verfolgt?

Es soll analysiert werden, wie sich Sexualität in der DDR schrittweise aus einem rein medizinisch-biologischen Kontext löste und zu einem integralen Bestandteil der sozialistischen Erziehungs- und Bildungspolitik avancierte.

Welche wissenschaftlichen Methoden werden angewendet?

Die Arbeit stützt sich auf eine tiefgehende Literatur- und Quellenanalyse, die Auswertung zeitgenössischer Dokumente, Lehrpläne, Gesetze sowie empirischer Studien und Schulversuche wie das Hohenmölsener Modell.

Was wird im umfangreichen Hauptteil der Publikation behandelt?

Im Hauptteil werden die theoretischen Grundlagen, die gesetzlichen Reformen (wie das Bildungsgesetz und das Familienrecht), die Politisierung der Jugend, mediale Einflüsse sowie die didaktischen Prinzipien und Kooperationsformen der Sexualpädagogik detailliert dargelegt.

Durch welche Schlüsselwörter lässt sich das Werk charakterisieren?

Kernbegriffe sind unter anderem Sexualpädagogik, DDR, Sexualwissenschaft, Geschlechtserziehung, sozialistische Persönlichkeit, Jugendsexualität und Oberschule.

Welche Rolle spielte das Zentralinstitut für Jugendforschung (ZIJ) in Leipzig?

Das ZIJ war ab 1966 das zentrale wissenschaftliche Organ für empirische Jugend- und Sexualforschung in der DDR und lieferte mit großen quantitativen Studien (wie der PARTNER-Serie) wichtige Daten zur Weiterentwicklung der sexualpädagogischen Praxis.

Wie gestaltete sich der Schulversuch nach dem Hohenmölsener Modell von Kurt Bach?

Der Schulversuch evaluierte systematisch durch umfangreiche Lehrer- und Schülerbefragungen, wie eine plangemäße Geschlechtserziehung erfolgreich in den Unterricht der polytechnischen Oberschule integriert und wissenschaftlich fundiert werden kann.

Inwiefern unterscheidet sich die Entwicklung in der DDR von der Situation in der BRD?

Während in der DDR Sexualerziehung ab den 1970er Jahren verbindlicher Bestandteil eines zentralisierten staatlichen Bildungssystems im Sinne des kollektiven Fortschritts wurde, verlief die Entwicklung in der BRD pluralistischer, aber auch von politischen Konflikten und stärkerer Individualisierung geprägt.

Welche Bedeutung hatten Medien wie Zeitschriften und Bücher für Jugendliche?

Medien wie die Jugendzeitung „Junge Welt“ mit ihrer Rubrik „Unter vier Augen“, Aufklärungsbücher und Jugendmagazine boten wichtige Orientierungspunkte, unterstanden jedoch gleichzeitig der ideologischen Kontrolle und standen im Spannungsfeld zwischen offizieller Moral und den realen Bedürfnissen der Jugendlichen.

Final del extracto de 76 páginas  - subir

Detalles

Título
Entwicklungstendenzen und Widersprüche schulischer Sexualpädagogik in der DDR der 1960er und 1970er Jahre
Universidad
Martin Luther University
Calificación
1,5
Autor
Johannes Ritter (Autor)
Año de publicación
2022
Páginas
76
No. de catálogo
V1745739
ISBN (PDF)
9783389201107
ISBN (Libro)
9783389201114
Idioma
Alemán
Etiqueta
Sexualpädagogik Schule DDR BRD Geschichte Sexualerziehung Schulsystem Bildungssystem sexuelle Bildung Sozialismus Kurt Bach Hohenmölsen Polytechnische Oberschule
Seguridad del producto
GRIN Publishing Ltd.
Citar trabajo
Johannes Ritter (Autor), 2022, Entwicklungstendenzen und Widersprüche schulischer Sexualpädagogik in der DDR der 1960er und 1970er Jahre, Múnich, GRIN Verlag, https://www.grin.com/document/1745739
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