Einführung der Kennzahl Social Return on Investment (SROI) in einem im Lebensmitteleinzelhandel tätigen Integrationsunternehmen


Diplomarbeit, 2011
82 Seiten, Note: 1,0

Leseprobe

Inhaltsverzeichnis

Vorbemerkung

I Abkürzungsverzeichnis

II Abbildungsverzeichnis

III Tabellenverzeichnis

1. Einleitung
1.1 Einführung in die Thematik
1.2 Zielstellung der Arbeit
1.3 Aufbau der Arbeit

2. Theoretischer Hintergrund des Social Return on Investment
2.1 Der Berechnungsansatz des Social Return on Investment nach The Roberts Enterprise Development Fund
2.2 Die Weiterentwicklung des Social Return on Investment für Unternehmen des Dritten Sektors
2.2.1 Die Kernelemente der Methodik zur Berechnung des Social Return on Investment durch die New Economics Foundation
2.2.2 Sechs Stufen zur Entwicklung der Kennzahl für Non-Profit-Unternehmen

3. Theoretischer Hintergrund zur Einführung des Social Return on Investment in einem Integrationsunternehmen
3.1 Soziale Leistungen unter dem Gesichtspunkt wirtschaftlicher Wertigkeit
3.2 Integrationsunternehmen zwischen Marktversagen und Staatsdefizit
3.2.1 Vorstellung der Einzelhandel gGmbH
3.2.2 Der Geschäftsbereich L-Markt I der Einzelhandel gGmbH

4. Praktischer Teil mit Dokumentation der Berechnung des Social Return on Investment
4.1 Abgrenzung des Untersuchungsgebietes
4.2 Stakeholderanalyse
4.2.1 Klassifizierung der Stakeholder
4.2.2 Auswahl der Key Stakeholder und Ermittlung ihrer Zielsetzungen
4.3 Erstellung einer Impact-Map zur Berechnung des Social Return on Investment
4.3.1 Ergebnisübersicht der abgeschlossenen Stakeholderanalyse
4.3.2 Indikatorenfestlegung zur konkreten Messung von Ergebnissen und Auswirkungen
4.3.3 Der Mehrwert des L-Markt I durch die Impact Indikatoren
4.4 Wertmessung der sozialen Leistungskraft des L-Markt I
4.4.1 Umwandlung der Indikatoren in Geldeinheiten
4.4.2 Berechnung der Erträge für die Stakeholder durch die Bewirtschaftung des L-Markt I
4.4.2.1 Summe der gezahlten Nettovergütungen
4.4.2.2 Summe der abgeführten Arbeitnehmer- und Arbeitgeberanteile an die Sozialversicherung
4.4.2.3 Summe der gesparten Transferleistungen durch Beschäftigung
4.4.2.4 Summe der zusätzlichen Steuereinnahmen durch Abführung von Lohnsteuer und Solidaritätszuschlag
4.4.2.5 Summe der Erträge durch Einsparungen bei den Gesundheitskosten
4.4.2.6 Mehrwert aller erzielten Erträge durch Stakeholder am L-Markt I
4.4.3 Berechnung der geleisteten Investitionen durch Stakeholder in den L-Markt I
4.4.3.1 Die Summe der geleisteten Eingliederungszuschüsse durch die Agentur für Arbeit/JobCenter
4.4.3.2 Die Summe aller geleisteten Investitionen durch das Integrationsamt Berlin
4.4.3.3 Die Summe aller geleisteten Investitionen durch die Nordberliner Werkgemeinschaft gGmbH
4.4.3.4 Summe aller getätigten Investitionen der Stakeholder in den L-Markt I
4.4.4 Berechnung des Social Return on Investment für den L-Markt I

5. Bewertung des ermittelten Social Return on Investment und Empfehlungen an die Einzelhandel gGmbH

6. Fazit

IV Literaturverzeichnis

V Anhang

Vorbemerkung

Ich danke Ihnen für Ihr Interesse an meiner Abschlussarbeit, welche ich zur Erlangung des Wirtschafts-Diploms Betriebswirt (VWA) im Jahr 2011 erarbeitet habe.

In der Diplomarbeit mit dem Titel „Einführung der Kennzahl Social Return on Investment (SROI) in einem im Lebensmitteleinzelhandel tätigen Integrationsunternehmen“ wurden durch mich interne Daten und Inhalte des auftraggebenden Unternehmens verwendet. In Abstimmung mit dem Auftraggeber habe ich in dieser Fassung, abweichend vom Original, alle Namen, die auf den Auftraggeber bzw. seine direkten Geschäftspartner hinweisen, durch Pseudonyme ersetzt.

Die theoretischen Betrachtungen, die errechnete SROI-Kennzahl sowie der dokumentierte Berechnungsweg werden durch die Anonymisierung nicht beeinflusst und entsprechen, ohne Abweichung, der zur Bewertung bei der Verwaltungs- und Wirtschafts-Akademie (VWA) vorgelegten Fassung.

Heiko W. Großer

Berlin Juli 2011

I Abkürzungsverzeichnis

Abbildung in dieser Leseprobe nicht enthalten

II Abbildungsverzeichnis

Abbildung 1: Was ist Impact?, nach Franssen / Scholten

Abbildung 2: Key Stakeholder & Zielsetzung, nach iq consult

Abbildung 3: Ergebnisübersicht, nach iq consult

Abbildung 4: Indikatorenübersicht, nach iq consult

Abbildung 5: Impactermittlung, nach iq consult

III Tabellenverzeichnis

Tabelle 1: Kategorisierung der Stakeholder

Tabelle 2: Key Stakeholder & Zielsetzung, nach iq consult

Tabelle 3: Ergebnisübersicht, nach iq consult

Tabelle 4: Indikatorenübersicht, nach iq consult

Tabelle 5: Impactermittlung, nach iq consult

Tabelle 6: Monetarisierung des Mehrwertes, nach iq consult

Tabelle 7: Bezogenes Jahresnettogehalt nach Arbeitsaufnahme

Tabelle 8: Arbeitnehmeranteil zur Sozialversicherung

Tabelle 9: Arbeitgeberanteil zur Sozialversicherung

Tabelle 10: Summe der gesparten Transferleistungen

Tabelle 11: Summe der abgeführten Lohnsteuer und des abgeführten Solidaritätszuschlages

Tabelle 12: Summe der Krankentage pro Mitarbeiter und Jahr

Tabelle 13: Krankheitskosten je Einwohner in €

Tabelle 14: Berechnung des Ertrages durch Einsparung von Krankheitskosten

Tabelle 15: Zusammenfassung der ermittelten Erträge und deren Mehrwertberechnung

Tabelle 16: Summe der geleisteten EGZ durch die Agentur für Arbeit/JobCenter

Tabelle 17: Summe des gezahlten “Besonderer Aufwand” durch das Integrationsamt

Tabelle 18: Summe der Zahlungen “Außergewöhnliche Belastungen” durch das Integrationsamt

Tabelle 19: Summe der eingesparten Zinslast

Tabelle 20: Zusammenfassung der getätigten Investitionen

Tabelle 21: Diskontierung des Ertragsmehrwertes und der Investitionen

Tabelle 22: Arbeitsunfähigkeit (AU): Arbeitsunfähigkeitstage und Arbeitsunfähigkeitsfälle und -tage je Fall bei Mitgliedern der Gesetzlichen Krankenversicherung, GKV – Mitglieder

Tabelle 23: Arbeitsunfähigkeit (AU): Arbeitsunfähigkeitstage und Arbeitsunfähigkeitsfälle und -tage je Fall bei Mitgliedern der Gesetzlichen Krankenversicherung, GKV-pflichtversicherte Arbeitslose

1. Einleitung

1.1 Einführung in die Thematik

Die aktuellen Entwicklungen der letzten Jahre und im besonderen seit der Bankenkrise verpflichten die Unternehmen aller Wirtschaftszweige rentabel und effizient zu arbeiten, um am Markt bestehen zu können. Neben der Erbringung von qualitativ hochwertigen Leistungen rücken Kriterien wie Rentabilität, Liquidität und Produktivität zur Beurteilung unternehmerischen Erfolges immer stärker in den Fokus betriebswirtschaftlicher Betrachtungen.[1] Diesem wachsenden Druck auf unternehmerische Entscheidungen zur Gewinnmaximierung unterliegen somit auch zunehmend Unternehmen aus der Sozialwirtschaft.

Eine immer stärker werdende Anzahl von Sozialunternehmen sehen sich mit der Kürzung staatlicher und/oder privater Zuschüsse konfrontiert, die teilweise den unternehmerischen Fortbestand in Teilen oder im Ganzen gefährden. Jedes betroffenen Unternehmen des Non-Profit-Sektors muss individuell taktisch auf diese Entwicklung reagieren. Es zeichnen sich aber vier Tendenzen ab:

- Verkleinerung des Geschäftsfeldes im Verhältnis zur Verringerung der Zuschüsse
- Bildung von strategischen Partnerschaften mit Unternehmen des gleichen Sektors zur Schaffung von Synergien als Zuschussalternative
- Akquise neuer Geldgeber aus der Privatwirtschaft, aus Stiftungen oder anderer staatlicher bzw. internationaler Institutionen
- Ausweitung des bisherigen Geschäftsfeldes zur Erlangung eigener Einkünfte

Die ersten beiden Strategien zielen auf eine Besitzstandwahrung mit geringem unternehmerischen Risiko ab, welche in Konsequenz auch Angebotsstreichungen und Stellenabbau beinhalten können.

Zur Akquise neuer Geldgeber, wie unter dem dritten Anstrich beschrieben, bedarf es eines erprobten und etablierten Geschäftsmodells. Viele Unternehmen erleben bei der Suche nach potenziellen Geldgebern vermehrt Forderungen zum Nachweis der wirtschaftlichen Unternehmenskraft. Im Umkehrschluss bedeuten diese, dass privatwirtschaftliche und staatliche Geldgeber verstärkt Renditeerwartungen mit ihren Investitionen im sozialwirtschaftlichen Sektor verbinden.

Die an letzter Position dargestellte taktische Alternative bildet die thematische Grundlage zur Entwicklung von Non-Profit-Organisationen hin zu hybriden Organisationen. In diesen werden neben der Nutzung von Subventionen und Spenden zusätzlich Einkünfte generiert, die aus dem Verkauf von Dienstleistungen und/oder Produkten stammen. Dies geschieht innerhalb und außerhalb vorhandener Strukturen und in gewählten Rechtsformen mit denen diese wirtschaftlichen Ziele am besten zu erreichen sind.[2]

Die letzten beiden Punkte stellen im Kern die Frage nach der monetären Messbarkeit von zu erwartenden Renditen nach Investitionen in Sozialunternehmen. Für die Sozialwirtschaft ist deshalb ein Umdenken notwendig. Steuerzahler sollten als Aktionäre sozialer Unternehmen betrachtet werden. Damit hat das Unternehmen die Verantwortung dafür, dass erzielte wirtschaftliche Effekte durch die eingesetzten Mittel bekannt werden. Die Frage nach der Produktivität und der sich daraus ableitenden volkswirtschaftlichen Rentabilität muss durch Sozialunternehmen beantwortet werden.[3]

1.2 Zielstellung der Arbeit

Im Zentrum der Abschlussarbeit steht die Aufgabe einer exemplarischen Berechnung des Social Return on Investment (SROI) für den Standort L-Markt I in Berlin, im Auftrag der Einzelhandel gGmbH. Durch die SROI-Methode sollen die sozialen und öffentlich-wirtschaftlichen Wertschöpfungen des Unternehmens ermittelt werden, die zusätzlich zu den finanziellen Werten des zu untersuchenden Standortes geschaffen werden.[4]

Es wird erwartet, dass nach der Berechnung ein Ergebnis vorliegen wird, welches aussagt, dass die in das Unternehmen geflossenen sozialen Investitionen Gewinn bringend getätigt wurden. Die vorgenommene Umwandlung in eine betriebswirtschaftliche Kennzahl mit Hilfe der SROI-Methode wird den Stakeholdern eine indirekte Rendite ihrer Investitionen darstellen.

Für den Auftraggeber sind die Möglichkeiten und Grenzen der SROI-Methode zu analysieren. Es wird die Anwendbarkeit der Kennzahl SROI für ein Integrationsunternehmen betrachtet und eine Empfehlung an die Einzelhandel gGmbH erstellt, die sich mit der verallgemeinerten Einführung der Messmethode für das Gesamtunternehmen beschäftigen wird.

1.3 Aufbau der Arbeit

Im Kapitel 1 der vorgelegten Arbeit stehen die Einführung in die Thematik und die Formulierung der Zielsetzung im Mittelpunkt. Diesen Punkten folgen im Kapitel 2 der Arbeit die theoretischen Hintergründe und eine Übersicht der unterschiedlichen Ansätze bei der Entwicklung des SROI-Modells. In diesem Kapitel werden außerdem die wichtigsten Begrifflichkeiten und Verfahrensabläufe zur Berechnung eines SROI-Wertes dargestellt, um so auf die folgenden Kapitel überleiten zu können.

In Kapitel 3 wird das integrativ arbeitende Unternehmen, die Einzelhandel gGmbH, als Auftrag gebendes Unternehmen vorgestellt. Im Zentrum steht dabei das Geschäftsfeld Lebensmitteleinzelhandel. Ausführlich wird auf den Lebensmittelfachmarkt L-Markt I eingegangen.

Im folgenden Kapitel 4 folgt dann die Datenerhebung als Voraussetzung für die sich daran anschließende SROI-Analyse für den L-Markt I. Analysiert und dargestellt wird das Stakeholdersystem des Unternehmen. In der zu erstellenden Impact Map werden alle Indikatoren ermittelt, die zur Bewertung der generierten Werte Voraussetzung sind. Am Ende dieses Kapitels erfolgt die exemplarische Berechnung des SROI für den L-Markt I. Im Kapitel 5 dieser vorgelegten Arbeit wird das berechnete Ergebnis aus dem vorherigen Kapitel bewertet und eingeordnet. Dabei wird die Frage im Mittelpunkt stehen, wie aussagekräftig der errechnete Wert für das Unternehmen ist und wie das Ergebnis in zukünftige strategische Überlegungen des Unternehmens gegenüber seinen Stakeholdern einfließen kann.

Im abschließenden sechsten Kapitel steht eine Zusammenfassung und ein persönliches Fazit über die Zielerreichung im Mittelpunkt.

2. Theoretischer Hintergrund des Social Return on Investment

2.1 Der Berechnungsansatz des Social Return on Investment nach The Roberts Enterprise Development Fund

Im Jahr 1996 führte der REDF anhand zweier sozialökonomischer Betriebe erstmalig eine soziale Invenstitionsrechnung durch.[5]

Im Zentrum der Betrachtung zur Entwicklung dieser Kennzahl standen soziale Unternehmen, welche ihren Kunden marktorientierte Produkte bzw. Serviceleistungen anbieten und gleichzeitig Qualifizierungsmöglichkeiten bzw. Arbeitsplätze für benachteiligte Menschen zur Verfügung stellen, die aktiv in den Prozess der betrieblichen Wertschöpfung eingebunden sind.[6]

„REDF ist der Meinung, dass SROI aus einer Kombination von Kennzahlen berechnet werden kann, die sowohl wirtschaftliche als auch sozioökonomische Wertsteigerungen erfassen und monetär bewerten.“[7]

REDF stellt seinen Untersuchungen ein Wertekonzept für soziale Dienstleistungsunternehmen voran, bei dem die Wertschöpfung in drei Dimensionen stattfindet. Als erstes bildet sich ein betriebswirtschaftlicher Wert. Dieser ergibt sich dann, wenn nach einer getätigten Investition Kapitalrückflüsse ins Unternehmen messbar sind. Diese Wertschöpfung definiert REDF auch beispielhaft für gewinnorientiert arbeitende Unternehmen. Seinen Ausdruck als betriebliche Kennzahl findet diese Wertegenerierung z.B. in der Berechnung des Return on Investment (ROI). Die zweite Wertschöpfung findet in der Schaffung sozialer Werte statt. Das bedeutet, dass Ressourcen und Prozesse durch unternehmerische Tätigkeit so zusammenwirken, dass die Lebensqualitäten von Individuen und Gesellschaften verbessert werden. Beeinflusst wird diese Wertschöpfung durch politische Entscheidungen. Die Messbarkeit dieser Werte erscheint aber im Vergleich zu den betriebswirtschaftlichen als nahezu unmöglich. Zwischen diese beiden Werte stellt REDF den sozioökonomischen Wert. Dieser basiert auf Messkriterien von wirtschaftlichen Kennzahlen und versucht, dabei geschaffene soziale Werte in Geld auszudrücken. Zur Berechnung dieses Wertes werden Einsparungen bzw. Gewinne der öffentlichen Hand hinzugezogen, welche direkt auf die Tätigkeit des sozialen Dienstleistungsunternehmen zurückzuführen sind.[8]

Unternehmen, die rein nach dem Ansatz von Gewinnmaximierung arbeiten, werden ihren Fokus in der Bewertung des unternehmerischen Erfolges im überwiegenden Maße auf den betriebswirtschaftlichen Teil der Wertschöpfung legen. Alle unternehmerischen Entscheidungen werden diesen wirtschaftlichen Kennzahlen unterworfen.

Im Gegensatz zu diesen Unternehmen haben die drei dargestellten Dimensionen der Wertschöpfung für Sozialunternehmen zunehmend eine gleich gewichtete Bedeutung.

Das drückt sich darin aus, dass unternehmerische Entscheidungen auch unter dem Gesichtspunkt der Entwicklung der sozialen und/oder sozioökonomischen Werte getroffen werden können. Das durch REDF entwickelte SROI-Modell kann somit diesen Unternehmen helfen, ihre Entscheidungen auf Grundlage ganzheitlich entwickelter Zahlenwerke treffen zu können.

Die von REDF entwickelte Methode greift auf Standardinstrumente der Investitionsrechnung zurück und ergänzt diese um die durch soziale Unternehmen generierten Auswirkungen. Somit vereint es geschaffene ökonomische und soziale Werte und stellt diese als „Blended Value“, einem gemischten Wert, dar. Das beinhaltet

- die Betrachtung des unternehmerischen und sozialen Cashflows in einem bestimmten Zeitraum
- die Bestimmung des Barwertes des in der Zukunft entstehenden Cashflows (z.B. erfolgt eine Abzinsung um den Faktor der Inflationsrate)
- die Addition des Barwertes zur separierten Darstellung des Unternehmenswertes und des sozialen Wertes
- die anschließende Zusammenfassung dieser beiden Werte zum gemischten Wert „Blended Value“[9]

Zur Berechnung dieses gemischten Wertes wurde ein Sechs-Stufen-Modell entwickelt, welches das Kernelement des REDF-SROI-Models darstellt.:

„ 1. Berechnen des Unternehmenswertes
2. Berechnen des geschaffenen sozialen Unternehmenswertes
3. Berechnen des gemischten Wertes (dafür werden die Ergebnisse aus 1. und 2. addiert und anschließend alle langfristigen Verbindlichkeiten abgezogen.)
4. Berechnung des unternehmerischen Ertragsverhältnisses (Gibt die finanzielle Performance des Unternehmens an, dazu wird der entstandene Unternehmenswert mit dem investierten Kapital verglichen, indem der Unternehmenswert durch das Investment dividiert wird.)
5. Berechnung des sozialen Ertragsverhältnisses

(Stellt die monetarisierbaren sozialen Auswirkungen eines sozialen Projektes dar [...]. Zur Berechnung wird der soziale Wert des Unternehmens durch das Investment, das zur Finanzierung dieses Teils des Unternehmens notwendig war, dividiert – anders ausgedrückt: Der soziale Ertrag des Projektes, der bewertbar ist und durch den sozialen Teil des Unternehmens generiert wird, wird durch die zur Initiierung des Projektes notwendigen monetären Mitteln geteilt)

6. Abschließend wird das gemischte (blended) Ertragsverhältnis berechnet. (Dafür wird der gemischte Wert des Unternehmens, der in 3. kalkuliert wird, durch das investierte Gesamtkapital dividiert – dieser Wert gibt das Ertragsverhältnis sowohl des unternehmerischen als auch sozialen Teils des Unternehmens an.)“[10]

Am Ende dieses Prozesses zur Berechnung des gemischten Ertragsverhältnisses steht eine Kennzahl, die bei mindestens 1 liegen sollte. Ein Ergebnis von 1 und mehr sagt aus, dass die erzielten Werte durch die Tätigkeit des Projektes hoch genug waren, um das investierte Kapital zu rechtfertigen[11]. Anders gesagt, der Kapitalgeber kann bei einer Kennzahl ab 1,0 mit einem direkten oder indirekten Rückfluss von Gewinnen als Ergebnis seiner Investition rechnen.

Wie am Anfang des Kapitels beschrieben wird ein verwobener Wert von finanziellen und sozialen Erträgen und Aufwänden berechnet. Damit ist diese Variante für Unternehmen von Interesse, die neben einer wirtschaftlichen Tätigkeit auf dem freien Markt mit einer definierten Gewinnmaximierungsstrategie auch sozial agierende Unternehmensteile integrieren. Die errechnete Kennzahl SROI verfeinert somit die Aussagekraft der betriebswirtschaftlichen Kennzahl ROI als Produkt aus Umsatzrentabilität und Kapitalumschlag.[12] um den Aspekt der sozioökonomischen Wertschöpfung. Im SROI verbinden sich der ROI des Unternehmens, der ROI der sozialen Werte und der gemischter ROI aus wirtschaftlichen und sozialen Werten zu einem neuen bewertbaren Ausdruck. Dieser setzt somit die geschaffenen Werte eines Unternehmens zum insgesamt investierten Kapital in das Unternehmen in Beziehung.[13]

Diese Methode der SROI-Berechnung nach REDF basiert bei der Messung des sozialen Wertes eines Dienstleistungsunternehmen ausschließlich auf der Erfassung der Ersparnisse für die Gesellschaft. In diesem Modell werden aber nicht die Auswirkungen des unternehmerischen Handelns für das einzelne Individuum erfasst.[14]

Diese Kennzahl wurde für integrativ arbeitende Unternehmen entwickelt und basiert auf den Erfahrungen solcher Betriebe, welche eine Ausbildung und Beschäftigung von Menschen mit Benachteiligung sichern.[15]

Die Übertragung des Berechnungsverfahrens auf Non-Profit-Unternehmen oder Organisationen die über keinen Unternehmenszweig verfügen, welcher Produkte oder Dienstleistungen auf dem freien Markt gewinnorientiert anbietet, gestaltet sich schwierig. Andererseits ist es durch die SROI-Methode erstmals gelungen, soziale Effekte mit Hilfe einer Monetarisierungsmethode darzustellen. Somit rückten in das Zentrum der Weiterentwicklung der SROI-Methode die Anwendbarkeit auf soziale Unternehmen, bei denen ausschließlich nicht finanzielle Erträge zu berücksichtigen sind.

2.2 Die Weiterentwicklung des Social Return on Investment für Unternehmen des Dritten Sektors

Neben dem durch Marktmechanismen gesteuerten Ersten Sektor und dem z.B. durch staatlich geförderte Arbeitsbeschaffungsmaßnahmen geprägten Zweiten Sektor wirken im Dritten Sektor Unternehmen, Verbände und Vereine ohne Gewinnorientierung. Das Ziel unternehmerischer Tätigkeit, unnbängig von ihrer Rechtsform, liegen im Non-Profit-Sektor somit in der Erlangung gemeinnütziger Ergebnisse.

In der Erwerbswirtschaft wirkt das bilaterale Verhältnis zwischen Anbieter und Nachfrager. Kunden reagieren auf die am Markt angebotenen Produkte und Dienstleistungen mit dem Einsatz von monetären Mitteln.[16] Über dieses Verhältnis von Angebot und Nachfrage steuert sich die Finanzierung auf dem Ersten Sektor.

Die Finanzierung des Dritten Sektors beruht auf anderen Mechanismen. Neben privaten Zuwendungen in Form von Mitgliedsbeiträgen und Spenden sowie Sponsoring sind die finanziellen Zuwendungen staatlicher Institutionen charakteristisch.

Es herrscht eine Dreiecksbeziehung zwischen den Leistungserbringern und den Leistungsempfängern mit den zwischengeschalteten Kostenträgern, welche auf gesetzlichen Grundlagen und Rahmenbedingungen die entstandenen Kosten für die erbrachten Sach- und Dienstleistungen erstatten.[17]

Im Dritten Sektor stellt sich zunehmend die Frage nach dem wirtschaftlichen Erfolg von Investitionen. In Zeiten knapper öffentlicher Kassen begnügen sich private und staatliche Geldgeber nicht mehr mit dem einfachen Nachweis der ordnungsgemäßen Ausgabe. Von größerem Interesse wird immer mehr der Nachweis, ob die Investition auch den erwarteten Zweck erfüllt.[18] Auf dieser Ebene bedeutet der wirtschaftliche Gewinn für den Staat einen messbaren Entlastungseffekt des Steuersystems. Die Reduzierung der Inanspruchnahme von Leistungen der Krankenkassen oder aus dem Arbeitslosenversicherungssystem[19], die mindestens gleich, optimalerweise aber größer sein sollten als die in die Sozialunternehmen geflossenen Investitionen, bilden einen weiteren volkswirtschaftlichen Nutzen. Der Staat, aber auch private Kapitalgeber wie Stiftungen und Vereine treten zunehmend als Investor mit Renditeerwartung in Erscheinung.

Paradox erscheint diese Erwartung in einem wirtschaftlichen Sektor, in dem scheinbar die eingesetzten Ressourcen nur verbraucht werden, wenn auch für einen guten Zweck.[20] Genauer betrachtet entspricht aber diese Erwartung der Überzeugung, dass verausgabte Mittel im sozialen Bereich zwar nicht als direkte Ressourcen an den Investor zurückfließen, jedoch Veränderungen bewirken, die der Gesellschaft zu gute kommen.[21]

2.2.1 Die Kernelemente der Methodik zur Berechnung des Social Return on Investment durch die New Economics Foundation

An dieser Stelle lohnt es sich, genauer die Weiterentwicklung der von REDF entwickelten SROI-Berechnung durch die nef zu betrachten, die 2003 eine Version des SROI entwickelt hat, welche sich an den Verhältnissen im Dritten Sektor Großbritanniens orientieren sollte. Auch diese Weiterentwicklung beruht auf dem betrieblichen Messverfahren des ROI, um das Verhältnis von monetären Inputs auf der einen Seite zum geldwerten sozialen Outcome auf der anderen Seite zu bestimmen. Diese SROI-Berechnung sollte zum Ausdruck bringen, wie viele monetäre Einheiten aus einer sozialen Investition in die Gesellschaft zurückgeflossen sind.[22]

Stellt man beide Verfahren gegenüber, unterscheidet sich die Weiterentwicklung der nef für ein Non-Profit-Unternehmen in 4 Kernelementen grundlegend von dem Ausgangsmodell von REDF.[23]

Als erstes Element bezieht die nef die Stakeholder in ihre Analyse mit ein. Identifiziert werden die direkten Ziele und Erwartungen der wichtigsten Interessengruppen an die Organisation. Nur diese fließen als Grundlage in die Berechnung der Kennzahl mit ein. Begründung findet dieser Ansatz in der Annahme, dass ihr Engagement in einer Organisation Auswirkungen auf Erfolg oder Misserfolg hat.[24]

Die Einbeziehung von direkten und indirekten Projektbeteiligten bei der Wertermittlung verdeutlicht zweierlei. Es geht nicht mehr nur um die reine Ermittlung eines Wertes in Form einer betriebswirtschaftlichen Kennzahl. Vielmehr geht es um das Verfahren selbst. Die Anwendung der Methode soll zu einem Prozessbewusstsein der beteiligten führen. Darin liegt die Begründung der konsequenten Einbeziehung von Stakeholdern.

Als nächstes Kernelement prägt der nef-Ansatz den Begriff der Impact-Map. „Der Impact ist faktisch der gesamte 'Outcome' einer Organisation, abzüglich dessen, was ohnehin geschehen wäre.“[25]

Abbildung in dieser Leseprobe nicht enthalten

Abbildung 1: Was ist Impact?, nach Franssen / Scholten[26]

In der Impact Map werden systematisch alle Informationen über Stakeholder gesammelt. Ihre Beiträge und Aktivitäten werden dabei genauso erfasst wie die zu erwartenden Resultate sowohl als Output als auch als Impact.

Mit Hilfe dieser Übersicht können die Gesamtkosten eines Projektes finanziell ausgedrückt werden. Sie verdeutlicht weiter, wer mit welchen Aktivitäten welche Ergebnisse verrichtet hat.[27] Der ermittelte Impact kann somit in einem nächsten Schritt monetär dargestellt werden.

Voraussetzung für die Genauigkeit der monetären Umwandlung von Input, Output und Impact und damit auch für die Verwertbarkeit der ermittelten Werte bildet das Prinzip der Wesentlichkeit, welches gleichzeitig das dritte Kernelement des nef-Ansatzes bildet.

Als Leitsatz bei der SROI-Analyse gilt, dass Qualität vor Quantität steht. Das Wichtige ist vom Unwichtigen zu trennen. Die Erstellung der Impact Map erfolgt deshalb in mehreren Verfeinerungsstufen. Pro Durchlauf werden Stakeholder bzw. deren Eingaben, Aktivitäten oder Resultate von der „Landkarte“ entfernt, bis jene übrig bleiben, die essenziell für die SROI-Analyse sind. Damit wird sichergestellt, dass nur Informationen zusammengetragen werden, die eine hohe Relevanz für die Berechnung haben. Dieser Prozess ist mit viel Sorgfalt zu führen. Das Prinzip der Wesentlichkeit soll zur Folge haben, dass die Analyse effizienter, schneller und günstiger erfolgen kann.[28] Gleichzeitig trägt es zur Transparenz bei der Ermittlung von monetären Werten, unter dem Fokus der Glaubwürdigkeit, bei.

Als viertes und letztes Kernelement ist die Deadweight zu nennen. Dabei steht die Frage im Mittelpunkt, was in jedem Fall, auch ohne das Engagement der Organisation, passiert wäre. Dieser ertragsschmälernde Ansatz ist notwendig, um eine exakte Berechnung des SROI durchführen zu können.[29] Das Dezimieren von Fremdleistungen hilft dem Unternehmen bei der Ermittlung des realen Wirkungsgrades seiner Aktivitäten und grenzt das eigene Handeln zu anderen Unternehmen mit gleichem bzw. ähnlichen Marktzielen ab.

2.2.2 Sechs Stufen zur Entwicklung der Kennzahl für Non-Profit-Unternehmen

In diesem Kapitel wird die verfahrenstechnische Umsetzung des bisher eher abstrakt dargestellten nef-Ansatzes zur SROI-Berechnung im Mittelpunkt stehen, wie sie von Dr. Georg Mildenberger und Robert Münscher von der Universität Heidelberg entwickelt und veröffentlicht wurde.[30] Diese folgenden Stufen bilden die theoretische Grundlage für die Berechnung des SROI im Kapitel 4 dieser Arbeit.

Einleitend weisen beide Autoren darauf hin, dass bei der Anwendung der Methode Werte monetarisiert werden, die einen gesellschaftlichen Nutzen darstellen. Die verbesserte Lebensqualität des einzelnen Individuums durch die Tätigkeit einer Organisation wird damit nicht erfasst. Dies entspricht dem im Kapitel 2.1 dieser Arbeit dargestellten Ansatz des REDF.

In der ersten Stufe geht es um die zeitliche und inhaltliche Abgrenzung des Untersuchungsgebietes und um die Identifizierung der Stakeholder. Dabei wird empfohlen, das Gebiet so klein wie möglich zu halten und gerade bei ersten Berechnungen mit einem einzelnen Projekt zu beginnen. Für die Stakeholdergruppen sind der Nutzen und die Belastung zu ermitteln, die durch das Projekt entstehen. Weiterhin ist eine Wichtung der Stakeholdergruppen nach ihrem direkten oder indirekten Einfluss auf das zu untersuchende Projekt vorzunehmen. Den Einstieg in die SROI-Berechnung bilden die Fragen nach dem WAS und dem WER.

Abbildung in dieser Leseprobe nicht enthalten

Abbildung 2: Key Stakeholder & Zielsetzung, nach iq consult[31]

Im zweiten Schritt geht es um die Bestimmung der Ziele des Projektes. Dabei werden neben dem Output, also dem konkreten Ergebnis des Projektes, auch der Outcome ermittelt. Es wird die Wirkung ermittelt, die das Untersuchungsgebiet in die Gesellschaft hinein erzielt. In dieser Stufe wird mit der Entwicklung der Impact Map begonnen. Es wird zu jedem Stakeholder dessen Input ins Projekt bestimmt und bewertet. Es wird also versucht, die „Kosten“ der Aktivitäten des beteiligten Partners darzustellen. Weiterhin werden der Output für das Projekt ermittelt und die Outcomes für die Gesellschaft beschrieben.

Abbildung in dieser Leseprobe nicht enthalten

Abbildung 3: Ergebnisübersicht, nach iq consult[32]

Im anschließenden dritten Schritt wird die Impact Map verfeinert. Es müssen die Indikatoren ermittelt werden, welche die in der Ergebnisübersicht dargestellten Werte überprüfbar machen. In dieser anspruchsvollen Phase werden die Grundlagen zur Monetarisierung von qualitativen Veränderungen gelegt. Indikatoren müssen quantifiziert, also nach Ihrem Zahlenwert darstellbar gemacht werden.

Abbildung in dieser Leseprobe nicht enthalten

Abbildung 4: Indikatorenübersicht, nach iq consult[33]

Bei der Indikatorenermittlung ist zusätzlich die Festlegung von Zeiträumen zu berücksichtigen. Dadurch wird die Nachhaltigkeit von positiven Wirkungen in die Gesellschaft als Ergebnis der Arbeit durch das zu beurteilende Projekt hinterfragt. Dabei unterliegt das Ergebnis der Gesetzmäßigkeit, dass es besser ausfallen wird, je länger der Zeitraum der positiven Wirkung ist. Die Autoren empfehlen einen eher defensiven Ansatz in der zu Grunde gelegten Zeitspanne. Faktoren, wie Gesundheit oder Beschäftigung, werden bei längerer Zeitspanne immer unsicherer.

In der vierten Stufe steht nun die Ermittlung des Impact im Mittelpunkt. Damit wird gleichzeitig die Impact Map komplettiert. Hier wird die Map also von „Totem Gewicht“ (Deadweight) befreit. Es kommt in der ersten Stufe zum Abzug von Ergebnissen, die auch ohne die Tätigkeit des Projektes in der Gesellschaft erzielt worden wären. Bei einem Teil der Stakeholder muss zusätzlich auch der Verschiebungsfaktor (Displacement) ermittelt werden. Das bedeutet im Kern, dass der vermeintliche Gesamtnutzen nicht vermehrt, sondern nur verschoben wurde. Gesellschaftliche Gewinne auf der einen Seite haben sich nur zu Lasten anderer gesellschaftlicher Bereiche oder Gruppen verschoben und sind nicht zusätzlich entstanden.

Abbildung in dieser Leseprobe nicht enthalten

Abbildung 5: Impactermittlung, nach iq consult[34]

Am Ende dieser Stufe steht die Abschätzung des Impact für das gesamte zu bewertende Untersuchungsgebiet. Es stehen sich jetzt, analysiert für den einzelnen Stakeholder, die geleisteten Kosten und der erzielte monetarisierte Impact gegenüber.

Damit sind die Voraussetzungen für die fünfte Stufe geschaffen. Es folgt in dieser die eigentliche Berechnung des SROI. Bei einer Berechnung, bei der Erträge und Kosten über mehrere Jahre aufgeschlüsselt werden, müssen diese in einem weiteren Schritt diskontiert werden. Es werden Investitionen und Erträge, die zu unterschiedlichen Zeitpunkten angefallen sind, auf einen gemeinsamen Vergleichspunkt abgezinst.[35]

Zur Berechnung des SROI kommt folgende Formel[36] zur Anwendung:

Erträge gesamt, abgezinst

Abbildung in dieser Leseprobe nicht enthalten

Im sechsten und letzten Schritt steht die Bewertung der errechneten Kennzahl im Fokus.

Als Merksatz über diesem Punkt der SROI-Methode steht, wie bereits im Kapitel 2.2.1 erläutert, eine Feststellung. Das Ergebnis der Analyse ist nicht eine Kennzahl in einer Tabelle. Es muss vielmehr die Geschichte der Menschen und Ihre Aktivitäten erzählt werden, die dieses Zahlenwerk erläutert. An dieser Stelle sei nochmals darauf hingewiesen, dass eine Vielzahl von Zahlen auf Schätzungen und Annahmen beruhen, die Spielraum für Interpretationen und damit auch für andere Ergebnisse lassen. Die Ermittlung des Social Returns ist ein subjektives Verfahren mit allen Vor- und Nachteilen. In der Berichterstattung muss dieser Fakt berücksichtigt und erläutert werden.

Der Abschlussbericht sollte mehrfach nutzbar sein. Er soll eine Aussage zur sozialwirtschaftlichen Leistungskraft des Unternehmens geben. Er soll nutzbar sein zur Rechenschaftslegung gegenüber Investoren und Gesellschaftern und zur Akquise neuer Kapitalgeber. Er soll den Stolz auf das Geleistete befördern. Aber nicht zuletzt soll er, durch seinen analytischen Ansatz, behilflich sein, bei einer Wiederholung des Prozesses Fehler zu vermeiden, um so noch genauere und belastbarere Ergebnisse zu erzielen.

3. Theoretischer Hintergrund zur Einführung des Social Return on Investment in einem Integrationsunternehmen

3.1 Soziale Leistungen unter dem Gesichtspunkt wirtschaftlicher Wertigkeit

In diesem Kapitel nähern wir uns der Begrifflichkeit von Integrationsunternehmen, deren Wertschöpfung auf sozialökonomischer Basis beruht. Hier scheint schon der Widerspruch in sich deutlich zu werden. Bisher definieren Unternehmen in der Marktwirtschaft ihren wirtschaftlichen Erfolg durch die Betrachtung betriebswirtschaftlicher, also rein ökonomischer Werte. Integrationsunternehmen ziehen also scheinbar zusätzliche Profite aus der Verbindung von marktorientiertem, unternehmerischem Handeln mit sozialem Engagement. Gerade der zweite Teil der Gleichung könnte also zugespitzt in der Frage münden: Ist mit den sozial Schwachen einer Gesellschaft Geld zu verdienen? Dazu folgend einige Überlegungen:

Hinter den Ausgaben für das Personal sind in den kommunalen Verwaltungshaushalten die Ausgaben für Sozialleistungen mittlerweile an die zweite Stelle getreten. Dem steht eine erwartete Steuermindereinnahme der Kommunen, in einer Prognose des Deutschen Städtetages, in den Jahren 2010 – 2013 von 12 Mrd. € gegenüber.[37]

Auf diese sich darstellende Schere zwischen den zu zahlenden Sozialleistungen und den zur Verfügung stehenden Mitteln der öffentlichen Hand reagieren die Verantwortlichen bisher in zwei Richtungen. Zum einen werden die Sozialleistungen auf den Prüfstand gestellt. Immer häufiger werden bisher erbrachte Leistungen durch direkte oder indirekte Kürzungen als zusätzliche Belastungen auf den privaten Haushalt umgeschichtet. Zum anderen werden Investitionen der öffentlichen Hand im Bereich der Sozialwirtschaft immer stärker nach ihrer Rendite beurteilt. Bei einer schwachen unternehmerischen Performance werden Zuwendungen in Teilen oder ganz gekürzt. Ersteres belastet die Empfängergruppe von Sozialleistungen direkt und führt zu einer größeren sozialen Ungerechtigkeit in der Gesellschaft. Die zweite Reaktion belastet die Gruppe der sozial Schwachen indirekt, da Hilfsangebote über gemeinnützige Verbände, Organisationen und ehrenamtliches Engagement in ihrer gesellschaftlichen Breite und Wirksamkeit beschnitten werden.

Dieser schablonenartig dargestellten gesellschaftlichen Entwicklung der letzten Jahre stellen die Betroffenen seit längerer Zeit die Forderung der Teilhabe durch Chancengleichheit entgegen. Nach diesem Verständnis liegt die Aufgabe der Sozialpolitik in einer sozialen Marktwirtschaft darin, durch die Steuerung des Zusammenspieles von Teilhabe-, Befähigungs- und Bedarfsgerechtigkeit, eine nachhaltige Chancengleichheit herzustellen.[38]

Dass diese Forderung im politischen Kontext zunehmend gehört wird und teilweise auch auf fruchtbaren Boden stößt, spiegelt sich in der Thematik des Social Return on Investment wieder. Diese Methode versucht eine Antwort darauf zu finden, wie hoch die wirtschaftliche Wertigkeit von sozialen Ausgaben für den Investor ist. Dabei steht die Teilhabe von zumeist sozial schwachen Mitgliedern der Gesellschaft im Zentrum. Sie werden in die Wertschöpfung eines Unternehmens aktiv integriert. Sie verzehren nicht mehr nur finanzielle Mittel, sondern sind an der Schaffung ökonomischer, sozialer und gesellschaftlicher Werte, durch ihr Handeln, beteiligt.

Die provokant gestellte Frage am Anfang dieses Kapitels kann also durchaus mit Ja beantwortet werden. Nämlich dann, wenn vor dem „Geld verdienen“ Investitionen gezielt so geleistet werden, dass die aktive Teilhabe von Benachteiligten an den unternehmerischen Wertschöpfungsprozessen ermöglicht wird.

3.2 Integrationsunternehmen zwischen Marktversagen und Staatsdefizit

Unternehmen haben eine Vielzahl von Erwartungen zu erfüllen. Sie sollen verantwortungsvoll agieren, betriebswirtschaftlich rational handeln, mitarbeiter- und kundenorientiert ausgerichtet sein und nicht zuletzt Innovationen gegenüber offen sein. In unterschiedlicher Wichtung gilt dies für Wirtschaftsunternehmen genauso wie für Organisationen im sozialen als auch im öffentlichen Bereich. Die marktorientierte Unternehmensgruppe wird aufgefordert, neben ihrem wirtschaftlichen Erfolg auch stärkere Anstrengungen auf sozialer, moralischer und ethischer Ebene zu unternehmen. Sozial engagierte Unternehmen sollen wirtschaftlicher, effektiver und effizienter handeln. Bei beiden Forderungen steht im Kern die Idee von steigender Qualität bei verringerten Kosten im Mittelpunkt.[39]

Im folgenden sollen sich die Ausführungen auf Integrationsunternehmen beschränken, die als Sozialunternehmen verstärkt in den Fokus öffentlichen Interesses gerückt sind. Dazu hat sicherlich auch der Maserati eines Berliner Sozialunternehmers beigetragen.

Unternehmer definieren sich durch ihr auf Wertschöpfung ausgerichtetes Denken und Handeln. Es gibt also keine objektive Trennungsnotwendigkeit zwischen Unternehmertum und Wertschöpfung.[40] Dies sei vorangestellt bei der Definition von Integrationsunternehmen. Es handelt sich bei diesen also um einen spezifisch erweiterten Typus eines wirtschaftlich selbstständig arbeitenden Unternehmens und öffentlichen Arbeitgebers. Gesetzlich werden in der Bundesrepublik Deutschland Integrationsunternehmen dahingehend definiert, dass sie zur Beschäftigung schwerbehinderter Menschen auf dem allgemeinen Arbeitsmarkt beitragen, deren Teilhabe an einer sonstigen Beschäftigung auf dem allgemeinen Arbeitsmarkt aufgrund von Art oder Schwere der Behinderung oder wegen sonstiger Umstände voraussichtlich trotz Ausschöpfens aller Fördermöglichkeiten und des Einsatzes von Integrationsfachdiensten auf besondere Schwierigkeiten stoßen.[41]

Die gelebte Praxis geht einen Schritt weiter. Sie ergänzt diesen sozialen und gesetzgeberischen Anspruch zur Verhinderung sozialer Exklusion mit einem spezifisch wirtschaftlichen. Integrationsunternehmen sollen öffentliche Aufwendungen reduzieren, soziale Dienste umfangreicher und qualitativ hochwertiger erstellen und nicht zuletzt das soziale Kapital durch ökonomisch bewussten Umgang im besten Fall erhöhen. Damit treten sie als unternehmerischer Organisationstyp genau in die Lücke, zwischen marktwirtschaftlichem Versagen und finanziellem staatlichen Defizit, bei der Integration von sozial schwachen Gesellschaftsgruppen in wirtschaftliche und gesellschaftliche Teilhabe.[42]

Für Integrationsunternehmen als organisatorischer Typ im Sozialunternehmertum, werden als Zielsetzungen und als Handeln definiert, dass sie sich für die Realisierung sozialer Verbesserungen auf eine finanziell nachhaltige Art und Weise engagieren. Sie generieren eigene Einkünfte und sind bereit Risiken einzugehen zur Erreichung der Zielsetzungen. Grundlage ihres Handelns sind die Benennung messbarer Ziele auf sozialer, ökonomischer und finanzieller Ebene. Um ihre Leistungen zu ermitteln und systematisch verbessern zu können, werden Leistungsmessungen (z.B. durch Kennzahlensysteme, Konkurrenzuntersuchungen und Marktanalysen) durchgeführt.[43]

Von dieser grundsätzlichen Definition ausgehend lassen sich drei Kennzeichen ableiten[44]:

1. Durch die unternehmerischen Anstrengungen tragen sie zur Verbesserung der Einkommens- und/oder Beschäftigungssituation der Zielgruppen, wie z.B. Menschen mit Benachteiligung, bei. Sie gliedern diese Zielgruppe als Beschäftigte in ihr Unternehmen ein und verbessern so primär und nachhaltig die ökonomischen Lebensbedingungen der Betroffenen. Sekundär ist eine Verbesserung für die Lebenssituation von Zielgruppen durch das Ergebnis der produzierten Güter oder Dienstleistungen.
2. Das unternehmerische Handeln findet im ökonomischen Sinne auf dem ersten Markt statt. Die hergestellten Güter oder Dienstleistungen sind für den profitablen Absatz auf dem Markt orientiert. Das Integrationsunternehmen unterliegt damit allen Marktrisiken und -mechanismen.
3. Meist agieren soziale Unternehmen als erste in Nischen oder Wirtschaftsfeldern, die mit hohem unternehmerischen Risiko verbunden sind. Dabei handelt es sich um solche Gebiete, die von den „regulären“ Marktteilnehmern als zu unprofitabel oder für den Staat als zu kostenintensiv bewertet werden.

[...]


[1] Vgl. Treberhilfe Berlin GmbH (Hrsg.) (2009): Social Profit sozial & wirtschaftlich wirksam – Rentabel für Alle, Treberhilfe Berlin GmbH, Berlin, S. 9.

[2] Vgl. Franssen, Boris / Scholten, Peter (2008): Handbuch für Sozialunternehmertum, Koninklijke Van Gorcum, Assen , S. 8.

[3] Vgl. Treberhilfe Berlin GmbH, a.a.O., S. 9.

[4] Vgl. Scholten, Peter (2010): Social Return on Investment (SROI), in: Hartwig, Jürgen (Hrsg.): Strategische Steuerung kommunaler Sozialpolitik, Berlin, S. 49.

[5] Vgl. Laskowski, Wolfgang / Loidl-Keil, Rainer (2005): SROI – Social Return on Investment Methodenpapier, von: REDF – Roberts Enterprise Development Fund (Hrsg.), San Francisco (2001), Deutsche Übersetzung, Graz-Neuhofen, S.1.

[6] Vgl. Reichelt, Daniel (2009): SROI - Social Return on Investment Modellversuch zur Berechnung des gesellschaftlichen Mehrwertes, Hamburg, S. 10f.

[7] Laskowski, Wolfgang / Loidl-Keil, Rainer, (2005), a.a.O., S. 4.

[8] Vgl. ebd., S. 3f.

[9] Vgl. Reichelt, Daniel, a.a.O., S 12ff.

[10] ebd., S.14f.

[11] Vgl. ebd., S.16.

[12] Vgl. Stelling, Johannes N. (2009): Kostenmanagement und Controlling, 3. unveränderte Auflage, München, S. 277.

[13] Vgl. Laskowski, Wolfgang / Loidl-Keil, Reiner (2003): SROI - Ein Konzept zur sozio-ökonomischen Bewertung sozialer Unternehmen, in: Kontraste: Presse- und Informationsdienst für Sozialpolitik, Heft Nr. 7, S. 29.

[14] Vgl. Laskowski, Wolfgang / Loidl-Keil, Rainer, (2005), a.a.O., S. 38.

[15] Vgl. ebd., S.42.

[16] Vgl. Schubert, Herbert (Hrsg.) (2005): Sozialmanagement Zwischen Wirtschaftlichkeit und fachlichen Zielen, 2. überarbeitete und erweiterte Auflage, S. 9.

[17] Vgl. Schubert, Herbert, a.a.O., S. 9.

[18] Vgl. Mildenberger, Georg / Münscher, Robert (2009): „Social Return on Investment“ - Ein vielversprechender Ansatz zur Wirkungsmessung im Dritten Sektor?, BBE Newsletter 15/2009, S. 1.

[19] Vgl. Laskowski, Wolfgang / Loidl-Keil, Rainer, (2003), a.a.O., S. 26f.

[20] Vgl. Mildenberger, Georg / Münscher, Robert (2009), a.a.O.,S 1.

[21] Vgl. ebd., S 2.

[22] Vgl. ebd., S. 2.

[23] Vgl. Reichelt, Daniel, a.a.O., S. 19.

[24] Vgl. ebd., S. 20.

[25] Franssen, Boris / Scholten, Peter, a.a.O., S. 32.

[26] Vgl. ebd., S. 32.

[27] Vgl. ebd., S. 38.

[28] Vgl. Reichelt, Daniel, a.a.O., S. 22.

[29] Vgl. ebd., S 22.

[30] Vgl. Mildenberger, Georg / Münscher, Robert (2010): Wirkungsmessung im Dritten Sektor durch „Social Return on Investment“? Teil II, in: BFS-Info 2 / 2010,S. 13ff.

[31] Vgl. Landesamt für Gesundheit und Soziales (Hrsg.) (2009): Fallstudie Social Return on Investment (SROI), in: Blaue Reihe Band 3, S. 13.

[32] Vgl. Landesamt für Gesundheit und Soziales (Hrsg.) (2009), Fallstudie, a.a.O., S. 14.

[33] Vgl. ebd., S. 16.

[34] Vgl. ebd., S. 17.

[35] Vgl. ebd., S. 37.

[36] Vgl. ebd., S. 38.

[37] Vgl. Hartwig, Jürgen (Hrsg.) (2010): Strategische Steuerung kommunaler Sozialpolitik, Berlin, S. 6f.

[38] Vgl. Schmidt, Michael (2010): Wie Wertvoll ist Soziales? Eine Positionsbestimmung zwischen Zivilgesellschaft, Politik und Ökonomie, in: Hartwig, Jürgen (Hrsg.): Strategische Steuerung kommunaler Sozialpolitik, Berlin, S. 36.

[39] Vgl. Loidl-Keil, Reiner / Laskowski, Wolfgang (Hrsg.) (2005): Evaluationen in Sozialen Integrationsunternehmen. Konzepte, Beispiele, Erfahrungen, München, S. 1.

[40] Vgl. Loidl-Keil, Reiner / Laskowski, Wolfgang (2005), a.a.O., S 8.

[41] Vgl. Sozialgesetzbuch IX (2009), in: SGB IX – Rehabilitation und Teilhabe behinderter Menschen, Bundesarbeitsgemeinschaft der Integrationsämter und Hauptfürsorgestellen (BIH), Karlsruhe, §132(1), S. 154.

[42] Vgl. Loidl-Keil, Reiner / Laskowski, Wolfgang (2005), a.a.O., S 17.

[43] Vgl. Franssen, Boris / Scholten, Peter, a.a.O., S. 19.

[44] Vgl. Loidl-Keil, Reiner / Laskowski, Wolfgang (2005), a.a.O., S. 17f.

Ende der Leseprobe aus 82 Seiten

Details

Titel
Einführung der Kennzahl Social Return on Investment (SROI) in einem im Lebensmitteleinzelhandel tätigen Integrationsunternehmen
Hochschule
Verwaltungs- und Wirtschaftsakademie, Berlin
Note
1,0
Autor
Jahr
2011
Seiten
82
Katalognummer
V175184
ISBN (eBook)
9783640961429
ISBN (Buch)
9783640961702
Dateigröße
5483 KB
Sprache
Deutsch
Schlagworte
SROI, Social Return on Investment, Integrationsunternehmen, Kennzahl, Kennzahlen, Einzelhandel, Lebensmitteleinzelhandel, Sozialunternehmen, Dritter Sektor
Arbeit zitieren
Heiko W. Großer (Autor), 2011, Einführung der Kennzahl Social Return on Investment (SROI) in einem im Lebensmitteleinzelhandel tätigen Integrationsunternehmen, München, GRIN Verlag, https://www.grin.com/document/175184

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