Zweitsprache Deutsch bei Kindern mit Migrationshintergrund


Magisterarbeit, 2007
75 Seiten, Note: 2,7

Leseprobe

Inhaltsverzeichnis

1 Einleitung

2 Begriffsbestimmung
2.1 Erstsprache
2.2 Muttersprache
2.3 Zweitsprache/Fremdsprache

3 Definition des Bilingualismus
3.1 Linguistische Definitionen
3.2 Funktionale Definitionen
3.3 Formen des Bilingualismus
3.4 Typen des bilingualen Spracherwerbs
3.4.1 Eine Person - eine Sprache
3.4.2 Nicht-Umgebungssprache zu Hause/Eine Sprache - eine Umgebung
3.4.3 Eine Sprache zu Hause - die andere Sprache aus der Umgebung
3.4.4 Zwei Sprachen zu Hause - Eine andere Sprache aus der Umgebung
3.4.5 Nichtmuttersprachliche Eltern
3.4.6 Gemischte Sprachen
3.5 Sprachdominanz - Schwache Sprache - Starke Sprache

4 Theorien zur Zweisprachigkeit
4.1 Die Schwellenhypothese nach Cummins
4.2 Die Hypothese des doppelten Eisbergs nach Cummins
4.3 Krashens Input-Hypothese
4.4 Die Identitätshypothese
4.5 Die Kontrastivhypothese
4.6 Die Interlanguage-Hypothese
4.7 Die Pidginisierungstheorie

5 Der Zweitspracherwerb - Grundlagen und Voraussetzungen des Zweitspracherwerbs
5.1 Entwicklungsstadien des Zweitspracherwerbs
5.2 Biologische Voraussetzungen
5.2.1 Relevanz des Lebensalters beim Zweitspracherwerb
5.3 Soziopsychologische Voraussetzungen
5.3.1 Intern und extern beeinflussende Faktoren
5.3.2 Relevanz der Muttersprache beim Zweitspracherwerb
5.4 Kognitive Voraussetzungen
5.4.1 Sprachlernstrategien
5.4.2 Verarbeitungsprozesse
5.5 Codeswitching
5.6 Vor- und Nachteile des frühen Zweitspracherwerbs
5.6.1 Vorteile des frühen Zweitspracherwerbs
5.6.2 Nachteile des frühen Zweitspracherwerbs

6 Fazit/Ausblick

Literaturverzeichnis

Abbildungsverzeichnis

Abbildung 1: Koordinierter Bilingualismus

Abbildung 2: Zusammengesetzter Bilingualismus

Abbildung 3: Untergeordneter Bilingualismus

Abbildung 4: Kognitive Wirkungen verschiedener Typen von Bilingualismus ..

Abbildung 5: Oberflächen- und Tiefendimension der Sprachfähigkeit (doppeltes Eisberg-Diagramm)

Abbildung 6: Spracherwerbsmodell nach Krashen

Abbildung 7: Aus einer reduzierten kognitiv-akademischen Sprachkompetenz in der Muttersprache resultierender circulus vitiosus

Tabellenverzeichnis

Tabelle 1: Erstspracherwerb und Zweitspracherwerb

Tabelle 1: Erstspracherwerb und Zweitspracherwerb

1 Einleitung

In Anbetracht der aktuellen gesellschaftlichen Entwicklung, stellt Bilingualismus längst kein Phänomen mehr dar. Einsprachigkeit stellt in der Weltbevölkerung eher eine Ausnahme dar als Zweisprachigkeit. Gerade in Deutschland gibt es eine große Zahl von Menschen, die eine andere Muttersprache sprechen als Deutsch.

Als in den 60er Jahren die ersten Gastarbeiter nach Deutschland kamen, ging man davon aus, dass der Zeitraum ihres Aufenthalts nur begrenzt sein würde. Daher wurde für eine gesellschaftliche und sprachliche Integration keine Notwendigkeit gesehen. Im Laufe der letzten 50 Jahre jedoch stellte sich heraus, dass die Rückkehrabsichten vieler Gastarbeiter nicht umgesetzt wurden. Die Gründe dafür liegen unter anderem im Familiennachzug, in der Ausbildung der Kinder in Deutschland sowie im Eingehen von Mischehen.

Deutschland ist ein Einwanderungsland. Laut statistischem Bundesamt, sind in den letzten 50 Jahren rund 54 Millionen Zu- bzw. Fortzüge verzeichnet worden. Da ein Teil der Zuwanderer die deutsche Staatsbürgerschaft angenommen hat und in der amtlichen Statistik nicht mehr als Ausländer berücksichtigt wird, lag die Zahl der Personen mit Migrationshintergrund im Jahre 2006 deutlich höher, als die in der Statistik angegebene Zahl der Ausländer in Höhe von 7,3 Millionen.1

Heute wächst in Deutschland die 3. Generation dieser Personen mit Migrationshintergrund heran. Sie sind längst zu einem Teil dieser Gesellschaft geworden und gerade deshalb ist es von Bedeutung, ein besonderes Augenmerk auf ihre schulische sowie ihre sprachliche Ausbildung zu legen.

Oft lässt sich beobachten, dass Kinder dieser Familien, die im Folgenden als Kinder mit Migrationshintergrund bezeichnet werden, große Schwierigkeiten im schulischen Bereich aufweisen. Sie besitzen erstaunlicherweise unzureichende sprachliche Kenntnisse, obwohl sie deutschsprachige Kindergärten besuchen und dort Umgang mit deutschsprachigen Kindern und Erziehern haben. Das Beherrschen der Sprache ist jedoch eine unabdingbare Voraussetzung um qualifizierte Schul- und Ausbildungs- abschlüsse zu erreichen und sich in dieser Gesellschaft eine gute Stellung zu erar- beiten.

Angaben der Bundeszentrale für politische Bildung zufolge, hat nach eigener Einschätzung nur knapp die Hälfte der Zuwanderer gute deutsche Sprachkenntnisse. Demnach verfügen 21 % der Zuwanderer über keinen Schulabschluss, 10 % haben Abitur, während nur 9 % der Zuwanderer in Deutschland einen akademischen Abschluss erlangen konnten.2

„Die menschliche Sprache ist ein typisch psychosoziales Phänomen. Sie existiert und entwickelt sich in einem biologischen und sozialen Kontext. Sie dient als Zeichen- system den Denk-, Erkenntnis- und sozialen Handlungsprozessen der Menschen. Sie ist somit für die Mitglieder einer Gesellschaft das wichtigste Ausdrucks- und Kommuni- kationsmittel. Sie spiegelt ihre Lebensäußerungen wider; mit der Sprache erwirbt ein Mensch auch soziale Normen und Verhaltensweisen sowie kulturelle Tradierungen.“ (Oksaar, 2003, 16)

Die Definition von Oksaar (2003) über Sprache macht den Bedarf an Sprachstandserhebungen und die Notwendigkeit von Sprachförderungen deutlich.

Das Ministerium für Schul- und Weiterbildung des Landes Nordrhein Westfalen handelte, indem es im März 2007 die Sprachstandserhebung für alle Kinder zwei Jahre vor ihrer Einschulung einführte. Diese soll einer frühzeitigen Aufdeckung des Bedarfs an Sprachförderung dienen. Auf diese Art und Weise soll eine rechtzeitige Förderung gewährleistet werden. Darüber hinaus soll der Einfluss der sozialen Herkunft auf den Bildungserfolg mit dieser Sprachstandsförderung verringert werden. Gleichzeitig stellt die Einführung dieser allgemeinen Sprachstandserhebung die Aktualität des Themas heraus.

„Sprache ist ein zentrales Medium für die Aufnahme, Verarbeitung und Weitergabe von Informationen. Sie ist eine wesentliche Grundlage für soziale Interaktion und für die Gestaltung der individuellen Umwelt. Eine gut entwickelte Sprachkompetenz ist damit der Schlüssel für erfolgreiche Lern- und Bildungsprozesse. Dabei kommt der Beherrschung der deutschen Sprache eine zentrale Bedeutung zu […]. Eine gering ausgeprägte Sprachkompetenz kann die gesamte Bildungsbiographie eines Kindes beeinträchtigen - bis hin zu fehlenden oder geringeren Bildungsabschlüssen, Problemen in der Ausbildung, mangelnden Chancen auf dem Arbeitsmarkt und fehlenden Grundlagen für eine gelungene soziale Integration.“ (www.bildungsministerium.nrw.de)3

Angesichts der vielfältigen Folgen von mangelnder Sprachkompetenz fiel die Entscheidung, sich umfassend mit diesem Thema zu befassen.

Der vorliegenden Arbeit liegt keine eindeutige Fragestellung zugrunde. Sie hat vielmehr Überblickscharakter und verfolgt das Ziel, Grundlagen der pädagogischen Diskussion rund um das Thema Bilingualismus bei Kindern mit Migrationshintergrund zu liefern. Der Schwerpunkt dieser Arbeit liegt dabei auf dem frühen kindlichen Spracherwerb und den Theorien, die sich mit dem Zweitspracherwerb befassen. Nachdem im ersten Kapitel einige mit diesem Thema in Zusammenhang stehende wichtige Begriffe definiert werden, soll im zweiten Kapitel näher auf den Begriff Bilingualismus und seine Bedeutung eingegangen werden, indem von einer Definition des Begriffes über die verschiedenen psychologischen Ansätze zu diesem Thema bis hin zu den Erscheinungsformen des Bilingualismus der Begriff näher beleuchtet werden soll. Im nächsten Kapitel sollen die verschiedenen Theorien zur Zwei- sprachigkeit vorgestellt werden, bevor im vierten Kapitel auf die Grundlagen und Voraussetzungen wie biologische, kognitive und soziopsychologische Voraus- setzungen des Zweitspracherwerbs eingegangen wird. Kapitel fünf soll eine Zusammenfassung der Grundlagen und Voraussetzungen des Zweitspracherwerbs liefern. Im letzten Kapitel sollen Lösungsansätze für die zweisprachige Erziehung von Kindern mit Migrationshintergrund an deutschen Schulen vorgeschlagen werden.

2 Begriffsbestimmung

Im Folgenden sollen einige zentrale Begriffe, die in der vorliegenden Arbeit häufiger vorkommen, näher erläutert werden.

2.1 Erstsprache

Im Allgemeinen wird unter Erstsprache, auch L1 genannt, die Sprache verstanden, die der Mensch als erste erworben hat. Sie impliziert den Anfang einer Erwerbsfolge, dem unter Umständen der Erwerb weiterer Sprachen folgen kann. Die Begriffe Erstsprache, Primärsprache und Muttersprache werden als Synonyme verwendet

2.2 Muttersprache

Das Wort Muttersprache geht laut Oksaar (2003) auf den lateinischen Begriff „materna lingua“ zurück und wird synonym mit der Erst- oder Primärsprache verwendet, die das Kind als erste von dem es umgebenden Erwachsenen beigebracht bekommt. Der Begriff der Muttersprache bezeichnet die Erstsprache des Kindes, ohne aber den zeitlichen Aspekt mit ins Auge zu fassen. Hier geht es um die Identifizierung des Menschen mit der Sprache und der Sprachgemeinschaft. Der Begriff der Mutter- sprache hat also im Gegensatz zu dem Begriff der Erstsprache einen emotionalen Anteil.

Herder (1960) beschrieb diesen emotionalen Aspekt wie folgt:

„Unsere Muttersprache war die erste Welt, die wir sahen, die ersten Empfindungen, die wir fühlten, die erste Wirksamkeit und Freude, die wir genossen! Die Nebenidee von Ort und Zeit, von Liebe und Hass, von Freude und Tätigkeit, und was die feurige,

aufwallende Jugendseele sich dabei dachte, wird alles mit verewigt - nun wird die Sprache schon Stamm.“(Herder, 1960, zitiert nach Oksaar, 2003, 13)

Aufgrund dieser Betonung des emotionalen Aspekts und des Implizierens, die Muttersprache sei die Sprache, die von der Mutter gelernt wird, wurde oftmals versucht, den Begriff der Muttersprache durch andere zu ersetzen.

„Wir verwenden Erstsprache, Muttersprache, Primärsprache und die anderen erwähnten Bezeichnungen [Grundsprache, natürliche Sprache, Herkunftssprache]4 als Synonyme, wohl wissend, dass die Bedeutung des Kompositums durch seine Motiviertheit konnotativ gesteuert werden kann.“ (Oksaar, 2003, 14)

2.3 Zweitsprache/Fremdsprache

Laut Oksaar (2003) ist der Begriff der Zweitsprache mehrdeutig. Dies verdeutlicht er, indem er auf Lewandowskis (1990) Definition der Zweitsprache eingeht, in der er die Zweitsprache mit der Fremdsprache gleichsetzt, oder aber Larsen/Freeman/Longs (1991) Definition der Zweitsprache wiedergibt, die besagt, dass der Begriff der Zweitsprache für alle der Erstsprache übergeordneten Sprachen genutzt wird.

Oksaar (2003) ist zwar der Auffassung, dass die Begriffe Zweitsprache und Fremdsprache vermischt werden können, dieser Arbeit jedoch soll die Definition von Klein (1992) zugrundegelegt werden.

„Mit Fremdsprache ist demnach eine Sprache gemeint, die außerhalb ihres normalen Verwendungsbereiches - gewöhnlich im Unterricht - erlernt und dann nicht neben der

Erstsprache zur alltäglichen Kommunikation verwendet wird. […] Eine Zweitsprache hingegen ist eine Sprache, die nach oder neben der Erstsprache als zweites Mittel für Kommunikation dient und gewöhnlich in einer sozialen Umgebung erworben wird, in der man sie tatsächlich spricht.“ (Klein, 1992, 31)

Es sollte also eine klare Trennung zwischen Zweitsprache und Fremdsprache getroffen werden. Eine Fremdsprache wird ausschließlich in einer formalen Situation, d. h. im Unterricht, gelernt, während das Erlernen einer Zweitsprache in natürlicher Umgebung erfolgt. Die Fremdsprache wird also nur in gesteuerten Lernsituationen erworben, sie wird dem Lerner systematisch beigebracht, ohne dass diese Sprache eine entscheidende Funktion im Alltag übernimmt.

Auf diese Terminologie wird in Kapitel 4 näher eingegangen.

3 Definition des Bilingualismus

Für den Begriff des Bilingualismus herrscht keine allgemeingültige Definition vor. Zweisprachigkeit wird oft mit unterschiedlicher Semantik versehen, sie existiert nicht als einheitliches Phänomen, worin das Problem einer allgemeingültigen Definition liegt. Bilingualismus ist ein komplexer, interdisziplinärer Forschungsbereich. Die Gemeinsamkeit aller Definitionen, die sich in der Literatur finden lassen, ist, dass sie einen Zustand beschreiben, in dem mehr als eine Sprache gesprochen wird.

Nach Horn (1990) ist „Bilingualismus oder die Zweisprachigkeit die Verwendung von mehr als einer Sprache durch eine Person“. (Horn, 1990,1)

Doch was versteht man in diesem Zusammenhang unter „Verwendung“? Gilt jemand, der in sehr geringem Maße die Zweitsprache verstehen, sprechen und lesen kann, bereits als bilingual? Reicht der Gebrauch der Zweitsprache in alltäglichen Situationen, um einen Menschen als bilingual bezeichnen zu können? Sollte eine Person, die eine zweite Sprache auf muttersprachlich hohem Niveau spricht, dabei jedoch einen starken Akzent hat, als bilingual oder monolingual bezeichnet werden? Oder sollte ein Mensch erst als bilingual bezeichnet werden, wenn er die Zweitsprache wie seine Mutter- sprache beherrscht, ohne aus seiner Muttersprache übersetzen zu müssen?

3.1 Linguistische Definitionen

Aus dem Bereich der allgemeinen Sprachwissenschaften sind diverse Definitionen zu entnehmen. So bezeichnet Mac Namara (1969) schon Individuen, die in einem nur minimalen Ausmaß eine Zweitsprache sprechen, schreiben oder verstehen können, als bilingual.

Nach Diebold (1964) und Pohl (1965) reicht das bloße Verstehen einer Zweitsprache aus, um einen Menschen als bilingual zu bezeichnen.

Weiss (1959) hingegen fordert den unmittelbaren Gebrauch der Zweitsprache, ohne aus der Muttersprache übersetzen zu müssen.

Für Braun ist erst eine gleichberechtigte Beherrschung von zwei oder mehreren Sprachen Voraussetzung, um ein Individuum als bilingual bezeichnen zu können.

Auch Bloomfield fordert eine Beherrschung wie bei der Muttersprache.5

3.2 Funktionale Definitionen

Blochner (1982)6 definiert Bilingualität als die Fähigkeit, beide Sprachen so gut zu beherrschen, dass eine Unterscheidung zwischen Muttersprache und Zweitsprache schwer fällt.

Blochner verlangt für die Bezeichnung bilingual

„…die Zugehörigkeit eines Menschen zu zwei Sprachgemeinschaften in dem Grade, dass Zweifel darüber entstehen könnten, welcher der beiden Sprachen das Verhältnis enger ist oder welche als Muttersprache zu bezeichnen ist oder welche mit größerer Leichtigkeit gehandhabt wird oder in welcher man denkt…“. (Fthenakis, 1985,15)

Die große Anzahl der Definitionen macht die unterschiedliche Vorstellung über Zweisprachigkeit sehr deutlich. Fthenakis sowie Mackey schlagen daher vor, danach zu schauen, „wie“ zweisprachig jemand ist.

Der kanadische Bilingualismusforscher Mackey (1968) spricht bei der Schwierigkeit der Definition die unterschiedlichen Herangehensweisen an die Zweisprachigkeit an und das Problem, ab wann ein Individuum als bilingual bezeichnet werden kann. Mackey definiert Bilingualismus als die Fähigkeit, wahlweise zwischen zwei oder mehreren Sprachen wechseln zu können. Nach ihm sollte Bilingualismus als ein relativer Begriff betrachtet werden. Seine Forderung ist, danach zu schauen, „wie“ bilingual jemand ist. Im Mittelpunkt sollte nach ihm nicht der Grad der Beherrschung stehen. Das Augenmerk sollte auf den situationsspezifischen Gebrauch gerichtet werden.

„Bilingualismus ist keine Erscheinung des Sprachsystems, sondern ein Charakteristikum seines Gebrauchs. Er ist keine Eigenschaft des Kodes, sondern eine der Mitteilung. Er gehört nicht dem Bereich der ‘langue’, sondern dem der ‘parole’ an.“

(Mackey, 1977a, zitiert nach Horn, 1990,2)

Eine solide theoretische Grundlage schuf Mackey, indem er eine Klassifikation schuf, die die Messung der Bilingualität erleichtern sollte.

Mackey (1956) gibt die Kriterien dafür vor, auf die besonderes Augenmerk gerichtet werden sollte. Er unterteilt die Analyse der Mehrsprachigkeit nach vier Gesichts- punkten. Diese sind neben der Anzahl der Grad der Zweisprachigkeit, die Funktion der betroffenen Sprachen, der alternierende Gebrauch der Sprachen sowie die vorherr- schende Interferenz.

Der Grad der Zweisprachigkeit bestimmt, wie zweisprachig jemand ist, was sich aus den Fertigkeitsbereichen Hörverstehen, Lesen, Sprechen und Schreiben ableiten lässt. Die Funktion der Sprachen unterteilt Mackey in externe und interne Funktion der Sprache. Mackey versteht unter externe Funktion die verschiedenen Kontaktbereiche, in der die Sprache gebraucht wird. Diese Kontaktbereiche werden in der Soziolinguistik auch als Sprachdomänen bezeichnet, welche durch Dauer, Häufigkeit und Kontakt- zwang bestimmt werden. Zu den internen Faktoren gehören nach seiner Definition die innere Rede bzw. das Selbstgespräch. Hierzu gehören das Zählen, Fluchen, Beten, Träumen und das Tagebuchschreiben.

Bei dem alternierenden Gebrauch der Sprachen, also dem abwechselnden Gebrauch der Sprachen, interessiert sich Mackey für die Bedingungen des Wechsels und nennt als verursachende Faktoren das Thema, die Gesprächspartner und den Gemütszustand des Sprechers. Unter Interferenz versteht Mackey den Sachverhalt der Sprachmischung, geht jedoch nicht näher auf diesen Sachverhalt ein.

Eine differenzierte Analyse dieser Faktoren findet sich in Kapitel 5.4.

3.3 Formen des Bilingualismus

Es gibt verschiedene Formen des Bilingualismus, die sich bei der Definition nach dem Grad der Sprachbeherrschung, dem Lebensalter und dem Lernkontext richten. Die verschiedenen Autoren verwenden jedoch keine einheitlichen Begrifflichkeiten.

Im Folgenden wird eine Darstellung dieser Formen wiedergegeben.

Horn (1990) unterscheidet zwischen zusammengesetztem, koordiniertem und untergeordnetem Bilingualismus. Von zusammengesetztem Bilingualismus ist dann zu sprechen, wenn zwei Sprachen gleichzeitig erworben wurden. Es herrscht ein Speicher vor, welcher den Wortschatz, die syntaktischen Regeln und die Strukturen beider Sprachsysteme beinhaltet. Beide Sprachsysteme sind für den Sprecher innerlich präsent, er ist in der Lage, uneingeschränkt zwischen beiden hin- und herzuwechseln. Das heißt auch, dass für diesen bilingualen Sprecher ein Begriff innerlich in zwei Sprachen repräsentiert wird, jedoch nur einmal abgespeichert ist. Dieser Sprecher kann daher wie selbstverständlich zwischen beiden Sprachen wechseln, was in der Zweitspracherwerbsforschung als Codeswitching (vgl. Kapitel 5.4) bezeichnet wird.

Der koordinierte Bilingualismus ist der Bilingualismus, bei dem die Zweitsprache nach der Erstsprache erlernt wurde. In diesem Fall herrschen beide Sprachen als voneinander getrennte Systeme vor (vgl. Abbildung 1). Während bei dem zusammengesetzten Bilingualismus (vgl. Abbildung 2) ein Speicher existiert, verfügt der Sprecher beim koordinierten Bilingualismus über ein Verarbeitungssystem in der ersten Sprache und entwickelt für die Zweitsprache einen getrennten Speicher, in dem die Wortinhalte aufgenommen werden. Der zusammengesetzte Bilingualismus ist dadurch gekennzeichnet, dass einem Wortinhalt zwei verschiedene Sprachen zur Verfügung stehen. Für diesen bilingualen Sprecher wird ein Wort in zwei verschiedenen Sprachen und Speichern innerlich repräsentiert.

Wird die zweite Sprache erst im Unterricht gelernt, fällt dies für Horn unter untergeordneten Bilingualismus (vgl. Abbildung 3). In diesem Fall wird die zweite erlernte Sprache allerdings auch nicht mehr als Zweitsprache, sondern als Fremdsprache bezeichnet.

Der Sprecher verfügt über ein System in seiner Erstsprache und das Verstehen und Sprechen erfolgt nur über die Erstsprache. Für die Zweitsprache existiert kein eigener Speicher.

Abbildung in dieser Leseprobe nicht enthalten

Abbildung 1: Koordinierter Bilingualismus7

Abbildung in dieser Leseprobe nicht enthalten

Abbildung 2: Zusammengesetzter Bilingualismus8

Abbildung in dieser Leseprobe nicht enthalten

Abbildung 3: Untergeordneter Bilingualismus9

Die Unterscheidung dieser drei Typen von Bilingualismus geht ursprünglich auf den amerikanischen Linguisten Uriel Weinreich (1953) zurück. Weinreich verwies auf die unterschiedlichen Sprachverarbeitungsmechanismen und gleichzeitig darauf, dass Mischformen des zusammengesetzten und koordinierten Bilingualismus vorkommen können oder aber auch eine Entwicklung von untergeordnetem zum zusammengesetzten Bilingualismus stattfinden kann.

Nach Horn ist Bilingualismus kein unveränderlicher Zustand. Der Erwerb und Verlust einer Zweitsprache werden nach ihm durch das soziale Umfeld, in dem sich der Einzelne aufhält, bestimmt. Bilingualismus ist somit laut Horn im Wesentlichen durch gesellschaftliche Faktoren bestimmt.10

Gerade bei Personen mit Migrationshintergrund ist der Einfluss gesellschaftlicher Faktoren auf das Erlernen der Zweitsprache von großer Bedeutung.

Minderheiten, die in Kontakt mit monolingualen Sprechern der Mehrheitsgesellschaft treten, sind gezwungen, sich in der dominanten Sprache zu verständigen. Das Code- switching zwischen L1, der Erstsprache, und L2, der Zweitsprache, ist hier selbstverständlich.

Um an kollektiven Gütern wie Bildung, beruflicher Karriere und gesellschaftlichem Ansehen teilhaben zu können, muss die Minderheitengruppe die Sprache der Mehrheitsgesellschaft erlernen. Diesen Fall von Bilingualismus bezeichnet Horn als Intergruppenbilingualismus.

Ingrid Gogolin (1988) führte in diesem Zusammenhang den Begriff der „ lebensweltlichen Zweisprachigkeit “ auf. Dieser Begriff ist für die sprachpädagogische Auseinandersetzung von großer Bedeutung.11 Gogolin hebt insbesondere die „SprachLern-Situation“ von Kindern mit Migrationshintergrund hervor, deren Sprachfähigkeiten notgedrungen aus zwei Sprachen bestehen. Diese Kinder sind nach Gogolin auf Zweisprachigkeit angewiesen, um „Handlungskompetenz, Selbstbestimmung und gesellschaftliche Teilhabe“ zu erlangen. (Gogolin, 1988, 10)

Während Horn zwischen koordiniertem, zusammengesetztem und untergeordnetem Bilingualismus unterscheidet, werden von anderen Vertretern der Zweiterwerbs- forschung andere Begriffe zur Unterscheidung der verschiedenen Formen verwendet.

Weinreich (1966) trennt den Bilingualismus in den koordinierten, gemischten und subordinierten Bilingualismus. Die Definitionen der verschiedenen Formen sind die gleichen wie bei Horn, haben jedoch unterschiedliche Bezeichnungen. Weinreich beschreibt aus linguistischer Sicht den koordinierten Bilingualismus als den Bilingualismus, bei dem die linguistischen Zeichen beider Systeme getrennt gehalten und beide dieser Systeme analog beherrscht werden.12

Beim gemischten Bilingualismus wird die lautliche Zusammensetzung der Sprachen getrennt gehalten, nicht aber die Bedeutung dieser. Das heißt, die Sprachen unterscheiden sich nur in lexikalischer Hinsicht, nicht aber in syntaktischer oder

semantischer Hinsicht. Werden die Zeichen der zweiten Sprache aus der ersten übersetzt, spricht Weinreich von subordiniertem Bilingualismus. Die Strukturen der Zweitsprache werden den Regeln der Erstsprache untergeordnet.

Carroll (1970) differenziert den Bilingualismus in zwei Gruppen. Zum einen spricht er vom gemischten Bilingualismus und zum anderen vom parallelen Bilingualismus. Der gemischte Bilingualismus entsteht durch den Erwerb der Zweitsprache in einer muttersprachlich bestimmten Situation. Das Bedeutungssystem der Muttersprache wird beibehalten. Die Reaktionen der Muttersprache durchdringen das Reaktionssystem der Erstsprache, sodass in beiden Sprachen ein gemeinsamer Bestand an Bedeutungs- reaktionen entsteht. Jedoch bleibt die Struktur der Erstsprache dominant und kommt auch in der Zweitsprache zum Ausdruck.

Der parallele Bilingualismus wird in zwei voneinander getrennten Lernsituationen erworben. Als Ergebnis entstehen zwei voneinander völlig unabhängige Sprach- systeme.

Nat ü rlicher und kultureller Bilingualismus sind die Typisierungen, die Weiss (1959) für die Erläuterung der verschiedenen Formen des Bilingualismus verwendet. Unter natürlichem Bilingualismus ist der unmittelbare und aktive Gebrauch zu verstehen, wobei die Notwendigkeit, aus der Erstsprache in die Zweitsprache übersetzen zu müssen, ausgeschlossen wird. Die Zweitsprache wird in natürlicher Umgebung zu der Erstsprache erworben. Die Umwelt kann vom Sprecher durch die Erst- oder Zweitsprache erlebt werden.13

Insgesamt gehen alle Zweitspracherwerbsforscher davon aus, dass der Erwerb beider Sprachen in der frühen Kindheit zu einem bilingualen System führt, welches sich durch die Gleichwertigkeit beider Sprachen auszeichnet, während der spätere Erwerb der Zweitsprache zu koordinierter Bilingualität führt.

Der zeitliche Aspekt ist für Apeltauer (1987) und Graf (1987) das wesentliche Kennzeichen zur Unterscheidung verschiedener Formen des Bilingualismus. Der

prim ä re Bilingualismus nach Apeltauer bzw. der simultane Bilingualismus nach Graf bezeichnet das gleichzeitige Aneignen zweier Sprachen. Dies vollzieht sich gewöhnlich in natürlicher Umgebung innerhalb der Familie. Die ideale Voraussetzung für diesen Zweitspracherwerb ist, dass die Eltern verschiedene Muttersprachen beherrschen und das Prinzip des „one language - one person“ (vgl. Kapitel 3.4.1) anwenden. Dieses Prinzip muss konsequent eingehalten werden, um dem Kind klare Orientierungshilfen zu bieten. So wird das Kind dazu befähigt, beide Sprachen parallel zu erlangen und gleichzeitig zwischen beiden Sprachen zu trennen.

„Kinder, die bereits im Alter von drei oder vier Jahren mit einer fremden Sprache kon- frontiert werden, befinden sich in einer ähnlichen Situation wie Kinder, die gleichzeitig zwei Sprachen lernen. Je jünger die Kinder sind und je weniger sie von ihrer Erst- sprache bereits erworben haben, desto eher wird die Lernsituation der Ausgangs- situation beim gleichzeitigen Erwerb zweier Sprachen gleichen.“ (Apeltauer 1987, 11)

Der sekund ä re Zweitspracherwerb nach Apeltauer oder der sequentielle Zweit- spracherwerb nach Graf findet in natürlicher Umgebung statt, nachdem der Erstspracherwerb monolingual abgeschlossen wurde. Der Unterschied zum simultanen Zweitspracherwerb liegt zum einen am Alter, zum anderen an der gesamten Lernsituation. Während beim primären Bilingualismus gezielt und konstant auf Zweisprachigkeit hingearbeitet wird, sind es im Fall des sekundären Bilingualismus die Umstände, die zu einer Zweitsprache zwingen. Diese Situation wird nicht als Sprachlernsituation wahrgenommen, sondern eher als Kommunikationssituation. Das heißt, der Lerner ist in dieser Situation gezwungen, die Zweitsprache zu erlernen, um kommunizieren und sich verständigen zu können.

Apeltauer ist der Meinung, dass eine nachzeitige Aneignung einer Zweitsprache schwieriger ist, da sich die Lernprozesse grundlegend ändern, nachdem die Grundbegriffe einer Erstsprache einmal erlernt worden sind. Je mehr Begriffe erlernt wurden, desto schwieriger wird das Erlernen einer Zweitsprache, die der Aneignung einer Erstsprache nahe kommt.

Nach Apeltauer können Erwachsene besser klassifizieren als Kinder, was ihnen beim Erlernen einer Zweitsprache zugute kommen kann. Die kognitiven Fähigkeiten, die der Erwachsene besitzt, erleichtern ihm, den regelhaften Aspekt einer Sprache besser zu verstehen und einzuordnen.

Jugendliche können sich morphologische und syntaktische Aspekte einer Sprache besser aneignen, während Kindern das Erlernen der Aussprache einer Zweitsprache besonders leicht fällt.

Apeltauer stellt fest, dass unter vergleichbaren formellen Lernsituationen Jugendliche und Erwachsene die besseren Sprachlerner sind. Dies ist auf deren bessere kognitiven Fähigkeiten zurückzuführen.14

Betrachtet man jedoch die Lernsituation von Erwachsenen, Jugendlichen und Kindern, ist festzustellen, dass die Lernsituation von Kindern, die sich grundsätzlich von der der Erwachsenen unterscheidet, einfacher ist und sie somit tatsächlich die schnelleren und besseren Lerner einer Zweitsprache sind. Während Kinder eine Zweitsprache in ihrer natürlichen Umgebung mit einer hohen Motivation lernen, da sie mitspielen und auch an der Kommunikation teilnehmen wollen, lernen Erwachsene meist in formellen Unterrichtssituationen und haben nicht den gleichen intensiven Kontakt zur Zweitsprache, wie ihn Kinder haben.

Auch Klein (1992) unterscheidet den Zweitspracherwerb von Kindern und Erwachsenen. Wird die Zweitsprache zwischen dem 3. und 4. Lebensjahr erlernt, spricht Klein vom Zweitspracherwerb im Kindesalter. Der Zweitspracherwerb nach der Pubertät wird als Zweitspracherwerb im Erwachsenenalter bezeichnet.

[...]


1 Statistisches Bundesamt, Bundeszentrale für politische Bildung (2006). Datenreport 2006 Zahlen und Fakten über die Bundesrepublik Deutschland. [on-line]. Verfügbar unter : http://www.destatis.de/jetspeed/portal/cms/Sites/destatis/Internet/DE/Content/Publikationen/ Querschnittsveroeffentlichungen/Datenreport/Downloads/CZuwandererAusl,property=file.pdf [20.08.2007].

2 Vgl. www.destatis.de.

3 Vgl. Ministerium für Schule und Weiterbildung des Landes Nordrhein-Westfalen (2006): Feststellung des Sprachstandes zwei Jahre vor der Einschulung. Fachinformation zum Verfahren. [ online ]. Verfügbar unter:

http://www.bildungsministerium.nrw.de/BP/Schulsystem/Schulformen/Grundschule/Sprachst and/Sprachstand2/Infoschrift_2_11_Layoutfassung.pdf [20.08.2007].

4 zum besseren Verständnis durch den Verfasser ergänzt.

5 Vgl. Fthenakis, 1985.

6 Vgl. Horn, 1990.

7 Eigene Darstellung in Anlehnung an: Horn, 1990, 11.

8 Eigene Darstellung in Anlehnung an: ebd.

9 Eigene Darstellung in Anlehnung an: Horn, 1990, 12.

10 Vgl. Horn, 1990.

11 Vgl. Kracht/Welling, 1995.

12 Vgl. Fthenakis, 1985.

13 Vgl. Fthenakis, 1985.

14 Vgl. Apeltauer, 1987.

Ende der Leseprobe aus 75 Seiten

Details

Titel
Zweitsprache Deutsch bei Kindern mit Migrationshintergrund
Hochschule
Heinrich-Heine-Universität Düsseldorf  (Erziehungswissenschaftliches Institut)
Note
2,7
Autor
Jahr
2007
Seiten
75
Katalognummer
V174941
ISBN (eBook)
9783640957026
ISBN (Buch)
9783640956913
Dateigröße
1175 KB
Sprache
Deutsch
Schlagworte
Zweitsprache, Migrationshintergrund, Sprachstand, Sprachstandserhebung, Sprachentwicklung, Sprache
Arbeit zitieren
Ferda Özcivelek (Autor), 2007, Zweitsprache Deutsch bei Kindern mit Migrationshintergrund, München, GRIN Verlag, https://www.grin.com/document/174941

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