Der Utopiebegriff bei Paul Tillich und die Unerreichbarkeit der Demokratie bei Laclau/Mouffe

Utopie und radikale Demokratie als Herausforderung


Studienarbeit, 2011
21 Seiten, Note: 1,0

Leseprobe

Inhaltsverzeichnis

Einführung

I. Utopie und Demokratie in der Geschichte
1. Utopie als Grenzsituation
2. Der Geist der Utopie
3. Kairos als Aufforderung zur Praxis
4. Die Wurzeln der Utopie im menschlichen Wesen
5. Die Funktion der Utopie
6. Trend und Chance in der Utopie
7. Die göttliche und dämonische Dimension

II. Radikale Demokratie als ein Kampf um Leerraum
1. Radikalisierung der Philosophie
2. Der Begriff des „Leeren“
3. Ort des Entstehens und Vergehens
4. Grenze als Interventionsbereich
5. Die Bildung der Identität und des Subjekts
6. Artikulation als Operationsmethode
7. Das Partikulare und das Universelle
8. Hegemonie
9. Unerreichbarkeit der Demokratie

Schluß

Literaturverzeichnis

Einführung

Trotz unterschiedlicher politisch-philosophischer Positionen haben die Philosophen Paul Tillich, Ernesto Laclau und Chantal Mouffe eine Gemeinsamkeit: Ihre Schlüsselbegriffe, Utopie bei Paul Tillich und Demokratie bei Laclau/Mouffe, sind nicht zu verwirklichen.

Für Paul Tillich ist die Utopie ein Zentralproblem seines Politikverständnisses. Ebenfalls wird der Demokratiebegriff von Laclau/Mouffe ins Zentrum der Politik gerückt.

Das Wesen der Utopie bei Tillich und der Demokratie bei Laclau/Mouffe ist, dass diese Begriffe auf dem materiellen Boden unerreichbar bleiben. Beide Ziele scheinen im ersten Moment leicht zu erreichen, aber doch nicht! Sobald man den richtigen „Weg“ gefunden und die genügende „Energie“ aufgebracht hat, um sie zu erreichen, entwischen sie einem aus der Hand und verlegen sich in die ferne Zukunft. Wie ein Regenbogen, der einem immer wieder wegrückt, sobald man sich nähert. Nichtsdestoweniger spielen beide Begriffe im Leben der Menschen und der Völker eine außergewöhnliche Rolle.

Diese Hausarbeit beabsichtigt, die Rolle der Utopie bei Paul Tillich und den Begriff der radikalen Demokratie bei Laclau/Mouffe herauszuarbeiten, um schließlich beide Begriffe in Bezug auf ihre Unerreichbarkeit miteinander zu vergleichen. Es ist sehr interessant festzustellen, dass alle drei Philosophen fast die gleichen Argumente und Begriffe verwenden, um ihre philosophische Theorie zu begründen.

I. Utopie und Demokratie in der Geschichte

Der Ausgangspunkt aller drei Philosophen ist grundverschieden, aber ihre Begriffe Utopie und Demokratie, Heterogonie und Unbestimmtheit, Kairos und Überdeterminierung, Spontaneität und Kontingenz sind sehr ähnlich. Seit Jahrhunderten drücken die Utopie und die Demokratie, welche ihre Wurzel in der Vergangenheit haben, die Sehnsüchte der Menschen aus.

Nichtsdestotrotz sind beide Begriffe im Leben der Menschen nicht nur nützlich sondern auch dringend notwendig. Nicht umsonst haben beide Begriffe ihre Wurzel in der Antike und sogar noch davor. Fast in aller politischen und gesellschaftlichen Literatur der Antike sind beide Begriffe präsent. Utopie als Entwurf eines idealen Staates,[1] Demokratie als eine gerechte politische Ordnung.[2]

Schon in den sumerischen Keilschriften liest man die Sehnsucht nach einem Leben, in dem es „keine Unterdrückung, Hass, und Ausbeutung; Krankheit und Kummer“[3] geben solle.

Aristoteles diskutiert in seinem Buch „Politeia“ die Durchführbarkeit einer gerechten sozialen Ordnung, wobei er die älteren Gesellschaftsentwürfe zitiert.[4] Dabei erwähnt er den Phaleas von Khalkedon und Hippodamos von Miletus, welche in der Vergangenheit gerechte und demokratische Gesellschaftsmodelle entwarfen.

Das Streben nach der Utopie und Demokratie hat nichts von seiner Kraft verloren; die Forderung nach einer freien und gerechten Gesellschaftsordnung geht trotz mancher Rückschläge ununterbrochen weiter.

Nicht nur Paul Tillich sieht die Utopie als etwas Notwendiges auf dem Weg zur Demokratie auch Laclau/Mouffe sind von der Rolle des Utopischen sehr angetan:

„Aber ohne Utopie, ohne die Möglichkeit der Negation einer Ordnung über jenen Punkt hinaus, an dem wir in der Lage sind, sie ernsthaft zu bedrohen, gibt es überhaupt keine Möglichkeit der Konstitution eines radikalen Imaginären.. Die Präsenz dieses Imaginären als ein Set symbolischer Bedeutungen, die eine bestimmte soziale Ordnung als Negativität zusammenfassen, ist für die Konstitution jeden linken Denkens absolut wesentlich.“[5]

Die Utopie-Theorie Paul Tillichs und die Forderung Laclau/Mouffes nach einer radikalen Demokratie sind zwei Grundsteine in dieser Richtung.

1. Utopie als Grenzsituation

Tillich gibt in seinem Werk „Auf der Grenze“[6] Informationen über sein eigenes Leben und beschreibt seinen geistigen Werdegang. Von seiner politischen und philosophischen Entwicklung ausgehend stellt er treffend fest, dass „die Grenze der eigentliche fruchtbare Ort der Erkenntnis“ sei. Tatsächlich, wenn man die Grenze als Nahtstelle zweier Elemente betrachtet, dann wird sie zu einem Ort, wo man „nirgends ganz zu Hause ist“ aber doch überall sein kann. Man trifft zwar keine „endgültige Entscheidung“, aber man wird dadurch an allen Entscheidungen teilhaben. Eine Schlüsselposition, wo alles „offen und unentscheidbar“ bleibt: im Denken, Handeln und Gestalten.

Nach Tillich ist das nicht alles; die Grenze ist ein Erlebnis von Unendlichem und Endlichem; ein Spannungsort zwischen festem Boden und der Phantasie; wo das Feste zum Flüssigen und zum Dynamischen wird. Schließlich eine Schwelle des „Grundes und Abgrundes.“[7]

Die Ähnlichkeiten dieser Begriffe mit den Begriffen Laclau/Mouffes ist verblüffend: die theoretischen Elemente der Radikalen Demokratie wie Artikulation, Hegemonie beschreiben auch die Grenzsituation. Die artikulierende Praxis spielt ebenfalls im Grenzbereich der Subjektpositionen. An den Knotenpunkten werden nicht nur Subjektpositionen sondern auch Identitäten aufgebaut und verändert.[8] Bei Laclau/Mouffe werden auch unterschiedliche Elemente durch die Artikulation zu neuen Subjektpositionen rekonstruiert.[9]

2. Der Geist der Utopie

Was sind die Utopien? Nur Phantastereien? Oder etwa Unsinn? Was für eine Funktion hat die Utopie im menschlichen Leben? Was bezweckt man mit den utopischen Entwürfen? Tillich versucht in seinen philosophischen Schriften diesen Fragen nachzugehen. Er unterscheidet zwischen dem „optimistischen Utopismus“, der nur in der Zukunft lebt, und dem „Geist der Utopie“, der die Vergangenheit samt Gegenwart und Zukunft in seiner Dimension mit einschließt.[10] Für ihn ist der „optimistische Utopismus“ wie Propheten, denen man keine Fehler anhaften kann, weil die Dimension ihrer Utopien kein Risiko beinhalten. Aber die anderen Propheten, deren Utopien den Kairos (als die Zeit der rechten Entscheidung) verkünden, könnten ihre Prophezeiungen verfehlen, da sie unter der Heterogonie liegen.

Zu dem Begriff Heteregonie kommen wir noch zurück. Aber es wäre hier angebracht, zuerst auf den Begriff „Kairos“ einzugehen, da er für die Geschichtsphilosophie Tillichs sehr entscheidend ist.

3. Kairos als Aufforderung zur Praxis

Dieser Begriff soll in Deutschland, am Anfang der 20er Jahre des 20. Jahrhunderts, im Kreis der „religiösen Sozialisten“ entstanden sein.[11] Tillich hat den Begriff immer wieder in seinen Werken gebraucht und auch näher definiert. Er gebraucht den Begriff immer wieder dort, wo die Zeit für eine gesellschaftliche Umwandlung notwendig scheint. Wenn eine gesellschaftliche Umbruchsstimmung vorhanden ist und die Künder der „neuen Zeitalter“ gefragt sind, gebraucht Tillich diesen Begriff. Dieser Begriff könnte vielleicht mit einem Begriff der sozialistischen Theorie, nämlich „revolutionärer Zustand“, verglichen werden.

Nach Tillich ist dieser Zustand nicht absolut und auch nicht von den notwendigen Gegebenheiten vorbestimmt. Das heißt er ist nicht von Gott gegeben. Er muss erst durch die praktische Tätigkeit der Menschen eingeleitet werden. Das Ergebnis dieser Praxis, d.h. der Intervention, ist aber immer offen, da dieser Zustand nicht nur durch die Notwendigkeit, sondern auch durch die Zufälligkeit bestimmt wird. Dafür gebraucht er den Begriff „Kontingenz“: „Die Tatsache, dass etwas Kontingentes in jedem Moment der historischen Entwicklung vorliegt, macht Irrtum in historischen Urteilen unvermeidlich.“[12] Er fragt, ob es möglich sei, „ dass die Botschaft vom Kairos ein Irrtum ist? Die Antwort ist nicht schwer: Die Botschaft ist immer ein Irrtum; denn sie sieht das in unmittelbarer Nähe, was ideal betrachtet nie Wirklichkeit wird und real betrachtet sich in langen Zeiträumen erfüllt.“[13]

Tillich unterscheidet zwei extrem-politische Haltungen bezüglich des Kairos: „Mystische und Naturalistische.“ Beide verkennen die Bedeutung des Kairos, weil sie die geschichtlichen Gegebenheiten in einer konkreten Zeit verabsolutieren. Nach Tillich verabsolutiert das Mystische das „Universale“ und somit vernachlässigt es das Partikulare, weil es nicht in das Konkrete eingreifen könne; das Naturalistische verabsolutiert das Konkrete (Partikulare) und vernachlässigt damit das Universale, das die Totalität der Objekte in seiner Dimension einbeziehe.[14]

„Es ist also an eine kairosbewußte Geschichtsphilosophie die Doppelforderung zu stellen: die absolute Spannung mit dem Universalismus der relativen zu vereinigen. Diese Forderung aber enthält die Paradoxie: das, was im Kairos geschieht soll absolut und doch nicht absolut sein –aber es muss unter dem Gericht des Absoluten stehen.“[15]

Die Utopie kann sich nach Tillich nur verwirklichen, wenn beide Bewegungen, vertikale (Universale) und horizontale (Partikulare) ineinander eingreifen, sich in einer unbestimmten Dynamik ablösen. Das kann nur geschehen, wenn ein „leerer Raum“ von dem negativen Abbild gefüllt wird:

„Es gibt keine andere Erfüllung als die, dass das Bedingte sich selbst aufhebt und sich dadurch zum Organ macht für das Unbedingte; das Verhältnis des Bedingten zum Unbedingten ist entweder ein Offensein des Bedingten für die dynamische Gegenwart des Unbedingten...“[16]

Allerdings wird der Kairos dem Einfluss der Heterogonie und der Theonomie unterworfen. Der Begriff der Theonomie ist etwas, was man mit der Autonomie gleichsetzen könnte. Das ist eigentlich das Partikulare, das in sich schlüssig ist und eigene innere Notwendigkeit aufweist. Es ist nicht unbedingt der Heterogonie entgegengesetzt, sie ergänzen sich vielmehr.[17]

Was ist nun die Heterogonie? Nach Tillich bedeutet sie,

„dass der beabsichtigte Zweck einer historischen Handlung nicht erreicht wird, sondern dass etwas anderes, Unbeabsichtigtes und Unerwartetes aus solchen Absichten hervorgehen kann. Das, was herauskommt, kann besser oder schlechter sein als das, was ursprünglich beabsichtigt war. Jedenfalls würde es nicht zustande gekommen sein, ohne die Absichten und Handlungen derer, die der Heterogonie der Zwecke unterworfen waren. Ihre Intentionen sind nicht verloren, aber sie sind verwandelt.“[18]

Utopie als Unschlüssigkeit gegenüber dem Neuen und Unerwarteten, die Sehnsucht nach einer übergreifenden Ordnung, die das Wagnis der eigenen Entscheidung abnimmt. Das ist gerade das, was die Utopie zu einer Grenzsituation macht. Sie steht auf dem Boden der Gegenwart, aber greift nach der Zukunft der Wahrscheinlichkeit, der Unentscheidbarkeit.[19] Es ist zwar eine menschliche Handlung da, die nach Trend (Notwendigkeit) handelt, aber das Spiel der Heterogonie macht das Resultat unbestimmt. „Nicht alle menschliche Akte erreichen historische Bedeutsamkeit. Aber wenn sie sie erreichen, dann sind sie dem Gesetz der Heterogonie der Zwecke unterworfen, und die Frage nach ihrem Erfolg kann nur mit einem Nein und Ja beantwortet werden.“[20]

4. Die Wurzeln der Utopie im menschlichen Wesen

Wenn die Utopien kein Unsinn sind, dann müssen sie nach Tillich eine Grundlage im menschlichen Wesen haben. Wenn Utopien etwas Individuelles wären, oder etwas Sozialphänomologisches, das nur in bestimmten Zeiten Gültigkeit hätte, dann würde man sie nicht in allen Geschichtsepochen antreffen können. Aber das ist nicht der Fall, man trifft sie in allen Geschichtsepochen.[21] Demnach muss sie etwas sein, was aus dem menschlichen Wesen entspringt.

Nach Tillich ist Utopie etwas, was die Existenz der inneren Ziele des Menschen ausdrückt. „Jede Utopie ist ein solches Aufweisen dessen, was der Mensch als inneres Ziel, als innere Erfüllung in sich und vor sich hat.“[22]

Er untersucht diese Frage, indem er auf das menschliche Wesen eingeht. Dabei hat er nicht nur die Geschichte der Mythologie, sondern auch die Sozialpsychologie des Menschen vor Augen. Nach ihm ist der Mensch „dasjenige Wesen, das die Möglichkeit hat.“ Aus dieser Möglichkeit kommt eben die Angst, die sich in zwei Richtungen bemerkbar macht.

„Die eine Richtung: nicht zu verwirklichen, was möglich ist, sondern zu sichern, was gegeben ist –der rückgewandte, konservative und im Falle des Kampfes gegen den Fortschritt reaktionäre Wille; und auf der anderen Seite die Angst, Möglichkeiten zu verlieren, nicht zu verwirklichen, was sein könnte, die Erwartung, die zu dem fortschreitenden und unter Umständen revolutionären Typus des menschlichen Denkens und Handeln führt.“[23]

Eine Utopie, die eine geschichtliche Relevanz beansprucht, muss notwendigerweise das Personelle mit dem Sozialen, d.h. das Vertikale mit dem Horizontalen, den Raum mit der Zeit, das Konkrete mit dem Abstrakten, das Partikulare mit dem Universellen verbinden. Die Spannung zwischen beiden Elementen macht eine Utopie gerade aus. Nach Tillich ist es gerade diese Spannung, die zwischen dem Individuellen und dem Sozialen entsteht, die allen Menschen zahllose Möglichkeiten anbietet. „Die soziale Utopie verliert ihre Wahrheit, wenn sie nicht zugleich Utopie im Bezug auf das Personale ist, und die personale Utopie verliert ihre Wahrheit, wenn sie nicht zugleich Utopie im Bezug auf das Soziale ist.“[24]

5. Die Funktion der Utopie

Ohne diese Spannung zwischen dem Individuellen und dem Sozialen und ohne die vorwegnehmende Phantasie würde in der Menschheitsgeschichte vieles unrealisierbar bleiben:

„Wo keine vorwegnehmende Utopie Möglichkeiten eröffnet, da finden wir eine Gegenwartsverfallenheit, da finden wir, dass nicht nur in Einzelnen, sondern in ganzen Kulturen Selbstverwirklichung menschlicher Möglichkeiten unterdrückt bleibt und nicht zur Verwirklichung kommen kann. Menschen ohne Utopie für sich selbst bleiben der Gegenwart verfallen, Kulturen ohne Utopie für sich selbst bleiben gebunden an die Gegenwart und fallen schnell in die Vergangenheit, da Gegenwart nur leben kann aus der Spannung zwischen Vergangenheit und Zukunft. Das ist die Fruchtbarkeit der Utopie, das Eröffnen von Möglichkeiten.“[25]

Wie kommt denn die Utopie in der Geschichte zur Geltung? Wie kann der Mensch einen Bogen von der Gegenwart in die Zukunft spannen? Warum riskiert der Mensch für eine Zukunft, die noch in den Sternen steht, seine gegenwärtige sichere Lage? Das ist wieder ein elementarer Charakterzug des Menschen, dass er nicht nur Angst hervorbringt, um den Boden unter den Füßen zu bewahren, sondern auch für die Zukunft, für eine vage Möglichkeit Mut zeigt, und dabei seine Existenzgrundlage riskiert.

6. Trend und Chance in der Utopie

Utopie unterliegt demnach dem Zufälligkeitsspiel von zwei sich voneinander unterscheidenden Begriffen: Trend und Chance. Nach Tillich ist nichts im Leben in der historischen Dimension berechenbar: denn

„es steht immer zugleich unter Notwendigkeit und Zufälligkeit („Trend“ und „Chance“). Historische Trends provozieren menschliches Handeln, bilden das Bewusstsein und drängen nach Praxis. Aber die Tatsache, dass etwas Kontingentes in jedem Moment der historischen Entwicklung vorliegt, macht Irrtum in historischen Urteilen unvermeidlich.“[26]

Das ist aber gerade die Eigenschaft des Menschen in der historischen Situation, Trends zu sehen, d.h. die Notwendigkeit und Bestimmtheit zu spüren, aber gleichzeitig die Grenze der Zufälligkeit, des kontingenten Elements und der Unentscheidbarkeit zu erkennen.

„Der Trend oder das Element der Notwendigkeit beruht auf der relativ dauerhaften Struktur jeder geschichtlichen Existenz...Aber gegenüber diesen strukturellen Notwendigkeiten stehen die Zufälligkeiten, die das Element der Chance hervorbringen. Sie stammen von der Spontaneität alles Lebendigen... von der Unberechenbarkeit der Bewegung des Universums und damit jedes einzelnen Moments in dieser Bewegung. Man könnte sagen, dass allem Wirklichen ein Element der Kontingenz beigemischt ist. Auf diese Weise durchdringen sich strukturelle Notwendigkeit und unberechenbarer Zufall in jedem historischen Prozess. Sie schaffen die Einheit von Trend und Chance in einer historischen Situation.“[27]

Nach Tillich würde die Kontingenz der Elemente in einer Situation, in der das menschliche Wesen alle Strukturen wissenschaftlich durchschauen könnte, die in einer historischen Situation wirksam sind, trotzdem die Notwendigkeitzunichte machen, weil man nicht das ganze Wesen der Situation beherrschen könne. Allein die Tatsache, dass ein Kairos (günstige Zustände zum Eingreifen) vorliegt, reicht schon, dass die „wissenschaftliche Analyse“ nicht das ganze Wesen der Situation erfasse. Der Mangel an Wissen macht ja gerade das menschliche Eingreifen nötig. Deshalb entspricht das Resultat eines Eingreifens nicht dem, was vorgestellt wurde. Jede objektive Kenntnis ist eine Komponente in der Vision, die man hat, aber das ist nicht das Entscheidende in der Praxis. „Nur wer an einer historischen Situation in ihrer Tiefe teilnimmt, kann von einem Kairos reden. Solch eine Teilnahme betrifft den, der sie erlebt, in seinem ganzen Sein. Es bewegt das Zentrum der Persönlichkeit und mit ihm Wille, Erkenntnis und Gefühl.“[28]

Das ist eben die Zwiespältigkeit der Utopie, die Gegenwart und Zukunft in sich repräsentiert. Der Geist der Utopie wird bei Tillich durch die vertikalen und horizontalen Zeitlinien dargestellt: als Erwartung und Wagnis.

[...]


[1] Die Philosophen der Antike suchten eifrig nach einem harmonischen Gesellschaftsmodell. Hippodamos, Phaleas, Platon, Xenophon, Euhemeros, Jambulos etc. siehe Sadik Usta (Hrsg.), Die Utopien der Antike, von Platon bis Jambulos (türkische Ausgabe), Kaynak Yay., Istanbul 2006.

[2] Hermann Bengtson, Perikles und die Bildung der extremen attischen Demokratie, in: Griechen und Perser, Die Mittelmeerwelt im Altertum I, Fischerweltgeschichte Bd. 5, Fischer Verl., Frankfurt 1965, S. 82 ff.; Jacques Droz (Hrsg), Geschichte des Sozialismus Bd. 1, Das Utopische Denken bis zur industriellen Revolution, Ullstein Verl., Frankfurt 1974, S. 65 ff.

[3] S. N. Kramer, TarihSümer’deBaşlar, KabalcıYay., İstanbul 1992, S. 133-134.

[4] Aristoteles, Politik, Rowohlt Klassiker, Hamburg 1965, S. 171 ff.

[5] Ernesto Laclau/Chantal Mouffe, Hegemonie und radikale Demokratie, Zur Dekonstruktion des Marxismus, Passagen Verl., Wien 1991, S. 258.

[6] Paul Tillich, Auf der Grenze, Evangelisches Verlagswesen, Stuttgart 1962, S. 13 ff.

[7] Paul Tillich, Auf der Grenze, S.17.

[8] Laclau/Mouffe, Radikale Demokratie, S. 169.

[9] Ebd. S. 123.

[10] Tillich, Grenze, S. 140.

[11] Hans-Joachim Gerhards, Utopie als innergeschichtlicher Aspekt der Eschatologie, Gütersloher Verlagshaus Gerd Mohn, Gütersloh 1973, S. 76 ff.

[12] Tillich, Auf der Grenze, S. 143.

[13] Paul Tillich, Gesammelte Werke, Bd. 6, Evangelisches Verlagswerk, Stuttgart 1963, S. 28.

[14] Ebd., S. 19.

[15] Ebd. S. 19.

[16] Paul Tillich, Gesammelte Werke, Bd. 6, S. 19.

[17] J. Gerhards, Utopie, S. 80.

[18] Tillich Grenze, S. 143.

[19] Ebd., S. 143.

[20] Ebd., S. 143.

[21] S. Usta, Antike Utopien, S. 14.

[22] Tillich, Politische Bedeutung der Utopie im Leben der Völker, Schriftenreihe der Deutschen Hochschule für Politik, Gebrüder Weiß Verlag, Berlin 1951, S. 22.

[23] Tillich, Gesammelte Werke Bd. 6, S. 172.

[24] Tillich, Utopie, S. 52.

[25] Tillich, Utopie, S. 53.

[26] Tillich, Gesammelte Werke Bd. 6, S. 143.

[27] Tillich, Grenze, S. 144.

[28] Tillich, Grenze, S. 145.

Ende der Leseprobe aus 21 Seiten

Details

Titel
Der Utopiebegriff bei Paul Tillich und die Unerreichbarkeit der Demokratie bei Laclau/Mouffe
Untertitel
Utopie und radikale Demokratie als Herausforderung
Hochschule
Johann Wolfgang Goethe-Universität Frankfurt am Main  (Politik)
Veranstaltung
Radikale Demokratie: Gemeinsamkeiten und Divergenzen zwischen den hegemonietheoretischen Konzeptualisierungen von Laclau/Mouffe und der quer-feministischen politischen Theorie Judith Butlers
Note
1,0
Autor
Jahr
2011
Seiten
21
Katalognummer
V174674
ISBN (eBook)
9783640952526
ISBN (Buch)
9783640952632
Dateigröße
522 KB
Sprache
Deutsch
Schlagworte
Paul Tillich, Chantal Mouffe, Ernesto Laclau, Utopie, Radikale Demokratie, Hegemonie, Kairos, Partikularismus-Universalismus
Arbeit zitieren
Sadik Usta (Autor), 2011, Der Utopiebegriff bei Paul Tillich und die Unerreichbarkeit der Demokratie bei Laclau/Mouffe, München, GRIN Verlag, https://www.grin.com/document/174674

Kommentare

  • Noch keine Kommentare.
Im eBook lesen
Titel: Der Utopiebegriff bei Paul Tillich und die Unerreichbarkeit der Demokratie bei Laclau/Mouffe


Ihre Arbeit hochladen

Ihre Hausarbeit / Abschlussarbeit:

- Publikation als eBook und Buch
- Hohes Honorar auf die Verkäufe
- Für Sie komplett kostenlos – mit ISBN
- Es dauert nur 5 Minuten
- Jede Arbeit findet Leser

Kostenlos Autor werden