Als die Theaterfassung des Werks „Die neuen Leiden des jungen W.“ 1972 in Halle uraufgeführt wird und die Romanfassung im gleichen Jahr in der DDR-Literaturzeitschrift „Sinn und Form“ erscheint, wird Ulrich Plenzdorf „über Nacht“ berühmt. Dabei hatte er den Stoff schon vor Jahren „für die Schublade“ geschrieben, eine Veröffentlichung hielt er nach mehreren Überarbeitungen und Zurückweisungen der DDR-Zensoren kaum noch für möglich. Das Werk erweckte ein Interesse und löste eine kulturpolitische Debatte aus, wie es in der DDR nur selten der Fall war.
Diese Arbeit soll der Frage nachgehen, wie die „Neuen Leiden“ in der DDR aufgenommen und interpretiert wurden, sowohl vom breiten Publikum als auch von namhaften Literaturkritikern, Literaturwissenschaftlern, Schauspielern, Regisseuren und Schriftstellern. Dazu wird im ersten Abschnitt eine Zusammenfassung der wichtigsten Ereignisse des besonderen kulturpolitischen und literaturhistorischen Hintergrunds in der DDR sowie des sozialistischen Verhältnisses zum klassischen Literaturerbe gegeben. Anschließend soll kurz auf die Biographie des Autors eingegangen werden, um zu erkennen, wo Ulrich Plenzdorf innerhalb der sozialistischen Gesellschaft zu verorten ist. Im Kapitel vier wird die Handlung des Romans dargestellt. Eine bedeutende Rolle spielt dabei auch die außergewöhnliche Erzählperspektive sowie die sprachlichen Mittel, die ebenfalls erläutert werden. Schon im Titel wird der Bezug zu Goethes „Die Leiden des jungen Werther“ deutlich. Kapitel fünf zeigt die Funktionen und Handlungsebenen dieses Werther-Bezugs auf. Das sechste Kapitel setzt sich ausführlich mit der Rezeption, Interpretation und Reaktion am Beispiel einiger zeitgenössischer Stimmen auseinander. Dabei steht eine von der Zeitschrift „Sinn und Form“ angeregte Diskussion im Vordergrund, die eine rege Beteiligung fand. Schließlich werden im Schlusskapitel die Ergebnisse zusammengefasst und es wird versucht, die Frage zu beantworten, wie die „Neuen Leiden“ in der DDR rezipiert und interpretiert wurden.
Inhaltsverzeichnis
1 Einleitung
2 Kulturpolitischer und literaturhistorischer Kontext
2.1 Der Bitterfelder Weg
2.2 Das 11. Plenum des ZK der SED – das „Kahlschlagplenum“
2.3 Der VIII. Parteitag der SED
2.4 Die besondere Rolle des klassischen Erbe in der DDR-Literatur
3 Zum Autor
4 Handlung und stilistische Mittel der „Neuen Leiden“
4.1 Die Handlung
4.2 Formale Gestaltung
5 Bezüge zu Goethes Werther
6 Rezeption des Werks in der DDR
7 Fazit
Zielsetzung & Themen der Publikation
Diese Arbeit untersucht die Rezeption und die kulturpolitische Debatte um Ulrich Plenzdorfs Werk „Die neuen Leiden des jungen W.“ in der DDR. Dabei wird insbesondere analysiert, wie das Buch von unterschiedlichen gesellschaftlichen Gruppen aufgenommen wurde und inwiefern es als Abkehr von den starren Vorgaben des sozialistischen Realismus wahrgenommen wurde.
- Kulturpolitische Rahmenbedingungen und Zensur in der DDR
- Die Entwicklung und Transformation des Bitterfelder Weges
- Strukturelle und inhaltliche Parallelen zu Goethes „Die Leiden des jungen Werther“
- Die Kontroverse zwischen systemkonformer Kritik und begeisterter Jugendkultur
- Die Rolle der literarischen Subjektivität als Ausdruck jugendlicher Identität
Auszug aus dem Buch
Die Handlung
Der 17-jährige Berufsschüler Edgar Wibeau, Sohn der Schulleiterin, ist mit einem Notendurchschnitt von 1,1 der beste Schüler der Lehreinrichtung, ein Vorzeige Lehrling. Doch er ist jemand, der angepasst ist und oft gegen seine eigene Überzeugung tut, was von ihm verlangt oder erwartet wird. Als sich herausstellt, dass Edgars Freund und Mitschüler Willi ein Werkstück aus maschineller Herstellung abgeben will, dass die Berufsschüler selbst feilen sollen, stellt ihn der Ausbilder zur Rede. Nach einem kurzen Wortwechsel wendet sich der Ausbilder an Edgar und sagt, dass er so etwas von ihm am allerwenigsten erwartet hatte. Dabei nennt er ihn „Wiebau“, was in Edgar immer schon Aggressionen auslöste, die er allerdings stets „herunterschluckte“. Doch in diesem Fall verliert er die Kontrolle und lässt eine schwere Eisenplatte herunter fallen, die den Fuß des Ausbilders trifft und ihm einen Zeh bricht. Nach diesem Vorfall tut Edgar etwas, was er innerlich schon lange vorhatte, wozu es aber offenbar dieses Anlasses bedurfte: er reißt von zu Hause und damit aus seinem bisherigen angepassten Leben aus. In Berlin richtet er sich in einer alten, zum Abriss stehenden, Gartenlaube ein und lebt in den Tag hinein. An der Kunsthochschule versucht er mit einigen selbstgemalten Bildern einen Studienplatz zu bekommen, doch ohne Erfolg. Er gesteht sich sogar selbst ein, er habe kein Talent, allerdings erst posthum.
Zusammenfassung der Kapitel
1 Einleitung: Diese Einleitung führt in die Entstehungsgeschichte des Werkes ein und definiert die zentrale Fragestellung der Arbeit bezüglich der DDR-Rezeption.
2 Kulturpolitischer und literaturhistorischer Kontext: Das Kapitel beleuchtet die restriktive Kulturpolitik der DDR, insbesondere den Bitterfelder Weg und das Kahlschlagplenum, sowie den Umgang mit dem klassischen Erbe.
3 Zum Autor: Es wird die Biografie von Ulrich Plenzdorf skizziert, wobei seine Ausbildung und seine Positionierung innerhalb des DDR-Kulturbetriebs beleuchtet werden.
4 Handlung und stilistische Mittel der „Neuen Leiden“: Hier wird der Inhalt des Romans zusammengefasst sowie die Erzählperspektive und die formale Gestaltung näher erläutert.
5 Bezüge zu Goethes Werther: Die Analyse konzentriert sich auf die inhaltlichen Parallelen zwischen Edgar Wibeau und Goethes Werther sowie die Funktion der Zitate.
6 Rezeption des Werks in der DDR: Dieses Kapitel arbeitet die kontroverse Aufnahme des Werkes in Literaturkritik und Öffentlichkeit auf, inklusive der Debatte in der Zeitschrift „Sinn und Form“.
7 Fazit: Die Arbeit schließt mit einer Zusammenfassung der Ergebnisse und beurteilt die Bedeutung von Plenzdorfs Werk als Novum in der DDR-Literatur.
Schlüsselwörter
DDR-Literatur, Ulrich Plenzdorf, Die neuen Leiden des jungen W., Bitterfelder Weg, Sozialistischer Realismus, Rezeptionsgeschichte, DDR-Kulturpolitik, Goethe-Rezeption, Jugendkultur, Kahlschlagplenum, Sinn und Form, Edgar Wibeau, Literaturkritik, Systemkritik, Sozialismus.
Häufig gestellte Fragen
Worum geht es in der Arbeit grundsätzlich?
Die Arbeit analysiert die Rezeption von Ulrich Plenzdorfs Werk „Die neuen Leiden des jungen W.“ und ordnet es in den kulturhistorischen Kontext der DDR ein.
Was sind die zentralen Themenfelder?
Zentrale Themen sind die staatliche Kulturpolitik, die Rezeption durch das Publikum und Kritiker sowie der Umgang mit literarischen Traditionen in einer sozialistischen Gesellschaft.
Was ist das primäre Ziel der Untersuchung?
Ziel ist es zu klären, wie das Werk interpretiert wurde und warum es eine so heftige kulturpolitische Debatte auslöste.
Welche wissenschaftliche Methode wird verwendet?
Die Arbeit nutzt eine literaturwissenschaftliche Analyse von Primärquellen, Sekundärliteratur und zeitgenössischen Diskursbeiträgen.
Was wird im Hauptteil behandelt?
Der Hauptteil befasst sich mit dem historischen Kontext, der Biografie Plenzdorfs, der Inhaltsanalyse und der umfassenden Darstellung der zeitgenössischen Rezeption.
Welche Schlüsselwörter charakterisieren die Arbeit?
Schlüsselbegriffe sind unter anderem DDR-Literatur, Sozialistischer Realismus, Rezeptionsgeschichte und der Werther-Bezug.
Warum löste das Werk eine so seltene kulturpolitische Debatte aus?
Weil es die Erwartungen an den sozialistischen Realismus unterlief und durch seine jugendliche Sprache sowie die kritische Haltung zur Gesellschaft aneckte.
Welche Rolle spielt die „Schubladen-Thematik“ im Leben des Autors?
Plenzdorf hatte viele seiner Texte zunächst nicht veröffentlichen können; erst die Liberalisierung unter Honecker ermöglichte den Erfolg von „Die neuen Leiden des jungen W.“.
Wie unterscheidet sich Edgars Weg von dem des klassischen Werther?
Obwohl Edgar Wibeau Parallelen zu Goethes Werther zieht, wählt er keinen Freitod, sondern stirbt durch einen Unfall bei der Arbeit.
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- Marcel Kresin (Author), 2011, Rezeption und Reaktionen auf Plenzdorfs „Die neuen Leiden des jungen W.“ in der DDR, Munich, GRIN Verlag, https://www.grin.com/document/175039