Der Topos einer kriegsbegeisterten deutschen Gesellschaft im Ersten Weltkrieg – ein anhand literarischer Quellen dekonstruierbares Bild?


Hausarbeit, 2011

22 Seiten, Note: 1,7


Leseprobe

Inhaltsverzeichnis

1. Einleitung

2. Der Topos einer kriegsbegeisterten deutschen Gesellschaft im Ersten Weltkrieg .
2.1 Der Zusammenhang zwischen Wehrpflicht und Kriegsbegeisterung
2.2 Die soziale Verwurzelung der Kriegsbegeisterung
2.3 Ernst Jüngers „In Stahlgewittern“ als Beispiel für heroisierende Kriegsberichte

3. Dominik Richerts Werk als Gegenbeispiel zur Kriegsbegeisterung
3.1 Methodische Vorbetrachtungen
3.2 Die Schlüsselpassagen des Werkes

4. Die Desillusionierung der Kriegsbegeisterten
4.1 Die Desillusionierung der Soldaten
4.2 Der Stimmungswandel in der Gesellschaft

5. Fazit

Quellen- und Literaturverzeichnis ..

1. Einleitung

In den letzten Jahren zeigte sich anhand von Protesten gegen militärische Interventionen in Afghanistan und im Irak deutlich, dass eine klare Mehrheit der Bevölkerung deutschen Kriegseinsätzen wie auch dem Krieg generell äußerst kritisch gegenübersteht. Eine solche Haltung ist in historischer Perspektive keineswegs selbstverständlich, denn - zumindest gemäß der klassischen Darstellung - gab es sowohl im Vorfeld des Ersten Weltkrieges als auch direkt im Krieg eine enorme gesellschaftliche Kriegsbegeisterung.

Ausgehend von der modernen kriegsskeptischen Haltung der Bevölkerungsmehrheit dient es dem historischen Erkenntnisinteresse, die Faktoren unter die Lupe zu nehmen, welche damals zur Kriegsbegeisterung beitrugen. In diesem Zusammenhang stellt sich jedoch die Frage, ob das klassische Bild umfassender gesellschaftlicher Kriegseuphorie aufrechterhalten werden kann. In der neueren Forschung ist es bereits stark relativiert worden1, daher ist der Ansatz einer Dekonstruktion dieses Bildes nichts außergewöhnlich Neues. Die Leitfrage der Arbeit, ob der Topos einer kriegsbegeisterten deutschen Gesellschaft im Ersten Weltkrieg anhand literarischer Quellen dekonstruiert werden kann, lässt jedoch genügend Spielraum für neuere Ansätze. Unter literarischen Quellen werden hierbei nicht Romane oder Dramen2, sondern die Feldpostbriefe deutscher Soldaten verstanden, die einen profunden Einblick in deren Denken über das Kriegsgeschehen geben. Darüber hinaus wird das Werk des kriegskritischen elsässischen Bauern Dominik Richert „Beste Gelegenheit zum Sterben“3 als Hauptquelle herangezogen. Dies ist ein in der Forschungsliteratur noch recht junger Ansatz, für den sich bis auf die Aufsätze von Christian Koller4 und Wolfram Wette5 kaum Literatur findet.

Durch das Aufgreifen einer Fragestellung, die sich nicht auf die militärischen Ereignisse an sich fokussiert, geht die Arbeit den Ansatz der neueren Militärgeschichte. Diese ist keine „Generalstabs- und Pulverdampfmilitärgeschichte“6 mehr, sondern stellt zum Beispiel auf ziviler Ebene in mikrohistorischer Perspektive7 den Soldaten mit seinen

Kriegserlebnissen in den Vordergrund der Analyse. Damit wird Militärgeschichte als „Sozialgeschichte des Krieges“8 verstanden.

Dementsprechend gestaltet sich der Aufbau der Arbeit. Zunächst wird der Topos einer kriegsbegeisterten deutschen Gesellschaft im Ersten Weltkrieg dargestellt. Dabei wird zuerst auf den Zusammenhang zwischen Wehrpflicht und Kriegsbegeisterung eingegangen, wobei eine dazu passende These von Gerhard Ritter den Ausgangspunkt des später zu dekonstruierenden Bildes umfassender Kriegsbegeisterung bildet. Des Weiteren wird im zweiten Kapitel die soziale Verwurzelung der Kriegsbegeisterung thematisiert, bevor zu dessen Abschluss der heroisierende Bericht Ernst Jüngers „In Stahlgewittern“ über seine Kriegserlebnisse prägnant dargestellt wird. Im Anschluss daran wird das Werk Dominik Richerts „Beste Gelegenheit zum Sterben“ unter Einbeziehung des historischen Kontextes zusammenfassend vorgestellt. Aufgrund der umfangreichen methodischen Vorbetrachtungen, die in diesem Zusammenhang anzustellen sind, wird diesen Aspekten ein eigener Unterabschnitt gewidmet. Das Werk Richerts wird aufgrund seiner ablehnenden Haltung zum Krieg die Hauptrolle dabei spielen, das Bild umfassender Kriegsbegeisterung zu dekonstruieren. Neben dieser akteurstheoretischen Vorgehensweise wird im vierten Kapitel bei der Analyse der Feldpostbriefe eher strukturalistisch vorgegangen, wobei jedoch die Erfahrungen individueller Akteure im Zentrum der Betrachtung stehen. Diese werden hierbei in strukturalistischen Sinn als der generalisierbare Ausdruck des mehrheitlichen Denkens der Soldaten gesehen, sodass sich in der Konsequenz ein Muster ergibt, in welches sich der Bericht von Dominik Richert als exemplarischer Fall einordnet. Letztendlich soll der im zweiten Kapitel dargestellte Topos der kriegsbegeisterten deutschen Gesellschaft im Ersten Weltkrieg anhand der Kapitel drei und vier dieser Arbeit dekonstruiert werden. Im vierten Kapitel werden dafür nicht nur die kritischen Feldpostbriefe der Soldaten untersucht, ebenso soll auf die zivile Ebene eingegangen werden, die eine gegenüber den Frontsoldaten leicht differierende Reaktion zeigte. Aus diesem Grund teilt sich dieses Kapitel in analytischer Hinsicht in Soldaten und Zivilgesellschaft, obwohl sonst gemäß der Leitfrage die Soldaten stets als Teil der Gesellschaft gesehen werden, weil sich durch die allgemeine Wehrpflicht eine Verbindung zwischen beiden ergibt.

2. Der Topos einer kriegsbegeisterten deutschen Gesellschaft im Ersten Weltkrieg

2.1 Der Zusammenhang zwischen Wehrpflicht und Kriegsbegeisterung

Bis zum 19. Jahrhundert wurden Kriege mit Berufsheeren geführt. Diese Struktur änderte sich, als im Laufe des 19. Jahrhunderts ein Trend zur Einführung der allgemeinen Wehrpflicht erkennbar wurde, in dessen Zuge Frankreich, das Deutsche Kaiserreich, die Habsburgermonarchie und Russland diese in ihren Armeen verankerten. Damit änderte sich das Prinzip der Kriegsführung grundlegend, denn von nun an kämpften nicht mehr nur die einzelnen Heere, sondern ganze Völker gegeneinander.9 Die Trennung zwischen Volk und Armee war damit aufgehoben, sodass in der Konsequenz auch die Zivilbevölkerung in den Krieg hineingezogen wurde.10 An diesen Punkt knüpft Gerhard Ritter an, der durch die Heranziehung des ganzen Volkes zur Kriegsführung einen Radikalisierungseffekt entstehen sah.11 Ihm zufolge konnte die politische Führung des Reiches um den Reichskanzler Bethmann von Hollweg die bei Kriegsausbruch hervorgerufenen nationalen Leidenschaften nicht mehr kontrollieren.12 Als Konsequenz dessen sei ein Kompromissfriede unmöglich geworden, sodass durch die unkontrollierbaren nationale Begeisterungswellen der Krieg zu einem Kampf zwischen den Völkern geworden sei.13 Mit dieser These konstruierte Gerhard Ritter den Ausgangspunkt des klassischen Topos einer umfassenden Kriegsbegeisterung der deutschen Gesellschaft im Ersten Weltkrieg. Dieses Bild soll im dritten und vierten Kapitel der Arbeit dekonstruiert werden. Zuvor wird jedoch noch eine Betrachtung der sozialen Verwurzelung der Kriegsbegeisterung vorgenommen, denn ohne diese hätte sich die von Ritter postulierte Begeisterung im Krieg nicht entfalten können.

2.2 Die soziale Verwurzelung der Kriegsbegeisterung

Grundlegend ist eine Wehrpflichtarmee nur dann motiviert, wenn das Volk, das die Soldaten stellt, von der Notwendigkeit des Krieges überzeugt ist.14 Damit dieser Fall eintritt, muss es sich in der Auffassung des Volkes um einen gerechten Krieg handeln, der zur Verteidigung des Landes geführt wird - dies war im Deutschen Reich der Fall.15 Vor diesem Hintergrund kann das Gefühl, im Recht zu sein, als wesentlicher Grund für den Kriegsenthusiasmus betrachtet werden.16

Dessen tiefere Wurzeln liegen im Nationalismus und Militarismus, welche sich als einflussreichste Ideologien im Kaiserreich erwiesen.17 Die Verbreitung dieser Denkströmungen manifestierte sich exemplarisch am Kriegervereinswesen, das sich nach den Einigungskriegen quasi zu einer allgemeinen Volksbewegung entwickelte.18 In den Kriegervereinen wurde in nationalistischer Weise vor allem die Erinnerung an die Einigungskriege gepflegt19, sodass sich auf diesem Weg derartige Gedanken in weiten Kreisen der Bevölkerung verbreiten konnten. In deren Verbandszeitschriften, die sicherlich eine noch umfangreichere Leserschaft als nur die Vereinsmitglieder hatten, wurden zudem kriegsbejahende Artikel veröffentlicht.20 Bis zum Kriegsbeginn hatten solche Vereine nahezu drei Millionen Mitglieder.21 Vor diesem Hintergrund konnte der zu Kriegsbeginn getätigte berühmte Satz Kaiser Wilhelms II. „Ich kenne keine Parteien mehr, ich kenne nur Deutsche“22 in erfolgreicher Öffentlichkeitswirksamkeit auf genau dieses nationalistische wie zugleich patriotisch geprägte Denken vieler Deutscher zielen. Sozialstrukturell betrachtet waren die meisten Mitglieder der Kriegervereine Arbeiter, Landarbeiter und Kleinbürger, sodass man in Anlehnung an Thomas Rohkrämer berechtigterweise von einem „Gesinnungsmilitarismus der ‚kleinen Leute’ im Deutschen Kaiserreich“23 sprechen kann.

[...]


1 Vgl. Jahr, Christoph: Gewöhnliche Soldaten. Desertion und Deserteure im deutschen und britischen Heer 1914- 1918. (= Kritische Studien zur Geschichtswissenschaft Band 123). Göttingen 1998, S. 77

2 Vgl. Winkler, Martina: Vom Nutzen und Nachteil literarischer Quellen für Historiker. In: Digitales Handbuch zur Geschichte und Kultur Russlands und Osteuropas Nr. 21 (2009). Unter: http://epub.ub.uni-muenchen.de/11117/3/Winkler_Literarische_Quellen.pdf ; S. 8 (Zugriff am 10.2.2011 um ca. 18 Uhr)

3 Richert, Dominik: Beste Gelegenheit zum Sterben. Meine Erlebnisse im Kriege 1914-1918. Hrsg. von Angelika Tramitz und Bernd Ulrich. München 1989

4 Koller, Christian: „Alsacien, Deserteur!“. Die Kriegserfahrung des Elsässer Bauern Dominik Richert im Spiegel seiner Memoiren. In: BIOS, Jg. 13 (2000), Nr. 2, S. 225-239

5 Wette, Wolfram: Die unheroischen Kriegserinnerungen des Elsässer Bauern Dominik Richert aus den Jahren 1914-1918. In: ders. (Hrsg.): Der Krieg des kleinen Mannes. Eine Militärgeschichte von unten. München 1992, S. 127-135

6 Koller, „Alsacien, Deserteur!“, S. 228

7 Vgl. ebd.

8 Kühne, Thomas und Ziemann, Benjamin: Militärgeschichte in der Erweiterung. Konjunkturen, Interpretationen, Konzepte. In: dies. (Hrsg.): Was ist Militärgeschichte?. (= Krieg in der Geschichte Band 6). Paderborn 2000, S. 36

9 Vgl. Afflerbach, Holger: „Bis zum letzten Mann und letzten Groschen?“ Die Wehrpflicht im Deutschen Reich und ihre Auswirkungen auf das militärische Führungsdenken im Ersten Weltkrieg. In: Foerster, Roland G. (Hrsg.): Die Wehrpflicht. Entstehung, Erscheinungsformen und politisch-militärische Wirkung. (= Beiträge zur Militärgeschichte Band 43). München 1994, S. 71

10 Vgl. ebd., S. 72

11 Vgl. ebd.

12 Vgl. ebd., S. 82

13 Vgl. ebd., S. 72

14 Vgl. ebd., S. 77

15 Vgl. ebd., S. 77-78

16 Vgl. Afflerbach, „Bis zum letzten Mann und letzten Groschen?“, S. 78

17 Vgl. Rohkrämer, Thomas: Der Gesinnungsmilitarismus der „kleinen Leute“ im Deutschen Kaiserreich. In: Wette, Wolfram (Hrsg.): Der Krieg des kleinen Mannes. Eine Militärgeschichte von unten. München 1992, S. 95

18 Vgl. ebd.

19 Vgl. ebd.

20 Vgl. ebd., S. 105

21 Vgl. ebd., S. 95

22 zitiert nach Afflerbach, „Bis zum letzten Mann und letzten Groschen?“, S. 79

23 Rohkrämer, Der Gesinnungsmilitarismus der „kleinen Leute“ im Deutschen Kaiserreich, S. 95

Ende der Leseprobe aus 22 Seiten

Details

Titel
Der Topos einer kriegsbegeisterten deutschen Gesellschaft im Ersten Weltkrieg – ein anhand literarischer Quellen dekonstruierbares Bild?
Hochschule
Universität Rostock
Note
1,7
Autor
Jahr
2011
Seiten
22
Katalognummer
V174720
ISBN (eBook)
9783640953370
ISBN (Buch)
9783640953080
Dateigröße
523 KB
Sprache
Deutsch
Schlagworte
Kriegsbegeisterung, Erster Weltkrieg, literarische Quellen, Feldpostbriefe, Dominik Richert
Arbeit zitieren
Bakkalaureus Artium Steffen Radtke (Autor), 2011, Der Topos einer kriegsbegeisterten deutschen Gesellschaft im Ersten Weltkrieg – ein anhand literarischer Quellen dekonstruierbares Bild?, München, GRIN Verlag, https://www.grin.com/document/174720

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