Administration, politische Institutionen, Militär

Russland unter der tatarischen Herrschaft


Seminararbeit, 2011

24 Seiten, Note: 2,3


Leseprobe

Inhaltverzeichnis

1) Vorwort1

2) Die Kiew Rus- Russland in vortatarischer Zeit
2.1 Der Mongolensturm (1223- 1240)

3)Die Herrschaft der Tataren über die Rus
3.1 Verwaltung und politische Strukturen
3.1.1 Duales Verwaltungssystem
3.1.2 Dezentralisierung zur Erhaltung des status quo
3.1.3 Tatarische Ämter am Moskauer Hof
3.1.4 Grundbesitz
3.1.5 Postsystem, yam
3.1.6 Neuordnung der Moskauer Gesellschaft
3.1.7 pomest’e- System
3.2 Militärapparat- Ausrüstung, Strategien und Taktiken
3.2.1 Kavallerie
3.2.2 Bewaffnung und Ausrüstung
3.2.3 Strategien und Taktiken

4) Schlusswort- Die Folgen der tatarischen Herrschaft über die Rus

5) Literaturverzeichnis

Administration, politische Institution und Militär

Der tatarische Einfluss auf das mittelalterliche Russland

1. Vorwort

Die vorliegende Seminararbeit beschäftigt sich mit der Mongolenherrschaft über Russland, die nach allgemeiner Auffassung der Historiker den Zeitraum 1230 bis 1480 betraf.

Inhalt dieser Arbeit sollen keine allgemeine Ausführungen über Ursache, Ablauf und Folgen der tatarischen Eroberung und Herrschaft über Russland sein; den Schwerpunkt bilden vielmehr die tatarischen Einflüsse auf die russische Kultur und die Entwicklung Moskaus in den Bereichen Administration, politische Institutionen und Militär, d. h. die tatarischen Entlehnungen in diesen Bereichen sollen erörtert werden. Ausgangspunkt bildet hier vor allem das Buch „Muscovy and the Mongols. Cross-Cultural Influences on the Steppe Frontier, 1304-1589“ des Russischamerikaners Donald Ostrowski aus dem Jahr 1998, da dieser wie kein anderer Autor die genannten Bereiche ausführlich in seinem Buch behandelt.

Die Entscheidung für dieses Thema erklärt sich dadurch, dass der Komplex „Tatarenherrschaft über Russland“ bei den westlich-europäischen wie den russischen Historikern umstritten und eine eindeutige Antwort auf die Frage nach den Folgen der Herrschaft der Mongolen nicht möglich ist und auch lange Zeit nicht möglich war.

Seit dem späten 18., frühen 19. Jahrhundert setzte sich die europäische wie russische Geschichtsschreibung mit diesem Aspekt der russischen Vergangenheit auseinander und dabei war das Urteil der Historiker immer vom Geist ihrer Zeit abhängig; Nationalismus auf europäischer wie russischer Seite im 19. und frühen 20. Jahrhundert und die ideologisch aufgeladene Stimmung während des Kalten Krieges machten eine objektive, sachliche Auseinandersetzung mit diesem Themenkomplex nahezu unmöglich.

Erst in der entideologisierten Atmosphäre, welche dem Fall des Eisernen Vorhanges folgte, war man in Russland wie Europa (und den USA) bereit, einen neutraleren und differenzierteren Blick auf die tatarische Vergangenheit Russlands zu werfen.

Zur methodischen Vorgehensweise ist hinzuzufügen, dass die Ausführungen Ostrowskis den Ausgangspunkt meiner Arbeit bilden; dabei versuche ich immer, die Thesen und Argumente anderer Historiker mit einzubeziehen und gegenüber zu stellen, sofern diese miteinander konkurrieren. In den Bereichen Administration, politische Institutionen und Militär in Russland im allgemeinen, in Moskau im besonderen ist dieses Vorgehen jedoch wenig ergiebig, da das Buch Ostrowskis ausführlicher und detailierter dazu berichtet, als andere von mir gesichtete Literatur.

Bevor jedoch der konkrete tatarische Einfluss auf die Länder der Rus, bzw. Moskau dargelegt wird, steht eine kurze historische Einführung über die Geschichte und Gesellschaft der Kiew Rus in vortatarischer Zeit, gefolgt von einer Darstellung des sog. Mongolensturms ab 1237, welcher die Grundlage für die gut zwei Jahrhunderte andauernde Herrschaft der Mongolen über Russland schuf.

Den Abschluss meiner Arbeit bildet ein Fazit, in dem ich die während der Auseinandersetzung mit diesem Thema gewonnenen Kenntnisse nochmals Revue passieren lasse. Auch werde ich das Fazit dazu nutzen, die allgemeinen Folgen der Tatarenherrschaft über Russland darzulegen und dazu die Thesen und Urteile der verschiedenen östlich und westlich geprägten Historiker der letzten zweihundert Jahre gegenüberstellen und miteinander vergleichen, angefangen bei Sergeij Soloviev bis hin zu Donald Ostrowski oder Charles Halperin.

Am Ende findet sich ein Verzeichnis der von mir genutzten Literatur

2. Die Kiew Rus- Russland in vortatarischer Zeit (980- 1240)

Um das Jahr 980 war es dem damaligen Fürsten von Kiew, Wladimir I. (960- 1015) aus dem Herrschergeschlecht der Rurikiden gelungen, die Alleinherrschaft über die Länder der Rus zu erlangen und somit die Weichen für den Aufbau eines Reichsverbandes der späteren Kiew Rus zu stellen. Die Geschichtsschreibung wählte deshalb den Begriff „Kiew Rus“, weil der regierende Fürst, der im Laufe des 11. Jahrhunderts den Titel des Großfürsten annahm, seine Residenz in Kiew behielt.[1] Die zentrale Bedeutung der Stadt als Reichsmittelpunkt wurde zusätzlich noch dadurch unterstrichen, dass Wladimir mithilfe eines Reichsrates herrschte, der immer in Kiew zusammentrat. Diesem Beratungsorgan des Kiewer Fürsten kam dieselbe Bedeutung zu wie den Hoftagen der deutschen-römischen Königen und Kaiser jener Zeit.[2]

Zu einem wichtigen Gerüst des noch immer fragilen und rudimentären Staatsapparates wurde die ostslawische Kirche mit ihrem Kern aus schriftkundigen Klerikern. Auf dieser Grundlage vermochte Wladimirs Sohn und Nachfolger Jaroslaw „der Weise“[3] nicht nur das Kirchenrecht schriftlich zu fixieren, sondern auch die älteste Fassung des slawischen Gewohnheitsrechtes, die Russkaja Prawda (Recht der Rus) aufzuzeichnen, um, durch die Rezeption des byzantinischen Rechts, die Rechtsprechung der fürstlichen Statthalter zu erleichtern[4] und somit die Einheit des Kiewer Reiches zu gewährleisten.[5]

Eine der wichtigsten Grundlagen der fürstlichen Herrschaft bildete die Gefolgschaft, die družina, des jeweiligen Fürsten; je größer diese Gefolgschaft war, desto größer waren Macht und Autorität eines Fürsten.

Diese Gefolgsleute bezogen ihren Lebensunterhalt bis ins 12. Jahrhundert hinein aus der Kriegsbeute, die auf Feldzügen erworben worden war, weshalb solche Feldzüge zur Herrschaftsausübung- und festigung für die Kiewer Fürsten unabdingbar waren.[6] Später erhielten die fürstlichen Gefolgs- und Dienstleute Ländereien, um ihren Unterhalt zu verdienen. Diese Ländereien wurden von Bauern bearbeitet, was diese wiederum immer stärker in die Abhängigkeit trieb,[7] da der Dienstadel im Laufe der Jahrhunderte immer stärker die volle Verfügungsgewalt über die auf seinen Gütern lebenden und arbeitenden Bauern beanspruchte. Auf diese Weise entstand seit dem 15. Jahrhundert in Russland die Leibeigenschaft.[8]

Die Fürsten selbst bestritten ihr Einkommen nicht nur aus der Kriegsbeute, sondern auch aus ihrer Funktionen als Richter; denn die Russkaja Prawda sah als Strafmaßnahme nur Geldbußen vor, und der Fürst erhielt stets einen zumindest ebenso großen Anteil an der Geldbuße wie das Opfer des verübten Verbrechens. Im allgemeinen war das russische Recht bis ins 15. Jahrhundert hinein ein reines Schadensersatzrecht.[9]

Betrachtet man die Gesellschaft der Rus seit dem 11. Jahrhundert, so kann man feststellen, dass sie ab diesem Zeitpunkt in zwei Hauptgruppen zerfiel, eine aktive und passive Gruppe. Zur ersteren gehörten die Fürsten und ihr Gefolge sowie die freie Stadtbevölkerung, zur letzteren die Sklaven und die Landbevölkerung. Einen Großteil der Landbevölkerung machten die „vollständigen“ Sklaven aus und die zeitweilig als Sklaven fungierenden Schuldner, die auf den Gütern der Fürsten und Bojaren arbeiteten.

Den städtischen Händlern und Handwerkern hingegen fiel eine bedeutende politische und militärische Rolle zu.

Sie waren sozusagen die rangniederen Teilhaber der Fürsten und Bojaren, im Erwerb von Macht und Reichtum nicht so erfolgreich wie jene, aber mit ihnen verbündet, vor allem deshalb, weil sie Waffen besaßen.[10]

Wenn in Kriegszeiten die Söldner der d ružina des Fürsten nicht ausreichten, marschierte auch die Stadtmiliz, sie sog. „Tausendschaft“ (tysjača) gegen den Feind. Im späteren 11. Jahrhundert entstand aus der tysjača das veče, eine Volksversammlung in den großen Städten; in Kiew trat sie zum ersten Mal 1068 in Erscheinung. Im 12. Jahrhundert wurde das veče zu einem führenden Machtfaktor, es hatte Einfluss auf die großfürstliche Thronfolge und beteiligte sich an der Gesetzgebung und bei Vertragsabschlüssen mit Ausländern.[11]

Als Jaroslaw 1054 starb, war er der letzte Großfürst, der über das gesamte Reich herrschte. Er hatte nämlich als Erbfolgeregelung das Senioratsprinzip etabliert, welches allen männlichen Angehörigen der Dynastie Teilhabe an der Herrschaft ermöglichte, auch den Seitenlinien. Jedoch galt auch das Prinzip patrimonialen Anciennität, welches dasjenige männliche Glied der Dynastie bevorzugte, welches dem Stammvater in der Erbfolge am nächsten stand, d. h. die älteren Angehörigen hatten bei der Nachfolge Vorrang vor den jüngeren.[12]

Das Seniorat hatte nicht nur ungeheure Machtkämpfe und Fehden zwischen Brüdern sowie zwischen Onkeln und ihren Neffen um die Nachfolge auf dem Großfürstenthron zur Folge, auch zersplitterte das Reich in eine Vielzahl von Fürstentümern, die untereinander um die Vorherrschaft im Reich der Rus kämpften; um 1230 war das Gebiet der Kiew Rus in 18 größere Territorien zerfallen, in die wiederum ein Dutzend weitere Teilfürstentümer eingelagert waren.[13] Erst unter dem Moskauer Großfürsten Wassili II.[14] wird das Senioratsprinzip durch die Primogenitur ersetzt.[15]

[...]


[1] Goehrke: Russland, S. 68.

[2] Donnert: Russland, S. 20.

[3] 1015- 1054, Alleinherrscher seit 1036.

[4] Goehrke, S. 68.

[5] Donnert, S. 21.

[6] Goehrke: Russland, S. 68.

[7] Donnert: Russland, S. 23.

[8] Hans-Joachim Torke: Lexikon der Geschichte Rußlands. Von den Anfängen bis zur Oktoberevolution, S. 224ff; unter Iwan III. (1497) verloren die Bauern bspw. ihr Abzugsrecht; endgültig besteht die Leibeigenschaft in Russland seit 1649 (Torke: Lexikon, S. 224.)

[9] Mirskij: Russland, S. 63 ff.

[10] Mirskij, S. 60ff.

[11] Ebd S. 61.

[12] Goehrke, S. 70.

[13] Ebd. S. 70.

[14] 1415-1462, Großfürst seit 1425.

[15] Donald Ostrowski: Muscovy and the Mongols, S. 48.

Ende der Leseprobe aus 24 Seiten

Details

Titel
Administration, politische Institutionen, Militär
Untertitel
Russland unter der tatarischen Herrschaft
Hochschule
Ruhr-Universität Bochum  (Historisches Institut)
Veranstaltung
Russland in der frühen Neuzeit
Note
2,3
Autor
Jahr
2011
Seiten
24
Katalognummer
V175402
ISBN (eBook)
9783640963188
ISBN (Buch)
9783640963409
Dateigröße
673 KB
Sprache
Deutsch
Schlagworte
russland, frühe neuzeit, tataren, mongolen, tatarische herrschaft in russland
Arbeit zitieren
Alexander Dumitru (Autor), 2011, Administration, politische Institutionen, Militär, München, GRIN Verlag, https://www.grin.com/document/175402

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