Rezeption und Reaktionen auf Plenzdorfs „Die neuen Leiden des jungen W.“ in der DDR


Hausarbeit (Hauptseminar), 2011

24 Seiten, Note: 1,3


Leseprobe

Inhaltsverzeichnis

1 Einleitung

2 Kulturpolitischer und literaturhistorischer Kontext
2.1 Der Bitterfelder Weg
2.2 Das 11. Plenum des ZK der SED – das „Kahlschlagplenum“
2.3 Der VIII. Parteitag der SED
2.4 Die besondere Rolle des klassischen Erbe in der DDR-Literatur

3 Zum Autor

4 Handlung und stilistische Mittel der „Neuen Leiden“
4.1 Die Handlung
4.2 Formale Gestaltung

5 Bezüge zu Goethes Werther

6 Rezeption des Werks in der DDR

7 Fazit

8 Literaturliste

1 Einleitung

Als die Theaterfassung des Werks „Die neuen Leiden des jungen W.“ 1972 in Halle uraufgeführt wird und die Romanfassung im gleichen Jahr in der DDR-Literaturzeitschrift „Sinn und Form“ erscheint, wird Ulrich Plenzdorf „über Nacht“ berühmt. Dabei hatte er den Stoff schon vor Jahren „für die Schublade“[1] geschrieben, eine Veröffentlichung hielt er nach mehreren Überarbeitungen und Zurückweisungen der DDR-Zensoren kaum noch für möglich. Das Werk erweckte ein Interesse und löste eine kulturpolitische Debatte aus, wie es in der DDR nur selten der Fall war.

Diese Arbeit soll der Frage nachgehen, wie die „Neuen Leiden“ in der DDR aufgenommen und interpretiert wurden, sowohl vom breiten Publikum als auch von namhaften Literaturkritikern, Literaturwissenschaftlern, Schauspielern, Regisseuren und Schriftstellern. Dazu wird im ersten Abschnitt eine Zusammenfassung der wichtigsten Ereignisse des besonderen kulturpolitischen und literaturhistorischen Hintergrunds in der DDR sowie des sozialistischen Verhältnisses zum klassischen Literaturerbe gegeben. Anschließend soll kurz auf die Biographie des Autors eingegangen werden, um zu erkennen, wo Ulrich Plenzdorf innerhalb der sozialistischen Gesellschaft zu verorten ist. Im Kapitel vier wird die Handlung des Romans dargestellt. Eine bedeutende Rolle spielt dabei auch die außergewöhnliche Erzählperspektive sowie die sprachlichen Mittel, die ebenfalls erläutert werden.Schon im Titel wird der Bezug zu Goethes „Die Leiden des jungen Werther“ deutlich. Kapitel fünf zeigt die Funktionen und Handlungsebenen dieses Werther-Bezugs auf. Das sechste Kapitel setzt sich ausführlich mit der Rezeption, Interpretation und Reaktion am Beispiel einiger zeitgenössischer Stimmen auseinander. Dabei steht eine von der Zeitschrift „Sinn und Form“ angeregte Diskussion im Vordergrund, die eine rege Beteiligung fand. Schließlich werden im Schlusskapitel die Ergebnisse zusammengefasst und es wird versucht, die Frage zu beantworten, wie die „Neuen Leiden“ in der DDR rezipiert und interpretiert wurden.

2 Kulturpolitischerund literaturhistorischerKontext

Die Kulturpolitik in der DDR war geprägt von Maßnahmen der Zensur und der Restriktionen. Eine freie Entfaltung der Kunst war nicht möglich. Teilweise führte das Wissen um die Zensur bei Kulturschaffenden schon zu einer „Schere im Kopf“, die allzu kritische Kommentare schon im Vorhinein „herausschnitt“ oder brisante Themen gar nicht erst aufgriff. Deshalb ist es notwendig, einen Blick darauf zu werfen, wie sich diese Kulturpolitik im Laufe der Jahre entwickelt hat, welche einschneidenden Ereignisse es gegeben hat und wie die Rahmenbedingungen zur Entstehungs- und zur Veröffentlichungszeit gewesen sind.

2.1 Der Bitterfelder Weg

Der Begriff „Bitterfelder Weg“ geht zurück auf die Beschlüsse der ersten Bitterfelder Konferenz im April 1959, die als Richtlinie für eine neue Literatur in der DDR gelten sollten. Bereits im Vorfeld gab Walter Ulbricht auf dem V. Parteitag der SED die Richtung vor: In seinem Referat sagt er, die Hauptaufgabe der Literatur im Sozialismus sei die Überwindung „der Trennung von Kunst und Leben“ und der „Entfremdung zwischen Künstler und Volk, die in der bürgerlichen Gesellschaft so katastrophale Ausmaße erreicht haben“.[2] Wie das zu geschehen hatte, präzisierte Ulbricht dann auf der Bitterfelder Konferenz, zu der sowohl Berufsschriftsteller als auch Arbeiter geladen waren. Die Literatur sollte stärker auf den Produktionsprozess eingehen. Dazu sei es einerseits notwendig, dass die Schriftsteller am Leben der Arbeiter teilnehmen. Andererseits sollten auch die Arbeiter ermutigt werden, selbst über ihre Arbeit, ihr Leben und ihren Alltag zu schreiben. Die Autoren sollten also direkt in die Betriebe gehen, um dort den Alltag zu erleben und Erfahrungen zu sammeln, während die Arbeiter in ihrer Freizeit „die Feder zur Hand“ nehmen sollten, was zur Gründung von Schreibzirkeln in den Betrieben führte. Dabei war es der politischen Führung wichtig, dass auch weiterhin der „sozialistische Realismus“ als die künstlerische Leitlinie zu gelten hatte. Der sozialistische Realismus, 1932 in der Sowjetunion erstmalig formuliert, hatte den Anspruch,das Leben im Sozialismus als „die objektive Wirklichkeit in ihrer revolutionären Entwicklung“[3] darzustellen, verbunden mit der Aufgabe, „die werktätigen Menschen im Geiste des Sozialismus ideologisch umzuformen und zu erziehen“[4]. Im Mittelpunkt der Geschichte stand oft ein im Sinne der sozialistischen Ideologie vorbildhafter Held, der dem Rezipienten als Identifikationsfigur dienen sollte. Die Schriftsteller hatten den Auftrag, mit ihren Werken ihren Beitrag zur weiteren Entwicklung des Sozialismus und des neuen Menschen zu leisten.

Vor dem Hintergrund des Konzepts des sozialistischen Realismus und den Restriktionen der Bitterfelder Konferenz ist es nicht verwunderlich, dass die DDR-Literatur der sechziger Jahre stark geprägt ist von den so genannten „Produktionsstücken“, also Werken, die sich mit den Bedingungen in den volkseigenen Betrieben und dem Leben der Werktätigen beschäftigen.

In der literarischen Praxis der DDR-Kultur wirkte sich das Konzept des „Bitterfelder Wegs“ wenig aus.Mit der zweiten Bitterfelder Konferenz im April 1964 kann der fünf Jahre zuvor geforderte Weg als gescheitert erklärt werden. Die Idee, über die Produktion aus der Sicht des einfachen Arbeiters zu schreiben, führte nicht zu den von der Partei und Staatsführung erwarteten Ergebnissen. Statt aus der Perspektive „von unten“ sollten die Schriftsteller nun den Blick für das „große Ganze“ haben und als Planer und Leiter fungieren.[5] Nach dieser zweiten Bitterfelder Konferenz wurden die einstigen Vorgaben des Bitterfelder Weges weitgehend revidiert.

2.2 Das 11. Plenum des ZK der SED – das „Kahlschlagplenum“

Die politisch-ökonomische Entwicklung der DDR hing immer auch stark mit der gesellschaftlichen und kulturpolitischen Entwicklung zusammen. Als der VI. Parteitag der SED 1963 eine weitreichende Kursänderung in der Wirtschaftspolitik beschloss, hatte das auch Auswirkungen auf Kunst und Kultur. Das sogenannte „Neue Ökonomische System der Planung und Leitung“, meist mit „NÖS“ oder „NÖSPL“ abgekürzt, sah eine Dezentralisierung der sozialistischen Planwirtschaft und damit verbunden mehr Eigenverantwortung bei den „Volkseigenen Betrieben“ (VEB) vor. Das Ziel des neuen Konzepts war eine Modernisierung und Rationalisierung des Wirtschaftssystems, in der Hoffnung, dadurch mehr Effizienz und Produktivität zu erreichen.[6] Einer der Kernpunkte des NÖSPL lag darin, dass die am Produktionsprozess unmittelbar Beteiligten wie Ingenieure und Wissenschaftler an Weiterqualifizierungsmaßnahmen teilnehmen sollten, weil ihnen als Planer und Leiter eine wichtigere Rolle zukommen sollte. Die zweite wesentliche Änderung bestand darin, dass den Betrieben weniger „von oben“ zentral vorgegeben werden sollte. Die „Vereinigungen Volkseigener Betriebe“ (VVB) sollten zu „ökonomischen Führungsorganen“ werden, die nicht mehr so stark von den Planziffern der Ministerien abhängig sind, sondern als weitgehend „eigenverantwortliche sozialistische Konzerne“ agieren.[7] Entscheidungen wie Preisgestaltung, dieZahlung von Prämien oder die Wahl des Lieferanten sollten ab sofort in den Händen der Betriebe liegen.

Das 11. Plenum des ZK der SED im Dezember 1965 war ursprünglich als Wirtschaftsplenum geplant, um die zweite Etappe ebendieses NÖSPL zu diskutieren und zu beschließen. Es entwickelte sich jedoch, zur Überraschung vor allem der Kulturszene,zu einer scharfen Diskussion über die Jugend- und Kulturpolitik. Erich Honecker rechnete mit den „modernistischen“, „skeptizistischen“, „anarchistischen“, „nihilistischen“ und „pornografischen“ Strömungen der DDR-Literatur ab.[8] „Unsere DDR ist ein sauberer Staat. In ihr gibt es unverrückbare Maßstäbe der Ethik und Moral, für Anstand und gute Sitte.“[9], führte Honecker weiter aus. Der Angriff galt vor allem Künstlern wie Wolf Biermann, Peter Hacks, Heiner Müller, Stefan Heym sowie dem Naturwissenschaftler und Philosophen Robert Havemann, war aber als Rundumschlag gegen allzu kritische Autoren und Kulturschaffende zu verstehen. Ihnen wurde vorgeworfen, an einer Verrohung und Verwahrlosung der Jugend schuld zu sein, die an den Idealen des Sozialismus und Kommunismus zweifle. Wegen der scharfen Worte und der darauf folgenden zahlreichen Verbote von Büchern, Filmen, Theaterstücken und Musikgruppen ging diese Zäsur in der Entwicklung der DDR als das „Kahlschlagplenum“ in die Geschichte ein. Auf eine leichte Entspannung der kulturpolitischen Situation nach der Aufgabe des Konzepts des Bitterfelder Weges folgte in den Jahren nach 1965 eine Verhärtung des Kurses gegen kritische Künstler.

2.3 Der VIII. Parteitag der SED

Eine deutliche Liberalisierung der Kulturpolitik in der DDR ging von dem VIII. Parteitag der SED im Juni 1971aus. Vor dem Hintergrund einer stabilisierten wirtschaftlichen Lage, eines kontinuierlich steigenden Nationaleinkommens und der Erhöhung der Konsumgüterproduktion Anfang der siebziger Jahre, wuchs der Lebensstandard der Menschen in der DDR und damit auch ihre Identifikation mit dem sozialistischen Staat. Erich Honecker, der einen Monat zuvor Walter Ulbricht als Ersten Sekretär des Zentralkomitees (ZK) der SED abgelöst hatte, trat auf dem VIII. Parteitag für einen „offenen, sachlichen, schöpferischen Meinungsstreit“ der Schriftsteller ein.[10] Er räumte ein, dass es Widersprüche in der DDR gebe und dass diese auch angesprochen werden dürfen und sollen. Es könne in Kunst und Literatur keine Tabus geben, weder inhaltlich noch stilistisch.[11]Allerdings sollten auch die Schriftsteller den Blick für das „große Ganze“, also die Idee der neuen, besseren Gesellschaftsordnung dabei immer bewahren, die Kritik an den gesellschaftlichen Verhältnissen müsse von der Position des Sozialismus aus geschehen.

[...]


[1] Brenner, Peter J.: Plenzdorfs neue Leiden des jungen W. Erste Auflage. Suhrkamp, Frankfurt am Main 1982, S. 178.

[2] Vgl. Brenner, Peter J.: Plenzdorfs neue Leiden des jungen W., S. 11.

[3] Emmerich, Wolfgang: Kleine Literaturgeschichte der DDR. Hermann Luchterhand Verlag GmbH, Darmstadt 1981, S. 80.

[4] Ebd., S. 80.

[5] Vgl. Brenner, Peter J.: Plenzdorfs neue Leiden des jungen W., S. 15.

[6] Vgl. Emmerich, Wolfgang: Kleine Literaturgeschichte der DDR, S. 131.

[7] Vgl. ebd., S. 132.

[8] Vgl. ebd., S. 130.

[9] Ebd., S. 130.

[10] Vgl. Brenner, Peter J.: Plenzdorfs neue Leiden des jungen W., S. 17.

[11] Vgl. Mews, Siegfried: Ulrich Plenzdorf. Beck-Verlag, München 1984, S. 14.

Ende der Leseprobe aus 24 Seiten

Details

Titel
Rezeption und Reaktionen auf Plenzdorfs „Die neuen Leiden des jungen W.“ in der DDR
Hochschule
Freie Universität Berlin  (Geistes- und Sozialwissenschaften)
Veranstaltung
DDR-Literatur der 60er und 70er Jahre
Note
1,3
Autor
Jahr
2011
Seiten
24
Katalognummer
V175039
ISBN (eBook)
9783640958986
ISBN (Buch)
9783640958702
Dateigröße
496 KB
Sprache
Deutsch
Schlagworte
Plenzdorf, DDR, Leiden, Werther, Wibeau, Edgar, Rezeption, Leiden des jungen W
Arbeit zitieren
Marcel Kresin (Autor), 2011, Rezeption und Reaktionen auf Plenzdorfs „Die neuen Leiden des jungen W.“ in der DDR, München, GRIN Verlag, https://www.grin.com/document/175039

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