Individualisierung und Sozialisation durch die Medien - Talkshows als Richtlinie für die gesellschaftliche Entwicklung?


Seminararbeit, 2011
10 Seiten, Note: 2,3

Leseprobe

Inhaltsverzeichnis

1. Einleitung: Defintion Sozialisation

2. Individualisierung durch Medien

3. Das Fernsehverhalten und die Mediennutzung verschiedener sozialer Schichten

4. Medien und dessen Wirkungen als Sozialisationsfaktor
4.1 Medienwirkungen
4.2 Medien als Sozialisationsagenturen

5. Fazit

Literatur

1. Einleitung: Definition Sozialisation

Wenn ich mir heutzutage das Fernsehprogramm ansehe, so fällt es mir schwer die Informations- und Unterhaltungsfunktion der Medien noch ernst zu nehmen. Nachmittags werden Banalitäten ausgetauscht und abends wird das Showprogramm immer spektakulärer und aufwendiger. Doch spannender und attraktiver wird es für die meisten Menschen nur selten. Auf Sat.1 wird zum Beispiel in der Talkshow „Britt“ über so geistreiche Themen wie „Abartig! Deine Freundin könnte deine Mutter sein“ oder „Britt deckt auf: Hochbrisante Sexabenteuer“ (Themen der Woche vom 06.12.2010 zum 10.12.2010) geplaudert. Im Gegenprogramm bei RTL laufen wiederum die zur Zeit sehr erfolgreichen Doku-Soaps, ob sie nun auf echte Tatsachen beruhen oder nicht, mag dahin gestellt sein. Dort ging es diese Woche unter anderem darum, wie eine Frührentnerin versucht von ihrer Männersucht loszukommen oder wie eine überforderte Mutter mit ihrer Angst vor der Obdachlosigkeit umgeht. So banal diese Geschichten doch sind, so liegt es nahe, dass sie zu den alltäglichen Geschehnissen in Deutschland gehören und uns somit soziale und gesellschaftliche Entwicklungen zeigen.

Dies scheinen also Themen zu sein, die unsere Gesellschaft interessiert und beeinflusst. Oder hat die Gesellschaft sie sogar in dieser Form hervorgebracht? Diesen Sachverhalt versuche ich mit dieser Arbeit zu klären. Dabei gehe ich vorher noch auf die Individualisierung durch Medien ein, denn der Umgang mit den Medien ist personalisiert und hängt von bestimmten sozialen Einflüssen ab. Es erfolgt durch die Medien eine Art Sozialisation, welche durch bestimmten Medieneinfluss stärker oder schwächer ausgeprägt sein kann.

„Sozialisation wird danach im Folgenden verstanden als Prozess der Entstehung und Entwicklung der menschlichen Persönlichkeit in Abhängigkeit von und in Auseinandersetzung mit den sozialen und den dinglich-materiellen Lebensbedingungen.“ (Puffert 2009: 17)

Gehört das Fernsehen also zu den am höchst-geschätzten Gütern einer Familie, so liegt es nahe, dass der Einfluss dieses Mediums in diesen Familien umso größer ist. Die Gesellschaft reflektiert sozusagen nur die Lebensbedingungen, die ihnen in der bunten Welt des Fernsehens vorgelebt werden. Hinzu kommt die Sozialisationsfunktion der Eltern als Vorbild. Schauen diese sich jeden Tag „Britt“ auf Sat.1 an, so werden die Kinder dieses Muster oft wiederholen. Es gibt einen Zusammenhang zwischen Rezeptionsmustern von Kindern mit ihren Bezugspersonen (Puffert 2009: 267).

Diesen Mechanismus der Aneignung von sozialen Kompetenzen versuche ich im letzten Teil näher zu erläutern, bevor ich die wichtigsten Erkenntnisse noch einmal in einem Fazit zusammenfasse. Das Thema der gesellschaftsreflektierenden und somit auch sozialisierenden Talk-Shows und Doku-Soaps werde ich zur Veranschaulichung meiner Ideen durch diese Arbeit weiterführen.

2. Individualisierung durch Medien

Für die eigene Persönlichkeitbildung sind Richtlinien und Erfahrungswerte wichtig, denn dadurch kommt es zu einer Abgrenzung zu anderen Individuen. Diesen Richtlinien finden sich nicht nur in der realen Welt, sondern werden auch durch Medien vorgegeben beziehungsweise vorgelebt. In Daily Talkshows werden so zum Beispiel Verhaltensweisen gezeigt, welche eine bestimmte Gruppe von Menschen vorweist und wodurch sich Zuschauer mit ihnen identifizieren können. Dieser Vorgang kann unter dem Begriff der Individualisierung zusammengefasst werden. Jedoch ist die Individualisierung keine Erfindung des letzten Jahrhunderts und somit des Medienzeitalters, sie ist vielmehr eine Konstante, die sich durch die Menschheitsgeschichte zieht (Beck 2007: 206). Früher übernahmen traditionelle Wertansichten eines Berufs oder die Standeszugehörigkeit die Funktion, welche heutzutage durch die Medien vermittelt wird. Jedoch kam es im Laufe der Zeit zur „Herauslösung aus historisch vorgegebenen Sozialformen und -bindungen im Sinne traditioneller Herrschafts- und Versorgungszusammenhänge“ (Beck 2007: 206), welche eine Individualisierung nach eigenen Interessen mehr und mehr ermöglichte. Diese Entwicklung wurde durch die Medien jedoch wieder teilweise gestoppt, denn obwohl sie eine Individualisierung ermöglichen, bewirken sie laut Beck (2007: 210) auch gleichzeitig eine Standardisierung.

Diese geschieht durch die Gleichschaltung verschiedener Medien in die selbe Richtung. So wie sich die Nachmittagsprogramme der verschiedenen Sender nicht unterscheiden, so kommt es auch bei den Zuschauern immer mehr zu einer Vereinheitlichung. In gleichen Zielgruppen findet somit eine ähnliche Identifizierung und Meinungsbildung statt.

„Da der Talkshowkonsum für viele Jugendliche zum integralen Bestandteil des Alltagslebens geworden ist, laufen dabei alltäglich- bewusst und unbewusst- Prozesse der eigenen Verortung, der Abgrenzung und der Identifizierung ab.“ (Stach 2006: 108)

Diese Prozesse ähneln sich und drücken sich in den Handlungszusammenhängen und Denkweisen der Jugendlichen aus. Durch diese Ähnlichkeit ist das Konzept der Individualisierung zu überdenken und es sollte eher von einem „individualisierten Massenpublikum“ (Beck 2007: 213) ausgegangen werden. Mit dieser Erkenntnis lassen sich Zuschauergruppen auch leichter eingrenzen und zum Beispiel Werbung gezielter schalten. So zeigt unter anderem die neuere Rezeptionsforschung laut Klaus (2001: 19) wie sich junge Frauen im Austausch über die Daily Talks oder in der Aneignung von Mädchenzeitschriften darüber verständigen, was es heißt, als Frau in der Gesellschaft zu bestehen. Es gibt verschiedene Altersgruppen und Zuschauermuster, die jeweils eine andere Wahrnehmung der selben Sendung haben und die Prioriäten verschieden setzen. Ähnliche Muster bilden hier auch wieder gleiche Zuschauergruppen.

3. Das Fernsehverhalten und die Mediennutzung verschiedener sozialer Schichten

„Sagen Sie mir, wie Sie die Medien nutzen, und ich sage Ihnen, wer Sie sind!“ (Kombüchen 1999: XV). Mit diesem Satz wird schon klar, wie nah aneinander die Mediennutzung und die eigene Persönlichkeit beziehungsweise Zugehörigkeit zu einer bestimmten sozialen Schicht, mit dazugehörigen Erwartungen, liegen.

Einen Vorsprung auf dem Gebiet der Rezipientenforschung machte Schulze mit seinem Milieumodell. Dort unterteilt er in Unterhaltungsmilieu, Selbstverwirklichungsmilieu, Harmoniemilieu, Integrationsmilieu und Niveaumilieu (siehe Abbildung).

Abbildung in dieser Leseprobe nicht enthalten

Abbildung: Milieumodell nach Schulze vom Unabhängigen Meinungsforschungsinstitut INFO[1]

Diese Milieus sind geprägt durch bestimmte Lebensstile und sind Ausdruck der Persönlichkeit. Sie unterscheiden sich in den Formen „... der Geselligkeit, der Mediennutzung, des Freizeitverhaltens und des Konsums“ (Kombüchen 1999: 42). So definiert sich das Niveaumilieu zum Beispiel durch ältere Menschen, welche eine gehobene Ausbildung genossen haben. Dieses Milieu repräsentiert „... die Bildungsbürger, Intellektuelle, Akademiker...“ (Kombüchen 1999: 58). Eine Sendung muss sozusagen Qualität aufweisen, damit sie von Ihnen konsumiert wird. Sie sind damit wohl nicht die Hauptzielgruppe der Daily-Talks.

Die Zuschauer hier finden sich im Unterhaltungsmilieu wieder – es sind jüngere und weniger gebildete Menschen. „Der Medienkonsum ist gekennzeichnet durch ein großes Desinteresse an der Alltagswirklichkeit und einem starken Drang nach objektiven Erlebnisreizen“ (Kombüchen 1999: 62). Sie sind unter 40 Jahre alt und besitzen eine Distanz zum Hochkulturschema. Das Unterhaltungsmilieu lässt sich wiederum in einzelne Sparten aufteilen. Eine Untersuchung von Hofmann, Karsten und Wiedemann (2001: 125) anhand verschiedener Daily Talkshows zeigte, dass es eine große Diskrepanz zwischen den Interessenbereichen von Männern und Frauen bei gewissen Themen gibt. So interessieren sich Männer bei Talkshows im Allgemeinen für die Themen Partnerschaft und Beziehung (42 Prozent), während sich Frauen für dieses Thema nicht so begeistern können (33 Prozent). Als Priorität setzen sie die Themen Eriehung, Haushalt und Familie. Diese Aufteilung nach Themen spiegelt meiner Meinung nach auch die gesellschaftliche Wirklichkeit wieder, welche durch das Fernsehen ausgedrückt wird – jedenfalls in den jeweiligen Milieus. Natürlich kommt es oft zu einer Überhöhung, wenn „... diese dargestellte Realität allzu banal und spannungslos zu werden droht, wird sie durch Mittel der Inszenierung konsumierbar gemacht...“ (Schnid Noerr 2006: 29). Im Kern zeigen sie jedoch weiterhin die sozialen Verhältnisse der jeweiligen Zielgruppe und im Gesamten somit der Gesellschaft. So sagt die Mediennutzung eben nicht nur etwas über die eigene Zugehörigkeit zu einer bestimmten sozialen Schicht aus, sondern auch über die Gesellschaft im Allgemeinen.

[...]


[1] Siehe: http://www.infogmbh.de/media/erlebnismill.gif (Abruf vom 07.12.2010)

Ende der Leseprobe aus 10 Seiten

Details

Titel
Individualisierung und Sozialisation durch die Medien - Talkshows als Richtlinie für die gesellschaftliche Entwicklung?
Hochschule
Universität Leipzig
Note
2,3
Autor
Jahr
2011
Seiten
10
Katalognummer
V174771
ISBN (eBook)
9783640954308
ISBN (Buch)
9783640954162
Dateigröße
441 KB
Sprache
Deutsch
Schlagworte
Soziologie, Individualisierung, Sozialisations, Reality-TV, Talkshows, Britt, Mediensozialisation, Medienindividualisierung, Mediale Sozialisation, Vorbild, TV, Medienaneignung, Medien, Vera, Sonja, Fernsehen, Sozialisationsfunktion, Sozialisation, Aneignung, Gesellschaft, Doku-Soap, Sat1, Sat-1
Arbeit zitieren
Andy Kujath (Autor), 2011, Individualisierung und Sozialisation durch die Medien - Talkshows als Richtlinie für die gesellschaftliche Entwicklung?, München, GRIN Verlag, https://www.grin.com/document/174771

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