Zwischen Zensur und Propaganda - Sozialistische Wertevermittlung in der DDR anhand eines Vergleichs der Filme "Spur der Steine" und "Ernst Thälmann – Führer der Klasse"


Seminararbeit, 2010
17 Seiten, Note: 2,3

Leseprobe

Inhaltsverzeichnis

I. Einführung
1. Die Rolle der DEFA in der DDR
1.1. Die DEFA als Sozialisationsinstrument der SED
1.2. Klassifizierung der DEFA-Filme und Einordnung in ihre Entstehungszeit
1.3. Spur der Steine und Ernst Thälmann - Führer seiner Klasse als Prototypen ihrer Filmgattung

II. Spur der Steine und Ernst Thälmann - Führer seiner Klasse als Prototypen ihrer Filmgattung
1. Frank Beyers Spur der Steine als Prototyp des regimekritischen Films
1.1. Inhaltsangabe von Spur der Steine
1.2. Inhaltliche Gründe für den Verbot des Films
1.2.1. Rebellion und ideologische Kritik gegen die Partei als Hauptmotiv
1.3. Anti-sozialistisches Bild der Gesellschaft und von Institutionen als Motiv
1.3.1. Die Darstellung der SED als „gespaltene“ Partei
1.3.2. Die Protagonisten als Ausdruck des aufkommenden Individualismus in der Gesellschaft
1.4. Konkrete Kritik an Organisation, Koordination und Ökonomie der SED
1.5. Spur der Steine als zeitgeschichtlicher Zeuge für politische und gesellschaftliche in den 1960ern
2. Ernst Thälmann - Führer seiner Klasse als Prototyp des DDR-Propagandafilms
2.1. Der Film als Vertreter des „sozialistischen Realismus“
2.2. Inhaltsangabe von Ernst Thälmann - Führer seiner Klasse
2.3 . Manipulation und Verschleierung von historischen Fakten als Prinzip des Propagandafilms
2.4. Sozialistische Wertevermittlung durch die spezifische Darstellung des Films
2.4.1. Transport der sozialistischen Weltanschauung durch die Protagonisten
2.4.2. Mythologisierung und Heroisierung der Figur Ernst Thälmann
2.5. Festigung und Ideologisierung des Sozialismus als Staatsform in den 1950ern

III. Abschließender Vergleich Spur der Steine - Ernst Thälmann
1. Elementare Unterschiede in der Darstellung der Partei und der Institutionen
2. Verwendung unterschiedlicher Wertvorstellungen und Bewusstseinsmuster

IV. Literaturverzeichnis

I. Einführung

1. Die Rolle der DEFA in der DDR

Mediale Erzeugnisse können das Werden und Vergehen politischer Systeme zwar nicht erklären, doch tragen sie dazu bei, ein tieferes Verständnis über Entwicklungsbilder und Vorstellungen des politischen Zeitgeists und gesellschaftlicher Denkmuster zu etablieren. Der Film in der kommunistisch beherrschten Deutschen Demokratischen Republik (DDR) war zweckmäßig darauf ausgerichtet, den Bürger im Sinne des sozialistischen Systems zu erziehen und ihn vom kapitalistischen Geist der Bundesrepublik Deutschland (BRD) zu entfremden. Die staatlich gelenkte DEFA1 übernahm seit 1946 in der DDR die monopolisierte Aufgabe der Filmproduktion. Sie wurde als aktives Instrument geschaffen, um die Bewusstseinsbildung im Sinne einer antifaschistisch-demokratischen Ordnung zu festigen und voranzutreiben. Hauptthema und Leitbild der sogenannten DEFA-Filme waren von Anfang an der Antifaschismus und der sozialistische Realismus. Bis zur Wende drehte die DEFA mehr als 700 Spielfilme, 750 Animationsfilme sowie mehr als 2200 Dokumentar- und Kurzfilme.

1.1. Die DEFA als Sozialisationsinstrument der SED

„Die Filmgesellschaft DEFA hat wichtige Aufgaben zu lösen. Die größte von ihnen ist der Kampf für den demokratischen Aufbau Deutschlands, das Ringen um die Erziehung des deutschen Volkes, insbesondere der Jugend, im Sinne der echten Demokratie und Humanität, um damit Achtung zu wecken für andere Völker und Länder. Der Film als Massenkunst muss eine scharfe und mächtige Waffen werden gegen die Reaktion und für die in der Tiefe wachsende Demokratie, gegen den Krieg und den Militarismus und für Frieden und Freundschaft aller Völker der ganzen Welt.“ (Schittly: 2002, S. 27)

Dieses Zitat von Oberst Sergej Tulpanow sagt bereits viel über die Sozialfunktion des Mediums Film im Allgemeinen und die Rolle der DEFA im Speziellen aus.

Ästhetische Aspekte wurden bei der Filmproduktion weitestgehend ausgeblendet, ausschlaggebend war einzig und allein die Erziehung des Volkes nach sozialistischen Maßstäben.

1.2. Klassifizierung der DEFA-Filme und Einordnung in ihre Entstehungszeit

Die ersten Spielfilmproduktionen standen also im Zeichen der Aufarbeitung der faschistischen Vergangenheit. Anfangs entstanden vor allem Filme in der Tradition der Arbeiterklasse und der Antikriegsfilme, die die NS-Ideologie entlarven sollten. Bei den Propagandafilmen wird in dreierlei Hinsicht klassifiziert: Antiwestliche Filme, Pro-DDR und System-Propaganda und Klassenkampf-Filme. Als wichtigste Propaganda-Filme des Regimes gelten Die M ö rder sind unter uns (1946), Ehe im Schatten (1947), Der Untertan (1951) und die zwei Ernst Thälmann- Filme Sohn seiner Klasse (1954) sowie Führer seiner Klasse (1955). Im Zuge der aufkeimenden Volksaufstände gegen das politische System und die Parteiführung in den 1950er Jahren, lösten sich systemkritische Regisseure heraus, die die ideologische Lenkung und die Zensur durch den Parteiapparat kritisch hinterfragten. Regimefeindliche Filme wie Das Kaninchen bin ich (1965) von Kurt Maetzig und Frank Beyers Spur der Steine (1966) zählen zu den wichtigsten Werken, die schließlich der Zensur zum Opfer fielen und abgesetzt oder verboten wurden. Mit dem immer absehbareren Zerfall des Regimes, wurde auch die geäußerte Kritik innerhalb der Filme immer offener und unverhohlener. Mit Die Architekten aus dem Jahr 1990 wurde einer der letzten DEFA-Filme und ein hoch brisanter, melancholischer Abgesang auf die DDR gedreht, der sich überraschend offen und direkt mit der Behinderung einer freien Entfaltung der Kreativität, dem Generationenkonflikt in der DDR und sozialistischen Emanzipationsvorstellungen auseinandersetzt.

1.3. Spur der Steine und Ernst Thälmann - Führer seiner Klasse als Prototypen ihrer Filmgattung

Diese Arbeit soll sich im Folgenden der Frage widmen, welche konkreten sozialistischen Werte und Ideale in den Filmen transportiert wurden, aber auch welche Denkvorstellungen und -inhalte bewusst blockiert wurden, welche Kriterien ausschlaggebend waren für die Absetzung und die Zensur eines Films und welche Auswirkungen diese politischen und gesellschaftlichen Botschaften auf Denkmuster und Einstellungen in der Gesellschaft hatten.

Ein inhaltlicher sowie realitätsnaher Vergleich zwischen Spur der Steine als Prototyp des regimekritischen Films einerseits und Ernst Thälmann - Führer seiner Klasse aus dem Jahre 1954 als Beispiel für den DDR-Propagandafilm andererseits, soll diesen Aspekt in der Folge eingehend beleuchten.

Die Fragestellung, inwieweit eine ideologische Lenkung über künstlerische Wahrheitssuche und Erkenntnis siegen kann, ist dabei genauso zu beachten, wie der generelle Konflikt zwischen Künstlern und Staatsapparat und den damit verbundenen Ausprägungen wie Anpassung, Widerspruch und Verweigerung in Mediensystemen autoritärer Staaten.

Um eine adäquate Vergleichbarkeit der beiden Filme zu gewährleisten, ist erst einmal eine Einordnung in die jeweilige Entstehungszeit notwendig, da die Filme als kulturelles Produkt einen Zeitzeugen seiner politischen, gesellschaftlichen und sozialen Rahmenbedingungen darstellt. Anschließend wird kurz auf den Inhalt beider Film eingegangen, um dann auf konkrete Werte- und Idealvermittlungen - oder deren Entsagung - einzugehen.

II. Zwischen Zensur und Propaganda - Sozialistische Wertevermittlung anhand eines Vergleichs der Film Ernst Thälmann - Führer seiner Klasse und Spur der Steine

1. Frank Beyers Spur der Steine als Prototyp des regimekritischen Films

Frank Beyers Film Spur der Steine aus dem Jahre 1966 basiert auf dem gleichnamigen Roman Spur der Steine von Erik Neutsch. Der Film lief lediglich drei Tage in den Kinos, bevor er von den sozialistischen Machthabern wegen „antisozialistischer Tendenzen“ (Vgl. Ralf Schenk: Regie: Frank Beyer, Berlin 1995, S. 54-64.) aus dem Programm genommen wurde. Erst im Zuge der Wende - im Oktober 1989 - durfte der Film wieder gezeigt werden.

1.1. Inhaltsangabe von Spur der Steine

Der Zimmermann Hannes Balla (Manfred Krug) arbeitet auf einer DDR-Baustelle und verachtet die strikte die bürokratischen Regeln und die Planwirtschaft2 des Regimes. Balla und seine Leute gehen mit illegalen Methoden vor, indem sie sich beispielsweise fehlendes Baumaterial mit roher Gewalt besorgen. Als der idealistische SED-Generalsekretär Werner Horrath (Eberhard Esche) seinen Dienst an der Baustelle antritt, stoßen diese Methoden bei ihm zunächst auf Unmut, da er sich von Balla in seiner Autorität untergraben fühlt. Erst als Horrath bemerkt, dass Balla ein hervorragender Arbeiter ist und seine nicht-systemkonformen Arbeitsmethoden mit einer Produktivitätssteigerung einhergehen, beginnt er sich für eine Verbess]erung der Arbeitsbedingungen einzusetzen.

Dabei ist die Beziehung der Beiden von gegenseitigem Respekt einerseits und Rivalität um die Liebe der Ingenieurin Kati Klee (Krystyna Stypułkowska) andererseits geprägt. Letztendlich schafft es Horrath ihr Herz zu erobern und beginnt mit ihr eine Liebesaffäre. Als Kati ungewollt schwanger wird, verschweigt sie aus Loyalität den Namen des Vaters, um Horraths Parteiposten und den Bestand seiner Familie nicht zu gefährden. Erst als sie sich endgültig von ihm trennen will, bekennt er sich öffentlich zu ihr und seine Frau reicht die Scheidung ein. In der Folge verliert er seinen Parteiposten und Horrath ist fortan gezwungen unter dem Kommando Ballas auf der Baustelle zu arbeiten.

1.2. Inhaltliche Gründe für den Verbot des Films

Es stellt sich nun die Frage, warum der Film nach nur drei Tagen verboten wurde und warum dem Film „antisozialistische“ Motive bescheinigt wurden und er 23 Jahre lang in den Archiven der DEFA verschwand.

1.2.1. Rebellion und ideologische Kritik gegen die Partei als Hauptmotiv

Rebellion ist eines der Hauptmotive des Films: Die Figur des Hannes Ballas steht symbolisch für die Regimekritiker in der Realität der DDR. Er handelt nicht nach sozialistischen Regeln, Normen und Werten - im Gegenteil: er widersetzt sich der Ideologie und den Beschlüssen der Staatsgewalt, indem er zum Beispiel die Planwirtschaft als sozialistische Form des Wirtschaftens grundsätzlich nicht anerkennt und sich gegenüber SED-Autoritäten nicht unterordnet.

[...]


1 Deutsche Film-AG; gegründet 1946

2 „Bezeichnung für eine Wirtschaftsordnung, in der das gesamte wirtschaftliche Geschehen von einer zentralen Stelle nach politischen und wirtschaftlichen Zielvorstellungen geplant, gelenkt und verwaltet wird.“ (vgl. Bundeszentrale für politische Bildung)

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Details

Titel
Zwischen Zensur und Propaganda - Sozialistische Wertevermittlung in der DDR anhand eines Vergleichs der Filme "Spur der Steine" und "Ernst Thälmann – Führer der Klasse"
Hochschule
Universität Passau
Note
2,3
Autor
Jahr
2010
Seiten
17
Katalognummer
V174828
ISBN (eBook)
9783640955138
ISBN (Buch)
9783640954926
Dateigröße
638 KB
Sprache
Deutsch
Schlagworte
zwischen, zensur, propaganda, sozialistische, wertevermittlung, vergleichs, filme, spur, steine, ernst, thälmann, führer, klasse
Arbeit zitieren
B.A. Pascal Stegemann (Autor), 2010, Zwischen Zensur und Propaganda - Sozialistische Wertevermittlung in der DDR anhand eines Vergleichs der Filme "Spur der Steine" und "Ernst Thälmann – Führer der Klasse", München, GRIN Verlag, https://www.grin.com/document/174828

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