Vergleich des deutschen und polnischen Vereinswesens während der polnischen Bewegung in Schlesien


Hausarbeit, 2010

19 Seiten, Note: 2,0


Leseprobe

Inhaltsverzeichnis

1. Einleitung

2. Der historische Hintergrund
2.1 Der Kulturkampf
2.2 Die soziale Frage und zunehmende polnische Bewegung

3. Das deutsche und polnische Vereinswesen im Vergleich
3.1 Ursprung und Gründungsmotive des deutschen Ostmarken-Vereins
3.2 Die polnische Antwort
3.3 Der Aufbau des deutschen und des polnischen Ostmarken-Vereins
3.4 Die praktische Tätigkeit des deutschen Ostmarken-Vereins und der polnischen Straż
3.5 Parallelen und Unterschiede beider Vereine bei der Verfolgung der Vereinsziele?

4. Schlussbetrachtung

5. Literaturverzeichnis

1. Einleitung

„Wohl kaum eine andere Provinz hat mehr zum Kulturkampf beigetragen und hat mehr unter ihm gelitten als Schlesien. Und da in dieser Provinz […] zu dem konfessionellen Problem wegen der starken polnischsprachigen Minderheit noch ein nationales hinzutrat, waren die Auswirkungen dieses Kampfes noch nach Jahrzehnten viel stärker als anderswo.“[1]

Dieses Zitat spiegelt in einem kurzen Wortlaut wider, welch enormen Einfluss und welch weitreichende Folgen der Kulturkampf, der eigentlich eine Auseinandersetzung zwischen Kirche und Staat war, auf die Provinz Schlesien hatte und unter welchen Schikanen vor allem die polnischsprachige Bevölkerung leiden musste.

In der folgenden Hausarbeit möchte ich zu Beginn auf den Kulturkampf als ein sehr wichtiges Ereignis in der schlesischen Geschichte und zugleich auch eine der Hauptursachen für die polnische Bewegung und die Aktivierung eines polnischen Nationalismus eingehen. In diesem Zusammenhang werde ich als weiteren Oberschlesien prägenden Punkt auch die Industrialisierung und die damit entstandene Kluft zwischen arm und reich erläutern. Die soziale Frage prägte das Bewusstsein der Bewohner der dortigen Region stark.

Eine sehr wichtige Rolle während der polnischen Bewegung spielte das Vereinswesen, das einen enormen Einfluss auf die Bevölkerung Oberschlesiens hatte. Die in dieser Zeit sehr zahlreich entstandenen polnischen Vereine „bedienten sich in erster Linie sozialpolitischer Parolen“[2]und konnten somit in der oberschlesischen Bevölkerung viele Anhänger gewinnen. Dazu werde ich die polnischen Vereine näher beleuchten und diese mit den in der gleichen Zeit im Rahmen der antipolnischen Politik gegründeten deutschen Vereinen vergleichen. Dabei werde ich stellvertretend für das gesamte Vereinswesen den deutschen Ostmarken-Verein und die polnische Straż näher vorstellen und versuchen, Parallelen und Unterschiede aufzuzeigen.

2. Der historische Hintergrund

2.1 Der Kulturkampf

Bei der Betrachtung der polnischen Bewegung in Schlesien ist es wichtig, den historischen Hintergrund zu beleuchten, der maßgeblichen Einfluss auf ein Umdenken bezüglich der Nationalitätenfrage der schlesischen Bevölkerung hatte.

Der Kulturkampf war eine Auseinandersetzung zwischen der katholischen Kirche unter Papst Pius IX. und dem Königreich Preußen unter dem Reichskanzler Otto von Bismarck zwischen 1871 und 1886 beziehungsweise 1887[3]. Der Kulturkampf und Bismarck haben das Schicksal Schlesiens stark geprägt. Das aufstrebende „protestantisch geprägte[n] und liberal ausgerichtete[n] Staatswesen“[4]wollte nicht länger der ultramontanen Macht der katholischen Kirche unterworfen sein. Aus diesem Grund kämpfte Bismarck für eine liberale Politik und hoffte, mit Hilfe der Erlassung von diversen Gesetzen „außen- wie innenpolitischen, vor allem aber kirchenpolitischen Problemen erfolgreich entgegenwirken zu können“[5].

Doch auch innerhalb der katholischen Bevölkerung gab es eine Unzufriedenheit, die ebenfalls als einer der Gründe für den Kulturkampf gilt. Diese Unzufriedenheit wurde durch die „ungleiche Behandlung der beiden großen Konfessionen durch die preußische Regierung“[6]verursacht. Bis zum Jahr 1894 gab es in Schlesien noch nicht einmal einen katholischen Oberpräsidenten, obwohl dies eine 52%ige katholische Mehrheit sicherlich erforderlich gemacht hätte. Die katholische Bevölkerung fühlte sich benachteiligt und das Streben nach einer konfessionellen Gleichberechtigung wuchs stetig[7].

Im Gegensatz zu Bismarcks Zielen strebten die katholische Kirche und der Papst hingegen im Rahmen eines politischen Katholizismus an, den traditionellen Einfluss der Kirche zu bewahren und die nationalen Teilkirchen noch mehr an Rom zu binden.

Die politische Kraft des Papstes war dabei die 1870 gegründete Zentrumspartei, mit der er in das Deutsche Reich hinein regierte. Die Zentrumspartei war die bedeutendste Parteibildung, die auch in Schlesien eine wichtige Rolle spielte und sich für die Verteidigung der Autonomie der katholischen Kirche und deren Rechte einsetzte. Außerdem kämpfte sie für einen „föderativen Aufbau des Reiches sowie gegen die preußisch-protestantische Vorherrschaft“[8]. Die Zentrumspartei hob sich auch dahingehend von den anderen Parteien ab, dass sie nicht nur bestimmte soziale und ökonomische Interessengruppen vertrat, sondern es verstand, die Katholiken aus allen Schichten an sich zu binden[9]. Dies finde ich bemerkenswert, weil das sowohl damals auch als heute wohl den wenigsten Parteien gelingt.

Dank der Geschlossenheit der katholischen Wählerschaft war sie die stärkste Fraktion, die im Reichstag vertreten war. Keine andere deutsche Partei hatte in dieser Zeit mit stets „neunzig bis hundert Abgeordneten“[10]derlei konstante Wahlergebnisse. So hatte die Zentrumspartei vor beziehungsweise zu Beginn des Kulturkampfes 1871 im Bezirk Oppeln 23,8% der Stimmen sowie ein Mandat, aber bereits 1874 sicherte sich die Partei mit 55% die absolute Mehrheit und konnte acht Abgeordnete in den Reichstag nach Berlin entsenden. Der Höhepunkt allerdings war der Wahlerfolg 1881, bei dem die Zentrumspartei in Oberschlesien mit 81,7% ihr bestes Ergebnis und alle 12 Mandate erzielte[11].

Im Rahmen der scharfen Politik gegen die katholische Geistlichkeit verabschiedete Bismarck bis 1875 eine Reihe von Gesetzen und Verordnungen, die direkt und indirekt gegen die katholische Kirche gerichtet waren. Unter anderem erließ er zum Beispiel 1872 das Schulaufsichtsgesetz, das jeglichen kirchlichen Einfluss der Kirchen auf die Schulen beseitigte[12]. Von nun an war dort das Sprechen der polnischen Sprache strengstens verboten. Dies machte auch die feindliche Haltung gegen Polen und Bismarcks zunehmende antipolnische Politik deutlich. „Höhepunkt und Kernstück des Kulturkampfes“[13]waren die 1873 verabschiedeten Maigesetze, die eine akademische Vorbildung der Geistlichen und eine verstärkte Kontrolle des Staates über die Kirche vorschrieben[14]. Damals wurde die Akademisierung des Klerus als Schikane gesehen, hat sich aber im Nachhinein als vorteilhaft erwiesen, da damit ein qualifizierter Klerus hervorging[15]. Des Weiteren wurde 1874 die Zivilehe eingeführt, die eine Trauung in Standesämtern voraussetzte. Einerseits war eine Trauung in der Kirche nun keine Bedingung mehr, andererseits konnte eine rechtmäßige Eheschließung nicht mehr ausschließlich in der Kirche durchgeführt werden.

Doch den Gesetzen wurde von Seiten des Klerus und der Bevölkerung passiver Widerstand entgegengebracht[16]. Die Priester, die den staatlichen Aufforderungen nicht Folge leisteten, wurden mit Amtsenthebungen, Geld- oder sogar Gefängnisstrafen sanktioniert[17]. Eine wichtige Persönlichkeit war damals der Fürstbischof von Breslau, Heinrich Förster, der sein Kirchenvolk und seine Priesterschaft aufforderte, sich den staatlichen Anordnungen zu widersetzen. Förster war politisch sehr engagiert und war schon mehrfach wegen seines Widerstands gegen die Maigesetze aufgefallen. Er wurde 1875 von der preußischen Regierung abgesetzt und musste in den österreichischen Teil seines Bistums fliehen, um der Verhaftung zu entgehen[18]. Doch die größte Zahl der Geistlichen und auch die katholische Bevölkerung hielt „treu zu ihrem abgesetzten Bischof“[19]und stürzte somit Millionen Menschen in einen Loyalitäts- und Gewissenskonflikt, dessen Konsequenzen vor allem die polnischsprachigen Oberschlesier zu tragen hatten, denn zu dieser Zeit gab es eine für Schlesien 60%ige katholische Mehrheit, die im Regierungsbezirk Oppeln in Oberschlesien sogar mehr als 90% betrug[20]. Dies hatte in Schlesien enorme Auswirkungen. Ende 1881 waren 117 Pfarreien mit 240.000 Gläubigen verwaist und diese Zahl stieg bis 1884 noch auf 229 an[21]. Außerdem wurden weitere 300.000 Katholiken nur durch Kapläne in sogenannten „Laiengottesdienste[n]“[22]betreut. Insgesamt haben sich nur 12 Geistliche bereit erklärt, den staatlichen Anweisungen zu folgen.

Trotzdem erreicht Bismarck seine politischen Ziele mit den Gesetzen nicht; eher noch ging die katholische Kirche aus dem Kulturkampf gestärkt hervor, denn er hatte „ihre Mitglieder zu einem nahezu monolithischen Block zusammengeschweißt“[23]. Das Zentrum erhielt einen noch höheren Wählerzulauf als zuvor und der Katholizismus spaltete sich entgegen Bismarcks Erwartungen nicht. außerdem kam auch aus den eigenen Reihen Kritik, denn die protestantischen Konservativen waren ebenfalls gegen die Zivilehe und die staatliche Schulaufsicht[24].

[...]


[1]Neubach, Helmut, „Der Kulturkampf“, in: Bein, Werner/ Neubach, Helmut/ Irgang, Winfried (Hrsg.),Schlesien. Geschichte, Kultur und Wirtschaft, 4. Band, Köln: Verlag Wissenschaft und Politik, 1995, S. 185.

[2]Ebd., S. 200.

[3]Vgl. Köhler, Joachim, „Reichsgründung und Kulturkampf“, in: Menzel, Josef Joachim (Hrsg.),Geschichte Schlesiens,3. Band, Stuttgart: Jan Thorbecke Verlag, 1999, S. 223.

[4]Köhler 1999, S. 223.

[5]Vgl. Fuchs, Konrad, „Politische Kräfte und Parteien“, in: Conrads, Nobert (Hrsg.),Deutsche Gesichte im Osten Europas. Schlesien, Berlin: Siedler, 1994, S. 598.

[6]Neubach 1995, S. 181.

[7]Vgl. Neubach 1995, S. 181.

[8]Fuchs 1994, S. 597.

[9]Vgl. Gerber, Michael Rüdiger, „Parteien und Wahlen“, in: Menzel, Josef Joachim (Hrsg.),Geschichte Schlesiens,3. Band, Stuttgart: Jan Thorbecke Verlag, 1999, S. 57.

[10]Fuchs 1994, S. 599.

[11]Vgl. Gerber 1999, S. 76.

[12]Vgl. Köhler 1999, S. 226.

[13]Fuchs 1994, S. 598.

[14]Vgl. Ebd.

[15]Vgl. Köhler 1999, S. 226.

[16]Vgl. Fuchs 1994, S. 598.

[17]Vgl. Köhler 1999, S.226.

[18]Vgl. Ebd., S. 227.

[19]Neubach 1995, S. 184.

[20]Bartosz, Julian/ Hofbauer, Hannes,Schlesien. Europäisches Kernland im Schatten von Wien, Berlin und Warschau,Wien: Promedia, 2000, S. 94.

[21]Vgl. Fuchs 1994, S. 599.

[22]Köhler 1999, S. 228.

[23]Neubach 1995, S. 184.

[24]Görtemaker, Manfred,Deutschland im 19. Jahrhundert. Entwicklungslinien,Opladen: Westdeutscher Verlag, 1983, S. 279.

Ende der Leseprobe aus 19 Seiten

Details

Titel
Vergleich des deutschen und polnischen Vereinswesens während der polnischen Bewegung in Schlesien
Hochschule
Technische Universität Chemnitz
Veranstaltung
Identitätsverhandlungen in Schlesien
Note
2,0
Autor
Jahr
2010
Seiten
19
Katalognummer
V175005
ISBN (eBook)
9783640958832
ISBN (Buch)
9783640958474
Dateigröße
507 KB
Sprache
Deutsch
Schlagworte
vergleich, vereinswesens, bewegung, schlesien, Straz, Kulturkampf
Arbeit zitieren
Nadja Kemter (Autor:in), 2010, Vergleich des deutschen und polnischen Vereinswesens während der polnischen Bewegung in Schlesien, München, GRIN Verlag, https://www.grin.com/document/175005

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