Die Spaltung des Ichs und der Wahnsinn in der Literatur des Expressionismus

Am Beispiel der Erzählung „Die Ermordung einer Butterblume“ von Alfred Döblin


Hausarbeit (Hauptseminar), 2007

24 Seiten, Note: 2


Leseprobe

Inhalt

0. Einleitung

1. Hinführung an die Theorie der Literatur des Expressionismus
1.1 Übergang von der traditionellen Mimesis zur modernen Semiotik
1.2 Der Bruch mit der Bürgerlichkeit
1.3 Döblins Programm der Literatur des Expressionismus

2. Ich-Zerfall und Wahnsinn am Beispiel der Ermordung einer Butterblume
2.1 Psychoanalyse und ihre Einflüsse auf Döblin
2.2 Die Auflösung und der Wahnsinn des Michael Fischer

3. Schluss

4. Literaturliste

0. Einleitung

In der folgenden Hausarbeit werde ich mich mit Alfred Döblins „Ermordung einer Butterblume“ befassen, denn sie gilt als ein Paradebeispiel früher expressionistischer Prosa.

Die Erzählung wurde 1910 in der Zeitung „Der Sturm“ zum ersten Mal veröffentlicht. Das starke Interesse, welches der Erzählung entgegengebracht wurde, liegt sicherlich unter anderem in der neuartigen Erzählweise des Kinostils begründet. In Form von Perspektivwechseln, Sprüngen in Zeit und Raum und dem Zusammenfließen mehrer (Sinnes-) Eindrücke in einer Abfolge, also der Darstellung von Simultanität, bedient sich die Literatur Darstellungsweisen des damals neu entstandenen filmischen Mediums.

Zweifellos erweckt auch der ungewöhnliche, oder um in Goethes Worten zu sprechen, der „unerhörte“ Titel der Novelle das Interesse der Leser, denn die beiden Substantive ‚Ermordung’ und ‚Butterblume’ scheinen sich auf den ersten Blick definitiv auszuschließen, vor allem weil es sich nicht um eine edle oder vor dem Aussterben bedrohte Art, sondern nur um eine wie Unkraut wuchernde Blume handelt, die überall am Wegrand wächst. Mit der Prosopopöie, bei der Dingen menschliche Züge verliehen werden, wird schon im Titel angedeutet, das in dieser Erzählung ein Perspektivwechsel vollzogen werden wird, der alle bis dahin feststehend geglaubten Kategorisierungen einstürzen lässt.

Döblin verwendet die Topoi der Jahrhundertwende, die Ich-Dissoziation und das Problem der Wahrnehmung in seiner Erzählung, um das pervertierte kleinbürgerliche Leben des Kaufmanns und durch ihn, das der gesamten bürgerlichen Gesellschaft dieser Zeit, zu karikieren. Die Novelle ist zweifellos eine Satire auf den Spießer, der in der Ermordung einer Butterblume durch Herrn Michael Fischer, einem ledigen Kaufmann dargestellt ist. Fischers Charakter ist kaum individualisiert, nur durch die Psychose die sich nach der Tötung der Blume sichtbar macht, gewinnt er an eigenwilligen Charakterzügen, die ihn vom Rest der bürgerlichen Gesellschaft abheben.

Der Wahnsinn ist ein übliches Motiv in der expressionistischen Literatur, denn die rasanten Veränderungen dieser Zeit, führen zu einer Überforderung des Subjekts inmitten einer sich ständig wandelnden Welt. Auch Michael Fischer, der Protagonist der Erzählung, wird Opfer seiner Zeit und zerfällt an den Umbrüchen der Jahrhundertwende.

Hinführend soll die expressionistische Literaturtheorie mit der traditionellen Literaturtheorie abgeglichen, die Unterschiede herausgearbeitet und der Wandel von der Mimetik zur Semiotik nachvollzogen werden. Anschließend wird erst auf die Literaturtheorie Alfred Döblins eingegangen werden, im Speziellen auf die Ideen, die er in seinen beiden Schriften „Von der Freiheit eines Dichtermenschen“ und „Bemerkungen zum Roman“ festhält.

Da die genannte Semiotik, also die Zeichenlehre, auch eine elementare Rolle bei Freuds Psychoanalyse und Traumdeutung spielt und Döblin, wie die meisten Schriftsteller seiner Zeit, Interesse an Freuds Lehre zeigte, sollen im Folgenden kurz Freuds Erkenntnisse nachgezeichnet werden, damit Rückschlüsse auf Einflüsse in Döblins Werk gezogen werden können.

Den Hauptteil der Arbeit stellt die Textanalyse der Ermordung einer Butterblume dar. Hier liegt der Fokus auf dem in Form der Figur des Herrn Michael Fischer ausgedrückten Wahnsinn.

1. Hinführung an die Theorie der Literatur des Expressionismus

1.1 Übergang von der traditionellen Mimesis zur modernen Semiotik

Durch Nietzsche und Freud vollzieht sich ein Wandel in der Gesellschaft und Literatur der Jahrhundertwende, denn Nietzsches Auflösung der harmonischen Totalität des Subjekts hat zur Folge, dass die bis dato vorherrschende Vorstellung des festen und einheitlichen Charakters der epischen Figur ins Wanken gerät.

In traditionellen epischen Texten spielt die Vorherrschaft des Charakters eine immens wichtige Rolle, denn diese bestimmt das Agieren der Figur. Zudem verfügt sie über feste narrative Attribute, welche eine Geschlossenheit, beziehungsweise eine Einheitlichkeit des Charakters vermitteln, an denen keine Ambivalenz zu erkennen ist. Die Figur vertritt eine klare Position, welche es ihr nicht erlaubt, entgegengesetzte, polare Funktionen zu erfüllen. Möglich ist nur die Vollendung eines schon in eine bestimmte Richtung angelegten Charakters zu einer harmonischen Ganzheit. Dieses Konzept mit dem Ziel der vollen Identität verfolgt beispielsweise der Entwicklungsroman oder der Bildungsroman der Aufklärung. Hier besteht eine sehr enge Bindung zwischen dem Erzähler und dem bürgerlichen Helden. Alain Robbe-Grillet bringt die Vorraussetzungen für den Protagonisten dieser epischen Gattung folgendermaßen auf den Punkt:

Ein Held muss einen Namen haben [...]. Er muss Verwandte haben sowie Erbanlagen, er muss einen Beruf ausüben. Wenn er Besitz hat umso besser. Schließlich muss er einen Charakter besitzen, ein Gesicht, das diesen wiederspiegelt, eine Vergangenheit, die den einen und das andere geformt hat. Sein Charakter bestimmt sein Handeln und lässt ihn auf eine bestimmte Weise auf jedes Geschehnis reagieren. Sein Charakter ermöglicht dem Leser, ihn zu beurteilen, ihn zu lieben oder zu hassen.[1]

Somit besitzt der Protagonist dieser literarischen Form eine vollständige Biographie, die durch seine Anlagen und seine Wesensart bestimmt ist. Er stellt für den Rezipient dem gemäß eine Folie dar, die entweder absolut positiv oder absolut negativ aufgefasst wird. Das Leben des literarischen Helden ist teleologisch ausgerichtet - es zielt auf die Vollendung und die Perfektion des Charakters hin.

Im Kontrast zur traditionell bürgerlichen vertritt die moderne expressionistische Literatur kein teleologisches Weltbild und geht auch nicht mehr vom Anthropozentrismus aus. Dem Subjekt wird ein Facettenreichtum an Eigenschaften zugesprochen, die sich wiedersprechen können und keine Einheit ergeben müssen. Der Mensch wird im Expressionismus als ambivalente, zerrissene Person dargestellt, deren Charaktereigenschaften eben nicht in der Entwicklung des Subjekts zu einem harmonischen Ganzen verschmelzen, sondern die Klüfte und Abgründe in jedem Einzelnen noch verstärken. Diese Situation kann sich bis zur absoluten Katastrophe intensivieren, da das Individuum darauf angewiesen ist, zu versuchen, diese ambivalenten Züge zu bündeln.

Nietzsche propagiert, dass es keine Einheit von Sprache und Sein mehr gibt, löst hiermit das mimetische Kunstprinzip ab und verneint die teleologische Weltsicht. Aus diesem neuen Denken ergibt sich in der modernen Literatur ein neuer Stil durch die Verwirklichung der Gleich- und Allzeitlichkeit von Tun und Erinnern, die Simultanität und die Verfolgung des Bewusstseinstroms. Anleihen für diese literarische Technik werden zudem bei der Psychoanalyse Freuds genommen, denn bei dieser muss der Analysant, der Patient, durch freies Assoziieren alles das äußern, was sich zum Zeitpunkt der Analysesitzung in seinem Kopf gedanklich vollzieht. Hierdurch entstehen Assoziationsketten, die in der Literaturwissenschaft als Stream of Consciousness, oder auch als Bewusstseinsstrom bezeichnet werden.

Diese Gleichzeitigkeit bildet das Chaos und die Hektik ab, die bezeichnend für das Lebensgefühl der Jahrhundertwende sind. Die Menschen von vor 100 Jahren standen an der Schwelle zu einer völlig neuen Zeit; ihr Leben wandelte sich schlagartig und grundlegend. Durch die Technisierung und Automatisierung der Arbeit waren sie nur noch Rädchen in einer lauten und für den damaligen Menschen undurchschaubaren Maschinerie, die im absoluten Kontrast zu ihrer bis dahin gewohnten Lebens- und Arbeitsweise stand.

Die Menschen zogen in die Großstädte – Berlin ist die Vorzeigestadt des Expressionismus – denn hier gab es Arbeit, gleichzeitig und auch gerade deshalb, brach hier die Hektik und die Unüberschaubarkeit von verschiedenen Konsum- und Lebensmöglichkeiten über sie herein. Konträre Lebensansätze, Ideologien prallten aufeinander, und kreierten einen bunten, für viele jedoch schon schreiend schrillen Lebensraum, in dem es einigen nicht mehr möglich war, beruflich oder persönlich Fuß zu fassen. Die Anonymität und Vereinzelung des Individuums waren Folgen der unüberschaubaren Möglichkeiten, der ebenso unüberblickbaren Größe und Vielfältigkeit der Stadt und dem ständigen Kampf, seinen Arbeitsplatz gegen andere Arbeiter, die auf der Suche nach einem Job in die Großstadt kamen, zu verteidigen.

In der modernen Literatur vollzieht sich eine vollständige Auflösung beziehungsweise Spaltung der Identität der Figur. Dies geschieht unter anderem durch eine Entindividualisierung des Protagonisten, denn das Subjekt wird nicht mehr als ein, durch seine Charaktereigenschaften einheitlich gebauter Mensch dargestellt, sondern als Stückwerk verschiedenster Mosaikteile, die nicht ein in sich stimmiges Bild ergeben, sondern mehrschichtig und in den Einzelteilen ambivalent sind. Auch von der Entwicklungsvorstellung der bürgerlichen Literatur wird sich verabschiedet; das Leben der Figur läuft nicht mehr diachron ab, wie es ja zum Beispiel im Entwicklungsroman der Fall ist, denn diese biographische Stringenz ist in einer Zeit, in der alles auseinander bricht, sich alles ändert, in einer Zeit, in der die bis dahin festen Normen des Lebens klar waren und nun wegbrechen, kam mehr vollziehbar.

Bei der Rezeption traditioneller Literatur hingegen wird von einem teleologischen Geschichtsbild ausgegangen, welches sich dadurch auszeichnet, dass die Geschichte als ein zielgerichtetes und chronologisches Geschehen aufgefasst wird. Die Zielgerichtetheit impliziert gleichzeitig eine immanente Sinnhaftigkeit des Verlaufs. In der modernen Literatur und natürlich im Speziellen im Expressionismus wird die Geschichte als sprunghaft, diskontinuierlich und somit als willkürlich wahrgenommen. Das traditionelle anthropozentrische Weltbild wird für die Erkenntnis, dass der Mensch nicht das Sinnzentrum der Welt darstellt, aufgegeben und gleichzeitig wird der Individualitätsgedanke und die Autonomie des Subjekts über Bord geworfen und durch ein depersonalisiertes Menschenbild ersetzt. Diese Demontage des bis dahin existierenden ganzheitlichen Menschen- und Weltbilds schlägt sich auch in der Gestaltung der in der Literatur gezeichneten Figuren nieder. Die Subjekte werden ambivalent und als unfähig dargestellt, ihre Rollen dem jeweiligen Kontext angepasst ausüben zu können. Zwar wird in der traditionellen Figurengestaltung auch auf die Vielschichtigkeit der Person verwiesen[2], jedoch besitzen die Figuren nicht derart divergierende Gegensätze, dass diese sie schier zu zerreißen drohen. Dieses Spannungsfeld tut sich auch in den Charakteren der expressionistischen Schriftsteller selbst auf, denn auch sie vereinigen in sich traditionelle, man möge schon sagen, beinahe bodenständige Züge in sich (man beachte hier die Herkunft fast aller expressionistischen Künstler aus gutbürgerlichem Hause und auch ihre Ausübung angesehener, meist akademischer Berufe) und gleichzeitig tut sich in ihnen eine derartige Unzufriedenheit mit dem unreflektierten Ausüben traditioneller bürgerlicher Lebensformen durch ihre Elterngeneration auf, dass sie sich stark davon abgrenzen wollen, was sich schließlich in ihren Werken ausdrückt.

Dieses problematische Verhältnis zur Gesellschaft, welche zum großen Teil von der Generation ihrer Eltern dominiert wird, ist einer der Hauptinitiatoren ihrer Literatur. Trotzdem möchte ich davon Abstand halten, eine Folie der privaten Verhältnisse und Biographien der expressionistischen Schriftsteller über ihre Werke zu legen.

Auch die Spannung zwischen bürgerlichem, gutsituiertem Leben, welches noch nicht in der Art von der Hektik des Großstadtlebens angegriffen ist und eben dieses Großstadtleben, in welchem das Individuum regelmäßig um seine Existenz kämpfen muss, verstärkt die Unzufriedenheit der Expressionisten. Sie werfen ihren Eltern vor, sich im Stillstand zu befinden, doch sie, die junge Generation, wollen Aufbruch und Veränderung und fühlen sich deshalb viel mehr zu dem unruhigen Leben in der Großstadt und viel mehr noch, zu den durch sie geschaffenen Randgruppen - als absoluter Gegensatz zu dem Lebensgefühl ihrer Eltern - hingezogen. Auch sich selbst nehmen die Expressionisten als Randfiguren der Gesellschaft war, beinahe schon als Aussatz, obschon sie Berufe ausüben, die ihnen Prestige und Ansehen sichern. Mit dieser starken Ablehnung vom bürgerlichen Habitus der Elterngeneration kann man die Faszination der Expressionisten am Pathologischen und Kranken erklären. Sie versuchen sich, durch die absolute Negativsetzung des angestrebten Gesellschaftsbildes der Vorgängergeneration, selbst zu definieren. Bis zum Einsetzen des Expressionismus galt es als unvorstellbar das Pathologische zum Hauptinhalt der Literatur zu machen, und Werke, in denen dies trotzdem geschah, zum Beispiel in Büchners „Lenz“, wurden deshalb kritisiert, weil sie durch das Aufzeigen des Krankhaften nicht Teil der gesunden Kunst waren und somit nicht den Ansprüchen der klassischen Ästhetik entsprachen.

[...]


[1] Über ein paar veraltete Begriffe. In: Plädoyer für eine neue Literatur. Robbe-Grillet, Alain. Hrsg. K.Neff. 1969. S.96.

[2] hier wird allerdings immer von einem einheitlichen Charakter ausgegangen, der vom Leser entweder als nachahmungswert oder strikt abzulehnen wahrgenommen wird.

Ende der Leseprobe aus 24 Seiten

Details

Titel
Die Spaltung des Ichs und der Wahnsinn in der Literatur des Expressionismus
Untertitel
Am Beispiel der Erzählung „Die Ermordung einer Butterblume“ von Alfred Döblin
Hochschule
Eberhard-Karls-Universität Tübingen  (Deutsches Seminar)
Veranstaltung
Expressionismus
Note
2
Autor
Jahr
2007
Seiten
24
Katalognummer
V175310
ISBN (eBook)
9783640962112
ISBN (Buch)
9783640961832
Dateigröße
568 KB
Sprache
Deutsch
Schlagworte
Prosa des Expressionismus, Döblin, Alfred Döblin, Expressionismus, Ich-Dissoziation, Ermordung einer Butterblume, Psychoanalyse
Arbeit zitieren
Carola Beck (Autor), 2007, Die Spaltung des Ichs und der Wahnsinn in der Literatur des Expressionismus, München, GRIN Verlag, https://www.grin.com/document/175310

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