Erwartete und unerwartete Folgen der Bildungsexpansion


Hausarbeit, 2011

17 Seiten, Note: 1,0


Leseprobe

Inhalt

1. Einleitung

2. Ausgangspunkt
2.1 Die deutsche Bildungskatastrophe
2.2 Bildung ist Bürgerrecht
2.3 Zwischenfazit

3. Definition der Bildungsexpansion

4. Auswirkungen der Bildungsexpansion

5. Fazit

6. Literaturverzeichnis

1. Einleitung

Für die Diskussion von Bildung aus soziologischer und sozialwissenschaftlicher Sicht sind die Fragen nach der „Menge“ an produzierter Bildung, der „Verteilung“ dieser Bildung auf verschiedene Schichten / Milieus und die individuellen und gesellschaftlichen Folgen von Bildung besonders relevant.

Die Bildungssoziologie unterscheidet die Begriffe „Sozialisation“ und „Bildung“ (vgl. Nummer u.a. S.182ff). Wenn aber im Folgenden der Begriff Bildungsexpansion verwendet wird, dann umfasst der Begriff sowohl Bildung als auch Sozialisation. Wenn im weiteren Verlauf der Arbeit die Gründe aufgezeigt werden, warum im Bildungssystem immer noch Ungleichheit herrscht, dann wird der Aspekt der Sozialisation stärker betont.

Um die heutigen Entwicklungen und Missstände des Schul- und Bildungssystems analysieren zu können, erweist sich der Blick zurück als hilfreich. Entscheidend für die heutige Struktur des Bildungssystems zeigt sich dabei der Prozess, der unter dem Schlagwort Bildungsexpan- sion diskutiert wird. Die Bildungsexpansion bezeichnet dabei die enorme Ausdehnung des Bildungssystems seit dem Zweiten Weltkrieg. Eine genauere Definition soll im Laufe dieser Arbeit versucht werden.

In dieser Arbeit soll ausgehend von den klassischen Arbeiten von Picht und Dahrendorf die Ausgangssituation in den 60er Jahren beschrieben werden. Dann soll die Bildungsexpansion beschrieben werden und ihre Auswirkungen auf das Bildungssystem aufgezeigt werden. Auswirkungen, die über das Bildungssystem hinausgehen, sollen kurz aufgezeigt werden, können aber auf Grund des Umfanges dieser Arbeit nicht ausführlich diskutiert werden.

2. Ausgangspunkt

Als wesentlich für den Anstoß der Bildungsexpansion können zwei Diskussionsbeiträge gelten, die im Weiteren exemplarisch dargestellt werden sollen. Es handelt sich dabei um „Die deutsche Bildungskatastrophe“ von Picht und „Bildung ist Bürgerrecht“ von Dahrendorf.

Die Autoren beider Beiträge fordern einen massiven Ausbau der Bildung in Deutschland, sie begründen diese Forderung aber unterschiedlich. Auf der einen Seite analysiert Picht die Bil- dungssituation in Deutschland aus einem wirtschaftspolitischen Blickwinkel. Demnach werde der beobachtbare Bildungsnotstand eine wirtschaftliche Krisenentwicklung auslösen. Auf der anderen Seite fordert Dahrendorf „Bildung als Bürgerrecht, weil sie Voraussetzung und Garant für eine Demokratie und Gesellschaft aufgeklärter Bürger sei“ (Hadjar 2008: S.11).

2.1 Die deutsche Bildungskatastrophe

Picht beschreibt, wie Deutschland im Vergleich mit anderen Staaten, mit denen es in Konkur- renz stehe, im Bereich der Bildung zurückgefallen sei. Dies sei so dramatisch, weil dieser Bildungsnotstand unweigerlich wirtschaftlichen Notstand nach sich ziehen werde (vgl. Picht 1965: S.17).

Die Notwendigkeit, die Bildung auszubauen, begründet Picht hauptsächlich mit der Position Deutschlands im internationalen Wettbewerb um Wohlstand und Macht. Die Selbstbehauptung eines Staates hänge demnach nicht mehr „von der Zahl seiner Divisionen ab, sondern allein von der Fähigkeit […] in jenem Leistungswettbewerb nicht zurückzubleiben, der das Gesicht der heutigen Welt bestimmt“ (Picht 1965: S.28).

Picht geht es darum, zunächst die Quantität der Bildung auszuweiten. Erst müsse man „quantitativ wieder auf Normalstand kommen“ (Picht 1965: S.31), dann könne man sich um die Qualität kümmern. Neben dieser Ausweitung der Menge der Bildung thematisiert Picht aber auch die ungleiche Verteilung der Bildungschancen. Hier erwähnt er die Benachteiligung der Arbeiterkinder (vgl. Picht 1965: S.35) und die der ländlichen Jugend. Der Ausgleich zwischen Stadt und Land scheint für Picht im Vordergrund zu stehen: „Am schlimmsten aber ist die Lage der ländlichen Bevölkerung“ (ebd.).

Die Bedeutung der Bildung für den individuellen Aufstieg erkennt Picht aber durchaus: „In der modernen Leistungsgesellschaft heißt soziale Gerechtigkeit nichts anderes als gerechte Verteilung der Bildungschancen“ (Picht 1965: S.31). So sei nämlich „der gesamte soziale Status […] wesentlich durch die Bildungsqualifikationen definiert, die vom Schulwesen vermittelt werden sollen.“ (ebd.)

Nach einer ausführlichen Diagnose entwirft Picht ein Notstandsprogramm, um die drohende Katastrophe doch noch abzuwenden. So fordert er, die Begabungsreserven der Schüler auf dem Land zu erschließen, indem man dem Beispiel einiger erfolgreicher Bundesländer, wie etwa Hessen, folge. Die Lösung dieses Problems sei daher „kein pädagogisches, sondern in erster Linie ein Finanzierungsproblem“ (Picht 1965: S.69).

Außerdem fordert er als Minimalziel die Verdoppelung der Abiturientenzahlen. Dies könne erreicht werden durch veränderte Auswahlmethoden der höheren Schulen, durch einen konsequenten Ausbau des zweiten Bildungsweges und durch eine Annäherung der verschie- denen Schulformen. Außerdem müsse man dann auch die Anzahl der Studienräte verdoppeln. Es sei aber „undenkbar, dass in den nächsten fünfzehn Jahren jene riesige Expansion der Hochschulen und Universitäten gelingt, die nötig wäre“ (Picht 1965: S.73). Darauf könne man nicht warten, so dass auch hier Notlösungen erforderlich seien. Die Ausbildung von Lehrern müsse verkürzt und näher an der Praxis ausgerichtet werden (vgl. Picht 1965: S.74).

Neben diesen bildungspolitischen Reformen fordert Picht auch eine Veränderung des politischen Rahmens. Das jetzige dezentrale System sei nicht geeignet, die erforderlichen Planungs- und Finanzierungsaufgaben zu übernehmen. Deshalb sei zum einen Bildungskompetenz beim Bundesministerium der Wissenschaft zu bündeln und zum anderen solle die Konferenz der Kultusminister aufgewertet und ausgebaut werden.

Eins erscheint aber klar: „Die Mittel, die benötigt werden, sind so groß, dass von dem Volk die entsprechenden Opfer verlangt werden müssen“ (Picht 1965: S.86). Gelinge dies aber nicht, so komme es zum „dritten großen Zusammenbruch der deutschen Geschichte in diesem Jahrhundert“ (Picht 1965: S.87).

Insgesamt geht es Picht also vor allem um eine Ausweitung der Menge an Bildung. Ungleichheiten thematisiert er vor allem im Bezug auf den regionalen Aspekt. Zwar thematisiert er auch kurz die sozialen Ungleichheiten zwischen den Schichten, aber hierfür bietet er keine Lösung an. Die Ungleichheit zwischen Männern und Frauen spricht Picht nicht an.

2.2 Bildung ist Bürgerrecht

Eine andere Begründung für den Zugang zu Bildung formulierte Ralf Dahrendorf im Jahr 1965. Demnach müsse Bildung nicht an einen Arbeitsplatz gekoppelt sein, sondern allen Bürgern als allgemeines Bürgerrecht mehr Kompetenz und Mündigkeit ermöglichen (vgl. Vester 2004: S.15).

Zwar erkennt auch Dahrendorf den Zusammenhang von wirtschaftlicher Entwicklung und dem Vorhandensein von qualifizierten Arbeitskräften an, er bezweifelt aber, dass daraus eine bestimmte Bildungspolitik folge: Es sei ein „Missverständnis […], als sei Bildungspolitik aus ökonomischen Gründen unausweichlich, […] so einfach lässt sich eine aktive Bildungspolitik nicht begründen“ (Dahrendorf 1968: S.17f). Der aus technischen oder wirtschaftlichen Sach zwängen abgeleitete Bedarf sei nämlich eine problematische Größe. Elastizität und die politi sche Basis machten die Bedarfsschätzungen problematisch: „Der Bedarf […] ist ein allzu schwankender Boden, um darauf allein eine aktive Bildungspolitik für Deutschland zu grün- den“ (Dahrendorf 1968: S.21). Bedarfsüberlegungen haben ihre Berechtigung, aber sie könnten allenfalls eine reaktive Bildungspolitik begründen. Eine aktive Bildungspolitik sei dagegen „unendlich viel mehr als eine Magd der Wirtschaftspolitik“ (Dahrendorf 1968: S.22). Die Fokussierung auf die wirtschaftliche Entwicklung lehnt er somit ab: „Der Reichtum ist nur ein Element der Freiheit und frei kann ein Land weder werden noch bleiben, wenn es seinen Menschen die Chancen verschließt, die Schulen und Hochschulen ihnen bieten“ (Dahrendorf 1968: S.9).

Stattdessen argumentiert Dahrendorf normativ, wenn er ein Bürgerrecht auf Bildung fordert: „Das Bürgerrecht auf Bildung ist zunächst ein soziales Grundrecht aller Bürger“ (Dahrendorf 1968: S.24). Bildungspolitik sei ein Mittel, „um Menschen die Teilnahme am Leben der Ge- sellschaft überhaupt erst zu ermöglichen“ (Dahrendorf 1968: S.25). Dahrendorf setzt sich hier ein für Modernität und Fortschritt: „Wir wissen nicht, welches Glück die Moderne uns bringt; aber wir können wissen, dass das Unglück, das die Vergangenheit den meisten Menschen gebracht hat, hier wenigstens teilweise beseitigt werden kann.“ (Dahrendorf 1968: S.39).

Das Recht auf Bildung müsse für alle Bürger gelten, ohne eine systematische Bevorzugung oder Benachteiligung bestimmter Gruppen auf Grund leistungsfremder Merkmale wie Herkunft oder wirtschaftlicher Lage. Neben den rechtlichen Möglichkeiten thematisiert Dahrendorf dabei auch die faktischen Möglichkeiten: „Rechtliche Chancengleichheit bleibt ja eine Fiktion, wenn Menschen auf Grund ihrer sozialen Verflechtungen und Verpflichtungen nicht in der Lage sind, von ihren Rechten Gebrauch zu machen“ (Dahrendorf 1968: S.24).

In einer für einen Liberalen ungewöhnlichen Weise fordert er darum eine aktive Bildungspolitik: Anders als bei der Wirtschaftspolitik sei in der Bildungspolitik ein aktiver Staat gefordert (vgl. Dahrendorf 1968: S.11). Konkret bedeute diese aktive Bildungspolitik die Expansion des Bildungswesens. Das Ziel müsse sein: „Mehr Bildung! Oder vielleicht: mehr Bildung für mehr Menschen!“ (Dahrendorf: 1968: S.30).

Ähnlich wie Picht ist auch Dahrendorf bereit, die Zahl der Abiturienten als Index für die Ent- wicklung des Schulsystems zu sehen. Um die Frage zu beantworten, ob es verborgene Talente in Deutschland gebe, die man zum Abitur führen könnte, identifiziert Dahrendorf die sozia- len Gruppen, die in den weiterführenden Schulen nicht ihrem Anteil an der Bevölkerung ent- sprechend vertreten sind und somit einen Ansatzpunkt für eine aktive Bildungspolitik liefern.

[...]

Ende der Leseprobe aus 17 Seiten

Details

Titel
Erwartete und unerwartete Folgen der Bildungsexpansion
Hochschule
Westfälische Wilhelms-Universität Münster
Veranstaltung
Bidungssoziologie
Note
1,0
Autor
Jahr
2011
Seiten
17
Katalognummer
V174730
ISBN (eBook)
9783640953776
ISBN (Buch)
9783640954070
Dateigröße
451 KB
Sprache
Deutsch
Schlagworte
erwartete, folgen, bildungsexpansion
Arbeit zitieren
Ba Jan Wessel (Autor), 2011, Erwartete und unerwartete Folgen der Bildungsexpansion, München, GRIN Verlag, https://www.grin.com/document/174730

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