Auf den Spuren der Papstlegende Silvester II.


Hausarbeit, 2011
22 Seiten, Note: 1,3

Leseprobe

INHALT

1. Einleitung

2. Die Legende

3. Silvester II. in der Chronik Hermann von Reichenau

4. Silvester II. in der Chronik Martin von Troppau

5. Schlussbemerkung

Anhang

Literaturverzeichnis

Quellenverzeichnis

1. Einleitung

„ Hab nun, ach! Die Philosophei, Medizin und Juristerei und leider auch die Theologie durchaus studiert mit heißer Müh. Da steh ich nun, ich armer Tor, und bin so klug als wie zuvor.“[1]

Mit diesen Worten beginnt wohl das bekannteste Werk der deutschen Literatur „Faust“ des Dichters Johann Wolfgang von Goethe. Er greift dabei auf die Sage der historischen Figur Johann Faust (ca. 1480-1538) zurück. Dieser soll zu seiner Zeit ein angesehener Forscher gewesen sein und sich für die weltlichen Wissenschaften sehr interessiert haben. Er muss jedoch feststellen, dass er in seinem Leben an einem Punkt angelangt ist, von dem aus er sein Wissen ohne übernatürliche Hilfe nicht weiter vertiefen kann. Daher schließt er einen Pakt mit dem Teufel und verspricht ihm seine Seele, wenn ihm dieser im Gegenzug all seine Wünsche erfüllt. Faust wird in einen jungen Mann verwandelt, reist durch die Welt und kann mithilfe des Teufels die junge Margarete für sich gewinnen. Am Ende zahlt er dafür mit seinem eigenen grausamen Tod. Außergewöhnliche Begabungen, Talente oder Karrieren haben seit je her die Menschen fasziniert und sie zu erstaunlichen Erklärungsansätzen führen lassen, die sich in Legenden, Sagen oder Fabeln wiederspiegeln. Besonderen Talenten in der Musik wird zum Beispiel häufig ein Bündnis mit dem Teufel nachgesagt: dem italienischen Komponisten Giuseppe Tartini (1692-1770), dem „Teufelsgeiger“ Nicolo Paganini (1782-1840) oder dem berühmten amerikanischen Blues-Musiker Robert Johnson (1911-1938). Aber auch auf dem Gebiet der Wissenschaft wurde herausragende Gelehrsamkeit mit teuflischer Hilfe verknüpft und verbunden. Noch über die Zeit des Mittelalters hinaus existierte die Legende von Papst Silvester II., der bei den Zeitgenossen für seine wissenschaftliche Tätigkeit einen gewissen Ruhm genoss und später als Teufelspapst bezeichnet worden ist. Seine Legende bildet die Grundlage für die spätere aufkommende Sage über den Gelehrten Faust und dem darauf aufbauenden literarischen Werk Goethes.

Diese Arbeit soll anhand zweier ausgewählter Quellen, der historischen Persönlichkeit Silvesters auf die Spur kommen und die Entwicklung der Legende untersuchen. Für das bessere Verstehen der Thematik, wird anfangs ein kurzer Überblick zur Definition der Legende und der Problematik der Legendenforschung gegeben. Darauf folgt die Bearbeitung der beiden Quellen von Hermann von Reichenau und Martin von Troppau. Die Auswahl der Quellen wurde ganz bewusst für diese Arbeit getroffen. Sie ermöglicht einen guten Vergleich bezüglich der Entwicklung der Legende. Auf der einen Seite ist Hermann von Reichenau ein Vertreter der früheren Chronisten, bei denen über Silvester noch nichts „Ungewöhnliches“ berichtet wird. Bei Martin von Troppau hat sich die Legende schon vollends entfaltet. Er verbindet die bereits existierende Verstümmelungsgeschichte mit der Lage des Grabes Silvesters im Lateran. Die Bearbeitungsweise der Quellen soll wie folgt aussehen. Die jeweils lateinische Vorlage wird übersetzt und die darin getroffenen Aussagen mit der historischen Biografie verglichen. So sollen am Ende der Arbeit gewisse Grundmotive für die Entstehung der Legende verdeutlicht worden sein.

2. Die Legende

Für die Bewertung der historischen Quellen ist es wichtig zu wissen, was die Wissenschaft unter dem Begriff Legende versteht und wie deren Genese sich gestaltet. Dazu wird das Gebiet der Literaturwissenschaft zunächst betrachtet. Das Wort Legende wird von dem mittelalterlichen-lateinischen Ausdruck legenda abgeleitet und bedeutet so viel wie „das zu Lesende/Vorzulesende“. Bezeichnet wurden damit Texte, die im Mittelalter beim Gottesdienst oder während der Klostermahlzeiten vorgetragen und für die liturgische Lesung und geistliche Erbauung vorgesehen waren. Später beschränkte sich die Bedeutung auf die Erzählung von einer heiligen Person.[2] An dieser Stelle wird deutlich, dass mündliche und schriftliche Eigenschaften die literarische Textsorte Legende charakterisieren. Auf der einen Seite muss der Text schriftlich festgehalten worden sein, damit er vorgelesen werden konnte und auf der anderen Seite beinhaltet er Erzählungen, die mündlich überliefert worden sind. Dadurch kann es zu Überschneidungen mit anderen Gattungen kommen. Eine wäre zum Beispiel mit dem des Legendenmärchens. Die Hauptperson ist wie bei der Legende ein Heiliger, der sich durch seine liebenswürdigen, menschlichen Schwächen auszeichnet. Hintergrund bildet dabei immer die Auseinandersetzung zwischen Gut und Böse, Gott und dem Teufel. In dem Märchen der Gebrüder Grimm „ Das Mädchen ohne Hände“ geht es zum Beispiel um ein frommes, gutes und liebenswertes Mädchen, welches in die Falle des Teufels gerät und durch Gottes Gnade errettet wird. Zuvor muss es jedoch viel Leid ertragen, woran es persönlich keine Schuld trägt. Es war ihr Vater, der sich vom Teufel durch Reichtum verführen und seine unschuldige Tochter ins Unglück stürzen ließ. Auch der Legendenschwank trägt diese Motive in sich und ist auf dem spannungsreichen Feld zwischen Komik und Religion aufgebaut. Auch hier wird von Teufeln und Heiligen berichtet, denen kleinere menschliche Schwächen nachgesagt werden.[3] Jede Legende besitzt einen unveränderlichen Erzählkern, der als die materia in der Literaturwissenschaft bezeichnet wird. Dieser invariante Kern konnte jedoch durch die Ausgestaltung der Lebensverhältnisse des Heiligen oder durch Anhäufung von Wundern erweitert werden. Diese Eigenschaften finden sich auch in der Papstlegende wieder. Unter einem Wunder wird ein Ereignis verstanden, welches mit dem menschlichen Verstand und Erfahrungswert sowie mit den Gesetzmäßigkeiten der Natur nicht erklärt werden kann. Im Zusammenhang mit der Legende wird für das religiöse Wunder auch der Begriff des Zeichens verwendet, weil das sogenannte Wunder auf Gott „zeigt“.[4] Viele „Wunder“ des Mittelalters lassen sich mit unserem heutigen Wissen und Erkenntnisse über die Natur erklären und verstehen. Die Legende spielte für die Kirche eine wichtige Rolle. Wie in dem Märchen „Das Mädchen ohne Hände“, erzählt die Legende über den Sieg des Guten durch Gottes Hilfe. Die Legende half im Mittelalter der Kirche, das christliche Weltbild zu konfigurieren.[5] Dieser Punkt muss im Zusammenhang der Betrachtung der Quellen berücksichtigt werden. Alle Chronisten waren Kinder ihrer Zeit und geprägt von dem christlichen Welt- und Menschenbild, welches die Kirche propagierte und zu verteidigen versuchte. Das Interesse der Kirche bestand darin, ihre Machtstellung zu erhalten und zu vergrößern. Daher arbeitete sie mit Legenden Heiliger und Einschüchterungstaktik. Wenn in diesem Zusammenhang von Wahrheit gesprochen wird, ist eher eine „religiöse“ Wahrheit gemeint, wie Ehrismann treffend formuliert: „Legenden erzählen – als fiktionale Texte auf historischer Basis – nicht die „historische“, sondern die „religiöse“ Wahrheit, mit deren Hilfe sie das göttliche Heilswirken in der Geschichte der Menschheit nachweisen.“[6] Die Legendenforschung befasst sich mit einem Problem, welches in der Geschichtswissenschaft nicht unbekannt ist. Es dreht sich alles um die Frage nach der Historizität der Inhalte und der Wirklichkeit des Berichteten. Die mündliche Überlieferung, das ständige Wiederaufnehmen und Weitererzählen einer Legende verdünnte die historische Basis. Der vorhin erwähnte invariante Kern einer Legende verblasst und wird überschwemmt von immer neuen Ausschmückungen, Wundern und Ereignissen. Auch im Fall der Papstlegende wird das zum großen Problem, wie Habiger-Tuczay festhält: „Die historische Persönlichkeit ist schwer faßbar, da selbst die geschichtlichen Quellen vom Gewirr der Legenden und Sagen dermaßen durchdrungen sind, daß der historische Gerbert fast ganz in den Hintergrund tritt.“[7] Es stellt sich immer für den Historiker beim Bearbeiten der Legende und den damit verbundenen Quellen die Frage, was Wahrheit und was Dichtung ist. Die Historizität ringt mit der bunten und ausgeschmückten Phantasie der Verfasser der jeweiligen Legende. Die Quellenforschung ist daher unerlässlich. Ihre Aufgabe würde darin bestehen, aus kleinen Splittern das Mosaik bestimmter Themen zusammenzusetzten und deren Funktion bestimmen zu können.[8] Für den Historiker bleibt es eine spannende und manchmal auch anstrengende Aufgabe, den historischen Kern aus einer Legende zu filtern und sichtbar zu machen. Selbst der vorhin erwähnte Begriff der „historischen“ Wahrheit erscheint problematisch, da es eine Objektivität in der Geschichte nie geben kann. Das Erfassen der historischen Persönlichkeit Silvester II. ist schon im Anfang seiner Biografie äußerst schwierig. Sein genaues Geburtsdatum ist nicht bekannt, dafür aber das Sterbedatum. Dies hängt damit zusammen, dass er erst durch seine berufliche Laufbahn für die Geschichtsschreiber interessant wird und an Bedeutung gewinnt. Es ist nichts Genaues in den Quellen über seine Kindheit überliefert worden. Auch Hermann von Reichenau konzentriert eher auf die politische Karriere.

[...]


[1] Goethe, Johann Wolfgang: Faust. Berlin und Weimar 1990, S.7.

[2] Vgl. Ehrismann, Otfrid: Fabeln, Mären, Schwänke und Legenden im Mittelalter. Eine Einführung. Darmstadt 2011, S.98.

[3] Vgl. Ehrismann: Fabeln, Mären, Schwänke und Legenden, S.99.

[4] Vgl. Ehrismann: Fabeln, Mären Schwänke und Legenden, S.101.

[5] Vgl. ebd..

[6] Ehrismann: Fabeln, Mären Schwänke und Legenden, S.104.

[7] Habiger-Tuczay, Christa: Magie und Magier im Mittelalter. München 1992, S.74.

[8] Vgl. Karlinger, Felix: Legendenforschung: Aufgaben und Ergebnisse. Darmstadt 1986, S.16.

Ende der Leseprobe aus 22 Seiten

Details

Titel
Auf den Spuren der Papstlegende Silvester II.
Hochschule
Friedrich-Schiller-Universität Jena  (Historishes Institut)
Note
1,3
Autor
Jahr
2011
Seiten
22
Katalognummer
V175477
ISBN (eBook)
9783640964468
ISBN (Buch)
9783640964222
Dateigröße
991 KB
Sprache
Deutsch
Schlagworte
spuren, papstlegende, silvester
Arbeit zitieren
Christin Schulze (Autor), 2011, Auf den Spuren der Papstlegende Silvester II., München, GRIN Verlag, https://www.grin.com/document/175477

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