Selbstverhältnis und Erzählperspektive in Albert Ehrensteins „Tubutsch“


Hausarbeit, 2007

12 Seiten, Note: 2,0


Leseprobe

Inhalt:

1. ) Einleitung

2. ) Selbstverhältnis und Erzählperspektive
2.1) Derphilosophische Terminus „Selbstverhältnis“
2.2) Das gespaltene Selbstverhältnis
2.3) Einsatz und Wirkung der Erzählperspektive

3. ) Schlussbetrachtung

Literaturverzeichnis

1.) Einleitung:

“Am wenigsten kontrovers ist die Beobachtung, dass expressionistische Erzählprosa einen wenig narrativen, einen oft unepischen, tief reflexiv- selbstreflexiven Zug hat, weshalb man mit guten Gründen von ,Reflexionsprosa’ [...] spricht.“[1]Walter Fahnders weist mit diesem Ausspruch auf einen grundlegenden Charakter der Lyrik in der Epoche des Expressionismus hin. Albert Ehrenstein steht mit seinem Erstlingswerk „Tubutsch“ von 1911 gerade in dieser Hinsicht in einer Vorreiterposition für alle folgenden Literaturerscheinungen dieser Zeit. Der Protagonist des Textes, Karl Tubutsch, steht in einem Prozess unaufhörlicher, erkenntnisskeptischer Reflexion und Selbstreflexion;[2]„ein Spezifikum [...] der besonderen Modernität des Expressionismus“.[3]

Das Anliegen dieser Arbeit ist es, die aus dem Reflexionsprozess resultierende Darstellung des Selbstverhältnisses von Karl Tubutsch zu veranschaulichen, um darauf aufbauend den gezielten Einsatz der Erzählperspektive zu konkretisieren. Es wird zu zeigen sein, ob und in wieweit eine Verknüpfung der inhaltlichen und der äußeren Struktur umgesetzt wurde und wie die abnorme Persönlichkeitsstruktur des Protagonisten eine spezifische Auswahl an literarischen Arbeitsmitteln bedingt. Aufgrund der eingegrenzten Länge der Ausarbeitung werden nur einige wesentliche Aspekte des Selbstverhältnisses und der Erzählperspektive aufgezeigt, die dann auch nicht in ihrer ganzen Tiefe ausgelotet werden können.

2.) Selbstverhältnis und Erzählperspektive

2.1) Der philosophische Terminus „Selbstverhältnis“:

Als Grundlage bei der Einordnung des Terminus „Selbstverhältnis“ dienen die Ausführungen des Philologen Dr. Düwell:

„Wenn der Mensch sich zu sich selbst verhält, so ist er ein gespaltenes Wesen. Er ist Subjekt und Objekt der Wahrnehmung zugleich. Der Mensch ist in der Lage, sich selbst zum Objekt zu machen. Er kann sein Handeln und seine körperlichen Regungen wahrnehmen, thematisieren und bewerten.“[4]

Der Mensch kann sich demnach in ein Verhältnis zu sich selber setzen, und dieses resultiert aus dem Vorhandensein von Körper und Geist, wobei der Körper materieller Natur ist und das Objekt des intelligiblen Geistes darstellt. Die reine Wahrnehmung des Objekts, des Leibes, aber ist auch schon ein Produkt der geistigen Verarbeitung desselben: „Unsere Selbstwahrnehmung und Selbstempfindung ist Sedimentation geistiger Leistung.“.[5]Die Folge ist, dass keine wirklich reine Beobachtung des Menschen aus sich selbst heraus stattfinden kann. Wenn der Mensch sich selbst beobachtet, sich reflektiert, ob es sich nun um leibliche oder geistige Empfindungen und Regungen handelt, er tut dies immer mittels bestimmter Deutungsmuster, die habitualisiert sind. Habitualisierung geschieht in diesem Fall durch Internalisierung von sinnlichen Erfahrungsqualitäten. Deutungsmuster sind somit nicht fixiert, sondern auf ihre Art flexibel und beeinflussbar.

Reflexion, die bewusste Deutung von Empfindungen, findet durch Interpretation auf Grundlage der Deutungsmuster statt. Düwell spricht bei differenzierten Deutungsschemata von „Kategorien der Selbstdeutung“.[6]Diese Kategorien entspringen verschiedenartigen Quellen und sind je nach Gesellschaft, Kultur, Religion etc. von unterschiedlicher Prägung. Alle Kategorien haben gemein, dass sie kollektiv vorgegebene Muster und Stereotypen sind, in denen sich der Mensch verstehen kann. Der Mensch bewegt sich innerhalb „kollektiv präfigurierter Deutungsräume“,[7]die durch den Prozess der Reflexion in unser Selbstverständnis Eingang finden.

2.2) Das gespaltenes Selbstverhältnis:

Albert Ehrenstein führt den Leser im „Tubutsch“ in eine fiktive Figur ein, die sich in einem Prozess der intensiven Reflexion, der innerlichen und äußerlichen Selbstwahrnehmung, befindet und geradezu von ihr beherrscht wird. Es scheint, dass Karl Tubutsch viele der von Außen auf ihn einfallenden Eindrücke nur noch als eine vom Geist interpretierte, intelligible Substanz auffassen kann. Des weiteren ist es wichtig zu erwähnen, dass sich der gesamte Prozessverlauf auf eine rein durch Intellektualität bestimmte Anschauung der Dinge konzentriert, was einen totalen ,Transzendenzverlust’ zur Folge hat. Er entwickelt er ein Selbstverhältnis, dass sich in zwei Lager spaltet:

Die eine der zum Vorschein kommenden Seiten des Selbstverhältnisses ist geprägt von Selbstdestruktivität, Selbstentfremdung und „Ich“- Dissoziation.[8]Tubutsch befindet sich in einem Zustand, in dem er habitualisierte Deutungsschemata negiert und verwirft und auch keine neuen aufnehmen will: Der ,Transzendentverlust’ löst alle religiösen Selbstdeutungskategorien auf; es reicht nur noch für anklagende, provokative Phrasen: „welchem irrsinnig gewordenen Gott oder Dämon das Tintenfass gehört, in dem wir leben und sterben“.[9]Auch wirkt sich der zunehmende Zerfall der äußeren Welt zersetzend auf Tubutschs kulturell und gesellschaftlich geprägten Muster aus: „Wenn aber die Welt auf solchen Ungerechtigkeiten basiert, dann werden auch die Werte degradiert, wertlos gemacht.“.[10]So führen Tubutschs intellektuelle Erkenntnisse der Weltzusammenhänge dazu, dass er wichtige „kollektiv präfigurierte[...] Deutungsräume“[11]ablehnt, und sich so weiterer Selbstdeutungskategorien entzieht. Es fällt ihm zunehmends schwerer, seine Empfindungen systematisch zu reflexieren, so dass sein psychischer Zustand immer mehr entartet zu einer lebensverneinenden Ausweglosigkeit:

Stellen wie „Sollte ich am Leben bleiben, was ich nicht hoffe“,[12]oder „ich sehne mich nach meinem Mörder“[13]zeigen dies. Ferner entzieht sich Tubutsch auch selber wichtige Identifikationsgrundlagen, in dem er, abgesehen von „Small talks" und einer entfremdeten Liebesbeziehung, ein zu anderen Menschen nahezu beziehungsloses Leben führt.

[...]


[1]Expressionistische Prosa. Hrsg. von Walter Fähnders. Bielefeld: 2001. S.14.

[2]Vgl. Ebd.

[3]Ebd., S.14f.

[4]Düwell, Markus: Der Patient im Spannungsfeld zwischen Selbstbild und medizinischer Abbildung. www.dhmd.de/forum-wissenschaft/fachtagungQ4/ft04-duewell ref.htm (20.02.2007).

[5]Ebd.

[6]Ebd.

[7]Ebd.

[8]Vietta, Silvio/Kemper, Hans- Georg: Expressionismus. 6.AufL München: 1997. S.30ff. (Für eine eingehende Beschäftigung mit Aspekten der „Ich-“ Dissoziation empfehlenswert)

[9]Ehrenstein, Albert: Werke. Hrsg. von Hanni Mittelmann. München: 1991 (= Erzählungen. Bd.2). S.37- 58. S.55.

[10]Köster, Thomas: Zerfall ohne Zauber: Paradoxie und Resignation in Albert Ehrensteins „Tubutsch“. In: The German quarterly 63:2 (1990), S.233- 244. S.237.

[11]Vgl. Anm. 7.

[12]Ehrenstein: Werke, S.57.

[13]Ehrenstein: Werke, S.46.

Ende der Leseprobe aus 12 Seiten

Details

Titel
Selbstverhältnis und Erzählperspektive in Albert Ehrensteins „Tubutsch“
Hochschule
Westfälische Wilhelms-Universität Münster  (Neuere deutsche Literatur)
Veranstaltung
Expressionismus
Note
2,0
Autor
Jahr
2007
Seiten
12
Katalognummer
V174600
ISBN (eBook)
9783640951260
ISBN (Buch)
9783640951475
Dateigröße
439 KB
Sprache
Deutsch
Schlagworte
selbstverhältnis, erzählperspektive, albert, ehrensteins
Arbeit zitieren
Aron Jährig (Autor), 2007, Selbstverhältnis und Erzählperspektive in Albert Ehrensteins „Tubutsch“, München, GRIN Verlag, https://www.grin.com/document/174600

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