“Am wenigsten kontrovers ist die Beobachtung, dass expressionistische Erzählprosa einen wenig narrativen, einen oft unepischen, tief reflexiv- selbstreflexiven Zug hat, weshalb man mit guten Gründen von ‚Reflexionsprosa’ [...] spricht.“1
Walter Fähnders weist mit diesem Ausspruch auf einen grundlegenden Charakter der Lyrik in der Epoche des Expressionismus hin. Albert Ehrenstein steht mit seinem Erstlingswerk „Tubutsch“ von 1911 gerade in dieser Hinsicht in einer Vorreiterposition für alle folgenden Literaturerscheinungen dieser Zeit. Der Protagonist des Textes, Karl Tubutsch, steht in einem Prozess unaufhörlicher, erkenntnisskeptischer Reflexion und Selbstreflexion;2 „ein Spezifikum [...] der besonderen Modernität des Expressionismus“.3
Das Anliegen dieser Arbeit ist es, die aus dem Reflexionsprozess resultierende Darstellung des Selbstverhältnisses von Karl Tubutsch zu veranschaulichen, um darauf aufbauend den gezielten Einsatz der Erzählperspektive zu konkretisieren. Es wird zu zeigen sein, ob und in wieweit eine Verknüpfung der inhaltlichen und der äußeren Struktur umgesetzt wurde und wie die abnorme Persönlichkeitsstruktur des Protagonisten eine spezifische Auswahl an literarischen Arbeitsmitteln bedingt.
Inhaltsverzeichnis
1.) Einleitung
2.) Selbstverhältnis und Erzählperspektive
2.1) Der philosophische Terminus „Selbstverhältnis“
2.2) Das gespaltene Selbstverhältnis
2.3) Einsatz und Wirkung der Erzählperspektive
3.) Schlussbetrachtung
Zielsetzung & Themen
Die vorliegende Arbeit untersucht das komplexe Spannungsfeld zwischen dem Selbstbild und der Erzählstruktur in Albert Ehrensteins „Tubutsch“. Dabei wird analysiert, wie die spezifische Form der „Reflexionsprosa“ und der Einsatz einer Ich-Erzählperspektive dazu genutzt werden, die psychische Zerrissenheit und die Identitätskrise des Protagonisten literarisch abzubilden.
- Die philosophische Fundierung des Begriffs „Selbstverhältnis“
- Die Analyse der inneren Spaltung und „Ich“-Dissoziation der Figur Karl Tubutsch
- Der Einfluss der Erzählperspektive auf die Vermittlung psychischer Zustände
- Die Untersuchung narrativer Mittel zur Darstellung von Subjektivität und Entfremdung
Auszug aus dem Buch
2.1) Der philosophische Terminus „Selbstverhältnis“
Als Grundlage bei der Einordnung des Terminus „Selbstverhältnis“ dienen die Ausführungen des Philologen Dr. Düwell:
„Wenn der Mensch sich zu sich selbst verhält, so ist er ein gespaltenes Wesen. Er ist Subjekt und Objekt der Wahrnehmung zugleich. Der Mensch ist in der Lage, sich selbst zum Objekt zu machen. Er kann sein Handeln und seine körperlichen Regungen wahrnehmen, thematisieren und bewerten.“
Der Mensch kann sich demnach in ein Verhältnis zu sich selber setzen, und dieses resultiert aus dem Vorhandensein von Körper und Geist, wobei der Körper materieller Natur ist und das Objekt des intelligiblen Geistes darstellt. Die reine Wahrnehmung des Objekts, des Leibes, aber ist auch schon ein Produkt der geistigen Verarbeitung desselben: „Unsere Selbstwahrnehmung und Selbstempfindung ist Sedimentation geistiger Leistung.“ Die Folge ist, dass keine wirklich reine Beobachtung des Menschen aus sich selbst heraus stattfinden kann. Wenn der Mensch sich selbst beobachtet, sich reflektiert, ob es sich nun um leibliche oder geistige Empfindungen und Regungen handelt, er tut dies immer mittels bestimmter Deutungsmuster, die habitualisiert sind. Habitualisierung geschieht in diesem Fall durch Internalisierung von sinnlichen Erfahrungsqualitäten. Deutungsmuster sind somit nicht fixiert, sondern auf ihre Art flexibel und beeinflussbar.
Reflexion, die bewusste Deutung von Empfindungen, findet durch Interpretation auf Grundlage der Deutungsmuster statt. Düwell spricht bei differenzierten Deutungsschemata von „Kategorien der Selbstdeutung“. Diese Kategorien entspringen verschiedenartigen Quellen und sind je nach Gesellschaft, Kultur, Religion etc. von unterschiedlicher Prägung. Alle Kategorien haben gemein, dass sie kollektiv vorgegebene Muster und Stereotypen sind, in denen sich der Mensch verstehen kann. Der Mensch bewegt sich innerhalb „kollektiv präfigurierter Deutungsräume“, die durch den Prozess der Reflexion in unser Selbstverständnis Eingang finden.
Zusammenfassung der Kapitel
1.) Einleitung: Die Einleitung führt in das Thema der expressionistischen „Reflexionsprosa“ ein und legt dar, dass der Protagonist Tubutsch in einem Erkenntnisprozess gefangen ist, der eine spezifische Erzählweise erfordert.
2.) Selbstverhältnis und Erzählperspektive: Dieses Kapitel untersucht die philosophische Definition von Selbstverhältnis, die psychische Spaltung der Hauptfigur und analysiert die narrativen Techniken, mit denen diese Zerrissenheit für den Leser greifbar gemacht wird.
3.) Schlussbetrachtung: Das Fazit fasst zusammen, dass Tubutschs Identität durch eine unauflösbare „Ich“-Dissoziation gekennzeichnet ist und die gewählten literarischen Mittel die inhaltliche Zersplitterung effektiv unterstreichen.
Schlüsselwörter
Albert Ehrenstein, Tubutsch, Selbstverhältnis, Ich-Erzählung, Expressionismus, Reflexionsprosa, Identitätskrise, Subjektivität, Ich-Dissoziation, Deutungsmuster, Erzählperspektive, Entfremdung, literarische Analyse, psychische Struktur, Moderne
Häufig gestellte Fragen
Worum geht es in dieser Arbeit grundsätzlich?
Die Arbeit beschäftigt sich mit der literarischen Darstellung des Selbstverhältnisses in Albert Ehrensteins Erzählung „Tubutsch“ und beleuchtet die psychologischen sowie erzähltechnischen Aspekte dieser Figur.
Was sind die zentralen Themenfelder der Untersuchung?
Zentral sind die Themenfelder der Identitätsspaltung, des Verhältnisses von Körper und Geist, der Wahrnehmungsprozesse sowie der literarischen Umsetzung von Reflexionsvorgängen im Expressionismus.
Was ist das primäre Ziel oder die Forschungsfrage?
Ziel ist es, den Reflexionsprozess und die daraus resultierende Darstellung des Selbstverhältnisses von Karl Tubutsch zu veranschaulichen und den gezielten Einsatz der Erzählperspektive zur Konkretisierung dieses Zustands aufzuzeigen.
Welche wissenschaftliche Methode wird verwendet?
Die Arbeit nutzt eine textorientierte Analyse auf Basis der Erzähltheorie, insbesondere unter Heranziehung der Theorien von Gérard Genette und F.K. Stanzel.
Was wird im Hauptteil behandelt?
Im Hauptteil werden zunächst philosophische Grundlagen des Selbstverhältnisses geklärt, gefolgt von einer tiefgehenden Analyse der gespaltenen Identität von Tubutsch und einer Untersuchung dazu, wie die Erzählstruktur diesen inneren Zustand spiegeln kann.
Welche Schlüsselwörter charakterisieren die Arbeit?
Typische Begriffe sind „Reflexionsprosa“, „Ich-Dissoziation“, „Selbstbild“, „expressionistische Erzählprosa“ und „Identitätskrise“.
Welche Bedeutung hat das „Ich“ im Kontext der Erzählung?
Das „Ich“ dient als zentrales Indiz für die Ich-Fixierung des Protagonisten, wobei die Dissoziation zwischen dem erzählenden und dem erlebenden Ich die psychische Instabilität von Tubutsch verdeutlicht.
Wie trägt der innere Monolog zur Darstellung der Figur bei?
Der innere Monolog ermöglicht eine direkte Wiedergabe der Gedankenwelt Tubutschs, wodurch die Distanz zum Leser verringert wird und eine „unmittelbare Selbstoffenbarung“ der Zerrissenheit gelingt.
Warum spielt das Scheitern eine Rolle für die Identitätsfindung der Figur?
Tubutsch scheitert bei seinen Identitätsspielen, da die gewählten Vorbilder keine „passende Authentizität“ besitzen, was ihn letztlich in einer resignierten Ausweglosigkeit belässt.
- Quote paper
- Aron Jährig (Author), 2007, Selbstverhältnis und Erzählperspektive in Albert Ehrensteins „Tubutsch“, Munich, GRIN Verlag, https://www.grin.com/document/174600