Zeitungsrecherche zum Thema "Inklusion statt Exklusion"

Zum allmählichen Wandel des deutschen Schulsystems hin zum gemeinsamen Lernen


Essay, 2010

10 Seiten, Note: 14


Leseprobe

Inhaltsverzeichnis

1. Einleitung

2. Analyse und Gegenüberstellung der Zeitungsartikel
2.1. Die aktuelle Entwicklung des deutschen Schulsystems: Gründe und Folgen
2.2. Einordnung der Ergebnisse in einen wissenschaftlichen Kontext
2.3. Inhaltlicher und formaler Vergleich der Artikel

3. Fazit: zusammenfassende Auswertung

4. Literaturverzeichnis

1. Einleitung

Schule für a lle - und zwar für a lle Kinder zus ammen - heißt das akt uelle Ziel de r Bildungspolitik. B ereits seit e inigen J ahren ge ht de r T rend in Richtung Inklusion statt Exklusion. Sonder- und Förderschulen sollen abgeschafft und ein gemeinsames Lernen nach dem S kandinavischen M odell für a lle Kinder e rmöglicht w erden. Während zurzeit n och überwiegend am dr eigliedrigen S chulsystem festgehalten w ird, bi ldet s ich an ei nzelnen Schulen verstärkt ein Gegenmodell heraus: die sogenannte Integrationsklasse. Geistig- und körperlich b ehinderte Kinder s owie K inder m it Verhaltensauffälligkeiten sollen in de n normalen K lassenverband integriert und ni cht m ehr an S onder- oder F örderschulen ,abgeschoben‘ werden.

2. Analyse und Gegenüberstellung der Zeitungsartikel

2.1. Die aktuelle Entwicklung des deutschen Schulsystems: Gründe und Folgen

In dem Artikel „Streit um Schule für alle“ stellt Peter Hanack die verschiedenen Positionen der Parteien zum (Streit-)Thema Inklusion dar. Im Vorfeld stellt er klar, dass die Behinderten­Konvention der Vereinten Nationen Inklusion vorschreibe und sich daraus ein gesetzlicher Auftrag zur I nklusion a ller K inder er gebe. Laut Günther S chork (CDU) s ei das M odell d er Inklusion zwar anzustreben, jedoch kein ,Allheilmittel‘. Hugo Klein (CDU) plädiere deshalb auch dafür, da s bestehende S ystem beizubehalten, ab er da s I nklusionsmodell pa rallel zu ermöglichen. Mathias Wagner (Grüne) dagegen spreche sich dafür aus, dass der gemeinsame Unterricht z ur R egel w erden müsse u nd lehne de shalb a uch d ie Aufrechterhaltung de s dreigliedrigen Schulsystems ab. Dorothea Henzler (FDP) stelle die Aufnahmebereitschaft als wichtiges K riterium de r I nklusion in d en V ordergrund, a rgumentiere a llerdings für d ie Beibehaltung von Förderschulen als sogenannte ,Rückzugsräume‘. Heike Habermann (SPD) vertrete d ie M einung, da ss d as Land o hne Einschränkungen für e inen ge meinsamen Unterricht an der Regelschule sorgen müsse.1

Madeleine Reckmann illustriert in ih rem A rtikel „ Jedes Kind gehört dazu“ e in pr aktisches Beispiel: Ein entwicklungsverzögertes Mädchen wird zunächst an einer Praktisch Bildbaren Schule (d.h. e ine Schule f ür geistig B ehinderte) eingeschult, w echselt da nn a ber w egen Unzufriedenheit an eine Sprachheilschule (d.h. eine Angebots- und Durchgangsschule, die auf den Übergang auf eine Regelschule vorbereitet), wo sie große Fortschritte mache. Reckmann stellt in ihrem Artikel die allmähliche Wandlung zum Inklusionsmodell dar, die vor allem auch durch Elterninitiativen an Bedeutung gewinne und angetrieben werde. Dennoch erwähnt sie auch Kritikpunkte, wie beispielsweise die hohen Kosten, die gerade durch Umbauarbeiten für behindertengerechtes Lernen, entstehen würden.2

Im A rtikel „ Darmstadt will gymnasiale Züge ausbaueri‘ w erden zentrale E ckpunkte de s Schulentwicklungsplans für d ie S tadt D armstadt ge nannt un d konkrete B eispiele zur Umsetzung an d en D armstädter S chulen aufgezeigt. Z iele de r S tadt s eien e ine w eitere integrierte G esamtschule, s tärkere J ahrgänge a n den G ymnasien u nd perspektivisch mehr gemeinsamer Unterricht von behinderten und nicht behinderten Kindern. Darüber hinaus solle auch das Modell des flexiblen Schulanfangs ausgedehnt werden, die das Sitzenbleiben in den ersten drei Jahren ausschließt.3

An de n ge nannten Artikeln lässt s ich d ie a llgemeine E ntwicklung bzw. de r Umgestaltungsprozess des deutschen Schulsystems erkennen. Die Tendenz geht, auch in der Politik, immer mehr in Richtung Inklusion. Doch es gibt auch konkrete Gegenmodelle, wie der Artikel „Die Not ist riesengroß“ von Martin Spiewack zeigt. Als konkretes Beispiel wird von e inem J ungen e rzählt, de r da s s ogenannte Z entrum für S chulische u nd Psychosoziale Rehabilitation ( ZSPR) in B erliner S tadtteil Westend besucht, w eil de r h ochbegabte un d verhaltensauffällige Schüler an de r R egelschule f ür , unbeschulbar‘ erklärt w urde. L aut Spiewack ist d ie Z SPR e ine S pezialschule, d .h. e ine M ischung aus T agesklinik und Förderschule, die von dem Chefarzt Michael von Aster - gegen den Trend, Sonderschulen in ihrer jetzigen Form abzuschaffen - entwickelt wurde. An der ZSPR gebe es für jeden Schüler ein individuelles Lernprogramm, E inzelbetreuung un d G ruppenunterricht. Z udem ge be es eine e nge Zusammenarbeit mit Kinderärzten u nd Psychologen. Spiewack stellt k lar, da ss derzeit jedes Kind einen Rechtsanspruch auf gemeinsames Lernen habe und es in Zukunft keine , Abschiebepädagogik‘ mehr geben solle. Allerdings seien verhaltensauffällige Kinder eine immense Belastung für die Lehrer und im Allgemeinen auch schwerer in den normalen Klassenverband zu integrieren als beispielsweise geistig- oder körperlich behinderte Kinder. Das Defizit des normalen Schulalltags sei vor allem die mangelnde Personalausstattung. Laut Clemens H illebrand w erde man de shalb a uch ni cht ga nz a uf besondere E inrichtungen verzichten können.4

Trotz v ereinzelter G egenstimmen s cheint d ie z ukünftige E ntwicklung d es de utschen Schulsystems absehbar. Der Trend geht in Richtung Gesamt- und Ganztagsschule mit einem Lernprogramm, da s a uf g emeinsames L ernen aus gerichtet i st. Z iel ist d ie E rhöhung der Bildungschancen für alle Kinder. Erreicht werden soll dieses Ziel durch eine Verminderung der Bildungsbenachteiligung, die vor allem durch die soziale und ethische Herkunft und die damit verbundene S chullaufbahn, determiniert w ird. D eutschland will w eg von e iner schmalen B ildungselite u nd hi n zu e iner b reiteren B ildungsgesellschaft. D och w ie s ind d ie Stimmen derer, die bisher zu der sogenannten Elite gehört haben?

Der Artikel „Wenn die Schule beim Lernen stört‘ von Josefine Köhn setzt sich mit einem Gegenmodell - einer b esonderen un d für D eutschland ka um de nkbaren S chulform - auseinander: dem Hausunterricht. Das sogenannte , Homeschooling ‘ ist in den USA bereits weit verbreitet. Laut Köhn werden derzeit ca. 1,5 Millionen Schüler in den USA zu Hause unterrichtet, allerdings seien die Zahlen beliebig veränder- bzw. auslegbar. Die Regelungen würden sich zwar in den einzelnen Bundesstaaten unterscheiden, generell sei es in den USA aber leicht e ine Freistellung vom ö ffentlichen S chulunterricht z u beantragen. Der Hausunterricht werde von möglichst qualifizierten Eltern oder Lehrern durchgeführt. Einige Familien w ürden für ei ne s olche U nterrichtsform fast s o viel G eld ausgeben w ie für ei ne Privatschule. Der Hauptgrund für privaten Unterricht sei religiöse und moralische Erziehung. Weitere Gründe seien ein möglicher negativer Einfluss vieler öffentlicher Schulen sowie ein zu geringes Leistungsniveau. Auch behinderte Kinder werden laut Köhn oft von zu Hause aus unterrichtet. Als allgemeine Kritikpunkte an dem Modell werden die fachliche Überforderung der Eltern und die Einengung des Horizontes genannt.5

,Homeschooling‘ ist in den USA eine private Bildungsbewegung. Diese ist u.a. eine Reaktion auf eine breite Unzufriedenheit mit dem öffentlichen Schulsystem. Privater Unterricht - d.h. Hausunterricht oder Unterricht an einer Privatschule bzw. einem Internat - gelten in den USA im Allgemeinen a ls S prungbrett f ür e ine e rfolgreiche berufliche Karriere. Wird sich womöglich in D eutschland e benfalls in Zukunft e ine s olche Entwicklung hin z ur Privatisierung abzeichnen? Wird es auf der einen Seite Gesamtschulen nach dem Modell der Inklusion ge ben u nd a uf de r a nderen S eite e ine s teigende Anzahl von P rivatschulen? Im Hinblick auf die derzeitige Unzufriedenheit mit dem deutschen Schulsystem ist der Gedanke überhaupt nicht abwegig. Laut Peter Hanack befürwortet eine große Zahl von Politikern eine grundlegende Umstrukturierung des Systems. Zentrales Ziel sei, unter Berücksichtigung des rechtlichen Anspruchs, der gemeinsame Unterricht für alle - unter Abschaffung von F örder- bzw. S onderschulen einerseits u nd de r E rweiterung von integrierten G esamtschulen andererseits.6 Mögliche P robleme, w ie beispielsweise d ie dur ch U mbaumaßnahmen bedingten hohen Kosten o der di e nötige U mstrukturierung d es P ersonals, w erden in de n genannten Artikeln nur beiläufig erwähnt.

Laut Madeleine Reckmann ist offen, wie sich die Inklusion auf den Schulbetrieb in Zukunft auswirken w ird.7 Es bl eibt die F rage, ob e ine vollständige I nklusion überhaupt u mzusetzen ist. Erreicht man durch die Abschaffung des dreigliedrigen Schulsystems nicht vielmehr eine Zweiklassengesellschaft? Werden s ich Kinder a us höheren B ildungsschichten bzw. insbesondere ihre Eltern mit einem solchen Inklusionsmodell abfinden können oder werden diese, w enn genügend finanzielle M ittel zur V erfügung s tehen, nicht vi elmehr pr ivate Bildungseinrichtungen ge genüber ö ffentlichen S chulen bevorzugen? Wird der W unsch nach einer breiteren Bildungsgesellschaft, angelehnt an das erfolgreiche Skandinavische Modell, in Deutschland womöglich zu einseitig und undifferenziert betrachtet?

[...]


1vgl. Hanack, Peter: Streit um Schule für alle. Landtagsfraktionen diskutieren über den Unterricht für Kinder mit Behinderungen, in: Frankfurter Rundschau (2010), Nr. 264, S. R13.

2vgl. Reckmann, Madeleine: Jedes Kind gehört dazu. Behinderte und Gesunde lernen in der gleichen Schule, in: Frankfurter Rundschau (2010), Nr. 258, S. R1.

3vgl. h.r.: Darmstadt will gymnasiale Züge ausbauen. Der neue Schulentwicklungsplan für die Stadt sieht aber auch Stärkung der Gesamtschulen vor sowie erste Schritte zur Inklusion, in: Frankfurter Allgemeine Zeitung (2010), Nr. 265, S. 60.

4 vgl. S piewack, M artin: D ie N ot is t r iesengroß. P sychisch auf fällige K inder s tellen di e s chwierigste Herausforderung für ein gemeinsames Lernen mit anderen dar. Ihre Zahl wächst rapide, in: Die Zeit (2010), Nr. 45, S. 39f

5 vgl. K öhn, J osefine: W enn d ie S chule b eim L ernen s tört. In de n U SA o rganisieren v iele F amilien de n Unterricht s elbst - dieser „H omeschooling“ - Bewegung folgen ni cht nur religiöse F anatiker, in: D ie Süddeutsche (2010), Nr. 258, S. 46.

6vgl. Hanack: a.a.O.

7vgl Reckmann: a.a.O.

Ende der Leseprobe aus 10 Seiten

Details

Titel
Zeitungsrecherche zum Thema "Inklusion statt Exklusion"
Untertitel
Zum allmählichen Wandel des deutschen Schulsystems hin zum gemeinsamen Lernen
Hochschule
Johann Wolfgang Goethe-Universität Frankfurt am Main
Note
14
Autor
Jahr
2010
Seiten
10
Katalognummer
V174974
ISBN (eBook)
9783640957439
ISBN (Buch)
9783640957613
Dateigröße
500 KB
Sprache
Deutsch
Schlagworte
zeitungsrecherche, thema, inklusion, exklusion, wandel, schulsystems, lernen
Arbeit zitieren
Linda Lau (Autor), 2010, Zeitungsrecherche zum Thema "Inklusion statt Exklusion", München, GRIN Verlag, https://www.grin.com/document/174974

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