Entwicklung im Säuglingsalter - Fragestellungen und Untersuchungsmethoden


Hausarbeit (Hauptseminar), 2003

17 Seiten, Note: gut


Leseprobe

INHALTSVERZEICHNIS

1. Einleitung

2. Kognitive Entwicklungspsychologie

3. Methoden – historisch
3.1. Methode der Isolation
3.2. Papier- und Bleistiftmethode
3.3. Systematische Tonbandaufnahme udn Versuchspersonenauswahl
3.4. Die Methode der Tonabndaufnahme
3.5. Moderne Verfahren in der Säuglingsforschung
3.5.1 High Amplitude Sucking – Nuckelexperimente
3.5.2. Headturn Preference Procedure – Blickpräferenzmethode
3.5.3. EEG-Untersuchungen – Elektroenzephalogramm

4. Aufmerksamkeitsprozesse in der frühen Kindheit
4.1. Versuchsparadigma nach Haith und Mitarbeiter
4.1.1. Versuchsaufbau udn –verlauf
4.1.2. Hypothesen

5. Visuelle Präferenz udn Habituation

6. Aufmerksamkeitsprozesse bei 6 Monate alten Babys nach Gilmore & Johnson
6.1. Versuchsaufbau

7. Zusammenfassung

BIBLIOGRAPHIE

Erklärung

1. Einleitung

Mein Referat und die dazugehörige Ausarbeitung behandeln das Thema „Fragestellungen und Untersuchungsmethoden der Säuglingsforschung.“

In den letzten Jahren interessieren sich im deutschsprachigen Raum immer mehr Psychologen für die kognitive Entwicklung und für die Wahrnehmungsentwicklung im ersten Lebensjahr. Damit greifen sie Themen auf, mit denen sich vor allem amerikanische und englische Wissenschaftler schon seit Jahrzehnten beschäftigen.

Die Auffassung vom "dummen ersten Vierteljahr" des Säuglings war lange Zeit eine weit verbreitete Meinung. Man ging allgemein davon aus, dass der Säugling von Reflexen beherrscht wird, und dass seine Wahrnehmungswelt "konfus" und chaotisch ist. Damit verbunden war der Glaube, dass sich Babys Fähigkeiten wie das Sehen und Erkennen von Gegenständen erst in einem langen, mühevollen Prozess aneignen müssen. Ein Vorurteil, dem man auch heute noch begegnet, ist die Ansicht, dass sie in den ersten Lebenswochen unfähig sind, die Gesichter ihrer Eltern wiederzuerkennen. Mittlerweile jedoch weiß man, dass man die mit dem Sehen zusammenhängenden Fähigkeiten des Säuglings bei weitem unterschätzt hat. Beigetragen hat zu dieser Revolution in der Säuglingsforschung die Einführung neuer Untersuchungsverfahren, die kompliziert sind aber dafür zu quantitativen Analysen dienen können. Diese Verfahren machen sich die Tatsache zunutze, dass sich Kinder schon von Geburt an für ihre Umwelt interessieren und ihre Aufmerksamkeit aktiv auf Gegenstände und Personen lenken können.

Neuere Forschungsergebnisse belegen, dass Neugeborene, die erst wenige Stunden alt sind, das Gesicht ihrer Mutter erkennen können und es lieber anschauen als das Gesicht einer fremden Person. Neugeborene können ebenfalls Farben unterscheiden und verfügen über Gedächtnis, wenn auch die Zeitdauer, über die hinweg sie Informationen behalten können, noch sehr begrenzt ist. Diese Experimente werden in der Hausarbeit beschrieben. Ein überraschendes Beispiel für eine Fertigkeit, die man bei Säuglingen noch nicht vermutet hat, ist die Fähigkeit, rechnen zu können. Amerikanische Wissenschaftler konnten zeigen, dass bereits fünf Monate alte Kinder einfache Additions- und Subtraktionsaufgaben lösen können.

Diese Richtung der Forschung gibt uns die Möglichkeit, die Welt des kleinen Säuglings kennen zu lernen und zum Beispiel neue Förderungsmethoden anzubahnen. Ziel ist also die Gewinnung von Erkenntnissen, die nicht nur grundlegende theoretische Probleme lösen, sondern darüber hinaus Anhaltspunkte für Maßnahmen der Diagnose und Behandlung von Wahrnehmungsstörungen geben sollen.

Die Ausarbeitung behandelt im ersten Schritt die zwei zentralen Aspekte der Entwicklungspsychologie und mögliche Ansätze der Ursachen. Im weiteren Schritt gebe ich einen historischen Überblick über Methoden in der Vergangenheit bei Säuglingen und Kleinstkindern angewandt wurden, bevor ich auf die moderneren Verfahren, z.B. das Habituationsparadigma und die Präferenzmethode zu sprechen komme.

2. Kognitive Entwicklungspsychologie

Die kognitive Entwicklungspsychologie beschäftigt sich mit zwei zentralen Aspekten. Der erste Aspekt beschäftigt sich mit der Frage, was sich entwickelt. Um auf diesem Gebiet mehr Aufschluss zu erlangen, beobachtet man Veränderungen in den kognitiven Fähigkeiten von Säuglingen und Kleinkindern über eine lange Zeit hinweg oder auch stichprobenartig. Dazu gehört die Tatsache, dass man bestimmte Prinzipien des logischen Denkens definiert und die Entwicklung der Prinzipien mit Hilfe von Experimenten verfolgt. Ebenso spielt die Tatsache eine wichtige Rolle, was im Leben der Säuglinge und Kleinstkinder passiert. Auch diesen Sachverhalt versucht man zu klären. Dies führt dazu, dass die Wissensgrundlage unter dem Eindruck neuer Erfahrungen unaufhörlich restrukturiert wird.

Die zwei psychischen Forschungsmethoden, die in solchen Versuchen angewandt werden, sind:

A). Längsschnittstudien und
B). Querschnittstudien.

Unter der letzteren versteht man eine Methode, bei der Individuen aus verschiedenen Altersgruppen nur einmal zu einem bestimmten Zeitpunkt entsprechend untersucht werden, so dass man eine Momentaufnahme für die ausgewählte Stichprobe hat. 1

Bei Längsschnittstudien werden Individuen zu verschiedenen Zeitpunkten nach demselben oder einem vergleichbaren Vorgehen Daten erhoben, um die psychische Entwicklung des Einzelnen beobachten zu können.2

Beide Vorgehensweisen sind starker Kritik ausgesetzt. Verbesserungsvoschläge wurden v.a. von K.W. Schaie und P. B. Baltes gemacht.3

Der erste Aspekt, mit dem sich die kognitive Entwicklungspsychologie beschäftigt, ist der Ausgangspunkt für den zweiten Aspekt. Er stellt sozusagen die Basis dar. Er beschäftigt sich nämlich mit der Frage, warum die Entwicklung den beobachtbaren Lauf nimmt. Um diese Frage beantworten zu können, beschäftigt man sich mit den Ursachen der kognitiven Veränderungen.

Es gibt mindestens drei Erklärungssysteme, die einen starken Einfluss auf die Theoriebildung in der kognitiven Entwicklungspsychologie haben. Es handelt sich um drei Erklärungsansätze:

A). Bereichsübergreifende vs. bereichsspezifische Erklärungen,
B). angeborene vs. erworbene Faktoren und
C). quantitative vs. qualitative Forschritte.

Da ich persönlich den zweiten Erklärungsansatz sehr wichtig finde, möchte ich diese nicht vorenthalten. Man ist heutzutage zu der Einsicht gekommen, dass weder nur die angeborenen noch nur die erworbenen Faktoren die Entwicklung allein erklären können. Es wird eher von einer Interaktion zwischen Anlage und Umwelt gesprochen.

Als Beispiel möchte ich den Interaktionsstil der Mutter geben, der Einfluss auf die Entwicklung des episodischen Gedächtnisses beim Kind hat. Zur Definition ist zu sagen, dass jedes Kind ein episodisches Gedächtnis entwickelt. Darunter versteht man ein Gedächtnis für persönliche Erfahrungen, welches um genetische Wissensstrukturen organisiert ist. Das episodische Gedächtnis ist Grundlage für Speicherung von Informationen. Man fand heraus, dass Kinder, deren Mütter Geschichten besser ausschmücken und vertiefen konnten, das episodische Gedächtnis besser entwickelten als Kinder, deren Mütter es nicht taten und von einer Geschichte in die andere sprangen.4 Ein anderes Beispiel liefert uns die Tatsache, dass Kinder, die oft einen Arzt besuchen, sich nicht so schnell von ihnen beirren lassen, als Kinder, deren Erfahrung auf dem Gebiet schmaler ist, d.h. die nicht so oft einen Arzt mit ihren Eltern aufgesucht haben. Auch an diesem Beispiel sehen wir, dass ein Zusammenhang zwischen einem spezifischen Umweltaspekt und einer spezifischen kognitiven Funktion besteht.5

TURKEWITZ 6 nennt drei Merkmale des kindlichen Denkens und Erlebens, die es wert sind untersucht zu werden. Er meint die Präferenz für unbekannte Reize, die Habituation und die Dishabituation. Durch diese Untersuchungen, auf die später noch genauer eingegangen wird, ist es möglich, etwas mehr zur späteren kognitiven Entwicklung zu sagen. Die Präferenz und die Habituation bzw. die Dishabituation stehen im engen Zusammenhang zur späteren Intelligenz. In ihrem Buch schriebt Usha Goswami, dass sogenannte „schnelle Habituierer“, damit sind Babys gemeint, die eine stark ausgeprägte Präferenz für unbekannte Reize haben, besser bei Intelligenztests abschneiden als Babys, die langsam habituieren. Diese Tatsache liegt wahrscheinlich daran, dass Habituationsexperimente, wie sie heutzutage gemacht werden, einige sehr grundlegende Aspekte der Informationsverarbeitung erfassen, die von Bedeutung für die allgemeine kognitive Leistungsfähigkeit sind.7

3. Methoden – historisch

Beobachtungen, z.B. zur sprachlichen Entwicklung des Kindes sind aus unterschiedlichen Beweggründen angestellt worden, von der Antike bis heute. Sie sollten Aufschluss geben über die Entwicklung von Sprachen, über die Entwicklung vom Menschen, über Unterschiede zwischen der geistigen Verfassung des Kindes gegenüber der des Erwachsenen und seit Mitte des 20. Jahrhunderts über Vorgänge beim Spracherwerb und bei seinen Störungen. Die folgenden Ausführungen sollen einen chronologischen Verlauf über verschiedene Methoden in der Säuglings- und Kleinkindforschung geben.8

3.1 Methode der Isolation

Als erstes möchte ich die Methode der Isolation vom ägyptischen König Psammetit I erwähnen. Er hat im 7. Jahrhundert vor Christus einen Hairten damit beauftragt, zwei Kinder zu beonachten, die isoliert aufwuchsen. Er durfte mit ihnen nicht sprechen und sollte beonachten, welche Wörter sie zuerst sprechen würden. Dem Bericht zufolge war das erste Wort auf phrygisch und bedeutete soviel wie Brot („becos“). Spätere Versuche in der Hinsicht sind erbgebnislos geblieben, denn die Kinder entwickelten keine Sprache.

3.2. Papier- und Bleistiftmethode

An zweiter Stelle möchte ich die Papier- und Bleistiftmethode vorstellen. Vertreter dieser Studien waren Wiliam Preyer und das Ehepaar Clara und Wiliam Stern.

W. Preyer war Physiologe (1882), der seinen eigenen Sohn während der erster drei Lebensjahre beobachtete. Er untersuchte Axels Sprache, Motorik und die Mimik (z.B. Lächeln, Blickkontakt, Schreien und das Verhalten in der Dunkelheit).

Zur Beobachtungsdichte schreibt Preyer selbst:

„Gerade die chronologische Untersuchung der geistigen Fortschritte im ersten und im zweiten Lebensjahr bietet große Schwierigkeiten dar wegen der täglichen Registrierung von Erfahrungen, welche nur in der Kinderstube gewonnen werden können. Ich habe jedoch ein Tagebuch durchgeführt von der Geburt meines Sohnes an bis zum Ende des dritten Lebensjahres.“

Die Untersunchung galt also nicht ausschließlich dem Spracherwerb, sondern, wie der Titel „Die Seele des Kindes“ andeutet, die Entwicklung von Wahrnehmung, Wollen und Verstand. Den Spracherwerb zählt Wiliam Preyer zur Verstandesentwicklung.

Das Ehepaar Clara und Wiliam Stern (1900) bedienten sich auch der Papier- und Bleistiftmethode, die aber wesentlich größer angelegt worden war. Sie beobachteten auch ihre eigenen Kinder, es waren drei an der Zahl. Über lange Zeiträume wurden die Kinder: Hilde (1900-1913), Günther (1902-1918) und Eva (1905-1915) parallel beonachtet. Die Beobachtung erstreckte sich über den ganzen Tag. Das Ehepaar arbeitete zusammen, sowohl bei den Beonachtungen selbst, als auch bei den Interpretationen.

An dieser Stelle kann man den Begriff der Longitudinalstudie anführen, weil Tagebuchdaten,

Longitudinaldaten bzw. Längsschnittdaten sind. Darunter versteht man eine psychische Forschungsmethode, bei der man von einem Individuum zu verschiedenen zeitpunkten nach demselben oder einem vergleichbaren Vorgehen Daten erheben kann, um die psychische Entwicklung des einzelnen verfolgen zu können. Anders heißt es, dass gleiche Kinder, wie in unserem Fall die Kinder der Sterns über einen längeren Zeitraum beobachtet werden.

Vollständigkeitshalber wird noch der gegentilige Begriff herangeführt, d.h. der der Querschnittsuntersuchung. Hierbei werden Individuuen aus verschiedenen Altersgruppen nur einmal zu einen bestimmten Zeitpunkt entsprechend untersucht, so dass man eine Momentaufnahme für die ausgewählte Stichprobe hat.

Zu beiden Untersuchungsethoden ist zu sagen, dass beide umstritten sind und beide ihre Vor-und Nachteile haben und dass er in jedem einzelnen Fall abzuwägen ist, welche Forschungsmethode der Situation gerechter werden kann.

Zusammenfassend ist zu sagen, dass die Papier- und Bleistiftmethode einfach und jederzeit handhabbar ist. Weiterhin ist zu sagen, dass Tagebuchdaten nur Einzelfälle dokumentieren und sich nicht für quantitative Analysen eignen, sondern eher einem vergleichbaren Zweck dienen.

[...]


1 Schülerduden Psychologie (1981)

2 ebd.

3 ebd.

4 Goswami, Usha. So denken Kinder (2001). S. 369

5 ebd.

6 Turkewitz, G. (1995). The what and the why of the infancy and cognitive development. Cognitive Development, 10, 459-465.

7 Goswami, Usha. So denken Kinder (2001). S. 368

8 Dietrich, Rainer (2002).

Ende der Leseprobe aus 17 Seiten

Details

Titel
Entwicklung im Säuglingsalter - Fragestellungen und Untersuchungsmethoden
Hochschule
Humboldt-Universität zu Berlin  (Philosophische Fakultät IV - Institut für Allgemeine Pädagogik)
Veranstaltung
Hauptseminar Frühestkindliche Entwicklung
Note
gut
Autor
Jahr
2003
Seiten
17
Katalognummer
V17479
ISBN (eBook)
9783638220514
Dateigröße
835 KB
Sprache
Deutsch
Anmerkungen
Dichter Text - einzeiliger Zeilenabstand.
Schlagworte
Entwicklung, Säuglingsalter, Fragestellungen, Untersuchungsmethoden, Hauptseminar, Frühestkindliche, Entwicklung
Arbeit zitieren
Kamila Urbaniak (Autor), 2003, Entwicklung im Säuglingsalter - Fragestellungen und Untersuchungsmethoden, München, GRIN Verlag, https://www.grin.com/document/17479

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