Für die Diskussion von Bildung aus soziologischer und sozialwissenschaftlicher Sicht sind die Fragen nach der „Menge“ an produzierter Bildung, der „Verteilung“ dieser Bildung auf verschiedene Schichten / Milieus und die individuellen und gesellschaftlichen Folgen von Bildung besonders relevant.
Die Bildungssoziologie unterscheidet die Begriffe „Sozialisation“ und „Bildung“ (vgl. Nummer u.a. S.182ff). Wenn aber im Folgenden der Begriff Bildungsexpansion verwendet wird, dann umfasst der Begriff sowohl Bildung als auch Sozialisation. Wenn im weiteren Verlauf der Arbeit die Gründe aufgezeigt werden, warum im Bildungssystem immer noch Ungleichheit herrscht, dann wird der Aspekt der Sozialisation stärker betont.
Um die heutigen Entwicklungen und Missstände des Schul- und Bildungssystems analysieren zu können, erweist sich der Blick zurück als hilfreich. Entscheidend für die heutige Struktur des Bildungssystems zeigt sich dabei der Prozess, der unter dem Schlagwort Bildungsexpan¬sion diskutiert wird. Die Bildungsexpansion bezeichnet dabei die enorme Ausdehnung des Bildungssystems seit dem Zweiten Weltkrieg. Eine genauere Definition soll im Laufe dieser Arbeit versucht werden.
In dieser Arbeit soll ausgehend von den klassischen Arbeiten von Picht und Dahrendorf die Ausgangssituation in den 60er Jahren beschrieben werden. Dann soll die Bildungsexpansion beschrieben werden und ihre Auswirkungen auf das Bildungssystem aufgezeigt werden. Auswirkungen, die über das Bildungssystem hinausgehen, sollen kurz aufgezeigt werden, können aber auf Grund des Umfanges dieser Arbeit nicht ausführlich diskutiert werden.
Inhaltsverzeichnis
1. Einleitung
2. Ausgangspunkt
2.1 Die deutsche Bildungskatastrophe
2.2 Bildung ist Bürgerrecht
2.3 Zwischenfazit
3. Definition der Bildungsexpansion
4. Auswirkungen der Bildungsexpansion
5. Fazit
Zielsetzung & Themen
Die Arbeit untersucht den Prozess der Bildungsexpansion in der Bundesrepublik Deutschland, ausgehend von den klassischen Analysen von Picht und Dahrendorf, und analysiert deren Auswirkungen auf die Bildungsstruktur sowie die persistierende soziale Ungleichheit.
- Die historische Entwicklung der Bildungsexpansion seit den 1960er Jahren
- Vergleichende Analyse der Reformansätze von Picht (wirtschaftspolitisch) und Dahrendorf (bürgerrechtlich)
- Die Veränderung der Bildungs- und Chancengleichheit zwischen sozialen Schichten und Geschlechtern
- Die Herausforderungen und Bildungsbarrieren für Kinder mit Migrationshintergrund
Auszug aus dem Buch
2.1 Die deutsche Bildungskatastrophe
Picht beschreibt, wie Deutschland im Vergleich mit anderen Staaten, mit denen es in Konkurrenz stehe, im Bereich der Bildung zurückgefallen sei. Dies sei so dramatisch, weil dieser Bildungsnotstand unweigerlich wirtschaftlichen Notstand nach sich ziehen werde (vgl. Picht 1965: S.17).
Die Notwendigkeit, die Bildung auszubauen, begründet Picht hauptsächlich mit der Position Deutschlands im internationalen Wettbewerb um Wohlstand und Macht. Die Selbstbehauptung eines Staates hänge demnach nicht mehr „von der Zahl seiner Divisionen ab, sondern allein von der Fähigkeit […] in jenem Leistungswettbewerb nicht zurückzubleiben, der das Gesicht der heutigen Welt bestimmt“ (Picht 1965: S.28).
Picht geht es darum, zunächst die Quantität der Bildung auszuweiten. Erst müsse man „quantitativ wieder auf Normalstand kommen“ (Picht 1965: S.31), dann könne man sich um die Qualität kümmern. Neben dieser Ausweitung der Menge der Bildung thematisiert Picht aber auch die ungleiche Verteilung der Bildungschancen. Hier erwähnt er die Benachteiligung der Arbeiterkinder (vgl. Picht 1965: S.35) und die der ländlichen Jugend. Der Ausgleich zwischen Stadt und Land scheint für Picht im Vordergrund zu stehen: „Am schlimmsten aber ist die Lage der ländlichen Bevölkerung“ (ebd.).
Zusammenfassung der Kapitel
1. Einleitung: Einführung in die bildungssoziologische Relevanz von Bildungsmenge und -verteilung sowie Vorstellung der zentralen Fragestellung bezüglich der Auswirkungen der Bildungsexpansion.
2. Ausgangspunkt: Analyse der einflussreichen Diskussionsbeiträge von Picht und Dahrendorf, die den Anstoß für den massiven Bildungsaufbau in Deutschland gaben.
3. Definition der Bildungsexpansion: Herleitung des Begriffs der Bildungsexpansion als enorme Ausdehnung des Bildungssystems ab der zweiten Hälfte des 20. Jahrhunderts.
4. Auswirkungen der Bildungsexpansion: Untersuchung der Folgen des Bildungsbooms, insbesondere hinsichtlich der Chancengleichheit und der veränderten sozialen Selektionsmechanismen.
5. Fazit: Zusammenfassende Bewertung der Entwicklung, wobei festgestellt wird, dass trotz Höherqualifizierung soziale Ungleichheiten weiterhin bestehen und durch neue Herausforderungen, wie die Integration von Migrantenkindern, ergänzt wurden.
Schlüsselwörter
Bildungsexpansion, Bildungskatastrophe, Chancengleichheit, Bildungssoziologie, Sozialisation, Picht, Dahrendorf, Leistungsgesellschaft, Bildungsnotstand, Humankapital, Bildungsbenachteiligung, Migrationshintergrund, soziale Ungleichheit, Bildungssystem, Reformen
Häufig gestellte Fragen
Worum geht es in dieser Arbeit grundsätzlich?
Die Arbeit analysiert den historischen Prozess und die soziologischen Konsequenzen der Bildungsexpansion in der Bundesrepublik Deutschland seit den 1960er Jahren.
Was sind die zentralen Themenfelder der Untersuchung?
Im Zentrum stehen die Begründungszusammenhänge von Bildungsausbau, die Entwicklung der Bildungschancen sowie die Persistenz sozialer Selektionseffekte.
Was ist das primäre Ziel oder die Forschungsfrage?
Ziel ist es aufzuzeigen, wie sich die Bildungsexpansion auf die Chancengerechtigkeit auswirkte und warum trotz quantitativen Wachstums weiterhin soziale Ungleichheiten bestehen.
Welche wissenschaftliche Methode wird primär verwendet?
Die Arbeit nutzt eine Literatur- und Diskursanalyse, basierend auf klassischen soziologischen Texten und empirischen Bildungsstudien (wie PISA).
Was wird im Hauptteil der Arbeit behandelt?
Der Hauptteil gliedert sich in die Darstellung der Ursprünge der Bildungsreformen, die Definition des Expansionsprozesses und die differenzierte Analyse der Auswirkungen auf verschiedene Bevölkerungsgruppen.
Welche Schlüsselwörter charakterisieren die Arbeit am besten?
Die Arbeit lässt sich am besten mit Begriffen wie Bildungsexpansion, Chancengleichheit, soziale Selektivität und bildungssoziologische Reformansätze beschreiben.
Welche Rolle spielen Picht und Dahrendorf für die Analyse?
Sie dienen als theoretische Referenzpunkte, die zwei gegensätzliche Begründungslogiken – die wirtschaftspolitische ("top-down") und die bürgerrechtliche ("bottom-up") – illustrieren.
Wie bewertet die Arbeit die aktuelle Situation von Migrantenkindern?
Die Arbeit identifiziert diese Gruppe als neue, kritische Herausforderung, da das Bildungssystem Schwierigkeiten beim Umgang mit sprachlichen Defiziten und sozioökonomischen Benachteiligungen hat.
Warum wird die Bildungsexpansion als „Teufelskreis“ bezeichnet?
Aufgrund eines Verdrängungswettbewerbs um knappe, begehrte Positionen führt mehr Bildung zu einem ständigen Anstieg der Anforderungen, was die Nachfrage weiter treibt, ohne die Grundungleichheit zu lösen.
Welche Schlussfolgerung zieht der Autor zur "Meritokratie"?
Der Autor stellt fest, dass Leistung und Leistungsfähigkeit oft von leistungsunabhängigen sozialen Kriterien überlagert werden, was ein rein meritokratisches Bildungssystem in der Praxis erschwert.
- Citar trabajo
- Ba Jan Wessel (Autor), 2011, Erwartete und unerwartete Folgen der Bildungsexpansion, Múnich, GRIN Verlag, https://www.grin.com/document/174730