Vom fiktiven Mordgedanken bis zum weitergedachten Frühstücksei - in diesen packenden Thriller-Kurzgeschichten zeigt Marcus Sammet, wie schmal der Grat zwischen Alltag und Albtraum sein kann. Aus harmlosen Situationen entstehen tödliche Entscheidungen, perfide Pläne und Verstörungen, die oft dort beginnen, wo niemand sie erwartet: beim Frühstücksei, in sozialen Netzwerken oder auf dem Heimweg nach der Arbeit.
Überraschende Wendungen, schwarzer Humor und menschliche Abgründe machen jede Geschichte zu einer eigenen, unberechenbaren Reise in die Dunkelheit. Wer glaubt, das Ende vorauszuahnen, wird eines Besseren belehrt.
Für alle, die kurze, pointierte Thriller mit makabrem Charme und überraschenden Schlusspointen lieben.
Auszüge aus dem Buch
Gleich morgen bring ich sie um
Oder: Was nach dem Frühstücksei geschah.
Jeden Samstag und jeden Sonntag zum Frühstück das gleiche Debakel. Das Frühstücksei ist immer nur zufällig weichgekocht. Dabei isst Alfred sein morgendliches Ei zu gern weich. Also das Eigelb sollte noch weich sein, während das Eiweiß natürlich fest sein soll. Seine Frau Erika weigerte sich beharrlich, einen Eierkocher zu verwenden, der ein stets gleich weich gekochtes Ei garantieren würde.
"So einen neumodischen Firlefanz brauche ich nicht. Eine Hausfrau hat das im Gefühl."
Wenn sie doch wenigstens auf die Uhr schauen würde, dachte Alfred jedes Wochenende aufs Neue. Doch heute, heute war es genug. Er mochte kein zufällig weich gekochtes Ei mehr. Nach der letzten Diskussion um das Ei, das wieder einmal hartgekocht auf dem Frühstückstisch landete, fasste Alfred einen Entschluss:
Gleich morgen bring ich sie um!
Der Rest des Sonntags lief durchaus harmonisch zwischen den Eheleuten Meyer ab. Jeder kümmerte sich um sich um seine Aufgaben im Haushalt. Am Nachmittag gab es den sonntäglichen Höhepunkt, der aus einem ausgiebigen Spaziergang bestand, welcher für gewöhnlich in einem Café endete. In den frühen Abendstunden gab es dann Abendbrot ohne frisch gekochtem Ei und der Rest des Abends wurde vor dem Fernseher verbracht. Der Gedanke, seine Frau umzubringen, war beinahe wieder verflogen. Gegen 21:30 Uhr gingen sie dann gemeinsam zu Bett.
Allerdings war für Alfred nicht an Schlaf zu denken. Ihm kam das Frühstücksei wieder in den Sinn und der daraus resultierende Gedanke, seine Frau wegen dem 'nach Gefühl' gekochtem Ei umzubringen. Doch wie das Ganze angehen? Ihr einfach den Topf, in dem sie die Eier kochte, über den Kopf hauen? Und dann? Sie niederstechen? Die Kellertreppe herunterstoßen? Kellertreppe! Ja, das könnte eine gute Idee sein und würde am ehesten als Unfall durchgehen. Doch wie konnte er das arrangieren? Seine Gedanken drehten sich im Kreis.
Der Montag zog sich aufgrund des unruhigen Schlafes der Nacht ziemlich in die Länge. Glücklicherweise hatte Albert im Büro nicht viel zu tun. Zumindest nichts, was nicht auf den nächsten Tag verschoben werden konnte. Pünktlich machte er Feierabend und schon bald nach dem gemeinsamen Abendessen ging er zu Bett.
Am Dienstag hatte Albert deutlich mehr zu tun als am Vortag. Es galt, das am Vortag Liegengebliebene aufzuarbeiten. Dementsprechend schnell verging die Zeit und einigermaßen erschöpft ging er in den Feierabend. Nur noch ein langer Abendspaziergang nach dem Essen, die Tagesschau und kurz danach ging Albert schlafen.
Auch der Mittwoch verging wie im Flug, längst war der Mordgedanke verdrängt. Donnerstag und Freitag verliefen ohne weitere aufregende Ereignisse.
Dann war es wieder Samstag. Frisch und ausgeschlafen holte Albert beim Bäcker die Brötchen und kehrte gut gelaunt zurück. Am Frühstückstisch fiel sein Blick voller Argwohn und Misstrauen auf das Ei. Dabei fiel im wieder ein, dass er seine Frau bereits am Montag hätte umbringen wollen. Spätestens am Dienstag. Zu seiner Überraschung war das Ei perfekt gekocht und seine gute Laune festigte sich. Wie wunderbar so ein Samstag doch war! Ein an sich ereignisloser Tag ging vorbei und das Sonntagsfrühstück stand bereit.
Schon beim Aufschlagen des obligatorischen Frühstückseis ahnte Albert es: Das Ei war hart. Beinahe gleichzeitig kehrte der Gedanke zurück:
Gleich morgen bring ich sie um!
Allerdings verhinderte die liebgewonnene Routine des Wochenendes, der tägliche Gang ins Büro, der seine eher langweiligen Arbeiten mit sich brachte, den Gedanken seine Frau umzubringen, in die Tat umzusetzen. So zog Woche um Woche ins Jahr. Sonntag um Sonntag mit dem festen Vorsatz, Erika umzubringen.
Nach gut einem halben Jahr festigte sich der Gedanke wieder. Nicht nur, dass er sich festigte, auch die Planung nahm Form an. Wie leicht geschahen Unfälle im Haushalt. Plan A war Erika die Kellertreppe hinunter zu stoßen. Das würde am leichtesten durchführbar sein. Das nächste Mal, wenn sie mit dem Wäschekorb in Händen voraus die Treppe hinunter gehen sollte, würde er ihr einen kräftigen Schubs geben.
Wieder ging Woche um Woche ins Jahr. An keinem Tag sah er seine Frau mit Wäsche in den Keller gehen. Das lag sicher daran, dass sie bereits am Vormittag wusch. Doch ein Plan B war längst in seinem Kopf. Beim nächsten Hausputz, wenn Erika hoch oben auf der Leiter stehen würde, dann konnte er zuschlagen. Dann, wenn sie sich weit aus dem Fenster lehnen würde, um die oberen Fenster zu putzen, die sich nicht öffnen ließen, würde er die Leiter umstoßen.
Jedoch ging wieder Woche um Woche ins Jahr. Bis zu dem Tag, an dem er vom Büro nachhause kam und Erika ihm die nicht Tür öffnete.
Es war seltsam still in der Wohnung. Albert zog seine Jacke aus, hing sie an den Haken der Garderobe, zog seine Schuhe aus und stellte sie auf den Boden unter der Jacke. Er schlüpfte in die Hausschuhe und ging in die Küche. Auch hier war Erika nicht zu sehen. Es war auch kein Topf auf dem Herd, offenbar hatte sie nicht gekocht. Albert rief nach ihr, doch sie antwortete nicht. Albert stellte seine Aktentasche auf den Küchentisch, öffnete sie und holte seine Pausenbrotbox heraus. Dann verschloss er die Tasche wieder und stellte sie auf den Boden. Erst jetzt sah er den Zettel, auf dem eben noch seine Aktentasche stand.
Lieber Albert,
vor vier Wochen war ich beim Arzt, einem Onkologen. Er hat bei mir Krebs festgestellt.
Es folgten weitere Untersuchungen, die leider sehr viele Metastasen zeigten.
Mein geliebter Albert, ich will dir nicht zur Last fallen. Auch will ich keine Chemotherapie über mich ergehen lassen.
Lebe wohl.
Deine Erika
Albert wurde blass, die Knie wurden ihm weich. Zunächst zog er einen Küchenstuhl zu sich und setzte sich hin. Tränen stiegen ihm in die Augen und sie tropften auf den Zettel, den er noch in der Hand hielt. Sekunden später sprang er auf. Er durchsuchte die Wohnung nach ihr. Doch weder im Bad, im Wohnzimmer, dem Kinderzimmer, das immer als Bügel- und Arbeitszimmer genutzt wurde, noch im Schlafzimmer fand er sie.
Der Keller! Rasch ging Albert vom Schlafzimmer zum Keller. Er riss die Tür auf und rief nach ihr. Keine Antwort. Voller Kummer stieg er die Stufen herab. Im Trockenraum sah er sie dann. Sie hing schlaff von der Decke, ein umgestürzter Schemel unter ihr.
[...]
Abgeschossen
Piep, piep, piep. Dieses nervige, konstante Gepiepse drang wie durch eine Wand aus Watte ins Bewusstsein von Mark Haller. Es hörte einfach nicht auf. Unaufhörlich. Nur ab und zu gab es einen etwas längeren Piepser, meist gefolgt von einer kleinen Pause. Mark versuchte, die Augen zu öffnen, doch der Versuch misslang. Es blieb dunkel, so sehr er sich auch anstrengte. Er hob die Hand, um sich übers Gesicht zu fahren, doch die erwartete Berührung blieb aus. Hatte er überhaupt die Hand gehoben? So ganz sicher war er sich nicht. Selbst der Versuch, die Stirn zu runzeln scheiterte. Was war nur los? Bevor er weiter darüber nachdenken konnte, hörte er Stimmen und Schritte.
„Noch liegt er im künstlichen Koma, wir konnten ihn auch noch nicht operieren.“
„Wann wird es soweit sein? Wir müssen ihn unbedingt vernehmen.“
„Schwer zu sagen. Insbesondere die Schwellung im Kopf muss nachlassen, sonst können wir die Kugel zwischen seinen Hirnhälften nicht entfernen. Auch die knapp über seinem Herzen macht uns große Sorgen. Sein Körper fängt an, beide einzukapseln, also mit Gewebe zu überziehen. Von daher müssen wir bald operieren. Doch in seinem momentanen Zustand ist die Wahrscheinlichkeit sehr hoch, das er die OP nicht überlebt.“
„Gut. Informieren Sie mich bitte umgehend, wenn sich etwas an seinem Zustand ändert.“
„Ja, machen wir.“
In Mark schrillten die Alarmglocken. Koma! Er konnte alles hören, was gesagt wurde. Sie mussten doch mitbekommen, dass er fast wach ist. Der Versuch, zu schreien oder nach den Leuten zu rufen, schlug fehl. Nichts geschah. Er blieb regungslos und stumm.
Dann eine fast zärtliche Berührung. Ein weiches Tuch, feucht offenbar, wischte sanft über sein Gesicht. Eine Krankenschwester wusch ihn. Das Gefühl, dass jemand ihn umsorgte, ließ ihn wieder ins Koma versinken.
Piep, piep, piep. Das Geräusch des EKGs drang erneut zu Mark Haller durch. Diesmal war ihm sofort klar, was mit ihm los war. Was auch immer geschehen war, er lebte. Er konnte denken. Das Gespräch der Männer, das er mitgehört hatte, kam ihm wieder in den Sinn. Eine Kugel im Kopf, eine im Brustkorb. Wie konnte er das überleben? Was sagte der Arzt doch? Zwischen den Hirnhälften und knapp über dem Herzen? Wie viel Glück braucht ein Mensch, das zwei Kugeln ihr eigentliches Ziel verfehlen? Doch warum wurde auf ihn geschossen? Haller versuchte, sich zu erinnern. Bilder aus seiner Kindheit tauchten auf. Aus seiner Jugend, der erste Kuss, die erste Schlägerei. Ein Autounfall mit 25. Das Besäufnis zu seinem 30. Geburtstag. Besäufnis, ja, da war doch was. Der Geburtstag eines Freundes. Die Erinnerung kam langsam. Fast so, als würde er sich einen alten Super-8-Film ansehen. Undeutlich, verschwommen, flackernd. Eine lange Theke, laute Musik und seine Freunde. Peter, Herbert, Anton, Manfred und Jürgen. Es gab reichlich Schnäpse, viel Bier und viel zu schnell wurde getrunken. Mark wollte nach Hause und sich ein Taxi rufen lassen. Manfred und Jürgen fingen an, ihn aufzuziehen.
„Fahr doch selbst! Wird schon schiefgehen“, lallten sie ihm entgegen.
Die Tankstelle an der Brauer-Str. schien ideal für einen Überfall. Gernot Blank hatte sie seit Wochen beobachtet. Zunächst tagsüber, dann abends und in der Nacht. Er wusste, wann die Schichtwechsel waren und die abgelösten Kassenkräfte mit den Geldbomben zur nahe gelegenen Bank gingen. Die Geldbomben waren uninteressant für ihn, denn diese waren durch Farbbomben gesichert, die explodierten, wenn die Behältnisse gewaltsam geöffnet wurden. Um an die Kasseneinnahmen zu kommen, musste er unbedingt kurz vor dem Schichtwechsel die Tankstelle überfallen. Heute war es so weit. Kurz vor Mitternacht wollte er zuschlagen. Seit Wochen schon verließ der Abgelöste die Tankstelle mit zwei Geldbomben. Für Gernot war das gleichbedeutend mit besonders viel Geld. Für seinen Plan würde er notfalls über Leichen gehen. Die Spielschulden waren inzwischen immens und die Geldeintreiber saßen ihm im Nacken. Schon vor einer Woche wurden ihm an der linken Hand der Ring- und kleine Finger gebrochen. Als Warnung davor, was sie mit ihm tun würden, wenn er nicht bald seine Schulden zahlen würde. Der Druck war enorm groß. Es ging auf Mitternacht zu. Es wurde Zeit.
Der Taxistand eine Straße weiter war um diese Zeit kaum besetzt. Normalerweise jedenfalls. Heute standen dort gleich vier Taxen. Blank fluchte leise. Das Erste aus der Reihe startete und fuhr weg, die anderen drei rückten auf. Nur noch zwei zu viel! Der Fahrer aus dem jetzt ersten Wagen stieg aus und ging zur Telefonsäule vor, dessen oranges Rundumlicht jetzt durch die Nacht zuckte. Augenblicke später fuhr auch dieser Fahrer davon. Das brachte ihn auf die Idee, selbst bei der Zentrale anzurufen. Unter falschem Namen meldete er sich, bestellte ein Taxi ganz in die Nähe seines Standorts und legte auf. Sekunden später ging das Rundumlicht wieder an und auch das dritte Taxi verschwand in der Nacht. Zielstrebig ging Blank nun zum vierten und letzten Wagen. Er ging zur Beifahrerseite und deutete dem Fahrer, dass er zum Kofferraum kommen solle. Umgehend stieg dieser aus, ging zum Heck seines Wagens und öffnete arglos den Kofferraum. Sah dann etwas verwirrt zu Blank, der nichts bei sich trug. Noch bevor er etwas sagen konnte, spürte er einen harten Schlag gegen seinen Hals. Die Luft blieb ihm weg, er sank röchelnd auf die Knie und musste einen weiteren harten Schlag auf den Kopf einstecken, der ihm das Bewusstsein nahm.
Das ging ja leicht, dachte Blank und hievte den schlaffen Körper des Taxlers in den Kofferraum. Wenige Sekunden später fuhr er mit dem Taxi los zur Tankstelle. Das Taxi stellte er direkt vor der Tür zum Shop ab und ging eilig zur Kasse vor. Aus seiner Jackeninnentasche zog er eine Pistole und richtete sie auf die Kassiererin. Schrie diese an, alles Geld schnell in einen Plastikbeutel zu packen. Die Kassiererin tat wie ihr geheißen. Öffnete beide Kassen, entnahm alles Geld und übergab die gut gefüllte Tüte Gernot Blank. Kaum das dieser im Wagen saß, löste sie den Alarm aus. Was er allerdings nicht wusste, war, dass die Polizei bereits unterwegs war. Denn der Überfall auf den Taxifahrer, um dessen Wagen zu stehlen, wurde über eine Kamera an der Telefonsäule am Taxistand beobachtet. In dem Augenblick, als er auf der Straße war, sah er schon mehrere Blaulichter hinter sich aufleuchten.
In der Kneipe ging es lustig rund. Ein Scherz über die, die betrunken Auto fuhren, jagte den Nächsten. Manfred und Jürgen überschlugen sich fast mit „sinnvollen“ Tipps.
„Wennst dann doch angehalten wirst, dafür musst dir nur drei Wörter merken: Schlange-da, Eishockey und Wirsing.“
Die anderen konnten sich vor Lachen kaum halten, auch Mark selbst nicht. Er kannte die Wörter, die nüchtern eher „Schon lange da?“, „Alles ok?“ So wie „Wiedersehen“ heißen sollten. Dazu hatte er sich das Gesicht eines jungen Polizisten vorgestellt.
Peter klopfte ihm auf die Schulter.
„Wenn der nach deinem Führerschein fragt, dann musst du sagen: Den haben Sie doch, wenn der weg ist, mein lieber Schwan!“
„Genau, und wenn der dann fragt, ob du Drogen oder Alkohol zu dir genommen hast oder bei dir führst, dann sag ihm: Hau ab du Schnorrer!“
Wieder war das Lachen laut und sorgte bei dem einem oder anderen für Schnappatmung.
„Besser noch, wenn die in den Kofferraum sehen wollen, dann sagst denen, du kannst den nicht aufmachen, weil eine Leiche drin liegt.“ Herbert bog sich vor Lachen, während er es aussprach.
Sie lachten alle, bis das Zwerchfell schmerzte. Natürlich würde niemand von ihnen selbst fahren. Vermutlich würden sie nicht mal ihr Auto finden, zumal Marks in der Garage zu Hause stand. Sie kippten noch einige Schnäpse und Biere, bis der Wirt schließen wollte. Er rief noch für alle Taxen. Peter nahm sich ein eigenes. Anton, Manfred und Jürgen wollten sich eins teilen, Herbert und er hatten ebenfalls fast den gleichen Weg. Die ersten zwei Taxen kamen recht schnell und die Kumpels waren auf dem Heimweg.
Mark erinnerte sich, dass ihr Taxi nicht kam. Herbert wankte auf die Straße, als er ein Taxi heranfahren sah. Haller wunderte sich noch etwas über die Geschwindigkeit, schob diese Wahrnehmung dann doch auf seinen Alkoholpegel. Der Taxler musste zwangsläufig halten, wenn er Marks Freund nicht überfahren wollte. Erst im letzten Moment kam der Wagen zum Stehen, Herbert stützte sich auf der Motorhaube ab. Gut gelaunt machten die beiden Männer es sich im Fond des Mercedes gemütlich. Der Fahrer protestierte, doch gegen zwei so betrunkene Männer hatte er keine Chance. Missmutig gab er Gas, fuhr etwas zu rasant um eine Kurve und geriet leicht ins Schleudern. Das konnte der Fahrer allerdings leicht wieder unter Kontrolle bringen, doch hinter ihm durchzuckten Blaulichter die Nacht. Aus dem Streifenwagen hinter dem Taxi kam das eindeutige Signal, rechts ran zu fahren. Zunächst tat der Fahrer auch wie geheißen, doch kaum, dass die Polizisten ausgestiegen waren, gab der Mann Gas. Die Hinterräder drehten durch, das Heck schlingerte ein wenig, was dafür sorgte, das sich Herbert im Fond übergeben musste. Mark selbst musste herzlich lachen, denn er wusste nicht genau, wen der Mann vorne mit „verdammtes Arschloch“ meinte: Herbert oder die Polizei. Jedoch war die Flucht nur von kurzer Dauer. Bereits wenige Straßen weiter war diese durch zwei Streifenwagen blockiert und von hinten näherten sich ebenfalls zwei. Die Falle schnappte zu. Mark hörte sich zu seinem Freund noch sagen, dass ihre Kumpels die Story nie glauben würden.
„Pass auf, gleich wird er nach seinem Führerschein ...“
Herbert brauchte nicht auszureden, beide lachten sich fast die Seele aus dem Leib.
„... oder er verscheucht den Schnorrer ...“, konnte Mark mit etwas Atemnot noch sagen.
Taschenlampen und Scheinwerfer leuchteten ins Fahrzeuginnere.
„Aussteigen, alle! Sofort!“
Die Stimmen der Polizisten klangen gereizt und angespannt. Mark sah, wie alle, die um das Auto herum positioniert waren, ihre Waffen auf sie gerichtet hatten. Ihn selbst machte das etwas nüchterner, allerdings nicht sehr. Beim Aussteigen fiel er der Länge nach hin. Trotz des Schmerzes in seinem rechten Knie konnte er sich vor lachen kaum halten, ließ sich auf die Seite fallen und hielt sich seinen Bauch. Dann versuchte er, sich wieder aufzurichten. Inzwischen öffnete sich die Fahrertür und auch Herbert stieg aus.
„Hey Leute, alles in Ordnung, die Leiche ist im Kofferraum!“, rief Herbert lachend den Polizisten zu.
„Du verdammtes Arschloch!“, schrie Gernot Blank Herbert an. „Ich hätte dich plattfahren sollen!“
Herbert verkannte die brenzlige Situation nach wie vor und lachte weiter.
„Die Hände hoch, alle! Sofort!“, brüllte einer der Polizisten.
Irritiert sah sich Herbert um, die Hände halbherzig auf Schulterhöhe gehoben.
„Was für eine geile Party! Hey Jungs, kommt da gleich noch eine Stripperin?“
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- Marcus Sammet (Autor:in), 2016, Kurz und nicht immer tödlich, München, GRIN Verlag, https://www.grin.com/document/1753627